Motettenansprache

  • 30.01.2026
  • Bischof em. Prof. Dr. Martin Hein

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Epiphanias, liebe Gemeinde, ist die Zeit, die von der Erscheinung Gottes handelt. Er tritt aus der Verborgenheit heraus, wird sichtbar und erkennbar. Es geht in diesen Wochen um Erleuchtung, um Orientierung, auch um Rechenschaft darüber, woran wir unser Leben ausrichten. Diese Frage ist nicht nur persönlich gemeint, sie berührt uns in gleicher Weise als Gesellschaft. Darum lautet sie auf den alles entscheidenden Punkt gebracht: Wer ist Herr der Welt?

Dass ich uns diese Frage stelle, kommt nicht von ungefähr. Sie drängt sich am heutigen Tag geradezu auf: Denn am 30. Januar 1933, vor genau 93 Jahren, wurde Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt. Die nationalsozialistische Propaganda verklärte das Datum zum „Tag der nationalen Erhebung“ und sprach von „Machtergreifung“.  An diesem Tag wurde verherrlicht, was in finsterste Zeiten hineinführte. Ein Jahr später wagten nur wenige das klare Bekenntnis gegen den Anspruch des totalitären Staates, dass uns durch Jesus Christus „frohe Befreiung aus den gottlosen Bindungen dieser Welt“ widerfährt. Das heißt doch: Wenn Menschen sich über Menschen erheben, werden Gemeinschaften gleichgültig, Menschenrechte verletzt und Gewissen gebrochen. Wir dürfen ihnen niemals die Stelle einräumen, die allein Gott gehört, müssen aufmerksam wahrnehmen,  wo die biblische Botschaft verzerrt und menschliche Stärke vergöttert wird.

Die Gefahr der Verführung ist ja seither nicht gewichen. Sie bedroht uns erneut mit entsprechenden politischen Parolen. Wir sind weiterhin gefordert, genau hinzusehen und zu unterscheiden, wo die „gottlosen Bindungen dieser Welt“ sind, dürfen uns von ihnen nicht blenden lassen oder uns ihnen einfach blindlings hingeben.

„Der Herr ist König“: So hieß es in der Vertonung von Johann Pachelbel, die nach der musikalischen Bitte um Gottes Gegenwart einen ersten starken Akzent setzt: „Erhebet den Herrn!“ Und in Orlando di Lassos darauffolgender Motette haben sich die Stimmen aufgeschwungen und ineinander gegriffen, um uns durch die Melodieführung in eine Bewegung nach oben mitzunehmen: „Auxilium meum a Domino“ – „Meine Hilfe kommt von dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.“

Wir erkennen auf verschiedene Weise, wie Gott in unserer Welt wirkt. Das ist für mich der geheime rote Faden, der sich durch die wunderbare Chormusik zieht, die wir heute Abend hören und der wir folgen.

In der Erzählung von der Verklärung, die Johannes Weyrauch seiner Motette zugrunde legte, erfahren die Jünger für einige Augenblicke die Herrlichkeit Jesu: unverstellt und eindeutig. Und als diese visionäre Erscheinung mit Mose und Elia endet, fasst der Evangelist Matthäus das Geschehen in dem einen Satz zusammen: „Als sie aber ihre Augen aufhoben, sahen sie niemand als Jesus allein.“ In ihm konzentriert sich Gottes Offenbarung. Der Blick auf ihn prägt unseren Glauben und unsere Hoffnung.

Aus solchem grenzenlosen Vertrauen erwächst sodann die Bitte, die sich über die ganze Menschheit wölbt und uns miteinander verbindet: „Verleih uns Frieden.“ Sie ist Ausdruck einer Sehnsucht, die über den Augenblick hinausreicht. Sie traut Gott zu, dass sein Frieden Menschen und Verhältnisse verwandelt, dass er Wege der Versöhnung eröffnet und Feinde zueinander führt. Wo immer diese Bitte erklingt, befehlen wir unsere Welt Gott an – mit all ihren Kriegen, Schrecken und Wunden, auch mit all ihren Sehnsüchten. „Es ist doch ja kein andrer nicht, der für uns könnte streiten!“

Und folgerichtig mündet diese Zuversicht schließlich in den Lobgesang der Maria ein, der seit vielen, vielen Jahrhunderten erklingt: „Magnificat anima mea Dominum“ – „Meine Seele erhebt den Herrn.“ Sie macht ihn groß! Denn Gott entmachtet di Despoten nimmt sich der Niedrigen an. Er schafft Gerechtigkeit und steht treu zu seinen Verheißungen. Das Magnificat ist das Lied der radikalen Hoffnung, ist ein Bekenntnis dazu, dass Gott mitten in der Geschichte handelt.

Die Melodie, in der das Magnificat erklingt, gibt diesem Bekenntnis einen klaren Ausdruck. Sie trägt das Wort, das im ruhigen Gesang Raum gewinnt, trägt es weiter, hält an entscheidenden Stellen inne und lässt das Gesagte in uns nachklingen. Gottes Größe wird hörbar – und mit ihr die Gewissheit, dass seine Macht und seine Treue nicht vergehen.

Ja, liebe Gemeinde, es ist so: In unserer Welt wimmelt es von Machtansprüchen und Machtangeboten, von schnellen Antworten, von den Versprechungen, dass Autokraten oder Ideologien oder ein System alles richten werden. Verführerisch ist das – aber zerstörerisch sind die Folgen.

Darum noch einmal zurück zum Anfang: Wem geben wir das letzte Wort über unser Leben? Wer ist Herr der Welt?

Die Worte der Heiligen Schrift, der Gesang und unser Gebet antworten darauf: Es ist Gott allein, der sich uns in Jesus Christus zeigt. Darum sind wir als seine Kirche berufen, entschieden aufzutreten und wachsam zu bleiben – im Hören auf Gottes Wort, im Eintreten für Wahrheit und Menschenwürde, im Widerstand gegen jede Form von Verführung durch Macht, Lüge oder Hass und im mutigen Zeugnis für den Frieden, den Christus uns anvertraut.

Um das zu können, brauchen wir Gottes Segen und Beistand. Deshalb bitten wir für uns und unsere Welt, bevor wir auseinandergehen: „Bleibe bei uns, Herr!“ Er wird es tun! Denn er ist der Herr der Welt! Amen.

Gebet

Herr, unser Gott,

du zeigst uns, wie deine Herrlichkeit in Jesus Christus aufleuchtet,
und öffnest uns die Augen für das, was vor uns liegt.

Wir bitten dich:

Bewahre uns davor, falschen Mächten zu vertrauen.
Hilf uns zu unterscheiden, wem wir in unserem Leben folgen.

Gib uns Eindeutigkeit, wenn Hass und Gewalt zunehmen,

wenn Menschen sich selbst erhöhen und andere erniedrigen.

Wir rufen: Herr, erbarme dich!

Schenke uns wache Augen für die Not in Welt:

für die Menschen in Kriegsgebieten,

für Geflüchtete und für Hungernde.

Lass uns ihr Leid sehen

und rühre diejenigen an, die politische Verantwortung haben.

Wir rufen: Herr, erbarme dich!

Gib uns ein empfindsames Herz für alle,
die krank oder einsam sind, mutlos oder überfordert,
für die, die um einen geliebten Menschen trauern,
für alle, die keine Stimme haben.

Wir rufen: Herr, erbarme dich!

Lehre uns, auf Dich zu vertrauen.

Halte unseren Blick fest auf dich gerichtet.

Du allein bist der Herr der Welt!