Predigt über Jesaja 9, 1-6

Predigt über Jesaja 9, 1-6 zur Christmette nach Michael Praetorius am 28.12.2014,

St. Thomas zu Leipzig um 10 Uhr

 "Ich liege im Bett und schlafe. Plötzlich klingelt es. Dann wird die Tür aufgerissen. Es ist dunkel. Männer in Uniform kommen in mein Schlafzimmer und befehlen mir, innerhalb von 20 Minuten meinen Koffer zu packen. Die kleinen Geschwister sind total erschrocken und fangen an zu weinen. Angst greift um sich, der Ton ist rauh und soll verunsichern."

Liebe Gemeinde, das ist keine Szenenbeschreibung aus "Schindlers Liste", sondern geschehen in unserer Stadt, in Leipzig.

Es macht mich wütend und traurig zugleich, wenn in meiner neuen Heimatstadt kurz vor dem Heiligen Abend eine gerade 18 jährige junge Frau abgeschoben wird. Unter Anwendung von Gewalt, ohne jegliche Sensibilität, mitten in der Nacht, traumatisierte Kinder in Kauf nehmend, dröhnen die Polizistenstiefel durch die Flure der Asylbewerberunterkunft und reißen alles aus dem Schlaf. Ich schäme mich für mein Land, welches, christlich, sozial und demokratisch sein will, dabei aber jegliches Augenmaß verliert, wenn es um Mitmenschlichkeit an einem der höchsten christlichen Feste geht. Ja, die Werte des christlichen Abendlandes stehen in Gefahr verloren zu gehen. Aber nicht durch Zuwanderer, sondern durch die menschenverachtende Abschiebepraxis in Sachsen und anderswo. Da hat der hiesige Innenminister allen Neonazis ein schönes Weihnachtsgeschenk gemacht.

So etwas darf nicht wieder passieren. Wir brauchen mehr Vernetzung zu Behörden, zu Einsatzkräften, zu anderen engagierten Bürgerinitiativen, um rechtzeitig Informationen zu bekommen, damit christliche Gemeinde auch zivil ungehorsam handeln kann, weil es das Herz befiehlt. Die menschenverachtende Befehlskette muss auch unterbrochen werden dürfen, damit die Befehlsgeber endlich zum Nachdenken über ihre Befehle kommen.  Solange Deutschland in dieser Weise mit Menschen umgeht, können Gemeinden gar nicht anders, als gelegentlich auch Asyl zu gewähren, wenn Politik versagt. Dass wird nicht allen gefallen.Muss es auch nicht.

 Die Kraft für solches Handeln bekomme ich aus den Verheißungen der Bibel. Das im Finsteren wandelnde Volk sieht das große Licht, welches sich in der Geburt des angekündigten Messias zeigt. Licht vom Licht, Gott von Gott, wahrer Mensch, nicht bloßer Gedanke.

Jesaja erzählt vom allumfassenden Frieden, erzählt vom Shalom, den die unfriedliche Gegenwart so bitter nötig hat. Krieg und Gewalt, ob in Afghanistan, Syrien oder im Asylbewerberheim in Leipzig, hinterlassen immer Spuren. Das Dröhnen der Polizistenstiefel hallt noch lange nach in den Ohren der Kinder. Und deren Schreie werden die Befehlsempfänger manche Nacht um den Schlaf bringen. Besudelte Mäntel, tränendurchtränkte Pullover stehen für all diese Schrecken über den Moment hinaus. Friede sieht anders aus.

Friede wird aber werden, weil Gott ihn uns verheißen hat. Allumfassend, in seinem königlichen Reich, das auf uns zukommt. Sein Reich ist anders organisiert als unsere Reiche. Wunder wirkt dort der Ratgeber. Wunder zum Frieden hin. Ein Gott-Held und Ewig-Vater - Thronnamen, die in unserer Ohren sehr ungewohnt klingen. Sie stehen für das neue, himmlische Königreich, stehen für das total andere. Dazu gibt es einen Thronnamen, der die Verbindung hält zwischen göttlichem Reich und irdischer Gegenwart. Es ist der Friede-Fürst. Darin zeigt sich: Umfassender Friede ist keine Vertröstung, sondern Maßstab für irdisches, weltliches Handeln. Dass wird nicht immer gelingen. Wo jedoch dieser Maßstab aufgegeben wird, bleibt die Finsternis. Der Friede-Fürst ist der einzige Thronname, welcher eben auch für den weltlichen Herrscher gilt. Da machen die Jahrhunderte keinen Unterschied. Friede-Fürst bedeutet nicht, dass ich ein Paradies auf Erden errichte, dass hier nur noch göttliches Recht gilt.

Ein Gottes-Staat ist keine Herrschaftsform für diese Erde, weil Menschen nicht perfekt sind und Fehler begehen, dadurch Schuld auf sich laden und der Rettung bedürfen. Hier lebend sind wir eben noch nicht erlöst. Aber schmecken dürfen wir von der Erlösung bei jedem Gastmahl am Tisch des Herrn. Friede-Fürst heißt: Woran du dich ausrichtest, wenn Du Verantwortung trägst im Kleinen oder Großen, daran wird deine Herrschaft gemessen werden. 

Gott zu begreifen ist schwer, ihn in Namen zu fassen, versuchen Propheten, Dichter, Glaubende seitdem sie Erfahrungen mit ihm gemacht haben. 

Gott selber ist für die Namensgebung seines Sohnes verantwortlich. Indem er das tut, gibt er seinem Shalom, seinem Frieden einen Namen: und mit diesem Namen wird Gottes Programm deutlich. Jesus bedeutet so viel wie: Gott rettet!

Ja, das haben wir bitter nötig und darauf sind wir angewiesen. Angewiesen auf Gottes Rettung und Hilfe. Besonders angewiesen sind wir dann, wenn die Finsternis schier unbezwingbar scheint und Hoffnungslichter vom eisigen Wind der Macht  ausgepustet werden.

Dann brauchen wir die Stärkung des Herzens und des Mutes, daran nicht zu verzweifeln und nicht aufzugeben, sich für Recht und Gerechtigkeit einzusetzen. Mit der Verheißung des himmlischen Friedefürsten im Gepäck, kann ich den irdischen Kriegs-Fürsten auch frech ins Gesicht sagen:

Nein! Ich mache das nicht mit! Ich gehe einen anderen Weg, einen Weg, der zum Shalom führt.

"Wer einen Menschen rettet, rettet die ganze Welt." Das ist nun wirklich ein Zitat aus Schindlers Liste, dessen tiefere Bedeutung und Erweiterung sich so ausdrücken lässt:

Wo es nur Retter gibt, da gibt es keine Vernichter.

 

Amen!