Motettenansprache
- 03.10.2026
- Pfarrer Dr. Janning Hoenen
Der dritte Oktober ist der deutsche Nationalfeiertag. Wir gedenken der Wiedervereinigung im Jahr 1990.
„Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört“, so sagte Willy Brandt schon am 10. November 1989, damals in der Euphorie des Falls der Berliner Mauer und der Überwindung der deutschen Teilung.
Heute, 36 Jahre nach der Wiedervereinigung, stehen eher die Probleme im Vordergrund, zumindest in der politischen Diskussion und in den Medien. Da wird geredet von Osten und Westen, wie unterschiedlich die Situationen seien, wie unterschiedlich die Menschen und ihre Mentalitäten. Der britische Historiker James Hawes meinte gar im Interview mit der Frankfurter Rundschau, Ost- und Westdeutschland seien „zwei verschiedene politische Nationen"[1] mit bis in Mittelalter sehr verschiedener Geschichte und deshalb auch regional sehr unterschiedlichen Wahlergebnissen.
Was machen wir aus dieser Erkenntnis, wenn sie denn zutrifft? Können wir trotzdem eine Einheit denken, ein konstruktives Zusammenleben im vereinten Deutschland? Der Kammerchor Josquin des Préz unter Federführung von Clemens Flämig hat mit dem heutige Motettenprogramm einen interessanten musikalischen Dialog vorgelegt.
Da steht auf der einen Seite der lutherische Leipziger Thomaskantor Johann Sebastian Bach, der den Höhepunkt der Barockmusik verkörpert. In der Motette „Jesu, meine Freude“ wechseln Strophen des gleichnamigen Kirchenlieds von Johann Franck und Johann Crüger mit Versen aus dem Römerbrief. Im Angesicht weltlicher Herausforderungen ist es eine Freude, in Jesus einen zuverlässigen Begleiter in allen Lebenslagen und über den Tod hinaus zu haben.
Auf der anderen Seite hören wir drei Werke von Josquin des Préz, dem franko-flämischen Sänger der Renaissance, der als bedeutendster Komponist dieser Zeit gilt und Vorbild für Generationen seiner Nachfolger war. Er wirkte u.a. in Rom und Mailand sowie in Condé-sur-l’Escaut ganz im Norden Frankreichs. Bei ihm wurde zum ersten Mal Text durch Musik ausgedeutet und der moderne Kontrapunkt entwickelt. Luther soll über ihn gesagt haben, er sei „„der noten meister, die habens müssen machen, wie er wolt; die andern Sangmeister müssens machen, wie es die noten haben wöllen.“[2]
Es sind beides Großmeister ihrer jeweiligen Zeit. Und sie kommen heute zusammen in dieser Motette, klingen miteinander, ineinander. Wie Sie hören, funktioniert das.
Aber warum? Ist es das Gemeinsame, dass diesen Dialog möglich macht, oder sind es die Unterschiede? Beide stehen für Meisterschaft in der Vokalpolyphonie. Barocke deftige Gefühlsregung auf der einen, klare sphärisch-optimistische Grundstimmung auf der anderen. Bach erklingt auf Deutsch, des Préz auf Latein.Sind es vielleicht gerade die Unterschiede in der Kompositionstechnik, in der Ausdeutung, in der Nutzung der Tonarten, in der Gesamtstimmung der jeweiligen Musik, die diesen Dialog spannend machen, für uns hier in der Thomaskirche, für Euch im Kammerchor? Ist es die Perfektion, der wunderbare Umstand, dass da zwei Meister ihres Faches das Beste geben im Dienste Gottes. Beide überschlagen sich geradezu im Lob Gottes, beim Ausdruck des unbeirrbaren Vertrauens, im Festhalten an Gott, was auch geschehen mag. Es gibt, bei aller Unterschiedlichkeit, ein gemeinsames Ziel, einen gemeinsamem Horizont. Auch eine Motette ist ein geistliches Konzert: Das Wort Konzert kommt vom lateinischen concertare und bedeutet sowohl wetteifern als auch zusammenwirken. Jeder gibt sein Bestes.
Liebe Motettengemeinde,
könnte das ein Modell für unser Zusammensein in unserem Land sein? Nicht nur zwischen Ost und West, sondern generell. Zwischen den verschiedenen Regionen, zwischen Stadt und Land, zwischen Jung und Alt… Sehr unterschiedliche Herangehensweisen. Verschiedene Lebenserfahrungen und Mentalitäten. Aber zusammengespannt mit einem gemeinsamen Ziel? Einem Ziel, das wir mit großen Engagement verfolgen, auf unsere Weise? Ein Wetteifern auf dem Weg dorthin? Jeder gibt sein Bestes? Es ist gar nicht so einfach, so ein gemeinsames Ziel zu finden zwischen West und Ost. Einsatz für den Frieden, ja. Die Wege dorthin sind umstritten. Demokratie und Menschenwürde. Ja, auf jeden Fall, ich hoffe, dass wir uns darauf immer noch einigen können. Gerechtigkeit für alle Menschen – eine Balance aus Gleichberechtigung und Chancengleichheit und Sicherung. Ein Ausgleich zwischen den Generationen, den Junge und Alten. Bewahrung der Schöpfung als Grundlage aller Zukunft. Kann in der Zukunft unseres Landes der christliche Glauben eine Rolle spielen? Als Weg, zueinanderzufinden? Oder ist das passé?
Beide, Bach und des Préz, feiern das Gottvertrauen, die Zuversicht auf Gottes segensreiches Wirken. Bei Bach spielen die Herausforderungen unseres Lebens eine größere Rolle, bei des Préz fühlt man sich schon näher am Himmel. Bach zitiert mit dem Apostel Paulus komplexere biblische Theologie, des Préz hat mehr poetischen Fluss in seinen Stimmen. Aber sie sind sich einig: Gottes Geleit ist stärker als die Widrigkeiten des Lebens. Und es geht über das Ende des irdischen Lebens hinaus. Wenn sich doch die Menschen in diesem Land von dieser Zuversicht anstecken lassen könnten. So wie wir hier in der Thomaskirche: Wir haben es so gut…
Amen.
Lasst uns beten:
Gott, wir bitten dich an diesem 3. Oktober. Segne die Menschen in diesem Land, so unterschiedlich sie auch sind. Lass sie zueinanderfinden, aufeinander zugehen, miteinander reden, konstruktive Lösungen suchen. Lass sie gnädig und respektvoll miteinander umgehen. Lass die Starken ein Herz für die Schwachen haben, die Fröhlichen etwas von ihrer Freude mit den Traurigen teilen. Lass uns auch die willkommen heißen, die uns fremd erscheinen, die wir nicht verstehen. Lass uns unsere Freiheit, unsere Demokratie, unser Verständnis von der Untastbarkeit der Menschenwürde nicht verspielen. 1989 wurden Grenzen überwunden, in Deutschland, in Europa, in der Welt. Bewahre unsere Chance für ein friedliches, freundschaftliches Zusammenleben. Stärke uns und unsere Zuversicht, dass Du, Gott, mit uns gehst in guten und in bösen Tagen.
Amen.
[1] https://www.fr.de/kultur/gesellschaft/historiker-ost-und-westdeutschland-sind-zwei-verschiedene-politische-nationen-94511081.html
[2] Zitiert nach https://www.deutschlandfunk.de/ein-meister-der-vokalpolyphonie-josquin-desprez-100.html