Motettenansprache

  • 23.03.2019
  • Pfarrer Hundertmark

Liebe Motettengemeinde,

 Johann Sebastian Bachs Kantate „Widerstehe doch der Sünde“ will uns in gekonnt virtuoser Weise musikalisch erzählen, welche Auswirkungen Gottesferne hat. Mal abgesehen vom Text, der sich u. a. an der Epistellesung aus dem Epheserbrief für den morgigen Sonntag orientiert, wird eine ganze Reihe von Bildmotiven miteinander verknüpft. Die Sodomsäpfel nehmen hier sicherlich eine besondere Stellung ein. Doch dazu später.

Fragen wir zunächst danach, was denn Sünde eigentlich ist.

Vielfach, und daran ist die Auslegungstradition der letzten Jahrhunderte nicht ganz unschuldig, wird Sünde sexualisiert. Wer das tut, landet sehr schnell bei Adam und Eva, besonders bei Eva. Die Verknüpfung von Sünde mit der den Mann verführenden Frau liegt auf der Hand und weiter gedacht, wurde dann die Frau an sich sehr schnell mit Sünde gleichgesetzt. Das aber widerspricht nicht nur den biblischen Texten, sondern auch christlicher Schöpfungslehre, die von Anbeginn an Mann und Frau als gleichwertige Partner auf Augenhöhe beschreibt. Zweitens wird Sünde gerne mit verbotenen Genüssen gleichgesetzt. Auch wenn es diesbezüglich eine gewisse Affinität zum Baum der Erkenntnis im Paradies gibt, dessen Früchte verbotener Weise genossen wurden, greift diese Interpretation auch zu kurz.

Sünde ist vielmehr etwas, was die Existenz des Menschen betrifft. Als Mensch habe ich den Drang, mich von Gottes Wegweisungen zu entfernen und mir selber mehr zu vertrauen als Gott. Dadurch wird die nahe, gewissermaßen paradiesische, Gemeinschaft mit Gott zerstört.

Sünde bedeutet demnach immer auch Vertrauensverlust. Dadurch entstehen Leid, Kummer Schmerz. Theologisch betrachtet ist die Folge von Sünde ein endliches Dasein des Menschen. Der Apostel Paulus schreibt zurecht vom Tod als der Sünde Sold (Römerbrief).

Für die Verlockungen der Sünde sind wir Menschen anfällig. Ihnen zu widerstehen fällt schwer, weil nicht alles offensichtlich ist und Verführungen ja darin ihren Reiz haben, dass sie zunächst einen Mehrwert bieten.

Biblisch betrachtet ist der Satan, der Diabolos oder Teufel, derjenige, der den Menschen immer wieder versucht, von Gottes Weisungen zum Leben abzubringen.

Im zweiten Satz der Kantate, dem Rezitativ, wird ein Bild aufgegriffen, dass uns heutigen Lesern und Hörern eher ungewohnt ist. Die Sodomsäpfel bezeichnen eine in der Nähe von Sodom und Gomorrha vorkommende Frucht. Von außen ist sie weiß und rötlich, wie kleine Paradiesäpfel anzusehen, innen aber nur voller Körner, unappetitlich und ohne Saft. Sodomsäpfel vertrocknen am Stamm, werden schwarz und wenn man sie aufbricht, zerstaubt das Innere.

Mit dem deutschen Sprichwort, „Es ist nicht alles Gold, was glänzt“, lässt sprachlich gut nachempfinden, wofür die Sodomsäpfel stehen.

Im Kantatentext wird nun ausdrücklich gewarnt, sich von glänzendem Schein blenden zu lassen.

Damit, liebe Motettengemeinde, gewinnt die heutige Kantate ungemein an Aktualität.

Die eindringliche Mahnung „Widerstehe doch der Sünde“ lässt sich in der Gegenwart in dreierlei Hinsicht auslegen.

 a)   Kirchlich

Auftrag einer Gemeinde ist es, den Menschen Gottes frohe Botschaft von seiner Liebe zu verkünden. Die Verlockung der Sünde besteht darin, über die permanente Beschäftigung mit sich selbst, das eben beschriebene Kerngeschäft zu vernachlässigen und es nur noch schön zu verpacken. Gerade in Zeiten, in denen wir uns einer Ressourcenknappheit stellen müssen, darf nicht alles auf diesen Aspekt fokussiert sein. Evangelium muss verkündigt werden, zeitgemäß in Sprache und Tat. Es muss authentisch bleiben und allen Versuchen, es nur schön zu verpacken, dürfen wir getrost widerstehen.

b)   Politisch

Das Bild von den Sodomsäpfeln, die außen glänzen und innen nichts taugen, ja zu Staub zerbröseln, lässt sich auch hier verifizieren. Widerstehe doch der Sünde bedeutet im politischen Bereich, permanent zu hinterfragen, welche Interessen denn wirklich verfolgt werden – ausschließlich eigene oder die der Gemeinschaft in einer demokratischen Gesellschaft. Süß ist das Gift eines sich anbiedernden Populismus. Am Ende zerstört es Gemeinschaft, wie wir am Brexit sehen oder spaltet die Gesellschaft.

Widerstehe doch der Sünde politisch betrachtet heißt auch, sich seiner Verantwortung über die nächste Wahlperiode oder den nächsten Haushalt hinaus bewusst zu sein und danach zu handeln. Die demonstrierenden Teenager erinnern daran gerade sehr eindrücklich.

c)   Persönlich

Wir Menschen neigen dazu, uns in den Mittelpunkt zu stellen, unseren Kräften mehr zuzutrauen als dem Vertrauen auf Gott. Wir machen dabei die bittere Erfahrung, dass diejenigen, die nach außen den schönen Schein wahren, oftmals schneller vorankommen. Persönliche Fassadenmalerei übertyncht aber am Ende nur eigene Unzulänglichkeiten. An den wichtigen Schnittpunkten unseres Lebens wird die Fassade nichts mehr überdecken können, wenn nämlich offenbar wird, wie es um mich wirklich steht. „Widerstehe doch der Sünde“ kann diesbezüglich bedeuten, ehrlicher zu sich selbst zu sein und in aller gebotener Demut zu erkennen, dass vieles, was gelingt auch Geschenk und Gnade bedeutet und der glitzernde Schein überhaupt nicht notwendig ist.

 Sünde wird immer wieder versuchen meiner habhaft zu werden und mich in ihren Bann ziehen. Dass ihre Kräfte am Ende ganz klein sein können, hat das Christusgeschehen gezeigt. Am Kreuz bricht Jesus die Macht von Sünde und Tod, um mir Menschen eine Brücke zu bauen in die dauerhafte Gemeinschaft mit Gott. Amen.

Martin Hundertmark, Pfarrer an der Thomaskirche, hundertmark@thomaskirche.org

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Lesung aus dem Epheserbrief 5. Kapitel

1 So ahmt nun Gott nach als geliebte Kinder

2 und wandelt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt hat und hat sich selbst für uns gegeben als Gabe und Opfer, Gott zu einem lieblichen Geruch.

5 Denn das sollt ihr wissen, dass kein Unzüchtiger oder Unreiner oder Habsüchtiger – das ist ein Götzendiener – ein Erbteil hat im Reich Christi und Gottes.

6 Lasst euch von niemandem verführen mit leeren Worten; denn um dieser Dinge willen kommt der Zorn Gottes über die Kinder des Ungehorsams.

7 Darum seid nicht ihre Mitgenossen.

 

Gebet

Barmherziger Vater in Himmel,

Wir bitten dich für alle, die unterwegs sind –

zu dir, zu Freunden, auf Arbeitswegen oder in der Freizeit. Bewahre und behüte vor Unfall und Gefahren.

Wir bitten Dich für alle, die in Not geraten sind. Manche Not können wir selber lindern. Dazu mache uns dazu.

Wir bitten Dich für uns selbst, stärke unsere Widerstandskraft, wo Kräfte uns von deinen Weisungen zum Leben abbringen wollen durch Jesus Christus, deinen Sohn in dessen Namen wir zu dir rufen: Vater unser im Himmel….