Motettenansprache

  • 05.06.2026
  • Pfarrer Dr. Janning Hoenen

PDF Zur Motettenansprache HIER

Die Nachtstunden sind eine ganz besondere Zeit. Die Grenzen zwischen Vorstellung und Wirklichkeit, zwischen Traum und wirklichem Erleben sind verwaschen. Wenn ich schon nicht mehr richtig wach bin, aber auch noch nicht in Tiefschlaf gefallen bin, dann entspinnt sich in meinem Gehirn ein bunter Reigen an Gedankenfetzen, an skurrilen Bildern, die sich aus den Erlebnissen des vergangenen Tages speisen, zusammenbrauen aus meinen nicht zu Ende gedachten Ideen und jenen irrationalen Ängsten, die ich tagsüber von mir schiebe. Jäh erwache ich und muss mich erst orientieren, wo ich bin, was wahr und wirklich ist und was der nächtlichen Phantasie entsprungen war, was ich wieder loslassen kann in die Tiefe der Nacht.

Seit jeher wurde der Schlaf ist mit dem Tod verglichen. Komm, o Tod, des Schlafes Bruder, heißt es in einem Lied Johann Francks, das auch von Johann Sebastian Bach in einer bekannten Kantate aufgenommen wurde. In der griechischen Mythologie ist Hypnos der Gott des Schlafes und Thanatos, der Tod, sein leiblicher Zwillingsbruder. Beide sind sanfte Jünglinge, die den Menschen Erleichterung oder das Ende bringen. Der Schlaf ist eine Erfahrung der Annäherung an das, wie wir uns den Tod vorstellen. Fremdbestimmt. Dunkel. Von Fratzen und Gedankenblitzen geprägt. Still und ruhig. Geheimnisvoll. Nicht zu kontrollieren.

Auch Sir Thomas Browne hat im 17. Jahrhundert über das Verhältnis vom Schlaf zum Tod nachgedacht. Im Evening Hymn, dem Chorstück, das wir zum Ende dieser Motette hören, bittet er Gott darum, sich des nachts nicht zu entfernen, sondern Wache zu halten. Im Schlaf, so meint der Dichter, solle Gott mir eine Vorahnung schenken, was es heißt, zu sterben. Thomas Browne meint dies zuversichtlich, hoffnungsvoll: Im Schlaf, so meint er, sei ich ja geborgen, fest gehalten von Gott und seinem Schutz. Und so könne ich getrost dem eignen Tod entgegensehen – um in Seiner Herrlichkeit für immer zu erwachen.

Oder wie Johann Franck es in der vorhin gehörten Motette, Jesu, meine Freude, formuliert hat:

Elend, Not, Kreuz, Schmach und Tod

soll mich, ob ich viel muss leiden,

nicht von Jesu scheiden.

Mit Sir Thomas Brownes Gedicht und dessen Vertonung durch William Henry Harris werden wir von der Leipziger Thomaskirche und Johann Sebastian Bach fort in die Sphäre des angelsächsischen Chorgesangs getragen, wie er in den Kathedralen und Chapels auf den britischen Inseln, allen voran in Oxford, Cambridge und Windsor Castle gepflegt wird.

Schon gleich geschieht dies mit dem Magnificat aus dem King`s College Service von Joanna Forbes L’Estrange. Die 1971 geborene Sängerin und Komponistin hat das Magnificat und das Nunc Dimittis vertont. In diesem typischen englischen Sound gestaltet sie einen wirklichen menschlichen Traum von einer besseren Welt. I have a dream, hätte Martin Luther King dies genannt – das Lied der Maria von einer Umwälzung der Verhältnisse, wie sie nicht radikaler denkbar ist: Gott stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Er beschenkt die Hungernden mit Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen. Es ist die Revolution, die Degradierung aller, die mit Macht und Gewalt herrschen, und die Befreiung und Ermächtigung all derer, die jetzt ganz unten sind.

Auch das ist ein Traum, den wir doch immer wieder träumen. Nicht nur des Nachts, sondern auch am Tag, wenn wir die Nachrichten hören und uns fragen, wie es sein kann, dass die Reichen auch heute immer reicher werden und der Hunger der Welt mit einem Fingerschnipsen aufgehoben werden könnte – wenn sie nur wollen würden. Dass Lebensstandard, Gesundheitsversorgung, Gerechtigkeit möglich wäre, wenn die Mächtigen sich nicht klammern würden an ihren Luxus, ihre Selbstliebe, ihre Gier.

Maria, die einfache Frau aus dem Heiligen Land, die Mutter Jesu, singt dieses Lied, sie preist Gott, weil sie als Mutter Jesu auserwählt ist, obwohl sie von sich meint, nichts vorweisen zu können. Wenn ihr dies so geschehen kann, dann, so singt sie, ist alles möglich: Der Traum kann wahr werden, dass ein einfacher Zimmermann aus Galiläa der Erlöser für die Menschheit wird, dass er die Verhältnisse auf dieser Erde wirklich ändert, dass Friede und Gerechtigkeit wahr und wirklich werden.

Es ist ein Traum. Er wird des Nachts geträumt und auch am Tag.

Und sie, die Träumer, sie singen davon, hier in der Thomaskirche, dort in der Lukaskirche in München, in Oxford, Cambridge, Windsor Castle und an allen Orten dieser Erde.

Amen.

Gebet

Gott, Du bestimmst über Tag und Nacht, über Leben und Tod.

Sei Du bei uns in den Stunden der Nacht, wenn uns die Sorgen drücken und das Licht so fern scheint.

Sei Du bei uns, wenn wir sterben. Hilf, dass wir nicht alleine sind – und wenn es nur Du bist, der uns leitet und hält.

Wir bitten Dich: Bewahre uns unsere Tagträume: Die Träume von einer besseren Welt, von Frieden und Gerechtigkeit, von einem Ende der Tränen und der Schmerzen.

Hilf, dass wir nicht nur träumen – sondern das Unsrige tun, damit diese Träume Wirklichkeit werden. Gib uns Mut, Beständigkeit, Vertrauen darauf, dass wir etwas ändern können, und das Zutrauen in Deine Macht über Leben und Tod.

Gib uns Frieden für diesen Tag. Umfange uns mit Deiner Liebe.

Durch Jesus Christus, Deinen Sohn, unseren Bruder.

Amen.