Motettenansprache

  • 24.10.2026
  • Pfarrer Dr. Janning Hoenen

Liebe Motettengemeinde,

der Chor, der uns diese wundervolle Musik mitgebracht hat, kommt aus Toulouse in Frankreich, genauer gesagt von der Basilika St Sernin de Toulouse. Sernin ist eine Variation des Namens Saturninus. Saturninus war der erste Bischof von Toulouse. Im dritten Jahrhundert wurde er in diese Gegend gesandt, um bei den Westgoten zu missionieren. So berichtete es Gregor von Tours gut 300 Jahre später. Saturninus weigerte sich, zu den alten Göttern des Landes zu beten, deswegen wurde er verhaftet, zum Rathaus von Toulouse gebracht, an den Schwanz eines wütenden Stiers gebunden und zu Tode geschleift. Seine Reliquien werden in der Basilika St Sernin aufbewahrt. Sein Patrozinium ist der 29. November, und man bildet ihn, so wie bei allen Märtyrern, mit dem Symbol der Todesursache ab, in diesem Fall mit dem Stier.

Für uns viele von uns heute ist diese Art der Verehrung fremd. Nicht mehr viele Menschen in Deutschland können etwas damit anfangen, dass Knochen einer vielleicht tapferen, vielleicht wichtigen Person aufbewahrt und verehrt werden. Die Darstellung des gewaltsamen Todes eines Heiligen erweckt eher Missfallen oder Abscheu – oder man versteht es erst gar nicht, warum da eine Person mit Schwert, mit Rost oder eben mit einem Stier abgebildet wurde. Vielleicht regt sich auch Widerstand, weil diese Märtyrer das Christentum verbreiten sollten und dabei oft auch nicht zimperlich vorgingen. Die Erfahrungen aus Jahrhunderten von Missionierung und damit verbundener Kolonisation haben uns sehr vorsichtig werden lassen. Wer ist Täter, wer ist Opfer? Damals siegte das Christentum über die alten Götter, darum werden die Opfer auf christlicher Seite bis heute in Erinnerung behalten. Die anderen nicht.

Auf der anderen Seite – es ist doch bewundernswert, dass ein Mensch wie Saturninus von seinem Glauben so überzeugt war, dass auch Gewaltandrohung ihn nicht davon abbrachte, zu seinem Gott und seiner Kirche zu stehen. Es gehört Mut und Widerstandsfähigkeit dazu, sich hinzustellen und sich zu etwas zu bekennen, komme was wolle. Das finden auch die Protestanten gut, so hat das Martin Luther auch getan. Ich stehe hier, ich kann nicht anders. Gott helfe mir. Amen. Am nächsten Sonntag, dem Reformationstag, erinnern wir uns an diesen Akt des Bekennens, der bis heute Vorbild und Orientierungspunkt für viele Menschen, besonders in der Evangelischen Kirche, ist. Wann haben Sie das letzte Mal im Büro, in Sportverein, in der Schule davon gesprochen, woran Sie glauben, was Ihnen wirklich wichtig ist – auch wenn Sie vielleicht Bedenken haben, die anderen könnten lachen, sich wundern oder sich von Ihnen abwenden. Wie oft verstummen wir, wenn andere lautstark ihre Meinung vertreten. Auch wenn wir ganz anderer Meinung sind.

Ich glaube, dass in der heutigen Zeit – gerade mit den Entwicklungen der letzten Wochen und Monate – das Bekenntnis wieder wichtig wird. Wir sollten wieder lernen, offen zu bekennen, was wir für richtig und wichtig halten. Wir sollten laut Einspruch erheben, wenn in der Politik oder auf den Straßen Werte und Meinungen vertreten werden, die wir für falsch, verlogen oder sogar menschenverachtend und widerlich halten. Auch wenn wir dafür angegriffen werden. Und das passiert ja – das passiert Politikerinnen, das passiert Kirchenvertretern, das passiert Künstlerinnen und Künstlern. Meist nur als Beschimpfung, immer wieder über die sozialen Medien, und leider neuerdings auch mit realer, körperlicher Gewalt.

In Frankreich, auch in Toulouse, waren es anfangs friedliche Demonstrationen für bessere Bildung, bezahlbare Preise, sozialen Ausgleich – die dann eskalierten, zu Brandstiftung und Plünderungen führten, Menschen verletzten. Uns geht es um friedliches Bekennen, ohne Gewalt, ohne Überheblichkeit. Im Dialog mit denen, die anderer Meinung sind. Im Hören auf die anderen. Aber dann eben auch im Festhalten an dem, was zählt; an dem, woran unser Herz hängt; an dem, woran unser Leben hängt.

So, liebe Motettengemeinde, ist auch das Lied zu verstehen, das wir gleich im Anschluss singen. Es geht nicht um Kampf und Macht des Stärkeren. Es geht um ein Eintreten für die Gerechtigkeit, den Schutz der Benachteiligten, das Widerstehen gegen die Kräfte der Zerstörung, der Anmaßung, der Menschenfeindlichkeit. Und es geht um unseren Glauben an den Gott, der uns erschaffen hat und der uns eine Zukunft mit ihm versprochen hat. Dafür können wir streiten. Dafür müssen wir streiten.

Amen.

Gebet

Gott der Liebe,

wir danken Dir für alle, die sich für Gerechtigkeit, für den Schutz der Schwachen, für den Kampf gegen Zerstörung einsetzen. Sei Du bei allen, die sich nicht zu schade sind, dafür auch Nachteile hinzunehmen. Wir danken Dir für die Vorfahren im Glauben, die nicht nachgegeben haben, die ihr Leben eingesetzt haben, um die Deine frohe Botschaft weiterzugeben. Gott, sei Du mit dieser Welt, mit den Menschen in Deutschland und Frankreich und anderswo. Lass uns miteinander reden. Lass uns aufeinander hören. Schenke uns Fokus und Konzentration auf die wirklich wichtigen Dinge in unserem Leben. Lehre uns, dass wir unsere Lebenszeit nicht verschwenden. Hilf uns, dass wir niemanden vergessen. Hilf, dass wir wieder lernen, Frieden zu stiften. Zeige uns Wege zur Versöhnung. Gib uns Kraft zur Vergebung. Lehre uns zu lieben.

Amen.