Motettenansprache

  • 24.05.2019
  • Pfarrerin Taddiken

Kurt Thomas, Der 137. Psalm für zwei vierstimmige Chöre a cappella op. 4 (1925)

An den Wassern zu Babel saßen wir und weineten, wenn wir an Zion gedachten. Unsre Harfen hingen wir an die Weiden, die drinnen sind, denn daselbst hießen uns singen, die uns gefangen hielten, und in unserm Heulen fröhlich sein: »Singet uns ein Lied von Zion!« Wie sollten wir des Herrn Lied singen in fremden Landen? Vergesse ich dein, Jerusalem, so werde meiner Rechten vergessen. Meine Zunge soll an meinem Gaumen kleben, wo ich dein nicht gedenke, wo ich nicht lasse Jerusalem meine höchste Freude sein. Herr gedenke den Kindern Edoms den Tag Jerusalems, die da sagten: »Rein ab bis auf ihren Boden!« Du verstörte Tochter Babel, wohl dem, der dir vergilt, wie du uns getan hast, wohl dem, der deine jungen Kinder nimmt und zerschmettert sie an einem Stein. An den Wassern zu Babel saßen wir und weineten, wenn wir an Zion gedachten.

 
 

 

Johann Sebastian Bach, Bisher habt ihr nichts gebeten in meinem Namen Kantate BWV 87 zum Sonntag Rogate (EA: 6. Mai 1725)

1. ARIOSO (BASSO) Bisher habt ihr nichts gebeten in meinem Namen. Johannes 16:24a

2. RECITATIVO (ALTO) O Wort, das Geist und Seel erschreckt, ihr Menschen, merkt den Zuruf, was dahinter steckt! Ihr habt Gesetz und Evangelium vorsätzlich übertreten; und diesfalls möcht’ ihr ungesäumt in Buß und Andacht beten.

3. ARIA (ALTO) Vergib, o Vater, unsre Schuld und habe noch mit uns Geduld, wenn wir in Andacht beten und sagen: Herr, auf dein Geheiß, ach, rede nicht mehr sprüchwortsweis, hilf uns vielmehr vertreten! Christiana Mariana von Ziegler

4. RECITATIVO (TENORE) Wenn unsre Schuld bis an den Himmel steigt, du siehst und kennest ja mein Herz, das nichts vor dir verschweigt; drum suche mich zu trösten.

5. ARIOSO (BASSO) In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden. Johannes 16:33b

6. ARIA (TENORE) Ich will leiden, ich will schweigen, Jesus wird mir Hülf erzeigen, denn er tröst’ mich nach dem Schmerz. Weicht, ihr Sorgen, Trauer, Klagen, denn warum sollt ich verzagen? Fasse dich betrübtes Herz!

Christiana Mariana von Ziegler

7. CHORAL Muß ich sein betrübet? So mich Jesus liebet, ist mir aller Schmerz über Honig süße, tausend Zuckerküsse drücket er ans Herz. Wenn die Pein sich stellet ein, seine Liebe macht zur Freuden auch das bittre Leiden.

 Heinrich Müller, 1659

Johannes 16,23ff

Und an jenem Tage werdet ihr mich nichts fragen. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er's euch geben. 24 Bisher habt ihr um nichts gebeten in meinem Namen. Bittet, so werdet ihr empfangen, auf dass eure Freude vollkommen sei. 25 Das habe ich euch in Bildern gesagt. Es kommt die Stunde, da ich nicht mehr in Bildern mit euch reden werde, sondern euch frei heraus verkündigen von meinem Vater. 26 An jenem Tage werdet ihr bitten in meinem Namen. Und ich sage euch nicht, dass ich den Vater für euch bitten werde; 27 denn er selbst, der Vater, hat euch lieb, weil ihr mich liebt und glaubt, dass ich von Gott ausgegangen bin. 28 Ich bin vom Vater ausgegangen und in die Welt gekommen; ich verlasse die Welt wieder und gehe zum Vater. 29 Sprechen zu ihm seine Jünger: Siehe, nun redest du frei heraus und nicht in einem Bild.30 Nun wissen wir, dass du alle Dinge weißt und bedarfst dessen nicht, dass dich jemand fragt. Darum glauben wir, dass du von Gott ausgegangen bist. 31 Jesus antwortete ihnen: Jetzt glaubt ihr? 32 Siehe, es kommt die Stunde und ist schon gekommen, dass ihr zerstreut werdet, ein jeder in das Seine, und mich allein lasst. Aber ich bin nicht allein, denn der Vater ist bei mir. 33 Dies habe ich mit euch geredet, damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.

 

Liebe Gemeinde,

das ist wirklich ein ganz schreckliches Ende in der Motette von Kurt Thomas, die wir gerade gehört haben. Ein schreckliches Ende dieses 137. Psalms. „Du verstörte Tochter Babel, wohl dem, der dir vergilt, wie du uns getan hast, wohl dem, der deine jungen Kinder nimmt und zerschmettert sie an einem Stein.“ Man kann es niemandem verübeln, wenn er nach solch einem Stück aus der Motette rausgeht und sagt: Wie kann man so etwas aufführen? Solch ein Wunsch nach roher Vergeltung, Gewalt – gekleidet in das Gewand einer Seligpreisung! Ja, der 137. Psalm ist sehr schwere Kost. Aber vielleicht hat unser Entsetzen auch etwas damit zu tun, dass wir sehr wohl merken und wissen: Auch in mir selbst gibt es Gewaltphantasien. Phantasien wohlgemerkt. Ich habe Seiten an mir, die gucke ich mir nicht gerne an. Ich denke, auch damit hat es zu tun. Denn wenn man sich den ganzen Werk- bzw. Bibeltext anschaut, sieht man: Da schlägt offensichtlich die Stimmung um. Da sind Menschen, die sind tieftraurig und gedemütigt. Die Israeliten sind nach Babylon deportiert worden. Sie haben ihre Heimat verloren und den Mittelpunkt ihrer Religion, ihrer Identität. Der Tempel lag in Schutt und Asche und der Zion, der Berg Gottes, Inbegriff des Ortes der Erlösung von allem Schmerz und Leid – den würden sie nicht wiedersehen.

Und obendrein wurden sie gezwungen, als Gefangene ihre Lieder vom Zion anzustimmen, mit fröhlichen Gesichtern sollten sie das tun. Aber sie weigerten sich. Hängten ihre Harfen in die Weiden. Ließen sich nicht auch noch die letzte Würde nehmen. Traten in den Sänger-Streik. Und schworen sich selbst: Sie würden sich selbst nicht so weit erniedrigen. Würden nicht das verraten, was ihnen am heiligsten ist. Eher soll ihnen die Zunge am Gaumen kleben. Erst dann kommt dieser Wunsch nach Rache, diese abscheuliche Vision, diese neurotische Gewaltvision. Sie scheint ein psychisches Ventil zu sein, dessen Öffnung zu überleben hilft.

Das macht sie nicht besser. Aber dieser Zusammenhang verrät, der dass der Mensch, dass wir alle nach einem Wort Wallace Stevens „auf dem wüsten Thron unserer eigenen Wildnis sitzen.“ Denn natürlich verraten die, die solche Phantasien hegen, im Grund genau die Glaubensgrundlagen, um die sie trauern. Sie verraten einen Gott, der den Menschen zu seinem Ebenbild erklärt – nicht bestimmte Menschen, sondern den Menschen, jeden Menschen. Man erschrickt, in was für abgründige Glaubensverwirrungen Leiden und Verzweiflung hineinzuführen vermögen. Der Mensch unterliegt dabei immer zwei Gefahren. Zum einen: Gott zu verzerren, ihn zu einem Moloch zu machen – und zum anderen: Sich über sich selbst zu täuschen bzw. täuschen zu wollen, weil man sich selbst doch für ganz gut hält. Man kann auf zwei Seiten vom Pferd fallen. Wenn man aber meint: Da ist etwas dran und wenn man auch dem Diktum Friedrich Nietzsches etwas abgewinnen kann, das da lautet: „Grausamkeit gehört zur ältesten Festfreude der Menschheit.“ – dann schaue man sich Psalmen wie diesen genau an! Wie überall in der Bibel wird hier ein realistisches Bild vom Menschen gezeigt. Sie nimmt den Menschen wahr im Lichte Gottes, das auch auf die Nachtseiten unserer Seele fällt. Warum ist es denn so, dass es solche Phantasien gibt? Warum ist es so, dass sich heute manche Menschen den Tag und die Nacht damit vertreiben, im Internet Hass und Hetze zu verbreiten – und damit diese Phantasien in Worte umsetzen? Und vielleicht auch in Taten? Bis dahin sind es weitere Schritte, aber mit der Phantasie kann alles beginnen. Meistens sind es irgendwie ganz normale Menschen, die das tun. Die sich aber vielleicht in einem bestimmten Punkt verletzt fühlen, gedemütigt. Oder vernachlässigt, abgehängt. Ich bin sicher, jeder von uns hat da mal in einer Form überreagiert, bei der er sich über sich selbst erschrocken hat. Und wo man den, den es getroffen hat, nur um Entschuldigung bitten konnte.

Diese Phantasien – wir haben sie, trotz aller Gebote zum Guten, zur Liebe, zur Vergebung, zur Mitmenschlichkeit und wozu wir uns auch immer anhalten. Wir haben sie trotzdem noch. Und wenn wir sie nicht kennen, dann wird es schwer, sie zu bekämpfen bzw. ihnen einen Ort einzuräumen, an dem sie bleiben müssen, damit sie sich eben nicht realisieren. Hier in den Psalmen gibt es einen klaren Ort dafür: Das Gebet. Hier kann sich alles austoben. Und das passiert auch: Da wird mit Gott gehadert, er wird selbst beschimpft, beklagt, alles kommt vor. Das Gebet. Es ist der Ort, wo wir vor Gott endgültig so sind, wie wir sind. Und es einräumen können. In Bachs Kantate, die wir gleich hören, heißt es im Tenorrezitativ: „Du siehst und kennest ja mein Herz, das nichts vor dir verschweigt. Drum suche mich zu trösten.“ Darum geht es in dieser Kantate und darum geht es in diesem Stück aus dem Johannesevangelium, das ihr zugrunde liegt. Das haben wir schon gehört: Um die enge, die innige Verbindung zu Gott, die dort zu erfahren ist, wo wir es einfach tun: still, stammelnd, mit oder ohne Worte, aber mit offenen Herzen und Sinnen. Dass es uns, wie es dann in der Tenorarie heißt hilft, dass wir uns fassen: „Fasse dich, betrübtes Herz.“ Dass uns nichts, aber auch nichts mehr von unseren Hassgefühlen und Gewaltphantasien im Griff haben möge. Sondern, dass Trost in uns einzieht. Dass sich unsere Ängste legen, die letztlich Auslöser sind für diese Gefühle. Dass wir hören können auf, das was in der Mitte der Kantate steht wie auch in dem Abschnitt aus dem Johannesevangelium. Das Wort Jesu: „In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ Sein Grundsatz dazu hieß: Liebe – und dann tu, was Du willst.

Und so könnte sich Psalm 137 in seiner Fassung vielleicht so anhören, wie es der Schriftsteller Arnim Juhre mal formuliert hat: „Wohl dem, der die Kinder seiner Feinde nicht zerschmettert, der ihnen die Arme nicht zerbricht, der die Kugel nicht treffen lässt das Herz, den Kopf, die Eingeweide. Reiß nieder bis auf den Grund, reißt nieder den Rachegeist. Die ihr gefangen haltet, wollen euch nicht singen, die ihr anstachelt, fröhlich zu sein, haben die Harfen weggehängt. Guter Rat bleibt ungesagt. Wohl dem, der die die Hand nicht wegstößt, die mit Gesten spricht: Liebe deinen Nächsten, er ist wie du.“

Gebet, Vaterunser, Segen