Ansprache in der Christvesper

  • 24.12.2025 , Heiliger Abend
  • Pfarrerin Jutta Michael

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Liebe Gemeinde,

es ist Weihnachten. Wir tauchen wieder ein in die Geschichte aller Geschichten. Die Erzählung von der Geburt Jesu füllt heute jeden Platz in der Kirche.

Sie haben vielleicht eben die Verse aus dem Lukasevangelium still mitgesprochen, haben eine Melodie dazu im Kopf.

Vertraut und doch immer wieder zum Staunen:

Gott kommt in einem Menschen-Kind zur Welt.

Das lässt gewiss viele Fragen offen, doch die scheinen heute keine Rolle zu spielen.

Das Wunder der Geburt macht, dass die Gestirne einmal kurz innehalten.

Denn in diesem Moment fängt an, was uns bis heute herausruft;

was uns singen, hören, schmücken und schenken lässt, wie zu keiner anderen Zeit im Jahr.

Es kommt einiges zusammenkommt, was die Szene einleuchtend anders macht:

Der Engel, die staunenden Hirten, die himmlischen Heerscharen und Maria und Josef.

Hirten hören Engelsworte, Sterne geben Zeichen, Engelschöre übersetzen für die Nachwelt und geben uns Text für Lieder und Gebete. Hier kommen Himmel und Erde zusammen. Christus ist geboren, als Kind, in Windeln, in einer Krippe.

Sohn Gottes und Menschenkind:                                                                                                                                                              Himmel und Erde sind eins.

Bei den Hirten kreuzen die Engel auf: Sie – die aus welchen Gründen auch immer – nur den nächsten Tag sehen, werden herausgerissen aus ihrem Trott.

Was sie sehen, löst zunächst aus, dass sie sich fürchten.

Was sie gesagt bekommen, müssen sie dann schon wieder halbwegs verständig aufgenommen haben;

Mit der Klarheit des Himmels, mit dem Verstand der überraschten Sinne,

mit der Ahnung, dass sie hier gerade Zeugen werden, da das Göttliche hineinbricht in die menschliche Sphäre.

Die Grenze des Verstehens wird berührt, und sie öffnen sich:

Sie nehmen ernst, was sie empfinden: ihr Erschrecken und ihr Staunen.

Sie nehmen es als Impuls, aufzubrechen.

Hatte der Engel nicht so gesagt:

„Ihr werdet finden?“, drum lasst uns gehen.                                

So hat sich das der Erzähler unseres Evangeliums vorgestellt:

Der Engel spricht die Hirten an und sagt ihnen: Ihr werdet finden.

Und so geschieht es.

Wir an die Erde Gebundenen fühlen uns ebenso angesprochen. Wir werden finden!

Wenn wir – wie die Hirten - uns selbst ernst nehmen:

Erschrecken über die alltägliche Trostlosigkeit der Nachrichten,

uns berühren lassen von den Bilder, die unsere ganze Erdenschwere deutlich machen, Trauer und Ohnmacht empfinden.

Das zu sehen und anzuerkennen, heißt, den Blick zu heben, das Leid zu empfinden, die Verzweiflung anzunehmen.

Und dann geschieht den Hirten das Erstaunliche:

Sie lassen sich überwältigen. Nach dem kurzen Schreckmoment glauben sie, was sie sehen:

Engel, die ihnen sagen:

Fürchtet euch nicht! Nehmt uns als Zeichen der Hoffnung. Nehmt die Helligkeit des Himmels,

staunt über den Gesang der Engel, denn Staunen verändert die Wahrnehmung.

Staunen bewirkt, dass wir Situationen, die uns überfordern, leichter verarbeiten.

Der staunende Blick der Hirten angesichts der Engel lässt sie ihren alltäglichen Trott vergessen.

Staunen öffnet die Grenze des Erkennens.

Wie die Hirten werden wir offen für Zeichen der Hoffnung.

Und dort, wo sie aufscheinen, ermutigen sie uns zu fragen und zu suchen:

Ob es nicht doch eine Lösung gibt für das Problem;

Wie endlich Frieden werden kann, wie wir dazu beitragen können, dass Menschenwürde und Achtung gegenüber allen selbstverständlich wird. Die Hoffnung, die aus dem hirtengleichen Staunen kommt, öffnet die Tür für zukünftige Wege.

Diese Art von Hoffnung sieht nicht über Probleme hinweg, aber sie sieht nicht sie allein.

Sie lehrt uns, in der Gegenwart zu bleiben und gleichzeitig in ihr nach hoffnungsbringenden Zeichen zu suchen.

Schön wäre ein Stern, oder ein Engel.

Es geht auch schlichter:

Denn uns machen Menschen Hoffnung, die im Verborgenen Gutes tun und damit in die Gesellschaft hineinwirken.

Und vielleicht staunen wir darüber, wie selbstverständlich die Generation unserer Kinder ihren Kindern Werte vermittelt, die helfen, zu verzeihen, Konflikte einzuordnen und aus Krisen heraus neue Orientierung zu finden.

Die Hoffnung wächst aus der Berührung des Himmlischen und des Irdischen;

da, wo das Wort Gottes, Engeln aufgetragen, unsere Realität durchquert.

Da hinein spricht sie uns zu:

„Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“ (Lk 2,14)

Diese Botschaft vom Frieden ist uns allen verkündet.

Wir sind eingeladen, ihr zu entsprechen.

Und wo wir es können, selbst unmenschliche Zustände ändern;

Notleidende nicht aus dem Bewusstsein und der gesellschaftlichen Wahrnehmung drängen;

die Bedrohung der Demokratie beim Namen nennen.

Also den Zwischenraum zwischen Himmel und Erde nutzen:

Als Hörende, auf Frieden Hoffende, darauf vertrauend, dass sich Wege zum Frieden finden werden.

Gott zeigt sich uns in diesem offenen Raum. Sein Versprechen geht über alle menschlichen Möglichkeiten hinaus.

Und das ist das für uns heute, am Heiligabend, angesichts der Krippe, immer wieder neu Erstaunliche:

Mit der Menschwerdung Gottes betritt Gott selbst den Zwischenraum zwischen Himmel und Erde.

Er geht in Beziehung zu uns, will gesehen, gehört und gefragt werden, wartet auf unsere Antwort, darauf, dass wir uns zeigen, dass wir der Verheißung der Engel trauen: Gehet hin, ihr werdet finden.

Was immer kommen wird, Gott lässt sich finden, was immer geschieht, Gott hat schon längst einen Grund zur Hoffnung gelegt hat.

Gehet hin, ihr werdet finden.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.  Amen.