Motettenansprache
- 13.09.2025
- Pfarrer i.R. Christian Wolff
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Mit einem wiederholten, ausdrucksstark gesungenen „Warum“ beginnt die Motette von Johannes Brahms „Warum ist das Licht gegeben dem Mühseligen“. Die Warum-Frage stellt sich auch das jüdische Mädchen Anne Frank im Mai 1944. In ihrem berühmten Tagebuch, das sie als 13-jährige in ihrem Versteck begann zu schreiben, notiert sie:
Warum, wofür ist überhaupt Krieg? Warum können die Menschen nicht in Frieden leben? Warum alle die Verwüstungen … Warum werden täglich Millionen für den Krieg verwendet, aber für die Heilkunde, die Künstler und auch für die Armen ist kein Pfennig verfügbar? Warum müssen Menschen hungern, wenn in anderen Weltteilen Nahrungsmittel umkommen? Warum sind die Menschen so töricht? 3. Mai 1944
Ja, warum das alles – wo es uns Menschen doch eigentlich um das gehen müsste, was jede und jeder für sich selbst erwartet und was im ersten Teil dieser Motette thematisiert wird: Liebe - geliebt, angenommen, geachtet werden. Liebe zu Gott, zum Nächsten und zu sich selbst. Warum ist das so schwer? Anne Frank versucht im gleichen Tagebucheintrag einen Ausweg aus ihren Warum-Fragen zu finden:
Ich habe viel mitbekommen, eine glückliche Natur, Frohsinn und Kraft. Jeden Tag fühle ich, dass ich innerlich wachse, fühle die nahende Befreiung, dass die Natur so schön ist und die Menschen in meiner Umgebung so gut. Warum soll ich dann verzweifeln? 3. Mai 1944
Wir hören nachher den 13. Teil aus dem Anne-Frank-Oratorium „Annelies“ von James Whitbourn. In diesem Teil wird mit einem Vers aus dem 19. Psalm ein eklatanter Widerspruch aufgedeckt, dem sich auch Anne Frank ausgesetzt sah:
Ohne Sprache und ohne Worte;
unhörbar ist ihre Stimme.
Psalm 19,4
Mit dem Holocaust sollte die hoffnungsvolle Stimme des Glaubens, die Stimme der Jüdinnen und Juden, die Stimme Gottes ausgelöscht werden. Doch das ist selbst den Nazis nicht gelungen. Es ist wie in der biblischen Geschichte vom Mord Kains an seinem Bruder Abel: Sein Blut schreit von der Erde. (1. Mose 4,10) Auch heute noch schreien die Stimmen der Ermordeten und klagen an, obwohl ihr Blut wie Wasser vergossen wurde, wie es in der Komposition von Whitbourn heißt. Darum konnte auch ein Adolf Hitler, können all die neuen, sich selbst zur Gottheit erhebenden Autokraten die „jüdisch-humanistische Botschaft … von der Friedfertigkeit, von der Erhaltung des schwachen und gekränkten Lebens, von der Notwendigkeit der Diskussion und des Kompromisses“ (Carl Amery) nicht beseitigen.
Das ist auch einem Menschen wie Anne Frank zu verdanken. Als junges Mädchen hielt sie sich von 1942 bis August 1944 mit ihren Eltern und ein paar weiteren Jüdinnen und Juden in Amsterdam im Hinterhaus eines Firmengebäudes vor den Nazis versteckt. Nachdem diese das Versteck durch Verrat Anfang August 1944 entdeckten, wurden alle Untergetauchten von der Gestapo verhaftet und ins KZ Bergen-Belsen und nach Auschwitz deportiert. Anne Frank starb in Bergen-Belsen Ende Februar/Anfang März 1945 an den Folgen ihres unvorstellbaren Martyriums.
Das Tagebuch, das Anne Frank seit 1942 in ein Poesiealbum schrieb, ist ein ergreifendes Zeugnis der Sehnsüchte, Ängste und Hoffnungen einer Jugendlichen, die leben, lieben will und geliebt werden möchte. Gleichzeitig wird mit diesem Tagebuch uns allen ein Spiegel vorgehalten: Wie sinnlos, menschenverachtend, grausam und gegen alle Gebote Gottes gerichtet Rassismus, Nationalismus, Terror, Gewaltherrschaft, Diktatur, religiöse Überheblichkeit und fundamentalistische Absolutheitsansprüche sind, und wie unvorstellbar feige und niederträchtig das Wegsehen, Hinnehmen und Zulassen eines Menschheitsverbrechens wie den Holocaust ist. Jede und jeder, der das Tagebuch liest, fragt sich: „Warum?“ Warum können Menschen anderen Menschen so etwas antun?
Auch Anne Frank stellt sich diese Frage im Blick auf Gott. Im Tagebuch notiert sie:
Wer hat uns das auferlegt? Wer hat uns Juden zu einer Ausnahme unter allen Völkern gemacht? Wer hat uns bis jetzt so leiden lassen? 11. April 1944
Doch im Gegensatz zu manch anderem Menschen jüdischen Glaubens, der dem Nazi-Terror ausgesetzt war, gibt sie ihren Glauben nicht auf. 1943 notiert sie in ihrem Tagebuch:
Ich wurde Backfisch, wurde körperlich erwachsen, und mein Geist erfuhr eine große, sehr große Veränderung, ich lernte Gott kennen! …
Ohne Gott wäre ich längst zusammengebrochen. Ich weiß, dass ich nicht in Sicherheit bin, ich habe Angst vor Zellen und Konzentrationslagern, aber ich spüre, dass ich mutiger geworden bin und Gott mich in seinen Armen hält!
Anne Frank gehörte zu den Jüdinnen und Juden, die den Nazis nicht den letzten Triumpf gönnen wollten: dass auch sie der Vernichtung der Botschaft von der Liebe, von der Barmherzigkeit, von der Gnade dadurch folgt, dass sie ihren Glauben verwirft. Am 11. April 1944 notiert sie hoffnungsvoll:
Seid mutig! Wir wollen uns unserer Aufgabe bewusst bleiben und nicht murren, es wird einen Ausweg geben. Gott hat unser Volk nie im Stich gelassen!
Und dann schleudert sie schreibend denen entgegen, die sie und alle Jüdinnen und Juden mundtot, „unhörbar“ machen wollen:
Die Schwachen fallen, aber die Starken werden bleiben und nicht untergehen!
Insofern ist es angemessen, dass wir heute nach der Brahms-Motette und dem 13. Teil aus dem Anne-Frank-Oratorium den Lobgesang der Maria in der Vertonung von Heinrich Schütz hören – Maria, eine junge, starke Frau, die voller Hoffnung auf die umwälzende Kraft des Glaubens an Gott und gegen alle Erfahrung von Vergeblichkeit, das Vertrauen auf seine Barmherzigkeit nicht aufgibt. Dieses Vertrauen möge uns hellwach machen für die Botschaft der Anne Frank und ihres Glaubens, mit der der Brief vom 11. April 1944 endet:
Und nun weiß ich, dass vor allem Mut und Frohsinn das Wichtigste sind!
Hoffentlich geht uns dieses Wissen nicht verloren. Amen.
Gebet
Gott, unser Vater,
wir bitten dich um Frieden:
Frieden zwischen den Religionen,
zwischen Menschen unterschiedlicher Nationalität,
zwischen Einheimischen und Geflüchteten.
Wir bitten dich um Frieden
in der Ukraine und in Israel-Palästina.
Schlage den Kriegstreibern
die Waffen aus der Hand.
Stürze die Gewalttäter von ihren Thronen
und erhebe die Dürftigen,
die Drangsalierten,
die Opfer von Hass und Gewalt aus dem Staub.
Lass uns mutig und mit Freude
deiner Sache dienen:
der Liebe, der Barmherzigkeit,
der Ehrfurcht vor dem Leben.
So beten wir mit Jesu Worten:
Vater unser …
Christian Wolff, Pfarrer i.R.