Motette

Ansprache zu Motette 2. März 2019


Thomaskirche zu Leipzig The Rev. Robert G. Moore, Ph.D.
Reformationsbotschafter der Stadt Leipzig und
Vertreter der Evangelical Lutheran Church in America

Liebe Motetten- emeinde,

Wie können wir uns das Unvorstellbare vorstellen? Der Prophet Jeremia steht vor dieser schwierigen Aufgabe. Denn er muss die Überlebenden eines verheerenden Krieges mit der Zerstörung Jerusalems, Zentrum des religiösen und gesellschaftlichen Lebens Israels, durch die babylonische Armee konfrontieren. Damals wurden die meisten der führenden Bürger Israels in die Großstadt Babylon deportiert - 1.000 Kilometer von der Heimat entfernt. Während Jeremia sich durch die Ruinen von Jerusalem schleppt, erkennt er die Trümmer des einstmals grandiosen Tempels von Salomo und des königlichen Palastes, die Überreste der mächtigen Stadtmauer. Doch nun ist kein Stein mehr auf dem anderen. Verstreut liegen sie herum.

Als Prophet sieht sich Jeremia in der Pflicht, das Volk zu zwingen, sich mit der Realität der Zerstörung, dem Verlust des religiösen Zentrums, der Auslöschung aller Traditionen, auseinanderzusetzen. Jeremia will erreichen, dass die Menschen sich das Unvorstellbare vorstellen und so die Wirklichkeit erkennen.

Doch indem er dies schonungslos tut, bringt Jeremia das Leiden seines Volkes zum Ausdruck, obwohl dieses nicht erkennen kann oder erkennen will, dass ihnen das Unvorstellbare widerfahren ist. Jeremia fasst dies alles in Worte der Klage und ermöglicht so dem Volk, die absolute Katastrophe vom Nebel des Unsagbaren zu befreien: Verlust der Heimat, Verwüstung der Städte, Demütigung der Menschen, Verrat - all das kann in Worte gefasst werden.

Das ist wichtig. Denn mit den Klagen macht Jeremia deutlich, wie sehr sich Israel-Juda in die Illusionen von Herrschaft und Macht verrannt hat. Israel stand immer in Auseinandersetzungen mit seinen Nachbarn zwischen der Wüste im Osten und dem Mittelmeer im Westen: Ägypten, Assyrien, Babylonien, Persien, später Griechenland und Rom.

Dabei ließ sich Israel allzu oft verführen, dem vermeintlichen Vorbild dieser Nachbarn zu folgen. Doch Israel erwies sich der Größe, Stärke, der wirtschaftlichen und militärischen Macht unterlegen. Sobald Israel scheinbar die Vorherrschaft in der Region erringen konnte, bekam es von den Propheten den Spiegel vorgehalten. Alles Machtstreben war verbunden mit militärischen Abenteuern, mit innergesellschaftlicher Ungerechtigkeit, mit Armut und dem Verlust der Wahrheit. Das prangerten die Propheten an. Während die Menschen in Israel noch glaubten, sie seien Opfer der sie umgebenden Mächte, sahen die Propheten sahen tiefer. Schonungslos deckten sie die Ursachen der Missstände auf: Ungerechtigkeit als Folge mangelnden Gottvertrauens. So konnte auch der Prophet Jeremia behaupten, dass die Zerstörung Jerusalems Folge falscher, ungerechter Politik und diese wiederum Folge der tatsächlichen Gottlosigkeit war.

Ja, jede Form von menschenverachtender Machtpolitik - sei es, dass Herrschaft errichtet, sei es dass sie zerstört wird - wird von den Propheten als von Menschen gemachte Gottesverleugnung interpretiert. Dafür tragen die Menschen die alleinige Verantwortung.

Darum mündet die Klage des Jeremia in den Ruf zur Umkehr. An den Verhältnissen wird sich nur dann etwas ändern, wenn der Mensch sich als das erkennt, was er ist: ein winziges Geschöpf, sehr begrenzt in seinen Möglichkeit, ständig in der Gefahr sich zu überschätzen und zu verfehlen. Zu dieser Erkenntnis soll uns die Komposition führen, die wir dem Leipziger Komponisten Bernd Franke verdanken: Luther Madrigals. Da wird die große, oft genug völlig überhöhte Persönlichkeit Luthers eingeordnet in das Welttheater:

Die ganze Welt ist eine Bühne,
und all die Männer und Frauen sind nur Spieler.
Sie haben ihre Abtritt und Auftritte.
Und jedermann in seiner Zeit spielt mehrere Rollen.

Franke lässt mit dem Shakespeare-Zitat Martin Luther die Bühne betreten. Dort erleben wir ihn als widersprüchliche, kantige Persönlichkeit. Doch trotz seines individuellen Charakters wird deutlich, worauf es Luther ankommt. Denn genau in der Mitte der Komposition ist der zentrale Gedanke Luthers platziert: die Freiheit des Christenmenschen.

Frei sein aber ist das, welches mir freisteht: ich mag es gebrauchen oder lassen, doch so, dass meine Brüder und nicht ich den Nutzen davon haben.
Freiheit besteht in einem Doppelten: Erstens kann ich sie gebrauchen oder es sein lassen. Aber - und das ist das Zweite - es muss immer meinem Nächsten dienen, ohne darauf zu achten, ob es mir selbst einen Vorteil bringt. In diesem Sinn bedingen sich die Freiheit des Menschen und der Dienst am Nächsten. Wir stehen in der Spannung von Freiheit und Bindung.

Wenn wir uns auf der Bühne des Lebens oder auf der Bühne dieser Welt bewegen, dann kommt es immer darauf an, dass wir erkennen: Wir stehen da nicht alleine. Das Leben hat viele Mitspieler. Es ist auch nicht unsere Aufgabe, auf der Bühne eine machtvolle Kulisse zu errichten, um so unseren Herrschaftswillen zu demonstrieren. Die Propheten haben gezeigt, wie schnell das alles zusammenbrechen kann wie ein Kartenhaus. Nein: Wir haben die Aufgabe, unser Tun und Lassen auf der Weltbühne vor Gott zu verantworten, den Nächsten im Blick zu behalten und immer zu sehen, dass alles, was wir tun, Stückwerk bleibt. Doch in diesem Stückwerk sollte immer das Ganze unseres Glaubens erkennbar bleiben. Amen.

Gebet

Treuer Gott,
unvorstellbar ist das Leid,
dass wir Menschen uns gegenseitig zufügen.
Unvorstellbar aber ist auch deine Gnade,
mit der du uns begegnest
und neues Leben ermöglichst.
Wir danken für diese Gnade
und bitten dich:
Lass uns unsere Möglichkeiten nutzen,
dem Frieden zu dienen.
Lass uns dabei erkennen,
dass wir nur dann menschenwürdig zusammenleben können,
wenn wir den Nächsten achten und lieben.
Schenke uns die Kraft,
Jesus Christus zu folgen.

Mit seinen Worten beten wir:
Vater unser im Himmel.
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe
wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit
in Ewigkeit. Amen.