Motettenansprache

  • 15.05.2026
  • Pfarrer i.R. Christian Wolff

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„Heute ist der 10. Januar 1610. Die Menschheit schreibt in ihr Journal ein: Himmel abgeschafft." So lässt Bertold Brecht den Naturwissenschaftler Galileo Galilei im gleichnamigen Schauspiel sprechen. Galilei hatte gerade entdeckt, dass die Erde nicht der Mittelpunkt des Weltalls ist. Sein Schüler antwortet ihm darauf: „Das ist furchtbar."

Furchtbar war das nicht nur für eine Kirche, die um ihre Machtstellung bangen musste. Furchterregend war die Entdeckung für viele Menschen, weil die alte Sicherheit eines festgefügten Weltbildes dahin war. Die Erde - nur noch ein Stern unter vielen Sternen. Der Himmel - das war nicht mehr das schützende Dach, das sich wie eine Glocke über die Erdscheibe wölbte. Der Himmel wurde zu einem offenen Fenster - mit freiem Blick ins Nichts der Unendlichkeit. Die Bezugslosigkeit, und damit auch die Beziehungslosigkeit menschlichen Lebens hatte begonnen. Und mit dem Verlust des altvertrauten Gefüges von Oben und Unten geriet das Vertrauen in das Schalten und Walten eines allmächtigen und barmherzigen Gottes ins Wanken.

Und doch - der Traum vom Himmel, der Traum von einem in sich ruhenden Weltgefüge, die Sehnsucht nach einer sich erfüllenden Utopie des Glücks, durch die sich alle Widersprüche in ein himmlisches Wohlgefallen auflösen - das bewegt uns Menschen auch im dritten Jahrtausend. Denn die Selbstzerstörung des ganz auf die Erde zurückgeworfenen und im Diesseits gefangenen Menschen hat ein bedrohliches Ausmaß erreicht. Eine atheistisch geprägte Anschauung der Welt kann für das, was an Katastrophen geschieht, nicht mehr einen allmächtigen Gott verantwortlich machen. Sie ist auf sich allein gestellt - auch in ihrem Versagen. Auch das ist für viele Menschen furchterregend.

Allmachtsstreben, Herrschaftssucht, Gnadenlosigkeit sind die Folgen davon, dass der Mensch sich zum Mittelpunkt und zum Maß aller Dinge gemacht hat. Denn alles, was wir Menschen erstreben, muss nun in der jeweils sehr kurz bemessenen Lebenszeit vollendet werden. Eine Jenseitshoffnung, die sich gleichermaßen als Kraftquelle für diesseitige Lebensgestaltung erweist und die Wohltat der Begrenzung in sich birgt, ist aus dem Bewusstsein geraten. Da muss der Anspruch des Glaubens, im Zweifelsfall allein auf Gott zu vertrauen, dem auf sein Selbst geworfenen Menschen wie ein gedanklicher Fremdkörper vorkommen.

Auf der anderen Seite erhalten wir aber gerade durch diese Glaubensgewissheit die Möglichkeit, dem zerstörerischen Wirken der Mächte und Gewalten zu widerstehen. Der Glaube führt uns also mitten in die höchst aktuelle Auseinandersetzung um die verschiedenen Ansprüche von Herrschaft und Ideologien. Davon zeugt der 146. Psalm, den wir gerade gehört haben. Er verbindet das Gotteslob mit der konkreten Erfahrung, dass Gott Recht und Gerechtigkeit schafft. Aber die Motette „Ascendens Christus in altum“ besingt die revolutionäre, befreiende Kraft, die von der Himmelfahrt Jesu ausgeht:

Er ist in den Himmel hinaufgestiegen und hat gefangen genommen, was uns gefangen hielt.

Psalm 68,19

Was für ein wunderbares Bild der Befreiung! Ja, mit der Himmelfahrt Jesu ist die Entmachtung der Mächtigen verbunden. Ihr Herrschaftsanspruch ist gebrochen. Das ist die eigentliche Botschaft des Himmelfahrtstages.

Dennoch müssen wir uns mit den Folgen des abgeschafften Himmels herumschlagen: Denn auf uns selbst gestellt, drohen wir aufgerieben zu werden im Widerstreit, alles selbst in die Hand nehmen zu wollen, es aber nicht zu können. Ist es da verwunderlich, dass angesichts der Probleme immer mehr Menschen sich flüchten in einen selbstversunkenen Himmelsblick? So wie die Jünger Jesu, die in den Himmel starrten, nachdem Jesus von einer Wolke umhüllt gen Himmel auffuhr? In der Apostelgeschichte wird berichtet:

Eine Wolke nahm Jesus auf, so dass die Jünger ihn nicht mehr sehen konnten. Als sie nach oben starrten, standen plötzlich zwei weißgekleidete Männer neben ihnen. „Ihr Galiläer“, sagten sie, „warum steht ihr hier und schaut nach oben?“

Apostelgeschichte 1,9-11

Mit der Entrückung Jesu war für die Jünger auch ein Stück Himmel abgeschafft. Es blieb ihnen die triste Ödnis der Erde und die Aussichtslosigkeit gegenwärtigen Lebens. Also stehen sie wie gebannt da und starren zum Himmel. Doch durch die Frage der beiden Männer werden die Jünger unsanft aus ihrer Verträumtheit geweckt: Da oben, im Himmel, könnt ihr die Erfüllung aller Hoffnung genauso wenig entdecken wie der russische Raumfahrer Juri Gagarin, der vor 65 Jahren aus der Astronautenkapsel vergeblich nach Gott Ausschau gehalten hatte.

Alles, was wir zum Leben brauchen, hat uns Jesus schon vor die Füße gelegt. Martin Luther veranlasste das zu der markanten Bemerkung: „Non gaff gen coelum, hier unten hast du's." Glotzt nicht in den Himmel, wendet den Blick nach unten, damit Jesus, wenn er wiederkommt, uns nicht himmelzugewandt, hochnäsig, halsstarrig, sondern bei der Arbeit für die Menschen sieht. Denn der Auftrag Jesu an uns Menschen lautet ja nicht, Stufe um Stufe eine Himmelsleiter zu erklimmen, sondern den Weg von der Höhe des Berges gläubiger Entrückung in die Niederungen des Lebens anzutreten. Diese Gewissheit, dieses Vertrauen können nicht abgeschafft werden. Darum sollen wir unser Leben nicht bestimmen lassen vom Verlust des Himmels, sondern vom Gewinn neuer Hoffnung für diese Erde. Amen.

Gebet

Gott, unser Vater,

du hast durch Jesus Christus

Himmel und Erde miteinander verbunden.

So können wir neue Heimat finden

auf dieser Erde.

Wir brauchen nicht wie Irrende unterwegs zu sein,

von der Sehnsucht

nach verpassten Gelegenheiten getrieben,

die sich im Nirgendwo verliert.

Denn du suchst uns in unserer Verlorenheit auf

und berufst uns neu zum Leben.

Befreie uns dazu,

voll Vertrauen uns den Aufgaben

zuzuwenden,

die wir auf dieser Erde vorfinden.

Stärke du dabei

unseren Glauben, unsere Hoffnung,

unsere Liebe.

Mit Jesu Worten beten wir:

Vater unser im Himmel …

Christian Wolff, Pfarrer i.R.

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