Motette

Johann Sebastian Bach: Fürchte dich nicht, ich bin bei dir, Motette BWV 228
Motette am 30. Januar 2015

Johann Sebastian Bach Fürchte dich nicht, ich bin bei dir Motette BWV 228 für zwei vierstimmige Chöre

Fürchte dich nicht, ich bin bei dir; weiche nicht, denn ich bin dein Gott! Ich stärke dich, ich helfe dir auch,ich erhalte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit.
Jesaja 41:10

DOPPELFUGE Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöset, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein! Jesaja 43:1

CANTUS FIRMUS IM SOPRAN Herr, mein Hirt, Brunn aller Freuden, du bist mein, • ich bin dein, niemand kann uns scheiden. Ich bin dein, weil du dein Leben und dein Blut • mir zugut • in den Tod gegeben. Du bist mein, weil ich dich fasse, und dich nicht, • o mein Licht, aus dem Herzen lasse. Laß mich, laß mich hingelangen, da du mich • und ich dich • lieblich werd umfangen. Paul Gerhardt, 1653


Liebe Gemeinde,
heute ist der 82. Jahrestag der Machtübergabe an die Nationalsozialisten im Jahr 1933. An diesem Tag feierte die NSDAP das Ende der Weimarer Republik mit triumphierenden Kundgebungen. Hitler verkündete vor seinen Anhängern, dass er sich die Macht nun nicht mehr wegnehmen lasse. 25000 uniformierte Anhänger feierten am Abend die Machtübernahme mit einem gewaltigen Fackelzug durch das politische Zentrum Berlins. Wir wissen, wie es damals weiterging, wie sehr bald die Grundwerte der Weimarer Verfassung zerstört wurden, wie die individuellem Grundrechte außer Kraft gesetzt wurden, wie Menschen ohne Angabe von Gründen verhaftet werden konnten und sich die Feindseligkeiten und Übergriffe auf Mitbürger jüdischen Glaubens immer mehr häuften.

Es ist nun wohl alles andere als Zufall, dass Legida genau diesen Termin ausgewählt hat und an diese Inszenierung eines Aufzugs in der Innenstadt bewusst anknüpfen wollte. Mit einer Kulisse wie damals: vor einem Rathaus, wenn es auch nur das alte ist. Und auf den umliegenden Plätzen sollte es Kundgebungen werden mit irrwitzigen Namen: „Für kürzere Bildungszeiten, bessere Bildungsabschlüsse und Zwangspensionierung von Universitätsprofessoren" oder: „Aufzug gegen Reglementierungswut von Behörden, Rentenbetrug, Medienverdummung". Auch auf dem Thomaskirchhof sollte genau zur Motettenzeit eine Aufzug mit Lautsprechern stattfinden. Das kann man nur als verstehen, als das es gemeint ist: als Provokation. Zumindest dies ist nun eindeutig klargeworden in dieser Woche: Hinter der Maske von Pegida/Legida verbirgt sich nichts anderes als ein rechtes Netzwerk, das alle Aktivitäten steuert. Keiner, wirklich keiner der Anmelder dieser Aufzüge kommt aus Leipzig - und so gut wie alle sind polizeibekannte Neonazis. Wer am 30. Januar um 19.33 Uhr zu einer Kundgebung mitten in der Innenstadt aufruft, hat nur ein Interesse: die Gesellschaft zu spalten, das friedliche Zusammenleben von Menschen zu stören und nicht nur Mitbürger ausländischer Herkunft zu verängstigen und zu verunsichern - und dies im unseligen Verbund mit gewaltbereiten Kräften vom anderen politischen Spektrum. Dieses Katz und Mausspiel, was wir in den letzten beiden Wochen erlebt haben von Montag auf Mittwoch, dann von Mittwoch auf Freitag hat nichts mehr zu tun damit, sein Meinung auf der Straße frei äußern zu wollen. Hier geht es nicht um das Recht von Bürgern, sondern deren Rechte werden mit einem erneuten weitgehenden Lahmlegen der Stadt heute Abend verächtlich gemacht. Dies gilt es jetzt deutlich und öffentlich zu benennen.

Und: Dass all das, was dahinter steckt, in deutlichem Gegensatz zu allen christlichen Werten steht, die auch die Werke der heutigen Motette transportieren. „Fürchte dich nicht", diese Motette von Johann Sebastian Bach singt der Thomanerchor heute, und das ist großartig gewählt für diesen Tag, an dem und vor dem viele sich fürchten und nach wie vor vieles zu befürchten ist. „Fürchte dich nicht", ein Satz, der in verschiedenen Abwandlungen und großzügig gezählt, 365 x in der Bibel vorkommt. Also einmal pro Tag, denn jeden Tag, brauchen wir diesen Zuspruch und die Vergewisserung, dass wir aufrecht und frei leben können und nicht weichen müssen vor Gewalt und Ausgrenzung. Dennoch: Die Furcht, die in der Stadt ist, hat manche heute zuhause bleiben lassen und sie war auch in den letzten Tagen immer wieder da. Bei uns in der Gemeinde findet seit einer guten Stunde nebenan im Gemeindehaus ein internationaler Gospelworkshop statt, unter anderem mit einem Chor afrikanischer Sänger. Wie die heute durch die Stadt kommen sollen, darum haben wir uns schon gesorgt. Die Eltern der Pfadfinder lassen ihre Kinder verständlicherweise heute lieber zuhause, und ob die Sicherheit der Thomaner und auch von Ihnen als Besucher garantiert werden kann, das hat uns schon umgetrieben. Ich bin froh um alle, die hier sind, weil sie auf dieses Wort setzen: Fürchte dich nicht, denn ich bin mit Dir.

In Bachs Motette wird das schon zu Anfang viermal wiederholt, weil wir eben, egal aus welcher Himmelsrichtung wir kommen, immer wieder so sind: voller Furcht und Verzagen, wenn es eng werden könnte, so dass wir lieber weichen wollen vor diesen unguten Kräften - und allzu oft kommt uns dabei auch noch unsere Bequemlichkeit dazwischen. Der biblische Text, der dieser Bach-Motette zugrunde liegt, thematisiert das. Der Weg in die Freiheit, heraus aus der Knechtschaft der Babylonier, in der sich das Volk Israel befand - er war kein Kinderspiel. Da ist die Rede davon, durch Wasser gehen zu müssen - aber eben nicht zu ersaufen, wie es dort heißt. Das ist die Rede davon, durch Feuer gehen zu müssen - dass einen die Flamme aber nicht versengen wird. „Fürchte Dich nicht, du bist mein." Um diese Rückenstärkung, zu etwas zu gehören, zur Gemeinschaft der von Gott zu freiem und erlöstem Leben Berufenen, daran wird hier erinnert. Und daran, sich nicht von dem irre machen zu lassen, was diese Freiheit mit sich bringen kann an Schwierigkeiten und Problemen, daran wird appelliert. Vielleicht ist genau das etwas, was vielen heute fehlt und was Frust, Unbehagen und natürlich auch Furcht und Angst auslöst: Eben nicht mehr verwurzelt zu sein, in einem Glauben, der trägt. Nicht verwurzelt zu sein, in einer Gemeinschaft, auf die Verlass ist. Oder noch nicht verwunden zu haben, dass der Zaun der Knechtschaft weg ist und Wasser und Feuer als Gefahren da sind. Nicht zuletzt gehört zur Freiheit ja auch die Herausforderung durch das Zusammenkommen von Kulturen, die sich noch vor 100 Jahren allenfalls in Kriegen begegneten. Jetzt stehen sie vor der Aufgabe, das Leben miteinander zu gestalten und miteinander auskommen müssen. Wege sind zu finden, wie man Unbehagen voreinander abbauen kann.

Für dieses Jahr habe ich mir eine Sache vorgenommen umzusetzen: Eine Möglichkeit der offenen Begegnung zwischen jüdischen, muslimischen und christlichen Familien und Alleinstehenden hier in Leipzig zu ermöglichen. Dass wir uns begegnen bei dem, was wir alle, nun ja, die meisten gerne tun: Essen und Fußballspielen. Uns dazu regelmäßig zu treffen, das wollen wir mit einigen Juden, Christen und Muslimen zusammen aufbauen. Ein interreligiöser Dialog auf der Ebene des Menschlichen, die die Furcht bannen kann zwischen all denen, die sich als Volk Abrahams von Gott, von Jahwe, von Allah bei ihrem Namen gerufen fühlen und sich „sein" nennen dürfen. Damit hoffentlich irgendwann Schluss ist mit dem Denken, einer von denen gehöre nicht dazu. Amen.

Gebet
Herr, unser Gott! Auch dieser Tag ist belastet mit Unfrieden. Wir tragen selbst dazu bei, dass Angst, Vergeltung und Gewalt von neuem mächtig werden. Wir bitten: lass uns mutiger bekennen, treuer beten, fröhlicher glauben, brennender lieben;
Herr, schenke uns einen neuen Anfang und gib der Welt deinen Frieden. Ohne dich können wir nichts tun. Herr, erhöre uns!
Stille
Verleih uns Frieden gnädiglich. Du bist unser Friede. Dieser Tag steht in deinen Händen. Vaterunser...
Britta Taddiken, Pfarrerin an der Thomaskirche, thomaskirche.org