Motettenansprache

  • 23.05.2026
  • Dr. Kristin Jahn

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„Der Geist hilft unserer Schwachheit auf.“

Was für eine Motette! Als ich sie das erste Mal gehört habe, dachte ich: das ist Schönwettermusik. Das ist Musik für den Mai, wo alles jubelt und lacht.

So schnell tanzen hier die Noten vorbei, gehen die Streicher auf und ab.

Aber nix da, ihr Lieben. Das ist Trostmusik. Geschrieben im Angesicht des Todes. Musik, die die Hoffnung gegen den Tod stellt. Das ist Beerdigungsmusik. Musik für die Novembertage des Lebens. Ein Auftragswerk.

1729 hat Johann Sebastian Bach diese Motette im Auftrag der Universität geschrieben, zum Begräbnis des Rektors der Thomasschule und Professors für Philosophie Johann Heinrich Ernesti.

Eine Hoffnung, die über dem Tod tanzt und am Ende ganz leise wird, betet und singt: Halleluja. Ich lobe meinen Gott für alles, was gut ist und war.

Auch die großen Leute sterben, auch die Klugen können ihr Leben nicht festhalten und es gibt Momente, da stehen wir alle mit leeren Händen da.

Egal, was wir alles geliebt, gedacht, gemacht haben. Es gibt Momente, da ist die Welt leer, weil Du einen verlierst, den Du liebst.

Momente, wo eine Diagnose, dir dein Leben zerschießt. Momente, da hast Du noch nicht mal mehr Tränen, geschweige denn Worte um das zu beschreiben, was fehlt.

Das blühende Leben, das dich traf.

Die ganze lebendige Freude. Wenn all das wegbricht, stehst du da wie ein verlassenes Kind. Was nun?

Johann Sebastian Bach hat sich in solchen Momenten an den Himmel gehängt wie sich ein schaukelndes Kind in den Himmel schwingt.

Er hat der Welt mit dieser Motette ein Bekenntnis hinterlassen:

„Wenn ich nicht mehr kann, dann hilft der Geist Gottes mir auf.“ Ich zieh mich eben nicht am eigenen Schopf aus dem Dreck, das will und soll Gott gefälligst für mich machen.

„Gott die ganzen Sorgen in den Sack werfen“ (M. Luther) und sagen, mach Du was draus – das braucht Mut und vor allem das Eingeständnis, dass die Sorgen da sind.

 

Unsere Welt ist ja so auf Hochglanz und Stärke poliert, da sind die Stories von Schwäche oft gar nicht so unser Ding.

Wer redet schon gern von Finsternis, mal abgesehen vom Wave Gothic Treffen?

Wer hängt heute noch seinen Glauben an die große Glocke, singt und redet davon?

 Religion sei Privatsache, sagen manche. Andere sagen: gerade nicht und machen daraus gleich politische Protestcamps.

Bach hängt hier mit seiner Motette wohl irgendwo dazwischen: Zwischen privatem Hoffen und gemeinsam Bekennen.

Seine Motette ist immer schon ein öffentliches Werk gewesen und ist zugleich zutiefst privat.

 

„Der Geist hilft unserer Schwachheit auf.“ - wer das sagt, nimmt das Schwache in sich an und weiß sich zugleich damit nie allein.

Unsere Schwachheit - wer das sagt, verdammt sich und andere nicht ob all der Dinge, die dahingegangen oder fehl gegangen sind, sondern stellt es vor Gott.

Bach wirft seine Sorgen in den Himmel hinein und sagt, komm, Gott Schöpfer, tröste mich und mach etwas daraus.

Wir alle brauchen einen, der uns auffängt. Bach hat diesen einen im Himmel gehabt. Ich auch.

Wenn ich auf mein Leben schaue:

Ich kann mir nicht vorstellen, ohne Gott zu leben. Ohne den Glauben daran, dass Gott mich sieht. Noch im Dunkel der Nacht.

Ich kann mir nicht vorstellen, ohne Gott Abschied zu nehmen von meinen Liebsten, wenn einst die Stunde kommt – jene, die für mich der Himmel auf Erden waren.

Und ich kann mir auch nicht vorstellen, eines Tages zu sterben ohne die Hoffnung, dass Gott auf mich schaut und dass er das letzte Wort über mich spricht, er und nicht mein Nachbar.

Wir alle brauchen einen, der sagt: Hab es gut und komm gut durch die Nacht.

„Der Geist hilft unserer Schwachheit auf.“

Mitten im Umbruch braucht es Menschen, die dir unter die Arme greifen, rechts und links wie ein doppelter Chor und dich erinnern: Gott ist der. Der weiß schon, wovon du jetzt träumst und was Du jetzt brauchst.

Gott weiß wie tief das Grab eines Menschen ist. Dem musst Du gar nichts sagen.

„Der Geist vertritt uns mit unaussprechlichen Seufzern.“ 

 

Bach hat in den zwei Jahren bevor er die Motette schrieb drei seiner Kinder und seine Schwester verloren.

Er wusste, was es heißt, am Rand zu stehen und keine Worte mehr zu haben. Träume zu begraben. Novembertage des Herzens.

Und er hängt sich wie ein schaukelndes Kind an die Hoffnung.

Gleich zwei Chöre setzt Bach ein, wie zwei Krücken, rechts und links. Eine Hoffnung, die dir unter die Arme greift. Und mittendrin Du.

Diese Motette ist Trost, ist auch Ermahnung in der Spur zu bleiben. Sie richtet meinen Blick in den Himmel, weg von dem, was fehlt.

Sie endet im Gebet. Lass uns

 

In deinem Dienst beständig bleiben,
(…)
Und stärk des Fleisches Blödigkeit,
Daß wir hie ritterlich ringen,
Durch Tod und Leben zu dir dringen.
Halleluja, halleluja.

 

Ritterlich ringen, ihr Lieben! Ein Ritter weiß, was Schmerz ist, aber er lässt sich davon nicht niederringen, nicht so lange noch Leben in ihm ist.

Er gibt sich dem Leben hin, wieder und wieder. Allem zum Trotz. 

Ritterlich ringen, ihr Lieben, heißt das Herz in die Sonne halten. Und noch in der Nacht Ausschau halten nach den Sternen.

Wie schön ist es, wenn Menschen sich ausstrecken hin zum Licht und vom Leben die Liebe erwarten, wieder und wieder.

Eine Liebe, die größer ist und stärker als der Tod und die keiner auslöschen wird. 

Ritterlich ringen: das meint auch, das blöde Fleisch besiegen, das immer nur auf die Leerstelle schaut und das Beste vom Leben erwarten, weil Gott zu uns Ja gesagt hat.

Das Beste erwarten.

Das wünsch ich euch. An den Mai- und den Novembertagen des Lebens.

Und am Ende ein sanftes Halleluja.

So sei es, ihr Lieben.