Motettenansprache
- 28.08.2026
- Pfarrerin Jutta Michael
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Motettenansprache 28. August 2026
Pfarrerin Jutta Michael
Vor der Ansprache erklangen die Werke: Edward Grieg, Psalm 1, Wie bist du doch schön, Text: Hans Adolph Brorson nach dem Hohelied; sowie Johann Hermann Schein: Freue dich des Weibes deiner Jugend, Spr. 5,18b 19 und Maurice Duruflé: Ubi caritas et amor, Wo die Liebe ist, da ist Gott.
Liebe Motettengemeinde,
vor einigen Jahren hatten die Mädchen erfolgreich ihren Schulabschluss an der Oberschule gemacht.
In einem Brief an die Schulleitung bedankten sie sich für die Bestärkung, die sie durchs Schulteam erfahren konnten.
Sie beschrieben aber auch, was diese nicht gesehen hatten: Versteckte Herabwürdigungen von patriarchalisch erzogenen Jungs:
abfällige Bemerkungen während eines Vortrages, übergriffige Gesten, kaum zu sehen.
Sie wollten aufmerksam machen auf Haltungen, die sie als Mädchen verletzt hatten.
Wo die Liebe ist, da ist Gott, so haben wir gerade gehört: Ubi caritas et amor, Deus ibi est.
Im lateinischen Text können für den Begriff Liebe zwei Worte verwendet werden: caritas und amor.
In der deutschen Sprache können wir nicht unterscheiden: da die religiöse, dort die weltliche Liebe. Die Gelehrten haben oft versucht, hier eine Grenze zu ziehen.
Sie sagten, caritas – das sei die göttliche Liebe, die von sich selbst absieht. Und amor – die menschliche Liebe: sie folgt der Sehnsucht.
Für unser Miteinander lässt sich das nicht trennen:
Wir brauchen Regeln für unsere Begegnungen, begründet aus dem Glauben: gegenseitigen Respekt, Achtung voreinander, wie es auch der Vers aus dem Buch der Sprüche beschreibt.
Wir hörten ihn musikalisch nach Johann Hermann Schein: Leben aus der Weisheit Gottes heißt, einander zugewandt bleiben, miteinander eine sich vertiefende Beziehung gestalten.
Zur Freude gereicht sie, wenn sie eine Leben lang hält: Freue dich des Weibes deiner Jugend.
Haltung, die erprobt werden muss, im täglichen Miteinander.
Wie gut, dass die ehemaligen Schülerinnen den Mut hatten, zu kritisierten, was sie verletzt hatte.
Sie wurden von der Schulleitung ernst genommen.
Man schloss sich einem Programm an, welches durch Förderung des gegenseitiges Respekts und durch Aufklärung frauenfeindliches Verhalten abbauen half und damit insgesamt das Schulklima verbesserte.
Die Schülerinnen haben ihre Wahrnehmung ernst genommen. Sie haben darauf bestanden, so, wie sie sind, gehört zu werden. Sie haben sich darin geübt, selbstbestimmt für ihre Bedürfnisse und ihre Werte einzutreten.
Wir können diese Werte aus unserem Glauben nehmen.
Die Liebe zwischen Menschen ist dabei nicht zu trennen von der Liebe Gottes:
Davon singt das Hohelied der Bibel.
Die Liebe wird dort gefeiert als Schönheit des Menschen, als Glück der Nähe in traumhaften Bildern und phantasievollen Metaphern.
Allerdings: von Gott kein Wort.
Schon sehr früh stritt man darum, ob diese Literatur in der Bibel bleiben darf. Und doch haben Menschen durch die Jahrhunderte hindurch in diesen Texten Gott gespürt.
Der pietistische Dichter Hans Adolph Brorson hat die alte Bildsprache des Hohelied aufgegriffen. Wir hörten seine Verse vertont durch Edward Grieg.
Die menschliche Seele findet Schutz beim allerlieblichsten Gottessohn. Er gibt ihr als innig verbundener Freund: Liebe und Geborgenheit.
Bilder der Liebenden werden zur Sprache des Glaubens.
Es ist wohl so: Das Geheimnis der Nähe Gottes zu uns Menschen lässt sich nicht annähernd mit der Sprache des Verstandes fassen.
Es braucht offenbar die Sprache der Liebe. Wie gut, dass uns diese Bibeltexte erhalten sind.
Wir können also gar nicht trennen zwischen einer himmlischen und einer irdischen Liebe.
Ist es nicht vielmehr so, dass die eine durch die andere hindurchscheint, die eine auf die andere angewiesen ist?
Unser menschliches Lieben braucht es, in der Liebe Gottes verankert zu sein. Sie lässt uns frei, nimmt uns an, wie wir sind. Jegliche Form von Ungleichheit macht uns krank. Die Liebe Gottes schützt uns vor falsche Abhängigkeiten.
Sie wird zu mitmenschlicher Liebe: getragen vom Respekt vor der Würde des andern als Nächstenliebe und Fürsorge.
Diese „hohe Liebe“ begegnet uns in vielen Formen.
Wir spüren sie bei den Ehepartnern, die einander beistehen, auch wenn Alter und Krankheit beide herausfordern:
Sie pflegte ihren Mann zu Hause: Dann, als sie das nicht mehr schaffte, besuchte sie ihn täglich im Pflegeheim, unterstützt von ihren Kindern und Enkeln.
Wir feiern diese Liebe im Hochzeitfest. Sie geben einander das traditionelle Eheversprechen. Nicht aus einer idealisierenden Stimmung heraus, sondern weil sie ihre Beziehung in Gottes Schutzraum verankern wollen.
Wir finden sie in der verlässlichen Zuwendung im Alltag der Familie, sehen Kinder hineinwachsen in ein lebendiges Gefüge von Verbindlichkeit und Freiheit. Das macht sie stark für die kommenden Krisen.
Und: Wir begegneten ihr in der klaren Zurückweisung von Herabwürdigungen, durch die Schülerinnen zur Sprache gebracht, und dem nachhaltigen Ernstnehmen durch verantwortliche Erwachsene.
Zunehmender Polarisierung und den daraus folgenden Konflikten für unser Miteinander wird man so besser begegnen können.
Die Liebe ist die uns alle treibende Sehnsucht nach Nähe, nach Anerkennung, nach ganzheitlicher Entfaltung.
Und: Sie ist das Bewusstsein, dass wir in diesen elementaren Bedürfnissen aufeinander gewiesen sind.
„Mein Nächster ist Gottes Kind, wie ich“, werden wir gleich hören im folgenden Choral, und antworten:
„Du Gott, vergibst mir täglich, und ich sollte nicht Geduld haben, verzeihen, und damit deine Liebe unter uns lebendig halten?“
Wo die Liebe ist – in all ihren menschlichen Formen: unsicher, suchend, leidenschaftlich, helfend und verzeihend –, da ist Gott.
Amen.