Motettenansprache

  • 20.03.2026
  • Pfarrer Dr. Janning Hoenen

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Liebe Motettengemeinde,

bevor sich der Leipziger Oberbürgermeister vorgestern bei der Eröffnung der Leipziger Buchmesse den Kulturstaatsminister Wolfram Weimer vornahm, rief er dem erwartungsvollen Publikum eine Mahnung des Schriftstellers und Philosophen Manès Sperber in Erinnerung: Gegen Resignation, Totalitarismus und Verzweiflung – allesamt Phänomene, die in diesen Zeiten an allen Ecken lauern und uns die Luft zum Atmen nehmen – helfe vor allem eins: die kategorische Ablehnung der Mutlosigkeit. Der österreichisch-französiche Schriftsteller jüdischer Herkunft Sperber forderte trotz eigener traumatischer Erfahrungen, sich der Hoffnung zu verpflichten und aktiv Verantwortung zu übernehmen, anstatt zu verzagen, sich mit Dingen abzufinden oder einfach aufzugeben.

Aber wie schaffe ich das, meiner eigenen Mutlosigkeit zu widersprechen, sie in die Schranken zu verweisen, und stattdessen auf Hoffnung zu setzen, auf verantwortungsvolles Handeln für die Zukunft? Es ist schwer durchzuhalten, wenn man die Zeitung liest, die Wahlumfragen hört, die live-Bilder aus den Kriegsgebieten sieht, den Klimabericht zur Kenntnis nimmt, die Diagnose der Ärztin hört, mein eigenes Versagen spürt. Es ist schwer zu ertragen, wenn dich die Kinder fragen: Was soll das noch werden? Fürchtet Ihr Euch nicht? Ist es nicht zu spät für eine Zukunft?

Die christlich-jüdische Tradition hat seit jeher den Mut, die Hoffnung, den Glauben zu stärken versucht. Dabei hat sie hat die Erfahrungen der Vergangenheit und die Probleme der Gegenwart nicht geleugnet, sondern genau benannt und offen angeprangert, und anschließend gedeutet auf die Zukunft hin. Immer fragt sie: Was muss geschehen, damit sich Dinge ändern? Welche Prinzipien sollten für das Miteinander gelten? Wie kann Liebe und Versöhnung und Friede werden? 

Dahinter steht ein unbeirrbarer Glaube an den wirkmächtigen, guten Gott, der erfüllt, was versprochen ist, der überwindet, was uns Grenzen setzt, und der vollendet, was begonnen wurde.

Johann Sebastian Bach hat versucht, mit seiner Musik, in Wort und Klang und Harmonie, Glaube und Hoffnung zu stärken. Auch bei ihm wird das Arge und Böse der Welt nicht verschwiegen. Der Choral „Jesu meine Freude“, der bei sorgfältigem Hinhören eben als Cantus firmus in der Fantasia zu entdecken war, singt vom Vertrauen zu Jesus Christus, trotz der Widrigkeiten des Lebens, trotz Welt und Elend und Not, trotz Krieg und Krise. Wir hören die Hoffnung auf Gottes Macht und sein aufopferndes Eintreten für uns Menschen, seine mit Fehlern behafteten und von ihm doch immer geliebten Geschöpfe. Die Orgel hüllt diese Hoffnung hinein in den Strom des Lebens, der dahinzieht, mal auf verschlungenem Weg, mal eindeutig geradeaus, aber immer voran.

Der anglikanische Priester und Dichter John Macleod Campbell Crum hat versucht, den Grund für unsere Hoffnung eindrücklich und überzeugend zu beschreiben, indem er das biblische Bild vom Weizenkorn aufgreift. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht, so heißt es bei Johannes im 12. Kapitel.

Das Weizenkorn, wenn es in die dunkle, feuchte und unwirtliche Erde gesät ist, scheint zu sterben. Tod und Verlust, Aussichtslosigkeit und Verzweiflung sind augenfällig. So geschieht es mit Jesus, der am Kreuz stirbt, so geschieht es mit uns, wenn unser Leben endet. Aber das Weizenkorn, der Samen, treibt aus, der Keim drängt aus den Tiefen des Ackers nach oben, grünt und treibt Frucht. So ist dies jedes Jahr erneut und frisch im Frühling, auf den wir lange gewartet haben und der in diesen Tage augenfällig an allen Ecken der Stadt aufsprießt. Und so geschieht es mit Jesus: An Ostern ersteht er auf von den Toten, das Leben ist stärker als der Tod. Die Liebe siegt gegen Gewalt und Verzweiflung.

Der Pfarrer und praktische Theologe Jürgen Henkys hat dieses Lied eindrücklich ins Deutsche übersetzt, es ist zu Recht eines der populärsten Passionslieder des 20. Jahrhunderts. Liebe wächst wie Weizen und der Halm ist grün.

Das Lied ist ein Mut-Lied, ein Lied, das uns in die Zukunft zieht und drängt, heraus aus Krise und Resignation, hinein in das Leben, in dem Liebe und Glaube und Hoffnung eine Chance haben. Es ist ein Lied gegen die Mutlosigkeit.