Motettenansprache
- 30.08.2025
- Pfarrer i.R. Christian Wolff
PDF zur Motettenansprache HIER
Andreas Hammerschmidt (1611–1675)
Gott ist die Liebe
für sechsstimmigen Chor und Basso continuo
aus: „Sechsstimmige Fest- und Zeit-Andachten“ (Dresden 1671)
Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847)
Hör mein Bitten
Hymne für vierstimmigen Chor, Sopran und Orgel
Ansprache
Am 20. August jährte es sich zum 60. Mal: das Ende der sog. Auschwitzprozesse in Frankfurt am Main. Den Jüngeren unter uns wird das zunächst wenig sagen. Für mich als 1965 15-jährigen bedeuteten diese Prozesse einen tiefen Einschnitt. Mein fünf Jahre älterer Bruder gab mir damals die Dokumentation der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über die Prozesse zu lesen. Neben den Texten enthielt die Broschüre grauenhafte Fotos von Leichenbergen, Erschießungsszenen und mit Menschen überquellenden Viehwagons. Das löste bei mir tiefe Erschütterungen aus. Zum ersten Mal wurde mir bewusst, welch unvorstellbare Verbrechen in der Zeit des Nationalsozialismus begangen wurden – keine Einzeltaten, sondern systematisches Morden. Für mich wurde schlagartig klar: Für diese Verbrechen war Deutschland als Ganzes verantwortlich. Es leuchtete mir ein: Deutschland muss dafür dauerhaft Verantwortung übernehmen.
Die Auschwitz-Prozesse begannen im Dezember 1963 – 18 (!) Jahre nach Ende des Nazi-Terrors. Dass die Täter der ungeheuren Verbrechen an den Menschen jüdischen Glaubens in den Konzentrationslagern der Nazis wie Auschwitz überhaupt vor Gericht gestellt werden konnten, ist vor allem dem hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer zu verdanken. Er war selbst Jude, musste vor den Nazis fliehen und bis 1949 lebte in Dänemark und Schweden im Exil. Bauer sah die Notwendigkeit, dass der Holocaust, also die industriell betriebene Ausrottung der jüdischen Bevölkerung in Europa, öffentlich aufgearbeitet gehört. Dass war schwierig genug, weil hochrangige Nazis wie ein Hans Globke und Reinhard Gehlen in der westdeutschen Gesellschaft führende Positionen einnahmen: der eine war leitete das Bundeskanzleramt in Bonn, der andere baute den Bundesnachrichtendienst (BND) auf. Ein großer Teil der Bevölkerung in Westdeutschland wollte einen Schlussstrich ziehen – aber worunter eigentlich? Kann und darf unter ein exorbitantes Verbrechen jemals ein Strich gezogen werden und damit aus unserem Gedächtnis verschwinden?
Mir ist sehr wohl bewusst, dass für heute 15-jährige die Ereignisse vor 80 bis 100 Jahren sehr, sehr weit zurückliegen. Für mich brachen damals aufregende Fragen auf: Waren meine Eltern, Großeltern, meine Lehrer, mein Onkel, meine Tante irgendwie daran beteiligt? Haben sie davon gewusst? Doch noch viel drängender wurden und werden die Fragen, wenn man dann Angehörige der Ermordeten kennenlernt oder ehemaligen KZ-Häftlingen, die das Grausen überlebt haben, begegnet und mit ihnen spricht: Ist angesichts des millionenfachen Mordens Versöhnung möglich, kann es jemals Frieden geben? Und noch aufregender: Was bleibt vom christlichen Glauben übrig, wenn durch ihn offensichtlich nicht das Widerstandspotential in den Menschen mobilisiert werden konnte, was nötig gewesen wäre, um dieses Menschheitsverbrechen zu verhindern?
Für heute 15-jährige stellen sich natürlich andere Fragen: Geht mich das, was vor 80 bis 100 Jahren Menschen jüdischen Glaubens angetan wurde, überhaupt noch etwas an – zumal die meisten jungen Menschen jenseits von religiösen Festlegungen leben? Hat Deutschland heute nicht ganz andere Probleme zu bewältigen, als sich mit einer relativ kurzen Epoche der Geschichte wie der 12-jährigen Nazi-Zeit auseinanderzusetzen? Was haben wir denn heute mit Menschen jüdischen Glaubens zu tun?
Vielleicht kann uns der Blick auf das, was viel länger zurückliegt als der Holocaust, helfen, die nötige Sensibilität aufzubringen für das, was wir weder verdrängen noch jemals ad acta legen dürfen. Wir hören nachher die Hymne „Hör mein Bitten“ von Felix Mendelssohn, die Vertonung einer Nachdichtung des 55. Psalms. Dieser ist ein über 2.500 Jahre altes Gebet eines verzweifelten Menschen. Er sieht sich seinen Feinden, ihrem Spott, ihrer Gewalt hilflos ausgeliefert und sehnt sich nach einem Schutzraum, und wenn es nur ein einsamer Ort in der Wüste ist.
Dass Mendelssohn 1844 diese Hymne komponiert hat, ist sicher kein Zufall. Er war Jude, Enkel des großen Philosophen Moses Mendelssohn. Dieser durfte als 14-jähriger Junge 1743 – wie alle Juden damals - nur durch das Viehtor Berlin betreten. Felix Mendelssohn wurde zwar als Siebenjähriger getauft. Doch das hinderte weder einen Richard Wagner, die Musik Mendelssohns als minderwertig, weil jüdisch zu verunglimpfen, noch den Kirchenvorstand der Thomaskirche einschließlich der Stadtgesellschaft Leipzigs, das 1889 vorgesehene Mendelssohn-Fenster zu verhindern: Man könne doch einen Judenmusiker nicht neben den großen deutschen Nationalkomponisten Bach setzen. Erst 1997 konnte diese Schmach und Schande beseitigt werden. Da wurde das heutige Mendelssohn-Fenster auf der Südseite der Thomaskirche eingebaut. Doch als der Entwurf für das Fenster im März 1997 im Chorraum der Thomaskirche vorgestellt wurde, stürmte eine Gruppe junger Männer in die Thomaskirche, rief vor dem Kleinen Altar „Sieg Heil!“ und verließ die Kirche wieder.
Angesichts dieses tief verankerten, militanten Antisemitismus, Vorgeschichte des Holocaust, bekommen die Zeilen des Hymnus einen bitteren Geschmack:
Ich bin allein: wer wird mir Tröster und Helfer sein?
Ich irre ohne Pfad in dunkler Nacht!
So haben Jüdinnen und Juden zu allen Zeiten empfunden – insbesondere in der Zeit des Holocaust.
Mich fasst des Todes Furcht bei ihrem Dräu'n!
Sie sind unzählige, ich bin allein,
mit meiner Kraft kann ich nicht widersteh'n,
Ja, sie waren allein gelassen, die Opfer. Nachbarn kannten sie plötzlich nicht mehr, vermissten sie auch nicht, als sie deportiert wurden. Kein Wunder, dass sich auch heute Jüdinnen und Juden oft alleingelassen fühlen mit ihren Ängsten. Allein gelassen fühlen sich immer Menschen, die in einer Gesellschaft stigmatisiert, ausgegrenzt werden – selbst dann, wenn sie um ihr Recht, ihre Würde kämpfen müssen wie vor 60 Jahren bei den Auschwitzprozessen. Da hatten die ehemaligen KZ-Häftlinge, die von den Verteidigern der Täter hart befragt wurden, oft genug den Eindruck, sie müssen das Martyrium noch einmal durchleben. Und nicht wenige zweifelten an Gott, der ein solches Verbrechen wie den Holocaust zugelassen hat. Aber es gab auch die anderen, die den Nazis diesen letzten Triumpf nicht gönnen wollten: dass ihr Glaube an den einen Gott ausgelöscht wird, wenn sie das aufgeben, was wir bis heute dem jüdischen Glauben verdanken. Der Publizist Carl Amery hat es so ausgedrückt: „die Botschaft von der Friedfertigkeit, von der Erhaltung des schwachen und gekränkten Lebens, von der Notwendigkeit der Diskussion und des Kompromisses.“ – eben die Botschaft, dass Gott die Liebe ist. Amen.
Gebet
Gott; unser Vater,
wir danken dir,
dass wir dich anrufen können
in all unserer Not, Verzweiflung und Verwirrung.
Schenke Du uns die Orte,
an denen wir Wegweisung erfahren,
deine Nähe spüren
und neue Kraft schöpfen können.
Schenke uns Geistesgegenwart,
damit wir aller Ausgrenzung des Fremden,
allem Antisemitismus und Rassismus,
aller nationalistischen Gewalt
widerstehen können.
Sei du bei allen,
die sich für Recht und Gerechtigkeit,
Liebe und Barmherzigkeit einsetzen.
Mit Jesu Worten beten wir:
Vater unser …
Christian Wolff, Pfarrer i.R.