Motettenansprache

  • 15.04.2023
  • Pfarrer i.R. Christian Wolff

Heute Nacht ist es soweit. Dann werden die letzten drei Atomkraftwerke abgeschaltet – ein Ereignis von historischer Bedeutung, das aber nach wie vor umstritten ist. Denn angesichts der Energieprobleme und des Klimawandels erfreut sich die friedliche Nutzung der Atomkraft plötzlich einer unerwarteten Akzeptanz. Sie sei eine saubere Energie, heißt es. Ohne Not sollte man auf sie nicht verzichten.

 

Doch was hat vor fast 50 Jahren auch viele Christenmenschen dazu veranlasst, gegen den Bau von Atomkraftwerken auf die Straße zu gehen, im konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung in beiden Teilen Deutschlands für einen Ausstieg aus der Kernkraft zu votieren? Die Älteren unter unseren Gästen aus Schopfheim werden sich vielleicht noch erinnern an die Auseinandersetzungen um das geplante Atomkraftwerk im badischen Wyhl in den 70er Jahren. Damals protestierten Tausende konservative Bürgerinnen und Bürger, christlich gesinnte Bauern und Winzer gemeinsam mit langhaarigen Jungen Menschen aus der alternativen Szene gegen den Bau der Atommeiler. Ihnen wurde entgegengehalten: Wenn Wyhl nicht gebaut wird, gehen in Baden-Württemberg die Lichter aus. Wyhl wurde nicht gebaut, und Südbaden ist alles andere als Dunkeldeutschland.

 

Auch auf meinem Auto klebte damals leuchtend „Atomkraft – nein Danke“. Für mich waren und sind drei Gründe ausschlaggebend, den heutigen Tag nachdenklich-dankbar zu begehen:

  • Einer Technologie, die als sog. Restrisiko die Unbewohnbarkeit ganzer Regionen zur Folge hat und auf Generationen Menschenleben schädigt, liegt eine tödliche Anmaßung des Menschen zugrunde: es wird schon nichts passieren. Aber es ist leider viel passiert – und jetzt sehen wir im Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine, wie schnell ein Atomkraftwerk zu einer Atombombe werden kann.
  • Das Funktionieren der friedlichen Nutzung der Atomkraft setzt den unfehlbaren Menschen und eine ewig andauernde Folgenbewältigung voraus. Das aber widerspricht dem biblischen Menschenbild.
  • Die Entsorgung des Strahlenmaterials ist bis heute nicht geklärt und kann auch nicht geklärt werden, weil kein Mensch eine sichere Lagerung des atomaren Restmülls über Tausende von Jahren garantieren kann.

Die Atomkraft, friedlich und militärisch genutzt, ist ein Produkt menschlicher Hybris. Was aber der Überheblichkeit des Menschen entspringt, ist für ihn auf Dauer nicht mehr beherrschbar bzw. beherrscht zunehmend ihn. Das Tragische an der Sache: Wir Menschen wollen nicht wahrhaben, dass wir machtlos sind gegenüber den Dingen, die wir selbst anrichten.

 

Das gilt auch für den Krieg und alles, was ihn ermöglicht. Auch er ist Ausdruck von einer ungeheuerlichen Anmaßung und Überheblichkeit – kann aber ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr von denen gesteuert werden, die ihn anzetteln. Die Folgen sind verheerend. Leider lässt sich Krieg nicht abschalten wie ein Atomkraftwerk. Krieg ist der Supergau jeglicher Hochrüstung, den es eigentlich zu verhindern gilt – ausgelöst durch einen Gott verachtenden Macht- und Herrschaftsanspruch einzelner Diktatoren, Nationen, Bevölkerungsgruppen.

 

Und nun ist die Frage: Gibt es eine Möglichkeit, die Mechanismen rechtzeitig zu durchschauen, die uns immer wieder dazu verführen, wissentlich das Falsche zu tun? Ja, wenn wir uns das aneignen, was uns vor verhängnisvoller Selbstüberheblichkeit bewahrt: Demut – nicht vor Menschen und Mächten, sondern vor Gott. Darum steht am Anfang eines jeden Gottesdienstes, auch dieser Motette das „Kyrie eleison – Herr, erbarme dich“. Vor Gott lösen sich jede von Menschen gemachte Hierarchie, jeder Machtanspruch auf. Mit dem „Kyrie“ steigen wir von unseren selbstgemachten Podesten und anerkennen die Gleichberechtigung aller Menschen. Säkular ausgedrückt können wir das „Kyrie eleison“ übersetzen mit der Redewendung „Nun komm mal runter!“. Indem wir uns in dieser Weise vor Gott in Demut üben, bejahen wir: Nicht wir sind Schöpfer des Lebens; aber jeder Mensch ist ein Geschöpf Gottes, mit Recht und Würde gesegnet. Nicht wir sind Herr aller Dinge; sondern wir leben für eine sehr begrenzte Zeit hier auf Erden und alles, was wir tun, haben wir vor Gott und den Menschen zu verantworten. Und schließlich gilt es zu erkennen, dass die Vollendung des Lebens sich nicht auf Erden vollzieht. Die Vollendung steht uns erst bevor. Eine solche, auf Gott bezogene Lebenshaltung wird von denen im besten Fall missachtet und im schlimmsten Fall bekämpft, die sich zum Herrn aller Dinge erklären und gleichzeitig Mensch und Natur in den Abgrund reißen.

 

Wir haben gerade in der eindrucksvollen Vertonung von Christoph Bogon die österliche Auferstehungsbotschaft vernommen. Wir verdanken sie dem Apostel Paulus:

Es wird gesät verweslich und wird auferstehen unverweslich.

1. Korinther 15,42

Was hier auf Erden geschieht, unterliegt der Vergänglichkeit. Alles bleibt bruchstückhaft, fehlerhaft und unvollendet. Aber alles, was wir hier leben und gestalten, soll schon einen Hinweis geben auf das, was mit der Auferstehung kommen soll und mit Jesus Christus angekündigt wird. Wir werden es nachher im Lobgesang der Maria „Meine Seele erhebt den Herren“ hören, worauf es ankommt: dass Machtverhältnisse eingeebnet, Ungerechtigkeiten beseitigt werden und Barmherzigkeit waltet. Dieses kann nicht dadurch erreicht werden, dass sich ein Mensch über den anderen, eine Macht über die andere erhebt. Ostern verleiht uns die Kraft, der eigenen Anmaßung zu widerstehen und gerade dadurch dem Leben und dem Frieden zu dienen. Amen.

 

Christian Wolff, Pfarrer i.R.

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