Motettenansprache

  • 19.06.2026
  • Pfarrerin i.R. Britta Taddiken

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Yehezel Braun, Shir ha shirim III

Des Nachts auf meinem Lager suchte ich, den meine Seele liebt. Ich suchte, aber ich fand ihn nicht. Ich will aufstehen und in der Stadt umhergehen auf den Gassen und Straßen und suchen, den meine Seele liebt. Ich suchte, aber ich fand ihn nicht. 

Es fanden mich die Wächter, die in der Stadt umhergehen: »Habt ihr nicht gesehen, den meine Seele liebt?« Als ich ein wenig an ihnen vorüber war, da fand ich, den meine Seele liebt. Ich hielt ihn und ließ ihn nicht los, bis ich ihn brachte in meiner Mutter Haus, in die Kammer derer, die mich geboren hat. Ich beschwöre euch, ihr Töchter Jerusalems, bei den Gazellen oder bei den Hinden auf dem Felde, dass ihr die Liebe nicht aufweckt noch stört, bis es ihr selbst gefällt. 

Wer ist die, die heraufsteigt aus der Wüste wie eine Rauchsäule, wie der Duft von Myrrhe, Weihrauch und allerlei Gewürz des Krämers? Siehe, um das Bett Salomos stehen sechzig Starke von den Starken in Israel. Alle halten sie Schwerter und sind geübt im Kampf; ein jeder hat sein Schwert an der Hüfte gegen die Schrecken der Nacht. 

Der König Salomo ließ sich eine Sänfte machen aus Holz vom Libanon. Ihre Säulen machte er aus Silber, die Decke aus Gold, der Sitz purpurn; das Innere geziert mit Edelsteinen. Ihr Töchter Jerusalems, kommt heraus und seht, ihr Töchter Zions, den König Salomo mit der Krone, mit der ihn seine Mutter gekrönt hat am Tage seiner Hochzeit, am Tage der Freude seines Herzens. (Hoheslied 3)

Liebe Motettengemeinde,

„Im Dialog“ – das Motto des Bachfests ist auch dem Komponisten ein Anliegen, dessen Werk „Shir ha shirim III“ wir eben gehört haben. Yehezel Braun wurde in Breslau geboren. Als Kind wanderte er mit seinen Eltern nach Israel aus. Und er war schon früh fasziniert von den traditionellen Gesängen des Nahen Ostens. Seitdem bringt er Jahrtausende alte Melodien ins Gespräch mit modernen Klängen. So auch in diesem Werk aus dem Jahr 1973, in dem er das dritte Kapitel des alttestamentlichen „Liedes der Lieder“ vertont. Bei uns bekannt als „Hohelied Salomos“. Dieses Lied ist selbst ein Dialog. Es ist ein Liebeslied. Nichts anderes. Gott kommt nicht vor. Jedenfalls nicht direkt. Aber wenn man es liest, dann kann man eigentlich nur sagen: Ja, so wie es dasteht – möge es doch bitte so sein mit Gott und mir. Möge er mit mir und ich mit ihm so verbunden sein, so kraftvoll und innig und voller Herzklopfen. Gerade das hier vertonte dritte Kapitel dieses Liedes bringt uns ins Gespräch. Und zwar zunächst ins Gespräch mit uns selbst. Über all das, wonach wir uns schmerzlich sehnen. Und was uns nachts wach liegen lässt. Damals wie heute ist es im Grunde dasselbe. Wenn die Welt sich auch verändert, der Mensch bleibt der Mensch.  

Wenn Sie sich im Programmheft den ersten Block einmal anschauen, dann haben wir hier schon ein großes Lebensthema zu fassen. Jemand sucht den, den seine Seele liebt. Die Seele. Das ist im Hebräischen: Unser tiefstes Inneres. Unsere Lebenskraft. Und das, was uns ausmacht als einzigartiges Geschöpf. Hier können sich alle wiederfinden, die vor Liebeskummer nicht in den Schlaf kommen. Aber auch die, die einen geliebten Menschen verloren haben. Es kann so lange so wehtun. Und man sehnt sich so unendlich nach dem oder der, die einen ganz versteht, wo man einfach sein darf. Und sich fallen lassen kann. Aber ich denke, es ist nicht nur der Liebeskummer hier. Sondern auch der Lebenskummer: Was will ich eigentlich wirklich. Welchen Sinn hat das alles - ist nicht so vieles vergeblich… Wie einsam man da sein kann gerade nachts, wie verwundbar mit seinen Gefühlen – das dürften die meisten von uns kennen. Und da geht es immer auch um die Liebe. Unsere Liebe zeigen zu können. Und geliebt zu werden. Von Menschen. Aber auch: von Gott. Ich höre diese Verse so, dass sie mich ermutigen: Bleibe beharrlich. Alle Tränen, die Du in Dein Kissen weinst, werden wieder trocknen. Sie werden sich verwandeln. Das Leben kann neu werden. Ganz neu. All die Unruhe in mir, sie kann zu etwas führen. Und ich tue gut daran, mir Zeit zu nehmen dafür.

Das ist Thema des zweiten Blocks. Manchmal muss man einfach aufstehen und losgehen. Auch wenn man noch im Dunkeln herumirrt. Aber das ist allemal besser für meine Seele als liegenzubleiben. Und manchmal begegnen einem dabei Menschen. Die kann man fragen. Sie heißen hier „die Wächter“. Kräfte, die auf mich aufpassen. Und erstaunlich, obwohl ich ja suche, sind sie es, die mich finden. Sie sind plötzlich da, wo ich nicht mit ihnen rechne.

Sie helfen mir zu finden, was meine Seele liebt. Die Liebe meines Lebens. Oder das, was ich wirklich will. Oder Gott oder was mir heilig ist. Oder alles zusammen. Auch da erkennen wir uns vielleicht in der Stimme, die hier singt:  Wir würden das gern festhalten. Für immer. Es in Sicherheit bringen zuhause, es soll immer bei mir sein.  Aber genau an dieser Stelle werden wir angesprochen: Vorsicht! All das hat seine eigenen Regeln. Sein eigenes Tempo, wie es wächst, wie es kommt und wie es geht. Ich beschwöre Euch, Ihr Töchter Jerusalems, weckt die Liebe nicht auf oder stört, bis es ihr selbst gefällt. Die Gazellen und Rehe, von denen hier die Rede ist: sie sind stark und schön. Aber sie sind auch scheu und sie lassen sich nicht zähmen. Es liegt in der Natur der Sache, dass sie sich von uns auch wieder verabschieden. Und dass wir loslassen müssen. Nichts ist für immer und das, was unsere Seele, oder der oder die – wir können darüber nicht verfügen. Eine Stimme, die uns auf unseren Wahn anspricht, wir hätten alles in der Hand, könnten über alles verfügen. Aber: Nichts haben wir letztlich unter Kontrolle. So verstehe ich es. Aber – und das ist das Schöne: Der jüdischen wie der christlichen Tradition ist gemein, dass uns das nicht verzweifeln lassen soll. Sondern dass uns von Gott her Neues zukommt, immer wieder. Die Perspektive heißt: Leben nach vorn.

Darum geht es im dritten Block. Eine majestätische Gestalt taucht auf aus der Wüste. Inmitten von Myrrhe und Weihrauch – kommt uns doch bekannt vor. Mit Myrrhe behandelt man Schmerzen und der Weihrauch ist das uralte Symbol dafür: Wir sind mit dem Himmel direkt verbunden. So wie der Rauch, der kerzengerade aufsteigt. Schmerz und Liebe und Gott. Sie gehören zusammen.

Und gerade das ist es, was unser Leben reich und tief macht. So schön und prächtig wie es beim König Salomo zuging am Hof. Und wieder tauchen die Wächter auf, die uns beschützen gegen die Schrecken der Nacht. Sechzig im Kampf geübte Starke. Die Sechzig steht in der jüdischen Tradition für Vollständigkeit, Erfüllung, Perfektion, Reife. Die Schrecken der Nacht, sie bleiben mir im Leben nicht erspart, so verstehe ich es. Aber sie sind auch behütet. Und die Kräfte aus der Wüste, sie steigen immer wieder neu auf. Es ist ein Liebeslied an mein Leben mit allem, was es darin gibt. Ein Lied, das ich immer wieder singen soll, eben: das Lied der Lieder. Und ich glaube, dass es Gott ist, der es uns beibringt. Jede Strophe zu ihrer Zeit. Solange ich lebe und darüber hinaus. Amen.

Pfarrerin Britta Taddiken

 

Gebet

Gott, am Ende dieser Woche kommen wir zu Dir mit dem, was in uns ist. Wir bringen vor Dich, was uns nicht schlafen lässt. Woran wir verzagen mögen. Gib Du uns Menschen an die Seite, gute Wächter, Deinen Geist, der uns wieder wach macht und froh und uns aufstehen lässt. Trockne die Tränen Gott. Segne alle, die ihre Kraft dafür aufwenden, den Frieden zu suchen. Dialog, Verständigung auf dieser Welt. Schenke Friede im nahen Osten, in der Ukraine, an allen Orten, wo Menschen nicht wissen, wie es für sie weitergeht. Gib ihnen Kraft.

Und alles was in uns ist an Dank und Bitte legen wir jetzt in die Worte Jesu: Vaterunser…