Predigt im Trauergottesdienst für Prof. Kurt Masur am 14. Januar 2016

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Frau Masur, liebe Familie Masur, liebe Freunde von Kurt Masur, liebe Trauergemeinde,

„Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit." 2. Tim. 1,7

Unter dieses Bibelwort aus dem 2. Timotheusbrief möchte ich das Gedenken an Kurt Masur im heutigen Gottesdienst stellen. Voller Kraft hat er gelebt und gearbeitet in Liebe zur Musik und zu den Menschen sowie mit Besonnenheit in den Momenten, wo es darauf ankam, sich nicht dem Geist der Verzagtheit zu ergeben.
Ins Leben gerufen wurde Kurt Masur in Schlesien.
Emmi Masur nahm ihren Jungen Kurt mit zu einer Beerdigung. Es war in Brieg, jener kleinen Stadt, in der er am 18. Juli 1927 geboren wurde. Musikanten spielten. „Die Tuba ist verstimmt" sagte der kleine Junge und lachte. Schnell musste die Mutter mit ihm verschwinden, damit er nicht weiter lachte inmitten der Trauergemeinde. Ob die Tuba wirklich verstimmt war oder ob es am Musiker lag, lässt sich nicht mehr genau sagen. Dass in jenem Moment aber klar wurde: dieser Junge hat ein begnadetes Gehör sowie ein unglaubliches musikalisches Talent, hatte Folgen für den weiteren Lebensweg. Seinen beiden Schwestern Lilo und Friedel hörte er beim Klavierspiel zu, um dann, sobald der Platz am Instrument frei war, das Erlauschte einfach nachzuspielen. Im Alter von zehn Jahren bekam der junge Kurt Klavierunterricht. Seine Lehrerin Katharina Hartmann hat ihn sehr geprägt. „Wenn du das nicht so spielst, dass der Geist, der dahinter steckt, hervortritt, dann wirst du die Menschen nicht erreichen."
Das Zitat der Lehrerin hat Kurt Masur beherzigt. Es war ihm stets Mahnung und Ansporn ohne dabei die Demut und Hochachtung vor den Werken der großen Komponisten zu verlieren. Kurt Masur wollte die Menschen erreichen, wollte ihnen jenen Geist nahebringen, von dem er wusste, dass er eine ganz besondere schöpferische, eine göttliche Kraft ist. Wir alle sind dankbar, dass Kurt Masur diesen Weg gegangen ist und nicht Elektroingenieur wurde, wie von seinem Vater Kurt Richard ursprünglich gewünscht, um in dessen Fußspuren zu wandeln.

„Wie lieb sind mir deine Wohnungen, Herr Zebaoth" (Psalm 84)

In der Nikolaikirche, die stets ein fester Anlaufort war, wenn er Brieg besuchte, saß er oft neben seiner Mutter. Sie fand dort Ruhe im Gebet und erfuhr Stärkung durch ihren Glauben. „Da habe ich gemerkt, dass es etwas Besonderes ist, zu glauben", sagte Kurt Masur später.
Für ihn war Gebet Musik und Musik gleichsam Gebet. Manche seiner musikalischen Aufführungen interpretierte er als ein Gebet, welches im Raum verharrte und die Zuhörer in seinen Bann zog. Konzertsäle verwandelten sich in Kathedralen. Die Musik hat er als seinen Bezug zu Gott gesehen, der durch die Komponisten gewirkt hat, um die Menschenkinder zu erfreuen.
Diese Freude hervorzurufen, war Kurt Masur Anliegen und Lebensaufgabe zugleich. In der Tiefe der Musik hat er Gott gesucht und versucht, ihm nahe zu sein. Über einen seiner Lieblingskomponisten sagte er: „Wenn ich Bruckner höre, dann höre ich Gott und Orgelklang."
Sein Gottesdienst im Wortsinne war, die Musik für andere hör- und erlebbar zu machen, sei es der „Paulus" oder „Elias" gewesen. Mit größter innerer Anteilnahme und Freude dirigierte Kurt Masur die Musik Johann Sebastian Bachs, insbesondere die Matthäuspassion.
Als junger, 18jähriger Soldat kam er aus dem Krieg. Von über einhundert Kameraden hatten nur achtundzwanzig die letzten Wochen überlebt. Mit verdreckten Schuhen und zerschlissenem Soldatenmantel ging Kurt Masur hier in die Thomaskirche und plötzlich erklang die Orgel. Das hat ihn wieder leben lassen und den Hunger nach Musik und Sinn gestillt, welcher in seiner Generation manchmal größer war als der Hunger nach Brot.
Aus diesem Erleben heraus war die Thomaskirche für ihn das andere Gotteshaus, in welches er immer wieder für Momente der Einkehr und des Gebets zurückkehrte.

Gott hat uns gegeben den Geist der Kraft

Ludwig van Beethoven war eines seiner großen Vorbilder, dessen starker, unbändiger Wille ihn sehr beeindruckte. Von Kurt Masurs Stärke und Präsenz, die mancher auch nicht auszuhalten vermochte, haben unzählige Musiker profitiert. Vielen wird er fehlen als Lehrer, Ratgeber und Vaterfigur, die er für junge Menschen gewesen ist. Kurt Masur hat als unbeirrbarer Humanist an die Menschen und an das Gute in ihnen geglaubt.
Mit ganzer Kraft, bis zuletzt, wollte er leben und kämpfen, immer eine Aufgabe vor Augen und sich einer Verantwortung bewusst, der es gerecht zu werden galt. So wollte er unbedingt, wenige Tage vor seinem Tod, noch das Konzert seines Sohnes in Moskau über eine Internetliveübertragung miterleben. Hochbeglückt war Kurt Masur, als das gelang. Und eine Woche zuvor übte er am Klavier, um die „Mondnacht" von Schumann seiner anwesenden Tochter perfekt vorspielen zu können.

Gott hat uns gegeben den Geist der Liebe

Der tiefen Liebe zur Musik entsprach die tiefe und leidenschaftliche Liebe zu seinen Ehefrauen.
In erster Ehe war er mit Brigitte Stütze verheiratet, seiner Jugendliebe aus der Schulzeit. An den harten Anforderungen des Alltags einer Dirigentenfamilie in der Nachkriegszeit zerbrach diese Liebe in den 60er Jahren. Kurt Masur hat mit dem Abstand vieler Jahre Schuld gegenüber seinen ersten drei Kindern Michael, Angelika und Matthias empfunden, denen er in seinen Augen als Vater nicht immer gerecht werden konnte. Als er seinen jüngsten Sohn Ken-David mit dessen drei Kindern beobachtete, sagte er voller Wehmut: „Du bist ein viel besserer Vater als ich es je sein konnte." Das stand nicht im Widerspruch zu seiner großen Liebe, die den fünf Kindern und seinen 9 Enkelkindern zeitlebens galt. Ganz im Gegenteil.
In zweiter Ehe war er mit der Mutter seiner Tochter Carolin, der Tänzerin Irmgard Elsa Kaul verheiratet. Der tragische Verkehrsunfall 1972 zerstörte dieses neu gewonnene Glück der jungen Familie und warf ihn aus der Bahn.
Die Musik, sein Glaube sowie das Verantwortungsbewusstsein gegenüber Tochter und den Musikern führten ihn wieder zurück ins Leben.
Sie, liebe Frau Masur, lernten Ihren Mann in Rio de Janeiro kennen und folgten dann, zunächst widerwillig und zögernd, seiner Einladung nach Leipzig, ohne zu ahnen, dass er sich in Sie längst verliebt hatte. Seine Briefe und sein liebevolles Werben haben Ihnen die Augen geöffnet. Auf vierzig gemeinsame Ehejahre dürfen Sie zurückblicken, auf Jahre voll inniger Liebe, die oft keine Worte brauchte, um sich als Partner zu verstehen. Sie haben sich beide gegenseitig inspiriert und geachtet.

Gott hat uns gegeben den Geist der Besonnenheit

Eine Eigenschaft Kurt Masurs war es, besonnen und dennoch kraftvoll agieren zu können. Wir Leipziger verdanken jener Besonnenheit den friedlichen Ausgang der Revolution von 1989. Das macht ihn für viele zum Helden, der er nie sein wollte. „Ich hatte genauso Angst wie alle anderen", sagte er. Kurt Masur wusste den Moment zu nutzen, hat das Vertrauen, welches die Menschen in ihn setzten nicht enttäuscht. Er führte die vielen Melodien des Herbstes 89 zum harmonischen Wohlklang, indem er innehielt durch den Aufruf 'Keine Gewalt".
Mehr als ein Vierteljahrhundert später hat dieser Geist der Besonnenheit nichts an Aktualität verloren. Wer besonnen handeln will, braucht Unverzagtheit aus dem Mut heraus, der die Angst besiegt.
Auch darin wird uns Kurt Masur fehlen.

„Fürchte dich nicht, glaube nur!" (Markus 5,36)

Viele Gebete, liebe Frau Masur, verhallten als Sie Gott baten, das Leiden möge Ihrem Mann erspart bleiben oder er möge wieder gesund werden. Ihr wichtigstes Gebet aber fand den Weg zu Gott. Ihrem Mann ging es sehr schlecht im Dezember und Sie beteten: „Lass ihn bitte erst nach meiner Rückkehr aus Deutschland sterben."
Am 19. Dezember rief der Herr über Leben und Tod ihren Mann zu sich. Kurt Masur starb in den Armen seiner Frau Tomoko. Er machte sich auf den Weg in jene himmlischen Sphären, die Jesus Christus als des Vaters Haus bezeichnet hat, in dem viele Wohnungen sind.
Für ihn war Jesus eher ein Held, der Großartiges vollbracht hat als denn auch sein Erlöser. Dass er ihn als solchen jetzt erfährt, davon will der christliche Glaube Zeugnis geben.

Kurt Masur konnte Musiker auf der ganzen Welt zu Höchstleistungen bringen. Er wollte, dass sie wie Engel spielten - perfekt und trotzdem graziös. Nun ist er bei den himmlischen Engeln. Ob dort Bach, Mendelssohn, Beethoven, Brahms, Bruckner dirigieren oder er selbst?
Wir wissen es nicht. Vielleicht lernt er auch das Spielen der Tuba und lacht mit dem Tubaspieler aus Kindertagen nun gemeinsam.
Was wir aber im Glauben wissen, ist dies:
Im himmlischen Reich Gottes gibt es keine Traurigkeit, keinen Schmerz, keine Tränen.
Dort sind unendliche Freude und Frieden durch die himmlische Musik. All das Schöne, was wir hier auf Erden erleben dürfen, ist doch nur ein kleiner Vorgeschmack auf die ewige Gemeinschaft mit Gott. Der Tod ist nicht das Ende, sondern der Anfang dieses neuen Lebens.
Denn Jesus Christus ist für uns vorausgegangen in Wahrheit und als Weg, der zum ewigen Leben führt.
Indem er uns gerecht spricht vor Gott,
bricht Christus die endgültige Macht des Todes.
So gehen unsre Wege gewiss zum Himmel ein. Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all das, was wir begreifen können, bewahre Eure Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen


Pfarrer Martin Hundertmark,
St. Thomas zu Leipzig