Ansprache in der Christvesper am Heiligen Abend, 16.00 Uhr

Ansprache Christvesper 2014

Liebe Gemeinde,
wir haben sie jetzt wie jedes Jahr gehört: die Weihnachtsgeschichte nach Lukas. Wir hören sie jedes Jahr, weil sie immer aktuell ist. Sie beginnt damit, dass Menschen sich gegen ihren Willen auf den Weg machen an einen Ort, der ihnen fremd ist. Und wo keiner von denen, von denen das Gebot dazu ausgeht, sich um die Umstände schert. Männer, Frauen und Kinder werden zu Fremden. Und dass lässt man sie spüren: Ihr seid hier nicht erwünscht. Der kleine Halbsatz „Denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge" nimmt dem Bild von der Geburt im Stall und der Krippe jegliches Idyll. Das Kind, in dem Gott zur Welt kommt, ist dem Geist der Abgrenzung und der menschlichen Kälte ausgesetzt.

Nun ist Bethlehem da keine Ausnahme und diese Phänomen gibt es nicht nur in Diktaturen wie der eines Augustus. Wie steht es mit Europa, mit Leipzig, mit Dresden? Dort war auch am Montag Pegida auf der Straße. Was wollen diese Menschen? Das Fernsehmagazin Panorama hat in der vergangenen Woche 90 Minuten ungeschnittene Interviews ins Netz gestellt. Da geht es gegen Fremde, den Euro, Schwule, GEZ-Gebühren, eine liberale Gesellschaft und gegen vieles, was unser gemeinsames Leben zu einer komplexen Angelegenheit macht. Unterm Strich bleibt als Gemeinsames übrig: Diffuse Angst und die Tendenz, sich abgrenzen zu wollen. Das werden wir alle unterschiedlich sehen und beurteilen, aber auf mich wirkt das wie ein bizarrer Wettbewerb darum, wer denn eigentlich in unserer Gesellschaft am ärmsten dran ist und am ungerechtesten behandelt wird. Und ich finde es beängstigend, wie viele sich aus dieser Rolle heraus berechtigt sehen, den niederen Instinkten in sich hemmungslos nachzugeben und in einer abstoßenden Mischung aus Hass, Neid und Abscheu über diejenigen herzuziehen, denen man die Schuld für die eigene Unzufriedenheit gibt. Die Lust am Tabubruch in der Menge ist deutlich wahrnehmbar. Das Kreuz Jesu als nationalistisches Symbol in schwarz-rot-gold ist nur eine der Verwirrungen, die für sich/gegen sich sprechen. Auf diesem Nährboden kann sich Gefährliches ausbreiten. Und es gibt ja leider genug von denen, die diese Atmosphäre der Angst und Abwehr, in der man sich dem klärenden Gespräch verweigert, für ihre Zwecke instrumentalisieren.

Diesen Geist lässt auch die Weihnachtsgeschichte als Hintergrund durchblicken - er kann in jeder Gesellschaft und zu jeder Zeit um sich greifen. Weihnachten nun geschieht etwas, was diesem Geist etwas entgegensetzt. Es ist der nächtliche Ruf der Engel an die Hirten: Fürchtet Euch nicht. Die Klarheit des Herrn leuchtet auf mitten in der finsteren Gemengelage dieser Welt und das bei Menschen, die damals auch zu den ausgegrenzten Figuren zählten und die allen Grund gehabt hätten, auf die Straße zu gehen: die Hirten. Sie lebten außerhalb der Gesellschaft und man maß ihnen bestimmte Rechte nicht zu wie etwa die Zeugenschaft vor Gericht. Menschen, deren Zukunftsperspektive sich sehr in Grenzen hielt. Sie aber erreicht als erste die gute Nachricht, die allen gilt: Ihr seid nicht vergessen. Ihr seid angesehen von Gott, er ist auf dem Weg in diese Welt angekommen, wie sie ist - in Eure Welt und er lebt mit Euch als einer von Euch, lasst Euch von dieser Botschaft tragen und ermutigen, seid und bleibt selbstbewusst. Und so werden die, die nicht Zeugen sein durften, zu Zeugen bestellt, diesen neuen Geist der Welt mitzuteilen: Fürchtet Euch nicht, lasst Euch nicht vom Geist der Furcht leiten. Sondern brecht auf zu dem, der die Menschen lehren wird, Furcht und den Schrecken zu überwinden.

Diese Botschaft gegen die Furcht hat drei Teile: Ehre sei Gott in der Höhe - Frieden auf Erden - und den Menschen Gerechtigkeit. Zum ersten: Darauf verzichten, sich selbst an die Stelle Gottes zu setzen, in dem man sich über andere, vor allem Schwächere und Minderheiten erhebt. Wer den Grundsatz: „Ehre sei Gott in der Höhe - und niemand anderem" anerkennt, der wird sich selbst und andere nur noch auf die eine gleiche Stufe stellen können: Alle sind erst einmal Menschen.

Zum zweiten wird es von daher auf Dauer nur mit friedlichen Mitteln gelingen, dass ein Miteinander der Verschiedenen möglich wird. Frieden auf Erden. Es wird nur möglich sein dank der intensiven Suche nach Mitteln und Wegen danach und dadurch, den niederen Instinkten in uns eben nicht nachzugeben, und auch der Tendenz, Grenzen aufzurichten gegenüber dem, den ich nicht gerne als meinen Nachbarn haben möchte. Hier kann man immer nur wieder anfangen, dem Geist des „fürchte dich nicht" Raum zu verschaffen. Durch Begegnung, durch Gespräch oder eben auch, in dem man mit dem anderen das zu tun wagt, wozu wir ja auch heute zusammengekommen sind: sich gemeinsam das Kind in der Krippe anzuschauen. Um dieses Wunder des Lebens und Glaubens zu feiern. Nicht um des Idylls wegen, sondern um uns anrühren zu lassen von dem Gedanken: Bei Gott hat seine Stelle das menschliche Geschlecht - und zwar das ganze: ich selbst und der andere auch. Wo wird deutlicher, dass Himmel und Erde sich berühren als in einem Kind, als in diesem Kind? Deshalb gilt: Fürchtet Euch nicht, gebt dem Geist der Furcht unter Euch keinen Raum.

Hier liegt unsere weihnachtliche Aufgabe für Geist und Sinn, Herz, Seel und eben auch für unseren Mut, davon haben wir eben gesungen. Ja, Herz, Seel und Mut erfordert es, uns auf den Weg von der Krippe in unser Leben zu machen und dem, was wir wahrnehmen an Klima der Angst, der Gleichgültigkeit und der Abgrenzung etwas entgegenzusetzen. Ein Zeichen zu setzen, zu sagen, wofür man steht, wofür man eintreten will - und ins Gespräch kommen, miteinander, auch und gerade mit denen, die uns aus welchem Grund auch immer, fremd sind. Denen eine Stimme zu geben, die von der Öffentlichkeit so gut wie vergessen sind. Und da möchte ich heute besonders nennen die nach wie vor verzweifelten Lage ausharrenden Christen im Nordirak, die immer noch auf der Flucht in den Bergen sind, Kälte und Dunkelheit und vor allem der Angst um ihr Leben ausgesetzt. Nehmen wir wahr, was dort geschieht, etwas, was den arabischen Staaten leider enorm schadet? Wo es auch nur einen verschwindenden Rest an jüdischer Bevölkerung gibt und Christen nun dort dasselbe droht? Machen wir uns wirklich stark genug für sie - und werden so auch dem fritten Teil der weihnachtlichen Botschaft gerecht, für Gerechtigkeit einzutreten.? Das glaubwürdig zu tun, wird aber wohl nur dann möglich sein, wenn wir uns hier für das einsetzen, was diesen Menschen dort verwehrt wird: das Recht, seine Religion, welche auch immer, friedlich auszuüben. Und: Miteinander zu reden. Denn damit, sich offen dem Gespräch zu stellen, auch über das, was einem Angst macht, beginnt sich der Geist des „Fürchtet euch nicht" schon durchzusetzen. Und so wollen wir hoffen, dass auch das in diesem Jahr gesungene und erlebte „Ich steh an deiner Krippen hier", das nicht von ungefähr in der Mitte dieses Gottesdienstes steht, diesen Geist unter uns und in unserer Gesellschaft weiter ausbreiten möge - als Grundhaltung dessen, was wir tun und sagen. Und mögen wir nicht aufgeben, wo er auf Widerstand stößt. Amen.

Britta Taddiken, Pfarrerin an der Thomaskirche, taddiken@thomaskirche.org