Predigt am 1. Weihnachtsfeiertag

Predigt am 1. Weihnachtsfeiertag 2014, Lukas 2,15-20 und Kantate 1 aus dem Weihnachtsoratorium

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

„Auf Zion, und verlasse nun das Weinen", liebe Gemeinde, die 1. Kantate des Weihnachtsoratoriums nimmt die Bewegung auf, die uns am Ende der Weihnachtsgeschichte begegnet. Und diese Bewegung, sie geht über das hinaus, was sich als historisches Geschehen von Weihnachten beschreiben ließe. Sie ist eine Bewegung des Glaubens und des Begreifens eines Wunders. Weihnachten ist immer beides zugleich: vergangene Geschichte und bewegende Gegenwart.

Darum fasziniert uns die Weihnachtsgeschichte, die sich durch Bachs Kantatenwerk zieht, jedes Jahr von neuem. „Auf Zion, und verlasse nun das Weinen", in diesem Sinne machen sich die Hirten auf den Weg. Sie gehen los mit der Botschaft „Fürchtet euch nicht" im Ohr, um am Tage zu sehen, was ihnen da mitten in der Nacht gesagt worden ist. Sie stehen für die, die aus welchen Gründen auch immer im Abseits der Gesellschaft leben. Sie leben draußen vor in äußerer oder innerer Dunkelheit. Jetzt aber rütteln sie die Öffentlichkeit wach, die ihnen kaum Beachtung schenkt. Als Zeugen eines Moments, wo Himmel und Erde, Licht und Dunkelheit zusammenkommen - und mit einer Botschaft, die die Welt verändert: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen".

Dabei müssen sie ihr Erschrecken darüber zunächst überwinden. Denn wer lässt sich schon gerne hineinleuchten in das eigene Leben, vor allem in das eigene beschämende Elend. Auch wenn man es gerne hinter sich lassen würde, man mag es doch nicht, wenn es für alle sichtbar wird. Der Rückzug darauf mag manchmal der bequemere Weg sein, aber er ist nie der bessere. So wagen sie es, ermutigen einander, lassen das Zagen, verbannen die Klagen und stellen sich der neuen Herausforderung ihres Lebens. Die heißt: Hier und jetzt zu sehen, zu entdecken, was in der Heiligen Nacht gemeint war. Hinzugucken mit den Augen des Tages und nicht nur der Nacht, das ist ein Unterschied. Nun gilt es, den Sprung zu wagen vom hellen Licht der Heiligen Nacht in das nüchterne Licht des Alltags. Das Überwältigende wiederzuerkennen in seiner kleinen äußeren Erscheinung, es aufzusuchen mitten in der Armseligkeit unserer Welt. Gott will sich in der Realität von Stall und Krippe finden lassen, der große Herr und starke König, der die ganze Welt erhält, muss nicht nur, sondern er will in harten Krippen schlafen. Mit dem äußeren Auge auf das zu sehen, was man nur mit dem inneren wahrnehmen kann. Ohne die Demut, sich hinunter zu beugen vor dem, was einem als zu gering erscheint, werden wir es nicht erkennen, das Angesicht Gottes. Und ohne die Geduld, Gottes Anfänge auf dieser Welt im Kleinen hoch zu schätzen, werden wir nichts von Gott sehen, hören, fühlen. Das drückt der Anfang eines kleinen Menschenlebens unvergleichlich aus: Eigentlich ist's normal, aber man staunt trotzdem, dass da alles dran ist.

Ja, alles ist dran, alles ist da in den kleinen Anfängen Gottes mit uns - und es ist darauf angelegt, zu wachsen. Verheißen ist uns eben nicht nur ein Reich der Träume, sondern eine Realität in dieser Welt, die sich nach Weihnachten äußerlich offenbar in keiner Weise geändert hat - und die doch eine völlig andere ist. Es gilt, das Geschehene für unser Leben zu deuten, auch den Betroffenen selbst. „Alle wunderten sich über das, was ihnen die Hirten gesaget hatten.", heißt es. Alle, also auch Maria und Joseph, die ja beide schon auf das besondere Wesen ihres Kindes vorbereitet waren.

Aber es ist ja tatsächlich so: Im Laufe des Lebens muss man das gleiche immer wieder hören, wie jedes Jahr die Weihnachtsgeschichte und das Weihnachtsoratorium, um das ganze Geschehen in seiner Tiefe zu durchdringen. Und dafür benötige ich auch die Visionen und Glaubenserfahrungen der anderen, bin angewiesen auf ihre Deutungen von Gottes Gegenwart in unserer Welt. Niemand von uns ist sich da selbst genug, Weihnachten ist keine Privatsache, sondern eine höchst öffentliche Angelegenheit, seine Botschaft bringt die Menschen in Austausch und Dialog miteinander. Sie führt völlig unterschiedliche Lebensgeschichten zusammen unter der einen Überschrift: Fürchtet Euch nicht, schon gar nicht voreinander.

Auch eine Maria braucht die Ansprache der Hirten, um zu verstehen, was in ihr vorgeht: sie bewahrt diese Worte in ihrem Herzen. Beides gehört zusammen. Die innere Bewegung der Maria und äußere der Hirten. Was mich als glaubenden Menschen innerlich bewegt, kann mich nicht still sitzen lassen - und was ich glaube, will zugleich immer wieder von neuem gewonnen werden. Ich habe es nie. Das ist die Lebenshaltung der Maria. Sie hat har sich immer wieder durchdringen lassen in der Tiefe ihres Herzens. Eine Lebenshaltung, zu der später auch der erwachsene Jesus die Seinen auffordert im Gleichnis vom Sämann, der die Saat auf den Acker streut, das Wort das Evangelium ins Menschenherz, um es in sich wachsen zu lassen und es schließlich, ob Frau oder Mann, wie Maria in diese Welt hinein zu gebären, ihm Gestalt zu geben.

Maria, das sind also auch wir, so wie die Hirten auch. Und beides, ihre innere wie ihre äußere Bewegung gehören zusammen, auch bei uns, wenn es gilt, den nächtlichen Chorgesang der himmlischen Heerscharen am Tage umzusetzen. Also die Frage zu beantworten, die in der 1. Kantate des Weihnachtsoratoriums nicht von ungefähr genau in der Mitte steht: Wie soll ich dich empfangen, und wie begegn‘ ich dir? Ich, jede und jeder an seinem, an ihrem Ort, wie begegnen wir ihm? Wie setzen wir es um in unseren Alltag, das weihnachtliche Lied über das, was dieses Kind bringt, damit die Welt heil werden kann?

Ehre sei Gott in der Höhe, das ist die erste Strophe dieses Liedes: Gott in der Höhe allein die Ehre zu geben - und niemanden an seine Stelle zu setzen, andere nicht und auch nicht sich selbst. Und allen zu widerstehen, die sich das anmaßen. Den Ideologien und Diktaturen aller Art zu wehren, wo Menschen ihnen ausgeliefert sind. Hinzugucken mit den ausgeschlafenen Augen des Tages auf das, was sich in unserer Welt mit Gewalt und auch unter dem verbrecherischen Missbrauch von Religionen gebährdet. Kaum wahrgenommen von der medialen Öffentlichkeit wird in diesen Tagen die verzweifelte Lage der Christen im nördlichen Irak, die auf der Flucht sind, Kälte und Dunkelheit und vor allem der Angst um ihr Leben ausgesetzt. Nehmen wir wahr, was dort geschieht, etwas, was den arabischen Staaten leider enorm schadet? Wo es auch nur einen verschwindenden Rest an jüdischer Bevölkerung gibt und Christen nun dort dasselbe droht? Machen wir uns wirklich stark genug für sie, sie aufzunehmen bei uns? Das Ganze ist glaubwürdig nur dann möglich, wenn wir uns hier für das einsetzen, was diesen Menschen dort verwehrt wird: das Recht, seine Religion, welche auch immer, friedlich auszuüben und den interreligiösen Dialog zu fördern und wie bei Maria und den Hirten es als Gewinn zu betrachten, die unterschiedlichen Lebensgeschichten zusammenzuführen.

Aber da ist noch viel mehr, was sich im Laufe dieses Jahres gezeigt hat, was nachdenkenswert wäre. Die Tendenz, das, was sich unangemessen hineindrängt in unser Leben, nicht schicksalsergeben hinzunehmen wie das Geschnüffel der NSA, sich nicht abzufinden mit der Haltung, ach das ist halt normal und das machen doch alle. Warum, um alles in der Welt, finden wir das normal, dieses Schema von oben-unten und gestehen bestimmten Institutionen kritiklos ihren angemaßten Platz über uns zu? Wir sind da schon bei der zweiten Strophe des himmlischen Lobgesangs: Friede auf Erde - das impliziert den Gedanken der Gerechtigkeit. Wenn ich das und das vorhergehende „Ehre sei Gott in der Höhe" ernst nehme, dann kann ich nicht mehr anders als alle Menschen, auf gleicher Stufe mit mir selbst betrachten woher sie auch kommen, was sie glauben. Die sich beängstigend verbreitende schleichende Bereitschaft, menschliche Grundrechte in Frage zu stellen und zu meinen, sie denen verwehren zu können, die mir irgendwie bedrohlich erscheinen, gehört dazu. Dazu muss man nicht nur auf die Pegida-Bewegung gucken. Wobei der man sich natürlich fragen muss, was ist da schief gegangen in Sachen „Grundkurs Gestalten demokratischer Prozesse" und vor allem auch, was ist schief gegangen in Sachen schlichter Herzensbildung? Wie kann einer der größten abendländischen Grundsätze, auf dem bekanntlich kein Geringerer als Immanuel Kant seine praktische Philosophie aufgebaut hat, in weiten Teilen der Bevölkerung so vergessen sein? Der Grundsatz, der jesuanisch formuliert heißt: Behandelt die Menschen so, wie ihr selbst von ihnen behandelt werden wollt, oder kantisch, wem das mehr liegt: Handle stets so, dass die Maxime deines persönlichen Handelns allezeit zur allgemeinen Maxime erhoben werden kann. Wenn wir das hinbekommen würden, dann wäre der Friede auf Erden gesichert.

Leider, muss man sagen, kriegen wir Menschen das nicht abschließend und endgültig hin. Aber wir können immer wieder anfangen, und uns dazu an dem orientieren, was uns jedes Jahr zu Weihnachten neu ins Bewusstsein gerufen wird: Uns nicht zu fürchten vor dem Grau der Realität oder vor fremden Menschen und Meinungen. Sondern auf die Anfänge zu schauen und darauf zu vertrauen, dass sie wachsen, dass sie sich weiterentwickeln. Und das Weinen verlassen, unser Zagen und Klagen, dass es alles vergebens sei, wir nur kleine Rädchen im Getriebe der Welt seien und so weiter und dass es sich am Ende doch ganz gut leben lässt im Halbdunkel der Verhältnisse. Scheuen wir die Anstrengung nicht - weder die des inneren Bewegens der Worte der Heiligen Nacht noch die daraus resultierende äußere Bewegung der Hirten. Ich denke, man kann das ganz gut mit den wunderbaren Worten Rainer Maria Rilkes unterstreichen: „Habe Geduld gegen alles Ungelöste in deinem Herzen und versuche die Fragen selbst lieb zu haben wie verschlossene Stuben... Forsche auch nicht nach den Antworten, die dir nicht gegeben werden können, weil du sie nicht leben kannst...Lebe jetzt die Frage, vielleicht lebst du dann eines fernen Tages in die Antwort hinein." Also: Leben wir jetzt die Frage, bewegen sie in uns, gehen los und sehen die Geschichte, wie und wo Gott sich in dieser Welt jetzt und heute Raum sucht und sein Werk vollbringt: Damit, wie es in der 1. Kantate des Weihnachtsoratoriums heißt, „was ihn ergötze, uns kund und wissend sei".

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewege unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Britta Taddiken, Pfarrerin an der Thomaskirche, taddiken@thomaskirche.org

Fürbitten
Unser Gott, du bist Mensch geworden, damit wir nicht alleine sind. Du bist zur Welt gekommen, damit wir uns nicht mehr fürchten, nicht mehr vor Dir, nicht mehr vor den anderen, nicht mehr vor uns selbst.
Als deine Kinder bitten wir dich:
Für die Kinder, die in Bergwerken und an Webstühlen schuften müssen, die missbraucht werden von der Welt der Erwachsenen, die als Soldaten zum Töten gezwungen werden, für alle, die auf der Flucht sind im Irak, in Syrien, in Afghanistan, für alle, die durch Misshandlungen und Verbrechen alles Vertrauen verloren haben, für alle, die um ihrer politischen und religiösen Einstellung verfolgt werden.
Für die Familien, die unter Arbeitslosigkeit, Sucht oder Streit leiden und für alle, die heute einsam und allein sind und sich einfach nur elend fühlen.
Komm Du zu ihnen mit Deinem Wort, mit deiner Nähe. Bewege sie und setze auch uns in Bewegung zu ihnen, dass wir ihnen beistehen und aufhelfen können. Lass den Geist des „Fürchtet Euch nicht" von uns ausgehen zu denen, die ihn brauchen in unserer Nähe und in der Ferne. Darum bitten wir, wenn wir gemeinsam beten: Vaterunser...