Predigt über Mt 5, 38-48

Predigt über Mt 5, 38-48 am 21. So p. Tr. St. Thomas zu Leipzig, 25.10.2015

 Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

 „Hatte er Feinde“? fragt der Tatortkommissar im familiären Umfeld. „Nein“, antwortet die Witwe. „Mit dem einen oder der anderen hat er sich nicht so gut verstanden. Da gab es auch manchmal harte Worte. Aber Feindschaft? Nein! So kann man das nicht nennen.“ Der Kommissar muss weiterfragen und weiterermitteln, ehe er dann den Fall doch noch lösen kann. Meistens tritt am Ende zu Tage: Der offensichtliche Gegner war nicht der Mörder. Und: Ein ungeklärter Beziehungskonflikt eskalierte zur mörderischen Tat. 

Haben Sie Feinde?

Wer von uns Gottesdienstbesuchern könnte jetzt mit „Ja“ antworten, liebe Gemeinde? Wer hat wirklich Feinde und könnte hier und jetzt Personen benennen, die bewusst und in voller Absicht einem das Leben so schwer machen dass sie danach trachten, es zu beenden? Ich bin mir sicher, die Zahl wäre sehr überschaubar und ließe sich wahrscheinlich an einer Hand ablesen. Das ist auch gut so. Denn Feindschaft ist etwas Hässliches. Sie beengt den Lebensraum, raubt den Schlaft. Feindschaft schürt Angst und sorgt letztlich dafür, dass dem gemeinschaftlichen Leben die Grundlage entzogen wird.

Zur Zeit Jesu wurde Feindschaft in der Regel auf ein fremdes Volk hin ausgelegt. Persönliche Feindschaft gab es im Verständnis biblischer Texte eher nicht. Auch in den so genannten Rachepsalmen des Alten Testamentes wie im Psalm 139, wo es heißt „sollte ich nicht hassen, HERR, die dich hassen… Ich hasse sie mit ganzem Ernst; sie sind mir zu Feinden geworden“, ist ein kollektives als denn ein persönliches Feindverständnis zugrunde gelegt. Der Hass richtet sich gegen die Gottlosigkeit oder gegen die Gruppe der Gottlosen.

Jesus radikalisiert in der matthäischen Bergpredigt. Das gesamte 5. Kapitel, aus dem wir am Reformationstag noch mehr werden hören können, ist mit seinen Antithesen davon gefüllt. Eine Radikalisierung folgt der nächsten und am Ende steht dann das Gebot von der Feindesliebe. Gehen wir davon aus, dass die Worte der Bergpredigt wirklich weitestgehend von Jesus stammen, dann entdecken wir hier: Jesus will eine Sache in besonderer Weise betonen und greift dafür in die rhetorische Trickkiste. Er zitiert das Gesetz des Mose und schmuggelt dabei eine kleine Sequenz ein, die sich dort gar nicht wiederfindet. Es handelt sich um die Aussage: „du sollst deinen Feind hassen“. Das steht so nicht in den fünf Büchern Mose. Jesus sucht die Provokation und nutzt die Hintergrundfolie, um deutlich zu machen: Mit mir beginnt etwas ganz Neues. Es beginnt eine Zeit, in der ein neuer Maßstab an das Zusammenleben angelegt werden wird. Es ist der Maßstab der bedingungslosen Liebe gegenüber jedem. Diese Liebe schreckt weder vor Tod noch vor Gewalt zurück. Sie lässt sich auch nicht beirren, sondern ist Triebkraft für ein konsequentes Zusammenleben in Würde und Achtung vor dem Leben. Als Gegenüber hat diese Liebe die Gemeinschaft in und mit Gott. Indem das so gelebt wird, erfüllt sich alle Verheißung, die euch seit Anbeginn mit auf den Weg gegeben ist.

Damit hebelte Jesus jegliche Gesetzlichkeit aus, die eben keine Gnade kannte bzw. kennt.  Das Rechtssystem der Bergpredigt kennt nicht den Ausgleich, welcher sich tabellarisch ablesen lässt (dafür steht das „Auge um Auge und Zahn um Zahn“). Es fragt vielmehr nach Schuld und Tatumständen, um sie letztendlich heilend in der Vergebung aufzuheben. So wird deutlich: Der Hörer ist auf diese Vergebung, ist auf die Gnade Gottes angewiesen. Auf die anderen Bereiche, wie dem Schwören oder der Frage nach Ehebruch lässt sich dieser neue Gedanke gleichermaßen anwenden. Die Radikalisierung wird mit dem Aufruf zur Feindesliebe auf die Spitze getrieben. Hier begegnet uns eine Trennlinie, an der sich viele Gewissen scheiden.

Feindesliebe zählt zu den schwierigsten Aufgaben eines Christen. An ihr scheitern mehr Menschen als dass sie denn gelingt. Dabei geht es nicht um Meinungsverschiedenheiten zwischen Diskussionspartnern, die sich feindlich gegenüber stehen. Wobei es schon da schwierig wird, versöhnliche und überwindende Töne anzuschlagen. Vielmehr geht es um wirkliche, tiefgreifende Feindschaft, die sich mit dem Wort „Hass“ wohl am zutreffendsten beschreiben lässt.

Auch wenn wir zu Beginn festgestellt haben, dass kaum jemand einen solchen Feind hat, so sind uns die Erfahrungen von feindlicher Gesinnung doch nicht ganz fremd. Gehen wir eine Ebene tiefer, so entdecken wir unser eigenes Scheitern. Wie schwer fällt es, nach einem harten Wort, den ersten Schritt in Richtung Versöhnung zu tun? Wie oft werden alte Verletzungen selbst zwischen zwei sich Liebenden zur Sprache gebracht, wo doch alles längst überwunden schien?

Und ungezählt sind die Momente, in denen schon Kleinigkeiten ausreichen, um die mühsam errungene Gesprächsfähigkeit wieder zu zerstören. Das sich dem Ende neigenden Jahr 2015 liefert mehrfach Beispiele. Es sind die Tarifverhandlungen verschiedener Arbeitsbereiche – Bahn, Piloten, Erzieherinnen und Erzieher. Von Dialogbereitschaft und friedlichem Miteinander war da monatelang wenig zu spüren. Vielmehr wurden Feindbilder beschworen und groß gemalt, um eigene Positionen besser durchsetzen zu können. Schuld will ich dabei gar nicht nur bei einer Seite suchen, sondern vielmehr den Zustand einer Gesellschaft beschreiben, die offensichtlich von ihren Feindbildern lebt.

Wie anders ließen sich die Pegida und Legida-Aufmärsche erklären? Wo eigenes Unvermögen ans Licht kommt, brauche ich das schwarz gemalte Feindbild, um davon abzulenken. Früher war es der Mohr, dann zu Nazizeiten der Bolschewik oder im Sozialismus der Kapitalist und heute ist es der Asylsuchende, dem ich all die eigenen, zugegebener Maßen schwer zu tragenden, Lasten eines Lebens in Freiheit und Verantwortung aufbürde, weil ich sie nicht mehr selber tragen möchte.

Anstatt auf eigene Unzulänglichkeiten zu schauen und nach Möglichkeiten zu suchen, um diese abzubauen, schiebe ich die Schuld dem Schwachen in die Schuhe und baue ihn auf zur Angstkulisse, die dann so bedrohlich auf das eigene Leben wirkt, dass ich es mit allen Mitteln zu verteidigen suche. Dabei werden nicht nur Grenzen des guten Geschmacks überschritten, sondern auch des demokratischen Miteinanders. Wo sich Menschen dem Gespräch verweigern, indem sie dumpf und hohl „Lügenpresse“ skandieren, kommt auch der freundlichste und weitherzigste Gesprächspartner an seine Grenze. 

„Liebt eure Feinde!“ sagt Jesus. Seine Aufforderung ist eine Zumutung. Sie mutet uns zu, über das hinauszudenken, was machbar ist. Im Laufe der Jahrhunderte haben sich verschiedene Interpretationen der Bergpredigt herausgebildet und entwickelt. Nicht zuletzt auch auf dem Hintergrund des eigenen Scheiterns an den realpolitischen Herausforderungen.

Schauen wir auf drei Lesarten.

 Erstens: Nur Jesus selbst konnte so konsequent leben wie er es in der Bergpredigt verkündet hat. Als derjenige, der mit Gottes Kraft ausgestattet war, besaß er dadurch die Möglichkeit, auch menschliche Grenzen zu überwinden. Als Gottessohn war er vollkommen. Von daher sind die Forderungen der Bergpredigt im wahrsten Sinne des Wortes „unmenschlich“.

 Zweitens: Die Bergpredigt dient als Orientierungshilfe. An ihr soll und darf ich mein Tun ausrichten, wohlwissend, dass ich sie nicht in Gänze erfüllen werde - die Forderungen nach unbedingter Feindesliebe und kompromissloser Gewaltlosigkeit. Getragen von ihrer pazifistischen Vision versuche ich, darauf hinzuleben, indem ich tagtäglich prüfe, was sich davon in einer von Feindbildern bestimmten Welt umsetzen lässt.

 Drittens: Ich nehme die Bergpredigt als Spiegel meines menschlichen Unvermögens. An den Forderungen Jesu wird deutlich, dass ich als Mensch angewiesen bin auf Gottes Gnade. 

Zu welcher Sichtweise sie auch neigen, liebe Gemeinde, eins dürfte klar sein: Eine Umsetzung 1:1 scheitert an den jeweiligen gesellschaftspolitischen Gegebenheiten. Nun sind wir angekommen an der spannendsten Frage des heutigen Predigttextes. Es ist die Frage nach einem kompromisslosen und konsequenten Pazifismus. Oder anderes ausgedrückt: Lassen sich damit alle politischen Probleme lösen? Die Antwort lautet leider: Nein!

Ich muss differenzieren. Dabei darf ich auf Gottes Wirken und seine Gnade vertrauen. Beides schafft den genialen Moment, der gegen alle Erfahrungen steht und Dinge grundlegend verändern kann. Damit keine Missverständnisse auftauchen: Kein Mensch kennt Gottes Plan. Niemand weiß den Moment vorherzusagen, in dem das Regierungsprogramm Jesu, wie er es in der Bergpredigt ausmalt, greift. Es wird gelingen und es wird an seine Grenzen kommen. Für Ideologien ist Jesus nicht zu haben.

Betrachten wir die jüngere Geschichte unseres Landes, dann lässt sich feststellen: Eisenhower, Churchill und Stalin hatten ihre guten Gründe, warum sie Hitlers Nazideutschland nicht mit Kerzen und Einladungen zum Teetrinken begegnet sind, sondern mit militärischer Stärke. Faschismus lässt sich nicht besiegen mit Gebeten. Das ist für einen Christen eine bittere und traurige Erkenntnis gerade auf dem Hintergrund des werbenden Verständnisses Jesu für ein anderes Zusammenleben nach den Maßstäben der Bergpredigt. Gott sei Dank gibt es auch die anderen Erfahrungen in der Geschichte, wie die Befreiung Indiens durch Mahatma Ghandis Bewegung, inspiriert von der Gewaltlosigkeit der Bergpredigt und konsequent gelebt gegen alle Versuchungen, zu den Waffen zu rufen. Oder der lange, gewaltfreie Marsch eines Martin Luther King, um die Menschenwürde jedem Menschen zuzusprechen, ohne dass die Hautfarbe eine Rolle spielt. Nicht zu vergessen das Geschenk der friedlichen Revolution in der ehemaligen DDR. Da konnten Kerzen und Gebete eine Kraft entwickeln, die gegen alle militärische Gewalt bestand.

Und heute, liebe Gemeinde?

Heute sehen wir uns einer faschistischen Spielart des Islam gegenüber, die im IS manifest wird. Dem zu begegnen fordert heraus. Und diese Herausforderung lässt sich leider nicht mit einem ideologischen Pazifismus meistern. Ich bedauere das zutiefst. Und es zerreißt mich, zu erkennen, dass manche Dinge auf der politischen Bühne soweit ins Dilemma befördert worden sind, dass die guten, diplomatischen Lösungen nicht mehr zum Erfolg führen würden.

Wie vor 70 Jahren bedarf es einer großen und breiten Allianz, diplomatischer und militärischer Verbündeter, um den Menschen in Syrien, im Irak und Kurdistan wieder eine Chance für ein einigermaßen friedvolles Zusammenleben, für einen politischen Neuanfang in ihrer Heimat zu ermöglichen. Gewaltfrei wird es in diesem Konflikt nicht gehen.  

Daran könnte man verzweifeln, wäre da nicht die Kraft der Worte Jesu, es trotzdem immer wieder zu versuchen. Die Bergpredigt ist nicht vernünftig und folgt schon gar nicht den Regeln der Vernunft. Sie übersteigt das für die meisten Menschen Lebbare und auch das Vorstellbare. Pazifismus, wie er in der Bergpredigt zu Recht gefordert wird, lässt sich aber auch leben, indem ich mich dafür einsetze, dass weniger Waffen produziert und exportiert werden. Vor diesen Veränderungen nicht zu kapitulieren, dazu ermutigen die Worte Jesus. Und sie geben all denen Hoffnung, die es immer wieder versuchen wollen, ihm nachzufolgen.

Wenn wir uns einsetzen für den Frieden in unseren Städten, in unseren Häusern und unseren Herzen, dann ist es wichtig, diesen Anker zu haben, der fest auf dem Grund verankert ist: Der Glaube an die Kraft des Kairos, des richtigen Zeitpunktes, um Worte wirken zu lassen. Hoffnung spendet die Vollkommenheit des EINEN. Daraus darf ich schöpfen und als geliebtes Kind Gottes zur Vollkommenheit streben, die sich nicht in einer politischen Gesellschaftsform, sondern in seinem Reich zeigen wird als große Gemeinschaft Verschiedener. Somit bleibt das Programm der Bergpredigt immer auch Stachel im Fleische eines Christenmenschen.

 Amen.