Kammersänger Martin Petzold, Predigt über die Kirchentagslosung 2011 "...da wird auch dein Herz sein"

Am 06. Februar 2011 predigten in allen Kirchen der sächsischen Landeskirche Laien über die Losung für den 33. Deutschen Evangelischen Kirchentag vom 01.-05 Juni 2011 in Dresden "... da wird auch dein Herz sein". In der Thomaskirche hielt der Kammersänger Martin Petzold die Predigt. Als ehemaliger Thomaner und bekannter Tenor ist er seit über vier Jahrzehnten mit der Thomaskirche engsten vertraut. Nun wechselte er von der Westempore auf die Kanzel.

Predigttext
19 Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, wo sie die Motten und der Rost fressen und wo die Diebe einbrechen und stehlen. 20 Sammelt euch aber Schätze im Himmel, wo sie weder Motten noch Rost fressen und wo die Diebe nicht einbrechen und stehlen. 21 Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz. 22 Das Auge ist das Licht des Leibes. Wenn dein Auge lauter ist, so wird dein ganzer Leib licht sein. 23 Wenn aber dein Auge böse ist, so wird dein ganzer Leib finster sein. Wenn nun das Licht, das in dir ist, Finsternis ist, wie groß wird dann die Finsternis sein!
Matthäus 6,19-23

Predigt

Lied zu Beginn der Predigt:

Was einmal blühte wie die Blume im Lenz,
wird wie das Kleid das die Motte zerfrisst.
Der ist verloren, der das vergisst.

Was noch so eben war mächtig und stark,
wird noch am Abend vom Tode geküsst.
Der ist verloren, der das vergisst.

Denk an die Zeit, die kostbar dir ist,
welch kurzer Gast auf Erden du bist.
Der ist verloren, der das vergisst.

Marcus Ludwig

Jetzt singt der auch noch von der Kanzel ... ja, liebe Gemeinde, damit möchte ich beginnen und damit möchte ich aufhören, ohne dabei zu vergessen, dass ich sehr dankbar für das mir entgegengebrachte Vertrauen bin, hier mit ihnen über ein zentrales Bibelwort aus der Bergpredigt nachdenken zu dürfen.

Das soeben verklungene Lied nimmt auch auf den Predigttext Bezug:
Denn wo dein Schatz ist, da wird auch dein Herz sein.
Obwohl diese kleine Komposition in einem ähnlichen Zusammenhang von Marcus Ludwig für die legendäre Inszenierung „Jedermann tanzt" von Irina Pauls geschrieben wurde, hat sie für mich heute noch einmal eine neue Aktualität bekommen. Zur Premiere 1997 sang mein damals 11jähriger Sohn Jakob dieses Lied, als Widerpart zum auf der Bühne agierenden, allgegenwärtigen Tod. Wenige Monate darauf wurde Jakob das Opfer eines tödlichen Verkehrsunfalls. Eine grausame Wirklichkeit, die meine Sichtweise auf unser Leben und das worauf wir nach dem Sterben hoffen, sehr veränderte.

Nichts anderes will der vorliegende Text, er will uns aufrütteln! Nicht der Besitz irdischer Güter, sondern allein Gottes Gnade wird uns zum ewigen Leben bringen. Vielleicht hilft uns folgendes Bild dabei: In Hugo von Hofmannsthals Bühnenwerk „Jedermann" wird ein Exempel statuiert. Der Tod sucht Jedermann auf, einen reichen Gutsherren, der die christlichen Werte, wie gütige Nächstenliebe, längst vergessen zu haben scheint. Sicher kennen sie das Ende der Geschichte: Der Tod gewährt dem „Jedermann" noch eine kurze Frist, um einen Fürsprecher für sich gewinnen zu können, der ihn auf seinem letzten Weg begleiten soll. Aber niemand will mit ihm den letzten Schritt tun, seine Buhlschaft nicht, sein Reichtum nicht, als sinnbildliche allegorische Figur des Mammons. Einzig die kraftlose Gestalt der guten Werke des Jedermann ist bereit bei ihm zu bleiben. Erst da erkennt Jedermann sein verlorenes Leben, und, vom Glauben ermuntert, bereut er, mit so einem harten Herzen gelebt zu haben. Seine Seele ist gerettet, der Teufel entschwindet unverrichteter Dinge.

Ich halte Hofmannsthals Spiel für ein immer und überall gültiges: hat sich der Mensch doch im Laufe von Jahrtausenden kaum geändert. Strebt er nicht wie eh und je vor allem nach eigenem Vorteil, nach irdisch Gut allein'? Warum sonst brauchte man den ständigen Ruf nach Nachbarschaftshilfe, die immer wiederkehrenden Appelle, durch Spenden einen finanziellen Beitrag zu leisten, um die Not in der Welt zu lindern. Und wenn der „Mammon" in seiner Abrechnung mit Jedermann sinngemäß sagt:
Ich bin dein Reichtum, dein Geld...du warst mein Knecht...ich habe in deiner Seele regiert... ich habe dich tanzen lassen wie einen Hampelmann... ich war dir nur für irdische Tage geliehen... jetzt fährst du nackt und bloß in die Grube, so wie du einst aus deiner Mutter Schoss gekommen bist...
So können diese Worte hinführen zum Nachdenken über die Flüchtigkeit des Erdendaseins, über Raffgier und Besitzerstolz, über Sorglosigkeit und Gleichgültigkeit den Mitmenschen gegenüber.

Und wie ist es heute um uns bestellt? Inwieweit leiden wir an Herzverhärtungen? Oder bleibt es bei uns nur bei Halbherzigkeiten? Halbherzig ist zum Beispiel für mich auch das Motto des kommenden Kirchentages in Dresden! Warum treten wir Christen nicht mit klaren Ansagen in die Öffentlichkeit und zitieren ganze Sätze aus der Bibel? Vielleicht können wir gar nicht so, wie wir wollen, oder wir wollen nicht so, wie wir können?! Wie schnell lassen wir uns verführen. Es ist die Summe der kleinen Begehrlichkeiten, die unser Leben immer schwerer macht.

Schon oft klang von der Empore mahnend die Bass-Arie aus der Bach Kantate „Ach wie flüchtig, ach wie nichtig". Und darin heißt es:
An irdische Schätze das Herze zu hängen,
ist eine Verführung der törichten Welt.
Wie leichtlich entstehen verzehrende Gluten,
wie rauschen und reißen die wallenden Fluten,
bis alles zerschmettert in Trümmern zerfällt.
Und wie wunderbar hat dann der Thomanerchor danach den Choral gesungen:
Ach wie flüchtig, ach wie nichtig,
sind der Menschen Sachen!
Alles, alles was wir sehen,
das muss fallen und vergehen,
wer Gott fürcht', bleibt ewig stehen.
Bei dieser Musik läuft mir ein Schauer über den Rücken und manchmal spüre ich einen ein Widerstand in mir - Und ich frage mich, in wie weit ist mein Herz geprägt von der Verweigerung oder Empfänglichkeit gegenüber Gottes Wort? Da Auf - und Ab in meinem Herzen, es schmerzt! Und plötzlich ist einer da, der ein Hoffnungszeichen gibt wie etwa:
„herzlich gern will ich ihnen helfen", oder
„es ist mir ein Herzensbedürfnis mit dir Zeit zu teilen" und
„es ist herzerwärmend gemeinsam mit dir zu singen, zu lachen, zu tanzen, zu trauern und zu hoffen".
Solche von Herzen kommenden Bewegungen zueinander sind nach meinen Beobachtungen seltener geworden.

Warum eigentlich? Lassen wir es zu, dass durch den Globalisierungswahn die medialen Reizüberflutungen mehr und mehr unser Herz lähmen? Leben wir nicht schon längst in einem Prozess der Verrottung? Der Psychologe Peter Winterhoff-Spurk hat in seinem lesenswerten Buch „Kalte Herzen" sehr genau beschrieben, aufgrund welcher Faktoren die Herzen so vieler Menschen erkalten:
• Keine sicheren Arbeitsplätze,
• Auflösung sozialer Strukturen einher gehend mit Suchtproblemen in einem noch nie da gewesenen Ausmaß.
• Welche Herzensbildung bekommen unsere Kinder und Enkel noch mit auf ihrer Suche nach ideellen Werten?
• Was sind unsWerte noch wert?
• Wo lässt sich unser Herz wirklich noch anregen?

Damit meine ich nicht nur die überschwänglichen Gefühle einer leidenschaftlichen Liebe, zum Beispiel vertont:
Dein ist mein ganzes Herz und soll es ewig bleiben
Können wir so einen Satz aus unserem christlichen Verständnis heraus auch gegenüber Gott aussprechen? Ja, wenn wir im Glauben bejahen, dass Gott in seiner Gnade Herzen anrühren kann.
• Gönnen wir uns dazu die nötigen Atempausen?!
• Setzen wir in unserem Alltag Ruhepunkte?!
• Wo gibt es gelebte Stille, die es zu ertragen gilt, die aber auch neue Kräfte in uns sammeln kann?!

In einem Buch meines Vaters, Dr. Ernst Petzold, über Johann Hinrich Wicherns, las ich folgende tröstliche Gedanken:
Wie im neuen Testament geschrieben steht: Gott wird alles neu machen, alles Leid aufheben und selbst alle Tränen abwischen, deshalb werden die, die auf Gott hoffen, alles tun, was in ihren Kräften steht, damit hier wenigstens einige Tränen weniger geweint, und Leid, wenn auch nicht aufgehoben, so doch gemindert wird.
Ein Herz, das sich für Gott öffnet ist auch offen für die Nöte unserer Welt und es wird freier sein, als ein Herz welches in erster Linie an irdischen Dingen hängt, die der Vergänglichkeit und der Vernichtung durch Rost und Motten preisgegeben sind. Bei diesem Anspruch überkommen mich Zweifel: wie soll ich diese Gedanken in meinem Alltag umsetzen. Oft fällt mir keine Antwort ein und ich versuche dann über die Musik gangbare Wege zu finden. Dabei ist mir der 25. Psalm immer wieder ein Wegweiser geworden. Er wird später im Gottesdienst erklingen. Für jeden von uns ist Gott da. Diese Zusage sollten wir nicht erst dann in unser Herz lassen, wenn der Tod schon angeklopft hat. Wir haben jeden Tag, zu jeder Stunde eine neue Chance auch kleine Dinge in unserem Alltag zu verändern. Bauen wir, auf Gottes Barmherzigkeit vertrauend, menschliche Brücken zueinander. Und eh' wir Herzdrücken zulassen, sollten wir auch über eine Hängebrücke auf den Anderen zugehen. Denn: nicht wo der Himmel ist, ist Gott in unserem Herzen, sondern wo Gott in unserem Herzen ist, ist der Himmel. Oder anders gesagt: Wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz. Möge uns dafür immer ein offenes Herz geschenkt werden.

Liedwiederholung vom Anfang der Predigt.

Amen.