Motettenansprache

  • 21.08.2026
  • Pfarrerin Jutta Michael

PDF zur Motettenansprache HIER

Es wurde gelesen: Mk 7, 31-35 und im Anschluss erklang die Evangelien-Motette von Melchior Vulpius: „Und er verbot ihnen“, Mk 7, 36,37

Und als er wieder fortging aus dem Gebiet von Tyrus, kam er durch Sidon an das Galiläische Meer, mitten in das Gebiet der Zehn Städte. Und sie brachten zu ihm einen, der taub war und stammelte, und baten ihn, dass er ihm die Hand auflege. Und er nahm ihn aus der Menge beiseite und legte ihm die Finger in die Ohren und spuckte aus und berührte seine Zunge und sah auf zum Himmel und seufzte und sprach zu ihm: Hefata!, das heißt: Tu dich auf! Und sogleich taten sich seine Ohren auf, und die Fessel seiner Zunge wurde gelöst, und er redete richtig.  Mk 7, 31-35

Und er verbot ihnen,sie sollten’s niemand sagen. Je mehr er aber verbot, je mehr sie es ausbreiteten und verwunderten sich über die Maßen und sprachen: Er hat alles wohl gemacht: Die Tauben macht er hören und die Sprachlosen reden. Mk 7, 36,37

Liebe Thomaner, liebe Motettengemeinde,

vor einigen Wochen haben wir die Thomaner verabschiedet, die ihr Abitur ganz frisch in der Tasche hatten und nun damit losziehen.

Neben dem erfolgreichen Schulabschluss nehmen sie intensive musikalische Erfahrungen mit, die sie von nun an nutzen können. Gerade gestern rief mich ein ehemaliger Thomaner an auf der Suche nach Probe-Möglichkeit für sein frisch gegründetes Ensemble.

Seit über einer Woche seid nun ihr Neuen dabei. Jetzt werdet ihr hineinwachsen in die Tradition, die euch prägen wird. Das ist nun euer Alltag. Ihr werdet gemeinsam proben, euch in die Lieblingsstücke der Thomaner hineinarbeiten und wer weiß, vielleicht selbst prägend wirken, mit dem, was ihr einbringt. Dieser Dialog ist jetzt neu angestoßen.

Besonders spannend finde ich das Zwiegespräch mit den Texte, die ihr mit der Musik erarbeitet.

Ihr habt heute mit dem 1. Psalm begonnen und der stellt uns gleich eine entscheidende Frage: Welchen Weg willst du in deinem Leben gehen? Psalm 1 gibt innerhalb der Sammlung der Psalmen die Richtung an: Sie beschreiben insgesamt ein Leben, das gelingendes Miteinander verheißt: gerecht soll es sein, den Einzelnen schützen und die Gemeinschaft bewahren. Diese Zusage gilt allen, die nach Gott suchen. Sie werden beglückwünscht, weil sie Recht von Unrecht unterscheiden können. Was sie tun, wird Zukunft haben.

Denn der Ungerechte wird sich irgendwann einmal verlaufen im Gestrüpp seiner eigenen Lügen. Er wird sich selbst und anderen schaden, weil er elementare menschliche Haltungen eintauscht gegen vermeintlich Wichtigeres. Sein Weg ist keine Vision für eine wahrhaft menschliche Zukunft. Psalm 1 öffnet uns die Augen, damit wir uns nicht an solcherart Unrecht gewöhnen und alles dafür tun, dass wir da, wo wir prägen können, unser Miteinander fair und hoffnungsvoll gestalten.

Wir haben von einer Heilungsgeschichte gehört, an der diese Haltung ablesbar ist. Ein Mensch, der Hilfe braucht, wird auf den Weg gebracht: dorthin, wo er Hilfe erfahren wird. Die Menschen, die den Mann kannten, der taub war und kaum sprechen konnte, führten ihn zu Jesus. Denn sie sind sich sicher: durch ihn wird sein Leiden geheilt.

Sie erleben ja, was dem Kranken fehlt: Er will zur Gemeinschaft gehören, seine Gedanken und Gefühle mitteilen. Und so machen sie es möglich, dass er wieder Kontakt zu seinen Mitmenschen haben kann, dass er kommunizieren, sich frei mitteilen kann. Sie gehen offensichtlich davon aus, dass die Begegnung mit Jesus ihn wieder voll und ganz hineinnehmen wird in ihre Gemeinschaft. Und vielleicht ahnen sie auch, dass diese Heilung sie ebenso berühren und verändern wird:

Am Ende verstehen sie den ehemals Außenstehenden: Jetzt hören auch sie ihn „richtig reden“. Weil die Nähe Jesu das Verständnis füreinander geöffnet hat! Allen Beteiligten!

Denn auch er, der eigentlich nicht dazu gehörte, hat sich ansprechen lassen. Ohne sein aktives Mitwirken hätte es die heilende Nähe zu Jesus nicht gegeben.

Was Jesus tut und sagt, öffnet für Gottes Wirken: Das „Hefata“: „tut dich auf“, oder „öffne dich“ ist eine einladende Geste an uns alle.

Ihr, liebe Thomaner, habt ja gesungen, dass es mit der Geheimhaltung der Heilung nichts geworden ist! Die Menschen haben weiter erzählt, was sie erlebt haben, obwohl sie es niemanden sagen sollten! Nicht aus Sensationslust oder was sonst ein typisch menschliches Motiv gewesen sein könnte. Sondern sie machten das Wunder bekannt, weil sie erkannt hatten:

Hier geschieht, was allen gut tut. Und das muss man weitererzählen! Hier kommen konkrete Heilung und das Heil für alle zusammen.

Jesu Nähe bewirkt, dass wir aufeinander zu gehen. Sie ermutigt, aufeinander zu hören. Er gibt uns Worte füreinander, eine Sprache, die verbindet.

Schauen wir noch einmal auf die Psalmen als Sammlung der Zwiesprache mit Gott. Wir singen gleich einen Choral, eine Nachdichtung des Psalms 103. Seine Worte sind durch die Geschichte gegangen und wurden so als Worte des Glaubens je in ihrer Zeit angeeignet.

Der Choral entstand im Auftrag Herzog Albrecht von Preußens. Als sich in seinem Land die Reformation ausbreitete, suchte er jemanden, der es vermochte, Psalm 103 "gesangsweise in gute schöne deutsche Verse zu bringen“.

Die Menschen sollten die Worte des Glaubens in ihrer Muttersprache singen. Johann Gramann fand sich, er schrieb die passenden Strophen. Er war Lehrer an der Thomasschule zu Leipzig.  Zunächst stand er dem katholischen Theologen Johannes Eck nahe. Doch dann gab es 1519 die Disputation hier in Leipzig mit dem Reformator Martin Luther. Wir ahnen die Wirkmächtigkeit Luthers: Johann Gramann entwickelte sich von da an zu einem der wichtigsten Reformatoren. Als Pfarrer und Pädagoge wusste er um die Wirksamkeit der Worte. Der Herzog soll das Lied sehr geliebt und es noch auf dem Sterbebett gesungen haben. Die Melodie ist die eines damals bekannten Volksliedes, auch das wird zur Bekanntheit beigetragen haben.

Der Zuspruch des Psalms, in die Strophen des Liedes übertragen, bedeutet bis heute: Wenn Schuld vergeben und Gerechtigkeit zugesagt wird, so ist das dem Singenden wie ein Schutzmantel aus Melodie und Wort.

So bestärken uns die Worte der Bibel, das Wesen unseres Glaubens in die Gesellschaft hinein neu deutlich zu machen. Sie geben uns Orientierung in einer Zeit, die verunsichert.

Darum gilt es, sie immer wieder zu übersetzen: wie ihr, liebe Thomaner, uns anregt, über Psalmen und Heilungswunder nachzudenken und wenn wir gemeinsam von diesem Glauben singen.                                    

Amen