Motettenansprache

  • 27.09.2025
  • Superintendent Sebastian Feydt

PDF zur Motettenansprache HIER 

Liebe Gäste der Thomaskirche,

liebe Gemeinde, da hat die Bibel gut reden! Sorgt euch nicht!

Wer kann das? - Niemand.

Wir sorgen uns.

Angesichts der Berge wachsender sozialer, gesellschaftspolitischer und wirtschaftlicher Probleme in unserem Land und in der Welt nehmen die Sorgen der Menschen zu und nicht ab.

Und die Sorgen betreffen exakt die Lebensbereiche, die im Evangelium auch angesprochen waren:

die Kleidung,

die Nahrung,

die Wohnung,

die Unversehrtheit an Leib und Seele,

die Gesundheit.

Dieser Tage sprach mich eine Frau an der Kirchentür an und sagte: Mir macht es große Sorgen mit anzusehen, dass immer mehr Menschen ohne festen Wohnsitz auf der Straße leben.

Und eine andere ergänzt: Ich weiß nicht, wie lange ich mir meine Wohnung noch leisten kann. Und dann kommt ein Studierender und sagt: Ich finde erst gar keinen bezahlbaren Wohnraum.

Die Schlangen an den sogenannten „Tafeln“ werden immer länger und zur Verfügung gestellten Lebensmittel reichen nicht - und gleichzeitig hören wir heute: 11 Millionen Tonnen Lebensmittel werden jedes Jahr in Deutschland in den Müll geworfen.

60 % davon in privaten Haushalten.

Das alles sind handfeste Sorgen und Ängste, die nicht spurlos an uns vorbeigehen.

Wir alle sehen und spüren die Folgen sozialer Spannungen in politischen Auseinandersetzungen und Aggression.

Der Staat wird nicht als handlungsfähig erlebt. Die Sozialsysteme in einer Schieflage.

Und wir alle müssen damit umgehen.

Müssen einen Weg finden, darüber nicht krank oder verrückt zu werden.

Was also tun? Schimpfen, klagen, demonstrieren? Protest wählen wollen? 

So reagieren Menschen. Wir erleben es.

Vielleicht gehören wir selbst dazu.

Es geht auch anders.

Sie alle sitzen heute nicht ohne Grund hier in der Thomaskirche. Mitten aus dem Trubel der samstäglichen Innenstadt sind Sie hier in diesen sakralen Raum gekommen, doch auch, weil sich hier eine ganz andere Welt eröffnet.

Hier erleben wir eine andere Ansprache.

Ich werde mitten in meinen Sorgen und in meinem mich um mich und mein Leben besorgt sein angesprochen.

Wo geschieht es eigentlich sonst noch?

Wo hören wir sonst: Verharre nicht darin, dass sich das Gefühl der Unsicherheit und die Ängstlichkeit so auf Dein Herz und in Deinen Verstand einwirken, dass Du verzagst oder unleidig, ungehalten wirst. Aufgibst.

Das heutige Evangelium und vor allem dann die Kantate von Johann Sebastian Bach:

Warum betrübst du dich, mein Herz bringen uns auf eine andere Spur.

Vertraue auf Gott und auf die Gaben, die Gott gibt. Vertraue auf Gott und damit auf die Begabungen, die Gott in uns angelegt hat:

Nicht in der Sorge um mich oder die Stadt, das Land, die Welt zu verzweifeln, sondern zu einem Sorgen für mich und Andere, die Stadt und die Gemeinschaft zu kommen.

Aus der Sorge in die Fürsorge, in die Vorsorge finden.

Das gelingt. Ich kann dem Neid begegnen.

Diesem Gefühl, dass, wenn jemand anderes etwas bekommt, dass ich dann weniger habe. Das ist eine verhängnisvolle Haltung.

Und sie äußert sich nicht nur im Sozialneid.

Auch unter uns reden wir selten noch von win-win–Situationen, die wir anstreben.

Heute soll es schnell ein Deal sein. Eine Vereinbarung – zu Lasten Dritter – zu Lasten Schwächerer.

Wenn andere gewinnen, kann ich nur verlieren. Ich muss auf die Gewinnerseite.

Wie schnell droht sich in kurzer Zeit ein Grund-Konsens in unserm Land zu ändern:

Wir haben dem etwas entgegenzusetzen.

Eine biblische Weisheit, die alle verstehen:

Wenn alle teilen, haben alle etwas davon.

Wenn alle etwas Lebenszeit teilen, hat die Gemeinschaft viel davon.

Wie ist meine Haltung, wenn über einen freiwilligen oder verpflichtenden sozialen Dienst von jungen Menschen und auch Älteren nachgedacht wird? Gar als Alternative zu einem freiwilligen oder verpflichtenden Wehrdienst? Wie stehen wir zu solchem Dienst für das Gemeinwohl.

Belächeln wir das, zeigen uns uninteressiert?

Oder unterstützen wir hier?

Motivieren zu einem Dienst, die Jungen und die Älteren!

Liebe Gemeinde,

sollten Sie immer noch meinen, die Bibel hat gut reden – würde ich sagen:

Ja, sie redet gut und klug und verständig – und zu beherzigen, was mir hier heute gesagt ist, tut gut: mir und mit mir anderen, uns allen.

Wir können uns anschließen und gut reden – von dem, wofür wir sorgen wollen unter uns und für wen wir sorgen.

Wie sich dabei aus meinem Vertrauen in Gott Kraft schöpfen lässt, hat Johann Sebastian Bach in seiner Kantate ins Gespräch gebracht.

Mich, Sie, uns eingeschlossen.

 

So bitte ich Gott:

Guter Gott,

in aller Sorge um unser Leben,

vertrauen wir uns dir an:

öffne uns Herz und Verstand

zu hören und zu beherzigen,

wie Du, Gott, uns fähig machst,

dir zu vertrauen, dir zu glauben

und daraus zu leben.

Vater unser im Himmel...

Gott segne unser Hören und Verstehen.

Gott öffne uns das Herz und den Verstand.

Gott gebe uns seinen Frieden.

Amen.