Meditationsansprache zum Taizé-Gottesdienst

  • 25.10.2026 , 21. Sonntag nach Trinitatis
  • Pfarrer Markus Franz

„Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ Röm 12,21

Jeremias Brief an die Weggeführten in Babel

1Dies sind die Worte des Briefes, den der Prophet Jeremia von Jerusalem sandte an den Rest der Ältesten, die weggeführt waren, an die Priester und Propheten und an das ganze Volk, das Nebukadnezar von Jerusalem nach Babel weggeführt hatte […] 4So spricht der Herr Zebaoth, der Gott Israels, zu allen Weggeführten, die ich von Jerusalem nach Babel habe wegführen lassen: 5Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte; 6nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter, nehmt für eure Söhne Frauen und gebt eure Töchter Männern, dass sie Söhne und Töchter gebären; mehrt euch dort, dass ihr nicht weniger werdet. 7Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum Herrn; denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s euch auch wohl. 8Denn so spricht der Herr Zebaoth, der Gott Israels: Lasst euch durch die Propheten, die bei euch sind, und durch die Wahrsager nicht betrügen, und hört nicht auf die Träume, die sie träumen! 9Denn sie weissagen euch Lüge in meinem Namen. Ich habe sie nicht gesandt, spricht der Herr. 10Denn so spricht der Herr: Wenn für Babel siebzig Jahre voll sind, so will ich euch heimsuchen und will mein gnädiges Wort an euch erfüllen, dass ich euch wieder an diesen Ort bringe. 11Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der Herr: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung. 12Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten, und ich will euch erhören. 13Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, 14so will ich mich von euch finden lassen, spricht der Herr, und will eure Gefangenschaft wenden und euch sammeln aus allen Völkern und von allen Orten, wohin ich euch verstoßen habe, spricht der Herr, und will euch wieder an diesen Ort bringen, von wo ich euch habe wegführen lassen.

„Zeitumstellung“. Schon verrückt. Einfach mal so die Zeit umzustellen. (Ursprünglich gedacht, um eine Stunde extra für die Produktion herauszuschlagen. „Daylight-Saving-Time“ heißt es im Englischen.) Heute waren die meisten von uns, wahrscheinlich ganz glücklich darüber. Wir haben ja genau genommen, im doppelten Sinne, die Uhr zurückgestellt. Die Uhr um eine Stunde zurückgedreht. Eine Stunde gewonnen. Eine Stunde länger schlafen. Und die Uhr zurückgestellt auf Normalzeit. Puh, Glück gehabt, alles wieder beim Alten. Im Frühling ist das ganze schon riskanter. Dann sind wir von heute auf morgen, unserer Zeit voraus. Müssen eine Stunde zeitiger aufstehen. Bekanntlich fängt ja der frühe Vogel den Wurm. Ob, das auch auch für den müden / übermüdeten Vogel gilt? „Zeitumstellung.“ – na gut, zweimal im Jahr, das lässt sich ja vielleicht noch verkraften. Aber manche oder sogar viele mögen vielleicht den Eindruck gewinnen, dass wir in einer permanenten Zeitumstellung leben. Ständig wird die Uhr nach vorn gedreht. Wir schaffen es kaum noch mit dem Fortschritt Schritt zu halten. Denn nicht Schritt um Schritt geht es voran. Unsere Zeit, die Technik, die politischen Herausforderung geschehen heute sprunghaft, kommen in Wellen auf uns zu. Das Ganz droht zu kippen, die Dämme zu brechen, die Brandmauern einzustürzen. Alles gerät ins Rutschen. Beschleunigung auf den Abgrund zu. „Zeitumstellung.“ Als Diagnose und als Sehnsucht vielleicht ganz treffend. Ganz verständlich, wenn der Wunsch wächst, die Zeit am liebsten zurückdrehen zu wollen. Es ist ein Zeichen unserer Zeit, dass die Uhren (und eben nicht nur die Uhren) sich heute meistens, ganz von allein umstellen. Ich bin dann froh, wenn ich noch eine andere analoge Uhr irgendwo habe, an der ich mich orientieren kann, auch wenn sie noch die alte Zeit anzeigt und ich weiß, ok, die Zeitumstellung hat geklappt.

Ich frage mich, ob nicht jeder Gottesdienst auch eine Zeitumstellung ist, ob nicht jedes Hören auf Gottes Wort, ein analog werden mit Gottes Zeit ist. Manchmal fühlen sich die Texte ja wirklich wie aus der Zeit gefallen an und vielleicht müssen wir, immer wieder, ein wenig mit dem Wort Gottes aus unserer Zeit herausfallen. In die Zeit Gottes hineinfallen. Wie die Empfänger dieses Briefes Jeremias an die im Exil lebende Gemeinde. Deportierte, Weggeführt. Unterlegene. Besiegte. Die Weltzeituhr zeigt 587/586 v. Chr – das Königreich Juda wir von den Babyloniern besiegt. Was soll denn jetzt werden? Der Staat ist zusammengebrochen. Die Ideologien. Sogar der Glauben, zumindest die theologischen Gedankenkonstrukte. Polykrise – empfunden, vielleicht gar nicht so anders, wie heutzutage?! Und nun? Was jetzt? Die Zeit anhalten? Überwintern? Eigentlich am liebsten zurückdrehen. Oder doch zuversichtlich nach vorn schauen? Ganz genau bekommen wir die damalige Situation nicht in den Blick. Vielleicht ist das auch ganz gut so. Uns muss es doch auch um unsere eigene Situation gehen. Über die Unschärfe unserer eigenen Zeit täuscht die Unschärfe der Vergangenheit nicht hinweg. Wir müssen uns schon selbst Gedanken über unsere Zeit machen. Aber wahrscheinlich waren die Worte des Jeremia damals auch unzeitgemäß, sie lösen zumindest Widerspruch bei zeitgenössischen Propheten aus. Jeremia rät nicht zum einigeln, zum überwintern, zur Abgrenzung, zu nostalgischen Fantasien. Sondern zum Einmischen, zum Einbringen, zum Mitgestalten, zum Dankbarsein und Genießen für das Gute, zum Verantwortung übernehmen. Seiner Zeit sagt er als Gotteswort: Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte; 6nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter, [...] mehrt euch dort, dass ihr nicht weniger werdet. 7Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum Herrn; denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s euch auch wohl. Heißt das Anpassung und Opportunismus? – „Suchet der Stadt Bestes!“ - Im Hebräischen steht: wediršchu ʾæt-šǝlôm hāʿîr – Sucht, Erforscht den Schalom der Stadt! – Erkunden, was dem Heil, dem Frieden der Stadt dient. Ganz unorthodox übersetzt, könnte es vielleicht heißen: „Sucht die Zeitumstellung für euer Gemeinwesen!“ Erkundet, was die Zeit wirklich zum Besseren wendet.

Und das ist für Jeremia, für die biblischen Schriften tatsächlich ein politisches Projekt, ein Projekt, dass nur im Zusammenleben bewerkstelligt werden kann. Im Zusammenleben der Völker, im Zusammenleben von arm und reich, von Glaubenden und Nicht-Glaubenden und Anders-Glaubenden. Aber nicht nur im Zusammenleben von uns Menschen. Sondern auch im Zusammenleben zwischen Gott und uns Menschen. Im Zusammenleben mit dem Gottes der sich immer wieder – ganz politisch – eben mit seinem Wort einmischt – dessen Wort sogar Fleisch wird. Im Zusammenleben mit dem Gott, dessen Einmischung eine Zeitumstellung, eine andere Zeitenwende ankündigt. 10Denn so spricht der Herr: Wenn für Babel siebzig Jahre voll sind, so will ich euch heimsuchen und will mein gnädiges Wort an euch erfüllen, […] 11Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der Herr: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.

Zeitumstellung. Nicht nur eine Stunde zurück, erst recht nicht zurück in eine nostalgisch verklärte Vergangenheit – ach schade! Aber vielleicht auch nicht progressiv, Hauptsache vorwärts, jedem Fortschritt hinterher. Vielleicht schon eher – eine Offenheit, eine Gespanntheit und Aufmerksamkeit. Nicht nur für das worauf wir angeblich zusteuern. Sondern für das, was uns schon jetzt, heute und hier begegnet und anfängt, was uns entgegenkommt und bei uns schon jetzt ankommt (l’avenir). Aufmerksam den Anbruch des Neuen, im Alten. Auch des noch nicht Ausdenkbaren, dessen, was für uns noch Unausdenkbar, Unvorstellbar ist, aber so die Ansage bei Jeremia, in Gottes Gedanken schon Wirklichkeit. Und so feiern wir auch in diesem Taizégebet Zeitumstellung mit [Zeit]Ansage: 10Denn so spricht der Herr: […] 11Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, […] Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.