Motettenansprache

  • 17.04.2026
  • Pfarrerin Jutta Michael

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Motette am 17. April 2026

Pfarrerin Jutta Michael, Thomaskirche Leipzig

Die Ansprache bezieht sich auf Psalm 23 und das Lied aus dem Gesangbuch EG 274, „Der Herr ist mein getreuer Hirt“. Die Ansprache hielt Pfarrerin Jutta Michael.

 

Liebe Motettengemeinde,

Psalm 23 ist der bekannteste und sicher auch beliebteste aller Psalmen. Vielleicht gehören Sie zu denen, die ihn mitsprechen können.

Vielleicht regt sich Ihnen aber auch Widerstand: Wenn einer mein Hirte ist, bin ich bitte dann was?

Den einen steht der Text als Trost bereit, dem andern ist er fremd.

Die Skepsis gilt es zurecht zu behalten, denn das Bild der Herde, die einem Hirten folgt, am Ende im blinden Gehorsam, ist nicht gefeit vor Verfälschung; Gerade auch aktuell, wenn sich politisch Verantwortliche in pervertierter und ungenierter Überhebung als Messias darstellen.

Psalm 23 ist mit dem Bild vom Hirten und der Herde mitten in der Lebenswelt der Antike.

Schafe und Ziegen waren wertvoller Besitz: Grundlage des Lebens. Die Hirten trugen Verantwortung für die Gemeinschaft. Sie waren tagsüber unterwegs auf der Suche nach den besten Weideplätzen und nachts musste die Herde geschützt werden vor Raubtieren.

Wurde das Bild von Herde, Hirten und Besitzer der Herde zunächst übertragen auf das Verhältnis Gott - weltlicher Herrscher und Volk, so wurde in den prophetischen Texten der weltliche Herrscher entmachtet. Eben weil er seiner Rolle nicht gerecht wurde, sondern die Macht missbraucht hatte.

Gott selbst behütet nun die Herde.

 

Psalm 23 hat eine weitere Besonderheit: Der einzelne und nicht die Herde ist im Blick.

Er schildert Gott, so wie er ihn erfahren hat. Den Gedanken führt der Choral fort.

Das Lied zu Psalm 23 ist das erste Deutsch gedichtete Lied über einen Psalm.

Das reformatorische Anliegen spricht aus den Zeilen: Der Glaubende findet selbst zu Gott, mit seinen eigenen Worten, mit Bildern, die er aus dem Alltag kennt.

Und er singt davon in der Melodie seiner Zeit. Diese hier stammt vom Kantor und Organisten Johann Walter, dem musikalischen Mitarbeiter Martin Luthers.

Vielleicht wird uns die Melodie nachher nicht sogleich eingängig sein. Aber wir werden sicher geführt: Vielen Dank schonmal euch, liebe Thomaner!

Lesen uns singen wir also Psalm 23 als ein Gebet des Vertrauens und als Bitte um beständige, verlässliche Begleitung für das Leben. Die „grüne Aue“ und das „frische Wasser“ ist das Lebensnotwendige – jedenfalls für ein Schaf. Der Choral übersetzt für uns: Führe dir die Schönheit des Lebens vor Augen: das satte Grün, das kühle Nass.

So ist es mit dem Wort Gottes und dem Wirken des Heiligen Geistes: Es erquickt die Seele, ist lebensnotwendig! Wo im Psalm von „Seele“ die Rede ist, steht dahinter das hebräische Wort Näfäsch – das heißt auch „Atem“, also das Leben überhaupt. Ich lebe, bekomme Leben geschenkt.

Und darum kann ich meinen Weg gehen: „Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.“

Ob es der gute, der richtige Weg, ist, merke ich daran, ob ich ihn aufrecht gehen kann oder in Angst.

Ob ich befreit bin oder gedemütigt werde.

Das unterscheidet den falschen vom treuen Hirten, den Verführer vom befreienden Begleiter.

Denn der verspricht mir gar nicht erst, dass alles immer rosig sein wird, oder – wie im Bild des Psalms - grün.

Der Psalm bleibt zwar in der Bildwelt seiner Zeit, ist aber doch so wirklichkeitsnah, dass er in die Gegenwart spricht: „Und ob ich schon wanderte im finstern Tal…“

Das Bild greift unsere Erfahrung auf. Täglich holen uns Nachrichten von Krieg, humanitären Katastrophen und Elend aus dem Alltag heraus. Das Bild von finstern Tal schließt sich uns sofort auf, da auch wir Sorgen nicht einfach ausblenden können, wenn sie sich zu einem Berg auftürmen und das Leben verfinstern.

Und dennoch müssen wir unseren Weg weiter gehen. Welcher ist der richtige? Wie zu einer guten Entscheidung finden in dieser Welt Tücke? Wo finde ich Rat und Hilfe?

Im Psalm und im Liedtext wird eben nicht gleich eine einfache Antwort angeboten – die würde uns zu Recht skeptisch bleiben lassen. Denn es scheint, als ob der Psalm-Schreiber uns hier aufblicken lassen will.

Unsere Erfahrung wird ernst genommen. Und sie wird dazu in einen größeren Zusammenhang gesetzt:

„Und ob ich schon wanderte…“, das heißt ja: „Und wenn es schon so kommen wird“ oder „falls es so sein sollte“ oder „obwohl es gerade so ist“.

Unsere Erfahrung bekommt damit einen größeren Rahmen. Der Ausweg aus dem finsteren Tal ist schon mitgedacht.

Das Bild verliert seine Endgültigkeit. Mein Ganz-Unten-Sein wird anders angesehen. Denn es geht weiter, das Tal ist nicht das Ende des Weges. Die Trauer behält nicht das letzte Wort. Die Finsternis ist nicht die einzige Form der Weg-Beleuchtung.

Und so folgt ein zuversichtliches „Ich fürchte nicht“ mit der Begründung:

„Denn du bist bei mir. Auf dein Wort verlasse ich mich.“

Es wechseln Lied und Psalm an dieser Stelle die Anrede:

Aus der Beschreibung und Klage, aus dem Hoffen auf Hilfe wird persönliche Ansprache:

„Du bist bei mir. Auf dein Wort will ich mich verlassen.“

Aus den Sinnieren über die Widrigkeiten des Lebens und der Suche nach dem Weg wird ein Gebet.

Es ist das Vertrauen in ein Gegenüber, das bleibt.

Ein Gott, der da ist, immer, ohne Unterlass.

Was unterscheidet diesen Gott, der mit geht, von einem Verführer?

Der maßt sich an, zu wissen, was für mich gut ist.

Der getreue Hirte lässt mit die Freiheit der Entscheidung.

Der Verführer will Macht, der Hirte des Psalms will Leben ermöglichen.

Und er will, dass es mir gut geht: ein reich gedeckter Tisch, ein unverzagtes Herz!

Die Feinde des Lebens gibt es weiterhin, aber sie haben hier keinen Platz.

Denn jetzt gibt es die Salbung: Gutes und Barmherzigkeit, Wohltat im Überfluss, als Segen für Leib und Seele. Gemeint ist das vollständige Ja Gottes: ganzheitlich meint er jeden und jede.

Und dann kann es weiter gehen, auf dem Weg durchs Leben.

Amen