Motettenansprache
- 09.10.2026
- Kirchenrat Lüder Lakowski
Ansprache zur Motette am 9. Oktober 2026 zu Epheser 4,22-32
Liebe Motettengemeinde,
er konnte es nicht fassen. Zehntausende waren hier mit ihm auf dem Leipziger Ring. Viele schweigend unterwegs. Verzagt noch. Er verstand, dass sie misstrauisch und vorsichtig blieben. Ihm war auch nicht nach lautem Rufen, wie es hin und wieder in Chören aufbrandete, in diesem langen Zug. Konnte er dem Frieden trauen? Ging das gut? Und würde sich endlich etwas ändern? Konnte inmitten der Resignation, des sarkastischen Spotts über die Verhältnisse, der zerrütteten Wirtschaft, in der sich viele bedienten, wie sie es brauchten, inmitten der Gewalt, die als Drohung der Staatsmacht wie als allgemeine Militarisierung bis hinein in die Schulen immer da war … Konnte in dieser Lage überhaupt etwas Neues entstehen. War das denkbar? Und doch ging er weiter mit. Blieb auf dem Weg rund um die Innenstadt. Er wusste schon damals ganz genau: Das Bild würde in ihm haften bleiben, ein Leben lang. Natürlich, weil es ein historischer Moment war. Aber auch, weil ihm dieser Zug um die Mitte der Stadt, um das Zentrum schon damals wie eine Metapher schien. Sie waren aus dem Gebet in der Kirche herausgetreten, und dann auf den Ring gezogen. Hier nun war etwas im Schwange, die Ahnung von einer neuen Wirklichkeit, einem besseren Leben in Freiheit, der Möglichkeit, das Leben selbst gestalten zu können, eine gerechtere Gesellschaft zu bauen, der Schöpfung endlich wieder Respekt entgegenzubringen. Aber es war nicht erreicht. Es wurde umkreist an diesem Oktoberabend 1989. Verbunden mit all den widersprüchlichen Gefühlen und Gedanken. Voller Hoffnung und Furcht, verzagt und euphorisch, mit zitterndem Herzen festen Schrittes. In diesem Bild lag für ihn tiefe Weisheit.
Paulus schreibt im 4. Kapitel des Briefes an die Epheser: Eph4,22 Legt von euch ab den alten Menschen mit seinem früheren Wandel, der sich durch trügerische Begierden zugrunde richtet. 23Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn 24und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit. … Gott segne an uns dieses Wort.
Heute erinnert er sich. Das Bild von der Menge, die das Zentrum umkreist, steht immer noch so deutlich vor ihm wie am Tag danach, als alles gut gegangen war. Doch was damals noch unscharf gewesen, hatte an Schärfe gewonnen. Die Metapher war gefüllt mit Erfahrungen und Erlebnissen aus 37 verflossenen Jahren. Er selbst war immer noch nicht am Ziel. War hinter den Möglichkeiten zurück geblieben, die sich ihm geboten hatten. So jedenfalls sein Eindruck. Er wusste, dass das nicht nur an ihm lag. Aber dennoch auch. Nein, er war nicht angekommen und auch nicht das Land hier. Die Unruhe war geblieben. Immer noch umkreisen er und die Anderen die Mitte. Kommen nicht ans Ziel. Wieder wachsen die innere Unruhe und ein Aufbruch scheint bevor zu stehen. Wohin er führen würde, war unklar. Es kann eine Katastrophe werden, gewalttätig und menschenfeindlich. Oder es ist möglich, durchzudringen in eine bessere, lichtere Zukunft. In dieser Mischung sind er und das Land heute wieder unterwegs, aus Hoffnung und Furcht, verzagt und euphorisch, festen Schrittes und mit zitterndem Herzen.
Paulus schreibt weiter: 25Darum legt die Lüge ab und redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten, weil wir untereinander Glieder sind. 26Zürnt ihr, so sündigt nicht; lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen 27und gebt nicht Raum dem Teufel. 28Wer gestohlen hat, der stehle nicht mehr, sondern arbeite und schaffe mit eigenen Händen das nötige Gut, damit er dem Bedürftigen abgeben kann. 29Lasst kein faules Geschwätz aus eurem Mund gehen, sondern redet, was gut ist, was erbaut und was notwendig ist, damit es Gnade bringe denen, die es hören. 30Und betrübt nicht den Heiligen Geist Gottes, mit dem ihr versiegelt seid für den Tag der Erlösung. 31Alle Bitterkeit und Grimm und Zorn und Geschrei und Lästerung seien fern von euch samt aller Bosheit. 32Seid aber untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus.
Er schreckt zurück, es ist ihm unangenehm, das zu lesen. Wer soll diesem Anspruch nachkommen? Er ist so hoch. Stets die Wahrheit sagen – was den Verzicht auf Übertreibungen einschließt. Sich nicht von Ärger hinreißen lassen. Im emotionalen Ausnahmezustand das barsche Wort herunterschlucken und eine freundliche Rückmeldung finden. Sich keinen schlanken Fuß machen und Anstrengung meiden, sondern sich voll einsetzen. Wohlgemerkt nicht, um etwas voran zu bringen oder etwas Sinnvolles zu schaffen, nicht zu eigenem Nutzen, sondern für andere. Nicht schaffen, damit man etwas hat für sich tut, sondern etwas erwirbt, das man mit anderen teilen kann. Noch schwieriger wird es, wenn Paulus zur Art des Umgangs miteinander kommt. Wenn es nichts zu sagen gibt oder eben nur faules Gerede, Verschwörungstheorien, üble Nachrede, Hetze – einfach die Klappe halten. Den Mund nur aufmachen, um für das Gute, Wahre, Schöne einzutreten. Wohlgemerkt, wenn man sich wirklich sicher ist, auch genau dieses zu vertreten und keine Meinung, die bei näherer Betrachtung für zu leicht befunden würde. Und wenn auch noch davon gesprochen wird, Bitterkeit, Grimm, Zorn, Geschrei, Lästerung und alle Bosheit seien zu meiden, dann meint er endgültig angekommen zu sein in den Versuchungen der Gegenwart. Und steht sich selbst unversöhnlich gegenüber, denkt er an die verronne Zeit und wie er in ihr war.
Doch das Bild, das er vor 37 Jahren aufgenommen hat und immer noch in sich trägt, hilft ihm, den Text zu entschlüsseln. Sich nicht vor ihm und seinem Anspruch zu fürchten. Sondern ihn zu nehmen als das was er ist: eine Mahnung, vom Anspruch nicht zu lassen. Vor einem Hintergrund, der tröstet und stärkt. Paulus sagt diese Sätze Menschen, die eine neue Wirklichkeit – in Christus – schon in sich tragen. Vor ihr ist es überhaupt erst möglich, einen solch hohen Ton zu hören, wie in der Apostel anstimmt, ohne dass er schrill in den Ohren pfeift.
Diese Worte knüpfen an den Apostel Paulus an, fassen dessen Lebenshaltung zusammen. „Nicht, dass ich’s schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach“ schreibt Paulus im Brief an die Philipper. Leben aus dem Glauben ist kein abgeschlossener Zustand, sondern ein lebenslanger Weg. Ein Umkreisen in Kenntnis der Mitte. Die lange Liste der Ratschläge bei Paulus ist eine Zumutung, aber keine Überforderung. Weil was er anführt einen realen Anhalt im Zustand der Welt hat – und der Ahnung, was sie zu einem besseren Ort machen würde. Und zugleich Menschen nicht allein lässt mit ihrem Unvermögen, ihrem vergeblichen Ringen um die hohen Ansprüche an sich selbst.
Heute geht er – obwohl es regnet – wie jedes Jahr den Weg um den Ring noch einmal nach. Nachdenklich umkreist er das Zentrum. Er weiß, es ist da, dort liegt es, ein, zwei Seitenstraßen weiter würde er auf dem Markt, in der Mitte der Stadt stehen. Doch schon in diesem Umkreisen liegt die Kraft zur Veränderung. Das Versprechen auf Freiheit. Die Hoffnung auf eine erlöste Welt.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne. Amen.