Predigt über Matthäus 11,2-6

Predigt über Matthäus 11,2-6, 3. Advent, 14. Dezember 2014

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,
jetzt lachen sie sich ins Fäustchen in Nordkorea, in China und in anderen Staaten, wo Menschen ohne Urteil im Gefängnis sitzen. Im Folterbericht über die Machenschaften des CIA, ausgerechnet veröffentlicht zum Tag der Menschenrechte, sehen sie Grund zur Rechtfertigung ihres Tuns. Menschen verschwinden ohne Prozess und Urteil, ausgeliefert der Willkür, ausgesetzt Folter und Qual, gebrochen an Leib und Seele, wenn sie herauskommen. Stasiknast, Jugendwerkhof Torgau, zwei Tage oder fünf Jahre, es gibt genug Leute in unserer Gemeinde, die von den lebenslangen Folgen erzählen können. Und eben alles: ohne Prozess. Und in den meisten Fällen, das bleibt für die USA ja auch noch abzuwarten auch ohne juristisches Nachspiel für die Verantwortlichen. Über viele andere hören wir nichts, die man stumm machen will, weil sie die Wahrheit sagen und damit gefährlich sind.

So ging es auch Johannes dem Täufer, auch er fand sich ohne Urteil im Gefängnis wieder, der Willkür eines Herodes ausgeliefert, den man getrost in einer Reihe nennen kann mit den Diktatoren unserer Tage. Auch das war sicher kein Kinderspielplatz, der Knast dieses Despoten, mit dem er sich angelegt hatte. Hatte ihn aufgedeckt, diesen Ehebruch im Königshaus aus Machtgier. Königin Herodias hatte ihren Gatten abserviert, als er keine Aussicht mehr darauf hatte, an die Macht zukommen und stattdessen seinen Bruder Herodes geheiratet. Herodes ließ ihn verschwinden.

Das verunsichert - und genau das ist beabsichtigt: dass einer nicht mehr weiß, wo oben und unten ist, ob Tag oder Nacht, im Grunde jeglicher Fähigkeit zu entscheiden und zu unterscheiden beraubt.
All das kann einem auch passieren, wenn einen das Leben selbst von einem Tag auf den anderen in Dunkelhaft sperrt. Bestimmte Ereignisse, die das Leben von einem auf den anderen Tag verändern, quasi ohne Urteil, sondern einfach so von heute auf morgen. Wo man sich vorkommt wie eingemauert und man sich fragt, wie Johannes: Mein Leben spielt sich auf dünnem Eis ab, trägt das noch? Oder bricht's jetzt gleich irgendwo ein? So sieht's aus in uns, wo wir uns von einem Lebensentwurf verabschieden müssen, oder auch von einem geliebten Menschen. Wo man nur noch hoffen kann, dass der Glaube trägt, dass es reicht, was an Hoffnung und Zuversicht in einem ist und dass sich all das als tragfähig erweist, wovon ich immer ausgegangen bin?

Bist Du es, der da kommen soll - oder sollen wir doch auf einen anderen warten? Das ist die Johannesfrage. Die Frage dessen, der sich mal ganz sicher war. Und der jetzt natürlich hören möchte, dass alles beginnt, was er, Johannes, in der Wüste gepredigt hat: Es kommt einer, der macht ein Ende mit allem, was verkehrt und ungerecht ist in der Welt. Wie man Bäume fällen muss, damit Neues wachsen kann. Wie man ein Feuer macht und alles hineinwirft, was man loswerden will. Aber nun hört er anderes. Immerhin, er hört es durch die Mauern des Gefängnisses hindurch, er ist nicht völlig überwältigt und gefangen von der Situation, er hört noch und er hat Verbindung nach außen zu denen, die nun für ihn agieren, die aktiv sind als sein Sprachrohr. Verlässt sich auf sie - und hört, dass der, den er angekündigt hat, mit anderen Mitteln zum Ziel kommt. Für ihn heißt die Voraussetzung, dass sich bei uns Menschen etwas ändern kann: heilen, was zerbrochen ist - dann kann sich etwas verändern. Nicht anders herum. Johannes hört, wie Jesus auf die Blinden zugeht und auf die, die taub sind oder lahm. Aber nicht einfach so, er rückt ihnen mit der Frage auf den Pelz, ob sie das denn wirklich wollen, heil werden, ob sie mit der Konsequenz leben möchten, dass sich dann auch etwas verändern wird, und sie andere sehen, hören, fühlen werden, als vorher, dass sie nicht mehr abkapseln können, nicht mehr die Augen und Ohren vor ihnen und ihrem Leben und Schicksal verschließen können. Frei zu sein, heil zu sein, das hat seinen Preis und es verpflichtet, für andere einzutreten, die sich auch danach sehnen. Sich dann noch jemandem vom Leibe zu halten, der einem möglicherweise zu nahe kommen könnte, ist für Sehende, Hörende, Bewegliche nicht mehr möglich.

Dennoch passiert es, dass Angst und Abwehr auch von denen entwickelt werden, denen der Durchblick für ihr Leben und was sie umgibt eigentlich möglich ist. Symptomatisch dafür sind im Moment die Pegida-Märsche in Dresden jeden Montag. Da wollen sog. „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes" einen Zaun um das zeihen, was sie irgendwie mit dem Begriff Abendland assoziieren. So demonstrieren sie schweigend im Finstern, um das zu schützen, was viele von ihnen nicht einmal definieren können. Einer der heiligen Werte jüdisch-christlicher Tradition des Abendlandes von jeher Gastfreundschaft, eintreten für die, die verfolgt sind und ihrer Würde beraubt - egal, welcher Herkunft. Wie gut, dass ihnen inzwischen auch etwas entgegengehalten wird, diesen inzwischen 10.000, die sich irgendwie bedroht sehen von den im Vergleich zu Ländern wie dem Libanon oder Albanien wenigen Flüchtlingen, die nach Deutschland kommen und ihnen das neiden, was jeder Mensch in unserem Land bekommen kann und muss: ein Dach über dem Kopf, ein Essen im Bauch und endlich diese schreckliche Angst um Leib und Leben los zu sein. Man solle auch die Ängste der Menschen ernst nehmen, die da protestieren, heißt es auch aus kirchlichen Kreisen. Ja, in der Tat, alle sollten ernst genommen werden. Aber eben auch mit ihrer Verantwortlichkeit für das, was da passiert. Dass ihre diffusen Ängste und ihre - machen wir uns doch nichts vor - Fremdenfeindlichkeit gerade von den Gruppen instrumentalisiert werden, die da kräftig mitmarschieren? Wie blind und taub muss man sein, das nicht zu realisieren, wessen Denke man auf diese Weise Salonfähigkeit bescheinigt? Wie kann man sich, wenn es einem doch um dem Ausdruck seiner Sorge geht, jedem zielführenden Gespräch entziehen? Seien wir hier und heute wach: Die gleichen Kreise, die Anfang des Jahres gegen den Moscheebau in Gohlis mobil gemacht haben, sind auch in Leipzig schon wieder in Stellung - auf Facebook rottet sich die Schar der Legida zusammen und kündigt einen ersten sog. Spaziergang in Leipzig für Anfang nächsten Jahres an. Seien wir nur wach.

Wehret den Anfängen, einem solchen Ungeist gilt es entgegenzustehen. Und da sind wir zurück bei unserem Text bzw. bei dem Geist, in dem Jesus unterwegs ist: der Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige rein werden und Taube hören lässt. Und der Menschen herausholt aus ihren Löchern, in denen sie buchstäblich oder anderweitig sitzen. Für Durchblick zu sorgen, wo die Blindheit zur regieren droht. Menschen aufrichten, denen das Leben Knüppel zwischen die Beine geworfen hat. Leuten, die sich für abgeschrieben halten, wieder eine Perspektive zu eröffnen. Es nicht zulassen, dass jemand totgesagt wird. Und das Vertrauen zu entwickeln oder wiederzugewinnen, dass es möglich ist, dass auch diese Wunder einfach geschehen können und es Dimensionen in unserem Leben gibt, die wir jetzt noch nicht zu erkennen, aber zu erahnen in der Lage sind.

Als wir über diesem Text mit einigen letzte Woche zusammensaßen, meinte jemand: Das ist doch das Schöne, dass wir als Christenmenschen eben nicht die glatten und platten Antworten kriegen, sondern selbstverantwortlich hinschauen sollen, erkennen und weitersagen, wie der, an den wir glauben in unserer Welt unterwegs ist. Dass wir das deuten können, dass die Antwort Jesu auf die Frage des Täufers eben nicht heißt, Ja, natürlich, ich bin ich es, das wäre so platt, so blutleer, ohne Bewegung. Wie anders ist es, wenn ich herausgefordert bin, die Zeichen zu erkennen, vielleicht auch gerade an den Lebens-und Glaubensgeschichten der anderen neben mir, mit ihnen ins Gespräch zu kommen und so daran Anteil zu bekommen, dass es auch für mich heilsam werden kann. Ja, wirklich selig ist, der sich an dieser offenen Antwort nicht ärgert, der sich einlässt auf diese Dynamik, selbst erkennen und deuten zu dürfen und zu können.


Und so weit muss man da ja auch in der letzten Woche nicht gucken. Was sind die beiden Friedensnobelpreisträger dieses Jahres für wunderbare Menschen. Ich habe lange nicht mehr in zwei so strahlende offene Gesichter gesehen wie in das von Kailash Satiarti, der in Indien Kinder aus der Arbeitssklaverei herausholt, dieses Unrecht aufdeckt, und den die Zahl von 60 Millionen Kindern nicht abschreckt, die von diesem Schicksel in Indien betroffen sind. Er lebt für die Umsetzung seines Traums, das kein Kind mehr arbeiten muss: Hört und seht, was schon passiert, das ist sein Motto. Und da ist die 17jährige Malala aus Pakistan, die sich für gleiches Recht auf Bilden für Mädchen und Jungen einsetzt, die die Taliban deshalb umbringen, verschwinden lassen wollten und sie schwer verletzten. Beide sind ein eindrucksvolles Beispiel dafür, für das, was mit dem Geist Jeus in der Welt ist: Menschen aus ihrer Randexistenz als Nichts herauszuholen, sie auf eigene Füße stellen und ihnen zu sagen: Du bist jemand! Und gerade die 17jährige Malala mit ihrem Lächeln ist selbst wie eine Auferstandene, mit gerader Haltung und geradem Rücken, den man nur bewundern kann. Was für eine Ausstrahlung von Seligkeit geht von ihr aus.

Ja, selig ist, wer gedanklich und auch sonst nicht Schluss macht an der Grenze des Vorfindlichen und auch nicht der Mauern, die einen umgeben, wie auch immer sie beschaffen sind. Wahrnehmen, hingucken und weitersagen von diesen Zeichen, dass sich das Leben durchsetzt, darum geht‘s. Manchmal läuft‘s dabei darauf hinaus, sich Menschen zu suchen, die einen dabei vertreten, die dann sprachfähig und handlungsfähig sind, wenn wir es nicht sind. Sie können uns gute Nachricht ins Loch bringen, in dem wir sitzen. So wird Johannes, dem Prediger der Umkehr, in seinem Gefängnis selbst Umkehr gepredigt. Dass er nicht irre werden möge an seiner Verunsicherung und seinem Gefühl, irgendwie vom Leben abgeschnitten zu existieren. Den Rücken gerade halten, und erhobenen Hauptes gilt es Hinzugucken, wie sich schon jetzt immer wieder das durchsetzt, was einmal am Ende ganz und gar sein wird: Die lebensfeindlichen Mächte haben ihre Kraft bereits verloren, Blinde sehen schon, Lahme gehen schon. Das Leben wird den Tod verschlingen. Das ist die Ausrichtung unseres Lebens noch mitten im Advent.


Und der Friede Gottes, welcher Gottseidank höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Britta Taddiken, Pfarrerin an der Thomaskirche, taddiken@thomaskirche.org