Motettenansprache
- 09.01.2026
- Pfarrerin Jutta Michael
Liebe Motettengemeinde,
Nur Gutes bekommen wir heute zu hören. So gehen wir behütet in das neue Jahr!
Prophetische Worte habt ihr uns bereits zugesungen, liebe Thomaner.
“Tröstet, tröstet, mein Volk”, von Heinrich Schütz vertont, aus dem Buch des Propheten Jesaja und: “Fürchte dich nicht”, musikalisch umgesetzt von Johann Sebastian Bach.
Der Prediger in der Wüste erhebt seine Stimme, weil er die Trostlosigkeit des Menschen sieht.
Hineingeworfen in die Welt:
Wiewohl wir doch meinen, mit dem neuen Jahr beginnt alles neu, finden wir uns ganz real in den bekannten Herausforderungen wieder, den alten Problemen und Sorgen.
Nein, sie haben sich nicht einfach aufgelöst über den Jahreswechsel.
Gerade passend für uns, für alle, die sich ausgesetzt fühlen,
der Welt und ihren Wüsten, unsicher, wie es weitergeht, privat und in allem, was uns drumherum betroffen macht, schreibt Jesaja vom Trost.
Er beginnt mit dem göttlichen Aufruf zu trösten.
Da die Adressaten dieses Aufrufs nicht explizit genannt sind, können wir uns genauso angesprochen fühlen:
Tröstet einander. Redet freundlich mit denen, die bedrückt sind.
Das hebräische Verb für trösten meint es so: Die Situation des andern wird wahrgenommen.
Durch eigenes oder fremdes Tun, oder einfach durch die Umstände ist ein Mensch in Leid geraten. Dieser Zustand bedrückt ihn, lastet ihm schwer auf der Brust.
Trösten heißt, diesen Zustand zu ändern, Erleichterung zu schaffen, so dass wie durch tiefes Einatmen die Enge gelöst wird, der Belastete aufamten kann.
Der Prophet Jesaja hat diese frohe Botschaft für alle:
Tröstet einander und gebt so den Trost weiter, der von Gott kommt.
Wenn der Trost von der Macht kommt, die alles umfasst, dann ist hier kein billiges Vertrösten gemeint. Dieser Trost durchbricht die Ohnmacht.
Denn er bedient sich jener Macht, die nicht in unserer steht, und das ist gut so.
Unseren begrenzten Möglichkeiten kommt Gott entgegen.
Durch die Wüste der Unmöglichkeiten, kommt Gott auf uns zu.
Da, wo unsere Perspektive eingeengt ist, weitet er den Raum.
Er lädt uns ein, einzutreten. Wir erfahren seine Wirklichkeit, die uns verändert.
Jesaja, der Prophet des Trostes, bezeugt Gottes Liebe zu uns Menschen.
Das erinnert an die Botschaft, die Jesus erneuert hat:
Gott, der Tröster, ist der Gott, der uns vergibt, ohne Gegenleistung uns annimmt, wie wir sind.
Wer so Zuspruch erfährt, wird anderen zur Seite stehen. Es wird einen Weg geben, durch alle Ausweglosigkeit hindurch.
Trösten heißt Neues entsteht, heißt, Gott zu trauen, dass er in die Welt hinein wirkt.
„Wie schön leuchtet der Morgenstern voll Gnad und Wahrheit von dem Herrn“. Diesen Choral singen wir gleich miteinander.
Er besingt Christus, Gottes Sohn, Mensch geworden, damit an ihm zu merken ist, wie gut es Gott mit uns meint. Pfarrer Philipp Nicolai dichtete und komponierte das Lied um 1597.
Er steckt mitten in den Krisen seiner Zeit. Die Pest wütet.
Täglich muss er bis zu dreißig Menschen aus seiner Gemeinde beerdigen. Und dann dichtet er von Jesus, dem König, dem Bräutigam, dem Morgenstern.
Der Theologe hat die Bilder aus der Offenbarung des Johannes vor Augen, dem prophetischen Buch am Ende der Bibel:
Christus wird kommen. Er ist der Morgenstern, von Gott zu den Menschen gesandt.
Er wird alles neu machen und alle Tränen abwischen, wird trösten und erquicken.
Helfen diese Bilder Menschen, die Leid erfahren? Tragen sie in den Krisen der Zeit?
Pfarrer Nicolai schrieb dazu:
„Gegen den Gestank des Todes wappne ich mich mit dem Räucherwerk beständiger Gebete“.
Der Gestank des Todes, für ihn die tägliche Bedrohung durch die Pest.
Gemeint ist gleichzeitig alles, was dem Leben entgegensteht. Leid, Verunsicherung, fehlende Hoffnung. Kann diese Haltung, die Zwiesprache mit Gott, das Festhalten an seiner Wirklichkeit, Abwehrkräfte entwickeln?
Es geschieht das Unerwartete:
Pfarrer Nicolai bleibt von der Pest verschont. Und dichtet von der Zuversicht auf Gottes Gegenwart. Sei Lied lädt uns ein, füreinander zu singen, Worte zu finden oder schweigend beieinander zu bleiben, wenn jemand Schweres erleidet, unsicher ist, zweifelt.
Der Bilder, die Nikolai in Worten findet, lassen die Wirklichkeit Gottes in unsere Welt hineinscheinen.
„Wie schön leuchtet der Morgenstern“ ist ein Lied vom Trost des Glaubens. Es ermutigt uns, aufzustehen nach einer durchwachten Nacht. Es gibt uns Varianten dieses himmlischen Lichts an die Hand, um damit andere zu trösten.
Am Ende wird musiziert, gesprungen und jubiliert:
Ein Tanzen und Singen wird sein, eben noch undenkbar. Das Göttliche umfängt das menschliche Leid, will es tragen und lösen, damit wir leben können. Wir werden tröstend in die Arme genommen, gehen weiter unter dem freundlichen Blick Gottes. Wir brauchen diese Worte des Trostes und die Bilder der Hoffnung, um davon in den Alltag, in unser Miteinander zu nehmen.
Lasst uns davon singen!
Amen