Predigt über Lukas 2, 15-20 zur 2. Kantate aus dem Weihnachtsoratorium von J.S.Bach

Predigt am 2. Weihnachtsfeiertag, 26.12.2014 über die 2. Kantate des WO, St. Thomas zu Leipzig.

 

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

 

Auf den Hirtenfeldern des Alltags sitzen wir und warten darauf, dass noch etwas passiert im Leben. Soll alles so weitergehen wie bisher, immer im gleichen Trott, ausgesaugt von Erwartungen, die niemand erfüllen kann, ausgelaugt von vergeblicher Mühe? Im Hamsterrad, getrieben von Ansprüchen, die jämmerlich an der Wirklichkeit zerschellen müssen, hüten die heutigen Hirten keine Schafe mehr, sondern sitzen in Büros oder schuften 12-14 Stunden am Tag für einen gerade mal Überlebenslohn als Paketzusteller. Der Hirte heute steht hinter den Friteusen der Schnellrestaurants. Verachtet, zuweilen mitleidig belächelt von denen, die es im Leben besser haben. Die Hirtin ist auch in Pflegeheimen, Krankenhäusern und als 24h Pflegesklavin in den Häusern der Wohlhabenden zu finden.  Ausgebeutet wurden Bethlehems Hirten. Darüber haben sie den Lebenssinn verloren. Der letzte Funke klimmender Hoffnung verlosch im billigen Wein am Lagerfeuer. Ausgebeutet werden die Hirten heute von einer Zivilgesellschaft, deren Mitgliedern moderne Hirtenarbeit zu dreckig und anstrengend, zu wenig einträglich oder ohne Ansehensgewinn ist. Alle wissen, ohne Hirten geht es nicht, aber keiner will für ihren Dienst, bequemes Leben aufgeben. Auf die Hirten werden die negativen Sehnsüchte projiziert und sie dienen dem Bürgertum als Spiegelbild, um den eigenen Kindern zu sagen: Wenn du dich nicht anstrengst, dann wird deine Zukunft genauso aussehen.

Inmitten auf dem dunklen Hirtenfeld des Alltags, wo sie sitzen, traumversunken, rau, weil Rauheit ihr Herz umschlossen hat, voller Melancholie mit stumpfen Augen warten sie und warten und warten....

Zorn und Frust fressen sich durch die Hoffnungsreste, die ihnen noch geblieben sind, und langsam schwinden auch diese. Langsam schwindet die Hoffnung, dass noch etwas passiert. Plötzlich passiert doch noch etwas. Plötzlich wird es anders im Leben

"Brich an du schönes Morgenlicht,

und lass den Himmel tagen."

Die Klarheit Gottes tritt ein in die symbolische Nacht der Hirten damals und heute. Im Bild vom anbrechenden Morgenlicht malt uns Bach mit Tönen einen Augen- und Ohrenschmaus für die Seele. Wer Sonnenaufgänge mag, wird verstehen, welche Schönheit und Kraft von ihnen ausgehen kann. Es ist jener besondere Moment, wenn es noch dunkel ist und du spürst, gleich wird es passieren, gleich bricht das Sonnenlicht sich Bahn. Sonnenaufgänge verwandeln dunkle Zeit in Kreativität. Sie können verkrustete Gefühle hervorbrechen lassen oder einfach nur die Seele stärken. Die Hirten erleben den Sonnenaufgang in ihrem Leben im Zeitraffer. Mit Macht und Kraft wird es hell. Da wird es ihnen angst und bange.Sie ängstigen sich vor so ungewohnter Alltagsunterbrechung.

Ihnen ist die liebevolle Zuwendung  abhandengekommen, auf die sie doch so sehr angewiesen sind. Das macht ihnen Angst.   Plötzlich ist da jemand, der sagt ihnen in tiefster Sorge, in trauerumflorter Stunde:Fürchte dich nicht!

Er sagt es liebevoll und doch mit vollster Überzeugung, mit großer Kraft. Möge das Morgenlicht anbrechen in mir, damit ich aufwache auf meinem Hirtenfeld und auferstehen kann aus tiefer Nacht. 

Wir sind Hirten, das ist wahr 

Wenn ich mich hier so umschaue, entdecke ich eher weniger Hirten als denn Könige. Bethlehems Hirten waren arm, hatten materielle Sorgen. Sie konnten überleben, weil zu dem einfachen Brot, dem billigen Wein, weil zu Schafskäse und Oliven auch eine gute Portion Zynismus als Nahrung diente.

Wenn Gott ausschließlich zu diesen Armen kommt, dann haben wir im wohlgenährten Leipzig Pech an Weihnachten, dann werden wir vergeblich warten müssen. Arm sein kann genauso bedeuten, dass Sinn und Kraft dem Leben abhanden gekommen sind. Da nützt die große Wohnung wenig, auch das eigene Haus kann darüber nicht hinwegtrösten. Und irgendwann schmeckt selbst das Essen aus der Gourmetage nur noch fad.

Gottes anbrechendes, schöpferisches Morgenlicht wirft seinen Strahl ebenso auf die andere Armut. Er steigt auch in diese Tiefe hinab, weil er keinen Unterschied macht, weil ihm jeder ernst und wichtig ist. Danke für diese Hinabsteigen in mein Elend. Danke, dem Logos, der das himmlische Sein aufgegeben hat, um bei mir und in mir zu sein als das fleischgewordene und das verkündigte Wort.  Danke, dass er sichtbar geworden ist und nicht mehr als philosophischer Gedanke durch das Universum kreist. Gott will sichtbar werden. Dafür ist es Weihnachten geworden auf dem Hirtenfeld in Bethlehem und auf den Hirtenfeldern in Leipzig.  

         Ehre sei Gott in der Höhe 

ist die angemessene Antwort, liebe Gemeinde auf das Ereignis zu Weihnachten. Denn aus Hirten werden Könige. Ein Gott, der sich in die tiefsten Tiefen meines Seins hinab begibt und auch die Abgründe des Lebens nicht scheut, um mich zu retten, will aus dieser Tiefe heraus verehrt werden.

Schaut hin, dort liegt im finstern Stall,

des Herrschaft gehet über alle.

Das Wort Gottes, der Logos begibt sich auf Erdenreise, begibt sich hinab in den Stall.Das Hinabsteigen Gottes in meine menschliche Ergebundenheit ist ein so ungewöhnliches Ereignis, dass es verspottet wurde.Und doch ist es das großartigste Ereignis der Religionsgeschichte. Ein Gott macht sich klein. Ehre, Anbetung, Verherrlichung, Leidensfreiheit - all das gibt er auf, um meinen Weg zu gehen. Wie ein Licht kommt dieser Gott in die Finsternis und unbegreiflich ist es für diese. Kein Wunder, dass sie sich vor dem Licht fürchtet.        

Friede sei auf Erden

 

Diesen Wunsch können die Engel im himmlischen Jubelchor jedes Jahr aufs Neue aus vollen Kehlen singen.  Friede auf Erden – wie anders schreit doch die Wirklichkeit. Unfriede in den Familien, Unfriede zwischen denen die oben herrschen und denen, die unten ihr Leben zu meistern versuchen. Das wird sich so schnell nicht ändern. An den Frieden Gottes zu glauben fällt nicht nur den Engeln in Gottes Jubelchor schwer. Es fiel auch den Hirten schwer und uns heute im Jahre 2014 geht es nicht anders angesichts von Konflikten, die sich wie ein blutdurchtränkter Teppich über unseren Erdball ziehen. Da liegt es nahe, sich ins eigene Kämmerlein zurückzuziehen und zur seelischen Ich-AG zu verkümmern.

Friede Gottes können wir nie alleine haben. Gott weist uns an andere Menschen, die er uns selbst zur Seite gestellt hat. Das spannende daran ist: Es ändert sich. Mal weist er mich an engste Freunde und Familie, mal an den hilfesuchenden Flüchtling. In meiner Beziehung zu Gott werden „Ehre sei Gott in der Höhe“ also die vertikale Dimension und das „Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens“, die horizontale Dimension miteinander verbunden. Nur zusammen machen sie Sinn. Lebe ich einzig in der vertikalen Dimension, ohne Mitmenschen, nur für Gott, gehe ich an der Sehnsucht nach menschlicher Liebe und Geborgenheit, an der Sehnsucht nach Gemeinschaft zugrunde. Lebe ich einzig und allein in der horizontalen Dimension, nur auf Menschen ausgerichtet, ohne Gott, … ich muss es nicht weiter ausführen, liebe Gemeinde. Sie brauchen nur in die Augen der Menschen zu schauen, die ihnen auf den Hirtenfeldern des Alltags vielfach begegnen, um zu sehen, was dann passiert.

Ohne Gott muss ich alles alleine regeln. Ohne Gott bin ich für mein Leben vom Anfang bis zum Ende selbst verantwortlich. An dieser Last kann man nur zerbrechen. Deshalb müssen vertikale und horizontale Dimension zusammengeführt werden.Führe ich beide Lebenslinien aber zusammen, dann ergibt es ein Kreuz – das ureigenste Symbol für das Christusgeschehen. Dieses Symbol will ich mir nicht von deutschtümelden Patrioten in schwarz-rot-gold anmalen lassen, umfackelt von Lichtern wie beim Ku-Klux-Klan. Wer das Kreuz so zur Schau trägt, der lästert dem, der daran für uns gestorben ist, der lästert Christus.

Zur kulturellen Wurzel des Abendlandes gehört das Kreuz in seinen beiden Dimensionen. Es ist dazu auch Zeichen des Leides sowie Hoffnungszeichen. Symbole behalten ihren Wahrheitsgehalt auf Dauer, wenn sie gelebt werden, wenn ihr Inhalt nicht entleert wird, wie auf Pegida-Spaziergängen. Friede auf Erden bedeutet auch, dass sich unterschiedliche Religionen und Kulturtraditionen gegenseitig akzeptieren – nicht als falsch verstandene Toleranz, sondern in gegenseitiger Anerkennung.

 

Verwandelt zurückkommen

 Ja, es ist wahr. Gott hat seine Verheißung erfüllt. Es sind nicht alte Sprüche, die Arme trösten, um zu vertrösten und sie letztlich in ihrer Armut gefangen zu halten. Gott macht ernst. Er macht auch ernst mit meinem Leben. Weil er dieses Hinabsteigen für mich tut, richtet er mich aus dieser Tiefe auf. Aus dem Hirten wird ein König, weil Gott ihm die Krone des Lebens geschenkt hat. Das Wunder der Verwandlung vom Hirten zum König, wird nicht fruchtlos bleiben.  

Wenn mich Gottes frohe Botschaft trifft, gehe ich als Verwandelter weiter. Aber ich muss eben auch gehen und darf nicht in Freude und Gloria erstarren.

"Frohe Hirten eilet, ach eilet."