Ansprache zur Sterbestunde Jesu
- 03.04.2026 , Karfreitag
- Pfarrer Dr. Janning Hoenen
Freitag 15 Uhr – die Sterbestunde Jesu. Es ist die Stunde der Trauer, der Tränen, der Betroffenheit.
Trauer über Jesus. Er stirbt unschuldig. In großen Schmerzen. In Demütigung. Es ist Trauer über den Gekreuzigten. Den Gefolterten. Den Hingerichteten. Den Gepeinigten. Den Verspotteten.
Mit dieser Trauer fühlen wir aber gleichzeitig unsere gemeinsame große Trauer über alle Gefolterten, Hingerichteten, Ausgebombten, Vertriebenen, Hungernden, unter Gewalt Leidenden, Verwaisten, Verwitweten. Über alle Unschuldigen, die Unrecht ertragen müssen. Aber wer -- außer dem einen -- trägt keine Schuld. Ja, auch Schuldige müssen erleiden Unrecht. Es ist die große Trauer über alle Opfer.
Freitag 15 Uhr – die Sterbestunde Jesu ist die Stunde des Erstaunens über die Bürokratie, die oft so kalt ihre Macht ausübt. Sie verfasst Texte: Ein Schild, Jesus von Nazareth, der Juden König, in dreierlei Sprachen beschriftet, auf Anordnung des Statthalters. Es folgen eine Beschwerde des Hohenpriesters und die Verweigerung der Korrektur durch den Statthalter. Kompetenzgerangel. Kein Bedauern der Beteiligten, kein Mitleid – sondern formale Rechthaberei. Jeder bleibt auf seinem Standpunkt und drückt sich vor der persönlichen Verantwortung.
Mit diesem Erstaunen überfällt uns der Schauer über alle Mächtigen, die mit den Schultern zucken, wenn sie entscheiden könnten. Die wegsehen, wenn sie eingreifen könnten. Die sich nicht angreifbar machen wollen. Oder die der Einfachheit halber mit roher Gewalt eingreifen. Die manipulieren. Die sich der Diskussion verweigern. Die Recht und Gesetz vor sich hertragen, wo Einfühlung, Mitleid und Liebe nötig wären. Und manchmal sind wir diese Mächtigen.
Freitag 15 Uhr – die Sterbestunde Jesu ist die Stunde des Erschreckens über das kollektive Wegsehen, die Macht der Ablenkung, den Egoismus. Die Soldaten machen sich über die Kleidung Jesu her, teilen sie auf, würfeln um den Rock, der sich nicht ohne Schaden aufteilen lässt. Jesu Sterben lässt sie kalt.
In dieses Erschrecken mischt sich unsere Betroffenheit angesichts unserer eigenen Weigerung, die Abgründe dieser Welt an uns heranzulassen. Wie oft schalte ich die Tagesschau aus, weil ich es nicht aushalte, mich der Realität zu stellen. Wie oft schäme ich mich, wenn ich mich am Besuch der Oper freue oder der schönen Buchlektüre, obwohl doch Krieg herrscht und die Pole schmelzen und die Demokratie auf Abwege gerät. Und die Kinder sagen – warum schaut Ihr weg?
Freitag 15 Uhr – die Sterbestunde Jesu ist die Stunde der Stiftung neuer Gemeinschaft im Angesicht der Katastrophe. Jesus verweist seine Mutter auf seinen Lieblingsjünger, und diesen auf seine Mutter. Sie sollen sich umeinander kümmern, ihre Einsamkeit, ihre Verlorenheit teilen und so aufheben. Dieser Anstoß zum Neuanfang ist eine letzte große Tat des Sterbenden.
Ja, auch das passiert unter dem Kreuz – die Stiftung neuer Gemeinschaft, auch unter uns – hier zu Füßen des Sterbenden versammeln sich Christinnen und Christen, bilden Gemeinden, pflegen Freundschaften, sorgen sich umeinander und füreinander, teilen ihre Ängste und Freuden, wachsen miteinander, finden neue Kraft, neue Hoffnung, neue Zuversicht.
Freitag 15 Uhr – die Sterbestunde Jesu ist die Stunde des Durstes. Seine Kehle ist trocken. Ein Tag des Schreckens liegt hinter ihm, Erschöpfung macht sich breit, Sehnsucht nach Linderung und Mitleid. – Jesus bittet um Flüssigkeit, und bekommt den Essig.
Der Karfreitag ist auch die Stunde unseres Durstes: Unserer Sehnsucht nach Leben, nach Gerechtigkeit, nach Liebe, nach Hoffnung, nach Zugehörigkeit, nach Frieden. Unserer Sehnsucht, die noch nicht gestillt ist, die noch schmerzt. Heute geben wir zu, was uns alles fehlt, wer uns fehlt, was uns alles weh tut.
Karfreitag, 15 Uhr – es ist die Stunde Seines Todes. Er sprach: Es ist vollbracht. Und neigte das Haupt und verschied.
Amen.
Fürbitten
Gott,
unter Deinem Kreuz sind wir versammelt.
In Trauer, nachdenklich, berührt.
Wir denken an alle Opfer von Gewalt.
Wir denken an alle, die unter Willkür leiden.
Wir denken an alle, deren Schicksal unbeachtet bleibt.
Wir denken an alle, die sich nach Leben sehnen.
Wir denken an alle, die sterben.
Halte sie fest, stütze sie.
Sende uns, dass wir sie halten und stützen.
Lass Frieden werden.
Schenke Hoffnung.
Schenke Glauben.
Schenke Liebe.
Amen.