Motettenansprache

  • 09.05.2026
  • Pfarrerin Jutta Michael

PDF zur Motettenansprache HIER

Am Montag dieser Woche war mitten in der Leipziger Innenstadt ein Mann mit einem Auto in eine Menschenmenge gefahren. Zwei Personen starben. Die Behörden sprechen von einer "Amokfahrt". Der Fahrer wurde festgenommen.

Die Motette wurde musikalisch gestaltet vom Thomanerchor. Sie bezog sich in Lesung, Lied und Stücken des Chores auf das Thema des Sonntags Rogate. Gelesen wurde Johannes 16,23b –28.33, aus den Abschiedsreden Jesu. Es erklangen Auszüge aus der h-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach.

Ansprache

"Mit allem haben wir gerechnet, nur nicht mit Kerzen und Gebeten.“

Diesen Satz soll Horst Sindermann gesagt haben, der ehemalige Vorsitzende des DDR-Ministerrates angesichts der Montagsgebete 1989 und der brennenden Kerzen, die aus den Kirchen in die Stadt getragen wurden.  

 

Liebe Motettengemeinde,

an diesen Satz musste ich denken, da am vergangenen Dienstag, einen Tag nach der furchtbaren Amokfahrt hier in Leipzig in der Nikolaikirche der Todesopfer gedacht wurde;

Für sie wurde gebetet, für die Verletzten und für die Angehörigen der Opfer und für alle, die betroffen und erschüttert in den Kirchen der Stadt einen Ort der Trauer und des Trostes fanden.

Ihr habt gesungen, liebe Thomaner, von Jakob, der mit Gott ringt - was er eher ahnt als erkennt - und als es ihm bewusst wurde, von ihm den Segen fordert: „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn!“.

Die Bach-Motette überträgt diese Bitte auf Jesus. Mit ihm hat Gott einen Namen bekommen, eine reale Biografie. Zu ihm sollen wir beten.

 

So hörten wir aus der Lesung des Johannes. Der Evangelist schreibt von dem, was wirklich trägt,                            

was Menschen miteinander verbindet und die Gegenwart verändert, weil Gott mittendrin zu finden ist.

Der bereits zitierte ehemalige DDR-Machthaber soll weiter noch dies gesagt haben über die Montags-Gebete: „Sie haben uns wehrlos gemacht.“ Gebete können Mächtige entwaffnen.

Sie führen Menschen zusammen, die gegen Unrecht aufstehen. Sie schaffen eine neue Gegenwart.

 

In der Stadt werden Orte des Andenkens und des Gebets eingerichtet, es werden Kerzen endzündet, um zu zeigen: Wir gehen nicht einfach über das Geschehene hinweg.

Wir wollen uns nicht schnellen Vorverurteilungen anschließen und suchen doch nach Orientierung und Haltung. Wir wollen nicht einfach darüber hinweggehen, dass wir die Verletzbarkeit unserer Gesellschaft jetzt hautnah erlebten. Und sind uns doch bewusst: Wir wollen und müssen weiter gehen, in unseren Alltag, zu unseren Aufgaben. Unsere Aufmerksamkeit füreinander ist jetzt wacher, unser Blick für die Probleme geschärfter.

Diese guten Zeichen eines lebendigen Miteinanders wollen wir bewahren. Wir werden im Gespräch bleiben, über unsere Ängste, über die Unsicherheit, über offene Fragen, die Zukunft unserer Gesellschaft und unseres Miteinanders betreffend. Und das Gebet verbindet uns. Das Gebet schafft neue Gegenwart, da wir füreinander beten und aneinander denken, und Gott mittendrin. Beten kommt unserem Wunsch entgegen, zu verbinden, was auseinander zu driften droht und zu heilen, was unser Miteinander verletzt hat.

So lässt sich der Text des Evangelisten Johannes lesen. Jesus spricht zu seinen Jüngern als Gemeinschaft. Er sagt „Ihr werdet bitten…“ und „Euch habe ich dies gesagt, damit ihr Frieden habt.“. Dieser Text hat in der Bibel die Überschrift „Abschiedsreden Jesu“.

Man kann ihn also lesen als Trost für die Freunde Jesu, die schon mitbekommen hatten, was ihn erwartet: Gefangennahme, Leiden und Tod. Die Reden gelten aber auch den Jüngern, die nach der Auferstehung Jesu sich neu sortieren mussten: zwischen tiefer Verunsicherung und keimender Hoffnung, in Angst und doch vertrauend, dass etwas von dem, was Jesus gelebt und gepredigt hatte, wahr werden würde.

Damit richten sich die Trostworte Jesu an uns. Sie gelten für unsere Zeit. Sie sind für uns aufgeschrieben, die wir nach Trost und Orientierung suchen.

Dem entspricht das Gebet. Es ist existentielle Rede. Es sind Worte, in der Not gesprochen.

Es ist Bitte, die aus einer tiefen Sehnsucht kommt. Es ist Dank für alles, was überrascht, für Heilung und Neuanfang. Das Gebet spricht die Verletzung an, die wir als Gesellschaft erfahren. Es bereitet den Raum für die Erfahrung, dass unser Miteinander bedroht ist, findet Worte für das Eingestehen von Scheitern und Schuld.

Kyrie eleison. Herr, erbarme dich. Erbarme dich unser, werden wir nachher aus der h-Moll-Messe von Johann-Sebastian-Bach hören. Wir hören es als bewegende Bitte einzelner, als ergreifende Bitte einer Gemeinschaft, die mit Gott als Gegenüber fest rechnet.

Darum, wenn wir in Jesu Namen beten, erinnern wir, was Jesus gepredigt, gelehrt und gelebt hat.

Wir erinnern an Ostern, an die Überwindung des Todes durch die Kraft der Liebe.

Wir erinnern an Ostern als Sinnbild der Erfahrung, dass der Zustand von Endlichkeit, von Lähmung und Hoffnungslosigkeit sich wandeln wird.

Wir nehmen diesen Glauben und vertrauen darauf: Wir können auferstehen, ein verfahrenes Miteinander wieder neu aufleben lassen unter uns. Wir werden aus der Haltung des Gebetes, dass Jesus uns gelehrt hat, Raum für Trost, Verstehen und Hoffnung schaffen.

Wir nehmen davon die Kraft, neuen Einsichten zu trauen. Wir werden aufstehen gegen die Unmenschlichkeit.

Wir werden auf Frieden beharren.

Gebete und Kerzen können Wunder bewirken.

Im Namen Gottes.                                                                                          

Amen

Lasst uns beten:

Gott des Trostes,

wir kommen zu dir mit dem Erschrecken über die Gewalt, die unsere Stadt getroffen hat.
Wir denken an die Menschen, die aus dem Leben gerissen wurden, und bitten dich: Nimm sie auf in deinen Frieden.

Wir bitten dich für die Verletzten: Schenke ihnen Heilung an Leib und Seele.

Wir bitten dich für die Angehörigen und Freunde: Sei ihnen nahe in ihren Sorgen und ihrer Trauer.

Zeige uns Wege und Möglichkeiten, ihnen zur Seite zu stehen.

Lass uns als Gesellschaft zusammenstehen und wachsam bleiben für ein gutes Miteinander.

Gib, dass wir Hass und Oberflächlichkeit begegnen und dem das Wertvollste, was wir haben, entgegensetzen: Mitgefühl und Nächstenliebe.

Barmherziger Gott, du hörst uns und kennst uns.                                                                  

Hilf, dass aus unseren Gebeten Haltung und Tat erwächst, damit dein Reich sichtbar werde.

Amen