Motettenansprache
- 10.01.2026
- Pfarrerin Jutta Michael
PDF zur Motettenansprache HIER
Es erklang die Kantate BWV 32 Liebster Jesu, mein Verlangen.
Gelesen wurde Lukas 2, 41-52: Der zwölfjährige Jesus im Tempel.
Liebe Motettengemeinde,
„Wie schön leuchtet der Morgenstern“.
Diesen Choral haben wir miteinander gesungen.
Er besingt Christus, Gottes Sohn, Mensch geworden, damit an ihm zu merken ist, wie gut es Gott mit uns meint.
Er zeugt von Jesus, dem König, dem Bräutigam, dem Morgenstern.
Der Theologe Philipp Nicolai hat diesen Choral gedichtet und komponiert mit Bildern der Hoffnung aus dem Buch der Offenbarung des Johannes:
Christus wird kommen, von Gott zu den Menschen gesandt. Er wird alles neu machen und alle Tränen abwischen, wird trösten und erquicken.
Helfen diese Bilder in Krisen? Von einer ernsten Beziehungskrise hörten wir in der Lesung aus dem Lukas-Evangelium.
Dabei ist die schöne Schilderung der Geburt Jesu noch gar nicht richtig verklungen. Ihre Bilder und Zeichen sind noch in allen Räumen.
Aber, offensichtlich war es so:
Bevor es dazu kam, dass Jesus als der Morgenstern besungen werden konnte, durchlief auch er dien Entwicklungsphasen eines jeden Erdenkindes. Dabei die üblichen Konflikte mit den Eltern.
Kommt ein Kind auf die Welt, ist die Freude groß. Bald kommen Sorgen dazu, etwa beim ersten schlimmen Fieber.
Und es dauert nicht lange, da beginnen die Probleme.
Liebe Thomaner,
das ist die Phase, wo die Eltern schwierig werden.
Auch die Eltern des „göttlichen Kindes“ mussten sich nach dem ersten gemeinsamen Besuch des Passafestes erst einmal sortieren.
Was war geschehen?
Maria, Josef und ihr Halbwüchsiger pilgern nach Jerusalem. Wie in jedem Jahr feiern sie dort den Auszug des Volkes Israel aus Ägypten. Tausende kamen zusammen. In solchem Gedränge kann ein zwölfjähriger Knabe schon verloren gehen kann.
Die Eltern von Jesus haben zunächst einmal die Ruhe bewahrt. Immerhin, er war zwölf Jahre alt, groß genug, um mit auf Pilgerreise zu gehen. Er wird mit seinen Verwandten oder seinen Freunden aus Nazareth mitgegangen sein – irgendwo muss er ja sein.
Er war am Morgen mit ihnen aufgebrochen. Den Weg kennt er, und außerdem ziehen sie als Gruppe zurück. Da wird er schon irgendwo sein. So oder so ähnlich werden Maria und Josef gedacht haben. Sie verfallen nicht in Panik, machen sich keine unnötigen Sorgen. Erst am Abend des ersten Reisetages stellte sich heraus, dass er nicht bei seinen Verwandten war.
Wie sich die Eltern nun gefühlt haben, können wir uns gut vorstellen. Sie werden sich wohl alles ausgemalt haben, ihre Gedanken und Gefühle in alle Richtungen geschickt, so auch ihre Suche. Schließlich bleibt die eine Vermutung übrig: Jesus ist in Jerusalem geblieben. So wird es sein. Sie suchen drei Tage lang, zuletzt in Jerusalem, im Tempel. Warum dort? Hatten sie eine Ahnung? Wollten sie bei den Gelehrten um Rat fragen?
Schließlich waren sie zum Passah-Fest hergekommen, dem Fest der Befreiung aus der Sklaverei.
Auf Gott hoffen, auch wenn alles gegen die Hoffnung spricht, das hatten sie gefeiert, daran hielten sie nun fest.
Und das an Gott zu glauben auch heißen kann, neue Wege als die gewohnten zu gehen, das war ihnen nicht fremd, darüber hatten die Gelehrten im Tempel diskutiert. Dass ihr Sohn später einmal einer von ihnen sein würde, ahnten sie nicht.
Und da saßen die Gelehrten, ins Gespräch vertieft, ihr Sohn mittendrin. Die Erwachsenen, die ihm gespannt zuhörten.
Doch jetzt kann die Mutter ihre Sorgen nicht mehr verbergen, bringt ihr Bangen und Fragen in Worte:
„Mein Kind, warum hast du uns das getan?“
Schmerz, Ärger, Angst und Enttäuschung sprechen aus diesem Satz. Warum tun Kinder Eltern das an? Warum tun sie mit Vorliebe das, was Eltern am wenigsten wollen? Damit man erkennt: Sie suchen ihren Weg. Den kennen sie selbst noch nicht so genau, aber sie werden ihn finden. Darum bekommen wir, liebe Eltern, auch solche Antworten, die weh tun. „Warum habt ihr mich gesucht?“
Und dies als Antwort auf die emotionale Mitteilung: „Dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht.“
Das wird dem Knaben schon bewusst gewesen sein, oder auch nicht. Jedenfalls hat er sich in dem konkreten Moment anders entschieden: „Wusstet ihr nicht, dass ich sein muss bei denen, die zu meinem Vater gehören?“ Wussten sie es? Ahnten sie es?
Ganz sicher hatten sie ihre Träume von seinem Leben, Vorstellungen, wohin sein Weg gehen wird.
Wie alle Heranwachsenden lehnt Jesus höflich ab: Danke, das will ich selbst herausfinden.
Und hier im Tempel, da scheint sich der eigene Weg aufzutun.
Doch zunächst geht diese Episode aus dem Leben des Knaben Jesus gut aus, im Sinne der Eltern.
Mit denen zusammen wird der Sohn nach Nazareth zurückkehren. Beinahe, als wäre nichts passiert.
Doch von seiner Mutter hören wir: Sie behielt alle Worte in ihrem Herzen, also wächst eine Ahnung…
Was hinter diesem Dialog durchscheint, ist die Ahnung vom Weg eines heranwachsenden Menschen.
Und es ist die Wahrnehmung, dass da einer sein wird, der genau den Weg begleitet, der unser eigener wird;
der uns hilft bei der Entscheidung, das Eigene zu finden. Ein Weg, der nicht ohne Verletzungen, Enttäuschungen und Irrungen sein wird; ein Weg, auf dem wir das herausfinden, was in uns liegt, unsere Gabe entfalten, unsere Aufgabe entdecken.
Von Jesus wird noch erwähnt, dass er zunimmt an Weisheit und Gnade bei Gott und den Menschen.
Wir sind eingeladen, uns an ihn zu halten, wenn wir nach unserem Platz suchen, in den Beziehungen zu unseren Kinder, zu unseren Eltern, nach dem Ort, der für uns gut ist. Wir orientieren uns an ihm, wenn wir zunehmen an Alter, damit Verstand und Weisheit sich entfalten können, damit die innere Suche danach gut begleitet wird.
Diese seelische Suchbewegung hat Bach in der Kantate zu unserem Bibeltext in Töne gesetzt.
Maria, die Mutter Jesu, steht für unser aller Suchen und Fragen. Sie bekommt die Stimme der Seele.
Diese klingt anfangs, also ob sie sich in gar nichts gewiss sei. Sie findet die Freiheit, das Eigene zu suchen, je mehr sie sich auf die Stimme Jesu einlassen kann. In stärkender Bass-Tonlage verhilft die Stimme Jesu der Seele, sicher zu gehen.
Was schroff klingen könnte, ist bestärkend gemeint:
Du findest deinen Weg, den Ort, der dir entspricht, die Aufgabe, die dich erfüllt.
In meiner Gegenwart wirst du Trost finden, wenn Plagen und Schmerzen dich treffen. Und wenn du unsicher bist, halte dich an mich. Hier bekommst du die Freiheit, die dich halten wird.
So können wir ins neue Jahr gehen. Unser Suchen und Entscheiden hat in Jesus Christus ein bestärkendes Gegenüber, auf das wir ab und an die Süßigkeit des Lebens schmecken.
Amen.