Motettenansprache

  • 12.09.2025
  • Pfarrer i.R. Christian Wolff

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Am Mittwoch dieser Woche vor 170 Jahren wurde die Große Gemeindesynagoge der Israelitischen Religionsgemeinde Leipzig in der Gottschedstraße/Ecke Zentralstraße, knapp 100 Meter westlich von der Thomaskirche entfernt, eingeweiht. 1855 war das ein herausragendes Ereignis in einer Stadt, die sich im Aufbruch befand. An dem Gottesdienst nahmen die Repräsentanten der Stadtgesellschaft teil. Im Gottesdienst wirkte auch der Thomanerchor mit. Noch war der Aufbruchsgeist der bürgerlichen Revolution von 1848 zu spüren. Dieser hatte in den Religionsgemeinschaften etliche Menschen ermutigt, die religiös-konfessionellen Grenzen zu überwinden. Es kam zu einer ökumenischen Zusammenarbeit zwischen Katholiken, Reformierten, Lutheranern, Orthodoxen und Juden im – wie er sich damals nannte - „Provisorischen Ausschuß der kirchlichen Vereine für alle Religionsbekenntnisse zu Leipzig“. Der herausragende Bürger Leipzigs und Abgeordnete im Frankfurter Paulskirchenparlament, Robert Blum, gebürtiger Kölner Katholik, gründete schon vor 1848 die deutschkatholische Bewegung – ein Versuch, Klerikalismus und autoritäre Strukturen zu überwinden und zur Botschaft Jesu von der Liebe zurückzukehren.

Nun ist aber den Zeitungsberichten über die Einweihung der Großen Gemeindesynagoge zu entnehmen, dass lediglich reformierte, deutschkatholische und griechische Geistliche am Festakt am 10. September 1855 teilnahmen. Die Evangelisch-Lutherische Kirche war nicht vertreten, auch kein Pfarrer der Thomaskirche – ein deutlicher Hinweis darauf, dass es zwischen den offiziellen Kirchen und den jüdischen Gemeinden keine wirkliche Beziehung gab. Dafür herrschte gerade in der Evangelisch-Lutherischen Kirche ein tiefsitzender, christlich motivierter Antisemitismus. Und das, obwohl viele jüdische Mitbürger:innen gerade am kulturellen Erbe der Kirchen teilhaben wollten und einen starken inneren Bezug zur geistlichen Musik hatten. Man denke nur an die Familie Mendelssohn.

Doch die Vorurteile und ein geradezu militanter Konfessionalismus hinderten die Kirchen daran, zur Israelitischen Religionsgemeinde ein Frieden stiftendes Verhältnis aufzubauen. Heute wissen wir und müssen es mit tiefem Erschrecken bekennen, wohin diese über Jahrhunderte gepflegte und gewalttätige religiöse Überheblichkeit geführt hat. In der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden die Große Gemeindesynagoge und viele weitere Synagogen von den Nazis, d.h. von Leipziger Bürgerinnen und Bürgern - darunter werden die Meisten Mitglieder der Kirchen gewesen sein – zerstört. Jüdische Bürger:innen wurden drangsaliert, in Konzentrationslager verschleppt und ermordet. Was für ein ungeheuerliches Verbrechen … und nicht nur hier in der Thomaskirche ging im November 1938 alles so weiter, als wäre nichts geschehen.

Dabei spielte sich – für jeden sichtbar - Grauenhaftes in der Stadt, auf den Straßen und in den Häusern ab. Opfer waren jüdische Bürger:innen, von denen nicht wenige bis zur Zeit des Nazi-Terrors mit Begeisterung und Andacht die Motetten mit dem Thomanerchor besuchten. Sie waren in der Musik und Kultur und in dem Glauben beheimatet, von denen die geistlichen Werke in Kirche und Synagoge zeugten. Auch heute hören wir Kompositionen, in denen sich Menschen jüdischen Glaubens zu Hause fühlen können: alles Vertonungen von Texten aus dem hebräischen Teil unserer Bibel. Texte, die den Glauben eines jüdischen Mannes ebenso wie einer christlichen Frau wecken und prägen können.

Was für eine Hoffnung geht von dem Spruch für diese Woche aus, der dem Prophetenbuch des Jesaja entnommen ist:

Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.

Jesaja 42,3

Wir singen gleich als Hymnus eine Nachdichtung des 103. Psalms: „Nun lob, mein Seel, den Herren“ (Evangelisches Gesangbuch Nr. 289). Und auch das „Magnifikat“ ist nichts anderes als ein revolutionäres Hoffnungslied, das verankert ist im Glauben Israels. Warum dann dieser Hass, diese Abwertung, diese Entmenschlichung? Und warum die berechtigte Sorge, dass so etwas auch heute wieder aufbrechen kann? Nicht, weil die derzeitige Regierung Israels einen grausamen, nicht zu rechtfertigenden Krieg im Gaza führt, sondern weil immer noch Menschen jüdischen Glaubens typisiert und abgewertet werden und damit die gemeinsame Botschaft von der Barmherzigkeit und der Gnade Gottes verleugnet wird; weil sich Jüdinnen und Juden auch heute nur unter Polizeischutz versammeln können.

Es führt kein Weg an der Aufgabe vorbei: Wir müssen heute dafür sorgen, dass in unserem Land Menschen gleich welcher Nation und Religion frei und ungehindert ihren Glauben leben können – unter der einen Voraussetzung, die Ausgangspunkt alles Glaubens ist: dass wir uns als gleichberechtigte Geschöpfe des einen Gottes verstehen und dass wir die Menschenwürde achten, die sich daraus ergibt und in unser Grundgesetz Eingang gefunden hat.

Als am 28. Oktober 1945, wenige Monate nach der Befreiung vom Terror des Nationalsozialismus, das einzige von den Nazis nicht zerstörte, aber geschändete Synagogengebäude in der Keilstraße wieder als Gottesdienststätte eingeweiht wurde, sagte der damalige Gemeindevorsteher der Israelitischen Religionsgemeinde Richard Frank – nun in Anwesenheit der Vertreter der Evangelischen und Katholischen Kirche:

Heute erkennt ein jeder, der nicht absichtlich die Augen verschließt, wohin die faschistische Ideologie führt. Wir wollen hoffen, dass die Menschheit die nötigen Schlussfolgerungen aus dieser Erkenntnis zieht. Dann werden lichtere Tage für die Menschheit kommen und man wird die Menschen nicht nach Staatszugehörigkeit, Farbe, Rasse oder Glaubensbekenntnis, sondern nur nach ihrem inneren Wert beurteilen. Wir geloben jedenfalls, dass unser neu errichtetes Gotteshaus, das ich nunmehr seiner Bestimmung übergebe, sich immerdar erweisen soll als ein Hort echter Duldsamkeit, wahrer Menschenliebe und gegenseitiger Achtung. Das walte Gott!

Ja, Gott möge darüber wachen, dass sich jedes Gotteshaus als ein solcher Ort echter Duldsamkeit, wahrer Menschenliebe und gegenseitiger Achtung erweist, von dem Frieden ausgeht. Amen.

Gebet

Gott, unser Vater,

wir bitten dich um Frieden:

Frieden zwischen den Religionen,

zwischen Menschen unterschiedlicher Nationalität,

zwischen Einheimischen und Geflüchteten.

Wir bitten dich um Frieden

in der Ukraine und in Israel-Palästina.

Schlage den Kriegstreibern

die Waffen aus der Hand.

Stürze die Gewalttäter von ihren Thronen

und erhebe die Dürftigen,

die Drangsalierten,

die Opfer von Hass und Gewalt

aus dem Staub.

So beten wir mit Jesu Worten:

Vater unser …

Christian Wolff, Pfarrer i.R.

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