Predigt über Lukas 1,46ff Lobgesang der Maria

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.

 

Kurz vor dem Weihnachtsfest, liebe Gemeinde, ein morgendliches Innehalten am Sonntag. Die vierte Kerze brennt. Drei Wochen Adventszeit sind geschafft. In drei Tage beginnt das große Fest. Ein Gesang begleitet uns heute Morgen. Es ist Marias Lied, gesungen voller Freude mit all ihrer Kraft, bestärkt durch Gottes Geist. Aufrührerisch, ja revolutionär besingt sie die Umkehrung der Verhältnisse. In Marias Lobgesang sammeln sich die Sehnsüchte aller Unterdrückten und Elenden, ein Grund für dessen Popularität. Wohl kaum ein biblischer Text ist öfter vertont und bearbeitet worden.

Auch wenn es dem Evangelischen Theologen etwas schwer über die Lippen kommt, in Marienverehrung einzustimmen, eine gewisse Faszination bleibt. Sie geht von diesem jungen Mädchen aus, das sich nicht hat unterkriegen lassen gegen alle Widerwärtigkeiten. So singt sie voller Selbstbewusstsein ihr Lied und spannt damit den Bogen zum Alten Testament, zum Lied der Hannah, welche Gottes Handeln ähnlich an sich erfahren durfte.

Gleichzeitig weckt sie mit ihrem Lied den Widerstandsgeist, vorfindliche Gegebenheiten als endgültig hinzunehmen. Arm muss eben nicht immer arm bedeuten. Und Macht zu haben heißt nicht automatisch, sie für alle Ewigkeiten zu besitzen.

Maria erfährt, dass Gott herabsteigt vom Thron und sie, die einfache junge Frau, ansieht.

Er sieht sie an mit den Augen göttlicher Gerechtigkeit. Nicht fragt diese nach zementierten Verhältnissen, sondern zeigt, dass aus einem unscheinbaren Senfkorn, Großartiges wachsen kann, Leben schenkend für viele. In Maria vermengen sich Sehnsucht und eigene Erfahrung. Ein Vorgeschmack auf das Reich Gottes, welches ihr noch zu gebärender Sohn verkünden wird und welches sie später in den ersten Gemeinden mit gestalten wird. "Das Reich Gottes ist mitten unter Euch", lässt Lukas Jesus in seinem Evangelium sagen und dort wird Gerechtigkeit anders definiert. Einen Funken von diesem neuen Feuer spürt Maria jetzt schon, spürt ihn ganz existentielle in ihrem Körper.

Marias Lied will trösten und Mut machen zugleich. Es will nicht vertrösten auf bessere Zeiten. Weil ihr geschieht was ungewohnt ist, kann es jedem geschehen, der auf Gottes Kraft vertraut. Leider wurde Maria zur besonderen Heiligen gemacht und dadurch ging ein Stück ihrer Alltäglichkeit verloren.

Aus drei Blickwinkeln möchte ich mit Ihnen heute morgen auf Maria schauen:

1.) Die biblische Maria

Um Heilige brauchen wir uns nicht zu streiten. Heute gilt zu entdecken, was uns die biblische Maria sagen will. Biblische Frauengestalten sind immer von Männerhänden überzeichnet. Entfernt man diese Schichten, werden aus Sünderinnen, Hausfrauen und aus treu sorgenden Gemeindemüttern plötzlich Apostelinnen, Gemeindeleiterinnen oder auch eine Bischöfin, wie in dieser Woche in der anglikanischen Kirche geschehen.

Das ist gut und richtig so. Molestas non tacet in ecclesiam - Denn die Frau schweige eben nicht in der Gemeinde, sondern tue ihre Lippen auf, -auch wenn sie manchmal vergisst, sie wieder zu schließen-, um ihre Meinung zu sagen, um sich durchzusetzen und auch um das Wort zu verkünden als Lektorin und Kollegin. Was wäre unsere Gemeinde ohne die Frauen?                  Es würde traurig, arm und leer aussehen, liebe Gemeinde. Es ist eine gute Errungenschaft protestantischer Theologie und protestantischen Gemeindeverständnisses, dass beiderlei Geschlechter berufen sind, Gottes Wort zu verkündigen. Ich bin dankbar dafür, weil das noch nicht überall selbstverständlich ist auf unserer Erde. Das macht Mut, auch da einzutreten, wo Frauen noch benachteiligt werden in unserer Gesellschaft, weil ihnen weniger Lohn gezahlt wird als männlichen Kollegen.

Betrachten wir  Maria mit mythenfreien Augen, dann wird aus ihr aber gerade nicht eine besondere Gestalt oder gar eine Heilige, sondern ein ganz normaler Mensch.

Maria - schwangeres junges Mädchen, vom Freund Josef verlassen; und das alle Bitterkeiten durchmacht, den Spott der Nachbarn, die Schande, ein uneheliches Kind im Leibe zu tragen. Dann aber begegnet uns auch eine Frau, die über sich selbst hinauswächst, erfüllt von einem ganz anderen als dem menschlichen Geist, die ihren ältesten Sohn mit ungeheurer Freude erwartet - und mit ihm einen Umsturz ungerechter Gesellschaftsordnung.

2.) Maria, die Mutter

Unsere biblische Maria spürt den Funken der Freude in sich, der über die Kindertage Jesu hinausreicht. Immer aber auch gepaart mit der Sorge um das Kinde. Denn schon der Zwölfjährige Jesus ist eigenwillig, bleibt einfach im Tempel um mit den Gelehrten zu diskutieren ohne Rücksicht auf die sich Sorgen machenden Eltern. Als Dreißigjähriger geht er dann vollständig außer Haus, umgibt sich nach Meinung der Familie mit fragwürdigen Gestalten.  Der letzte Versuch, ihn zurückzuholen geht nach hinten los. “Der spinnt” ist auch das Urteil seiner Mutter. Doch Jesus kontert eben so hart. Die, die jetzt mit mir leben sind meine Familie und tun Gottes Willen. Das tut weh, wenn sich Eltern von ihren Kindern oder Kinder von ihren Eltern lossagen.

Und selbst sein Tod bringt nicht die erhoffte Wiedervereinigung. Die unter dem Kreuz stehende Maria ist eine späte Version des Evangelisten Johannes, die versöhnlich sein soll, doch den geschichtlichen Fakten wohl eher nicht entsprechen dürfte. Andere Frauen, Freundinnen waren bei Jesus in der Stunde seines Todes, nicht aber seine Mutter.

Wenn wir Maria wirklich sehen wollen, dann müssen wir schon mit ihr den Schmerz aushalten, den alle erwachsenen Mütter mit ihren Kindern erleben, weil die eigenen unerfüllten Hoffnungen auf sie projiziert werden. Maria hat geweint. Und es waren bittere Tränen, als ihr Sohn so ganz anders geworden ist, wie sie sich das gedacht hatte. Mütter weinen auch 2000 Jahre später rund um unsere Welt, weil ihre Söhne einen anderen Weg gegangen sind als den vorgeprägten, weil sie sich in Gefahren begeben, zu Islamisten werden, in sinnlosen Kriegen sterben, weil sie Drogen nehmen oder statt einer Frau einen Mann heiraten.

3.) Widerstand und Ergebung

Daneben erleben wir auch die andere Maria. Die Mutter, die kämpft, die nicht klein beigibt. Maria, die sich ihre Leidenschaft, den protestierenden Geist, die sich Gottes Kraft, bewahrt. Ein Stück widerständigen Heiligen Geist, der ihr hilft, die Enttäuschungen zu überwinden und letztlich auch die ganz andere Macht ihres Sohnes zu begreifen. In der Geschichte der Maria ist ein Stück Passionsgeschichte vorweggenommen.

Die Bibel, liebe Gemeinde, lehrt uns nicht Ergebenheit, sondern Widerstand und erst darin auch ein Stück Ergebung. Und die Maria, die nur still das “Mir geschehe, wie du gesagt” ausspricht, ist eine Traumgestalt. Eine Traumgestalt von Männern, denen es unheimlich war, eine Frau mit eigener Kraft und eigenem Willen zu sehen.

Der Leidensweg der Maria ist nicht das letzte. Maria taucht wieder auf aus ihrem Schmerz und ihrem Zorn. Nach Auferstehung und Himmelfahrt ihres Sohnes ist sie bei seinen Freunden, bei seiner Gemeinde. Sie gehört zu seiner neuen Familie, die durch diesen besonderen Geist miteinander verbunden ist.

Eine solche  biblische Maria, deren Geisteskraft, deren Eigenwilligkeit, Selbständigkeit und deren Menschlichkeit betont wird, ist eine zutiefst evangelische Maria, die unsere Hochachtung verdient Sie wird uns zum Vorbild. Die Maria, die nur auf Empfänglichkeit, Mütterlichkeit, Gehorsam und Biologie festgelegt wird, ist ein Traumbild gestörter männlicher Phantasien. Sie ist einfach unbiblisch. Gegen solche Traumbilder und Überzeichnungen dürfen wir getrost mit Maria in ihren Protestruf einstimmen, dass Gott die Niedrigen erhöht hat und dass die Kirche dies auch wahr machen soll. Also lasst uns mit Maria kämpfen. Kämpfen gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit, wo immer sie uns begegnet.  Wo Frauen nicht die gleichen Löhne bekommen wie ihre männlichen Kollegen, möge Marias Protestruf laut erschallen. Wo Frauen gezwungen werden ihre von Gott geschenkte Schönheit zu verschleiern, möge Marias Widerstandsgeist protestieren.

Lasst uns die Stimme erheben gegen die Arroganz der Macht und die Überheblichkeit der der Mächtigen, die am Ende nur Angst vor Veränderung und Erneuern haben. Gottes Geist ist aber ein Geist der Erneuerung, ein Geist der Umkehr.

Gott macht das Kleine groß - das lehrt uns die Geschichte der Maria.

Und weil er so schön klingt, hören wir ihren Lobgesang noch einmal als Wort und danach als Musik.

 

46 Maria sprach:

Meine Seele erhebt den Herrn,

47 und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes;

48 denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen.

Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder.

49 Denn er hat große Dinge an mir getan,

der da mächtig ist und dessen Name heilig ist.

50 Und seine Barmherzigkeit währt von Geschlecht zu Geschlecht

bei denen, die ihn fürchten.

51 Er übt Gewalt mit seinem Arm

und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn.

52 Er stößt die Gewaltigen vom Thron

und erhebt die Niedrigen.

53 Die Hungrigen füllt er mit Gütern

und lässt die Reichen leer ausgehen.

54 Er gedenkt der Barmherzigkeit

und hilft seinem Diener Israel auf,

55 wie er geredet hat zu unsern Vätern,

Abraham und seinen Kindern in Ewigkeit.