Predigt über Lk 21, 25-33

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

 Ich liebe den Advent

 In seiner Ambivalenz zwischen geschäftiger Hektik und Zeiten der Muße und Besinnung lebe ich die Tage vom 1. Advent bis zum Christfest ganz bewusst. Beides lässt sich nicht trennen. Geschäftigkeit und Ruhe. Kritik am berechtigten Interesse der Händler, in dieser Zeit die Jahresumsätze zu machen, halte ich für unangemessen. Ich freue mich über jeden Händler, den es noch vor Ort gibt, über jeden Stand auf dem Weihnachtsmarkt. Auch wir als Kirchengemeinde leben von den Einnahmen und Kirchensteuern jener, die in dieser Zeit ihr Geld gerne ausgeben bzw. verdienen. Jedoch hat auch hier alles seine Zeit, wie es der Prediger Salomo beschreibt. Zur Unzeit muss niemand einkaufen gehen, um rechtzeitig Geschenke zu besorgen. Eine solche Unzeit ist der heutige Sonntag mit geöffneten Geschäften. Atemlos kann ich höchstens durch eine Nacht rennen, aber nicht durch eine ganze Woche. Eine Gesellschaft, die sich nicht mehr Zeiten der Ruhe eingesteht, wird an ihrer Hyperaktivität zugrunde gehen. Hoffnung macht die so viel gescholtene Generation Y. Dort geschieht bereits jetzt bei den 16-20 jährigen ein Umdenken. Nicht arbeiten um jeden Preis und zu jeder Zeit zu höchstem Gehalt hat Priorität. Priorität hat das Streben nach Ausgleich zwischen Geschäftigkeit und Freizeit.

Die Sonntagsruhe hat ihre Berechtigung aus dem Schöpfungsgeschehen. Denn Schöpfung wurde erst dann vollendet, als es den Ruhetag gab.

Hineingeworfen in die Adventszeit fragt unser Predigttext "Wie lange noch wird es dauern, bis der Herr kommt?" oder anders ausgedrückt:"Wann beginnt endlich das große Fest?"

Advent ist eine Zwischenzeit. Die Erwartung im Herzen und vor Augen bin ich jedes Jahr unterwegs von Termin zu Termin aber auch von halbstündiger Auszeit bei Räuchermännchen und Tee. Zwischenzeiten schärfen die Sinne, weil noch nicht klar ist, was, wann genau passiert. So fragt der Predigttext nach dem "Wie lange noch?", fragt nach Zeichen, die eindeutige Antwort geben.

 Wie lange noch

schweigst du, fragt die Frau ihren Partner, der es nicht vermag, dass auszusprechen, was sie längst weis. Er hat sich von ihr entfernt, ist fremdgegangen. Sie weiß, dass aufgeladene Schuld nicht allein auf einer Schulter lastet. Und sie hat Kraft und Willen zu verzeihen, wenn er doch nur sein Schweigen brechen würde.

 Wie lange noch,

soll ich mich quälen fragt die angefochtene Seele auf dem Krankenbett. Der Körper will nicht mehr, hat den Kampf gegen den Krebs verloren. Das Verharren in der Zwischenzeit zwischen Sterben und Erlöstsein lässt zweifeln, kostet viel Kraft. Wo Dinge längst entschieden sind, werden Stunden und Tage zu quälender Zeitspanne.

 Wie lange noch

fragt der junge Mann, werde ich wie Dreck behandelt. Auf mir wird herumgehackt. Als Sklave meiner Vorgesetzten fühle ich mich. Für alles, was schief geht, werde ich verantwortlich gemacht. Und Lob stecken andere ein. Mein Dasein wird nicht geachtet. Wegzugehen, dazu reicht der Mut nicht.

 Wie lange noch bis Erlösung kommt, die Heilung bringt und das Reich Gottes anbrechen lässt.

Haltet Ausschau nach den Zeichen für Veränderung, sagt Jesus. Neues wird entstehen, wenn bestehende Dinge zusammenbrechen und verschwinden. Das Naturbild, welches er gleichnishaft uns vor Augen hält zeigt: Die Anzeichen für eine neue Zeit künden sich an. Dass Gottes neue Zeit viele überraschen wird mit seiner umkehrenden Kraft, hat wohl kaum einer so deutlich spüren können wie Maria.

Nicht jeder politischer Umbruch deutet auf den Messias hin. Jedoch ändert Gott die Politik in seinem Reich der Gemeinschaft. Sie versteht Gerechtigkeit zu allererst aus dem Blickwinkel der Liebe. Weil ich das glauben darf und in diesem Glauben gewiss bin, kann ich mich auf der noch nicht erlösten Erde einsetzen für die Bewahrung des Lebens. Dazu zählt auch das

Herzlich Willkommen! als lebensrettende Maßnahme.

 Die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die kommen sollen über die ganze Erde

 Wie zwiespältig ist doch dieser zentrale Satz aus dem Predigttext zu verstehen.

 1.) Da gibt es von Ängsten regierte Herzen. Sie machen sich Montag für Montag auf den Weg in Dresden.Die Angst vor Überfremdung, wie lächerlich angesichts von gerade einmal  4,5% Ausländer in der Landeshauptstadt, diese Angst wird geschürt. Sie trifft leider auf fruchtbaren Boden. Ich wünsche niemanden, dass er vor Lebensgefahr in ein anderes Land flüchten muss, nicht einmal den Demonstranten in Dresden. Wirkliche Angst vor todbringenden Terrorgruppen eines Islamischen Staates setzen die Flüchtlinge in Bewegung. Gewiss werden sich Ströme von Menschen auf den Weg machen aus aller Herren Länder. Die meisten von ihnen tun das nicht aus Spaß. Sie flüchten als letzte Möglichkeit ihr Leben zu retten. Und Nein! Wir werden nicht überrollt von Flüchtlingen. Und nochmals Nein! unser Land wird deswegen nicht untergehen. Es wird eher untergehen, weil die Menschen an ihrem Überfluss und Egoismus ersticken.

 2.) beschleicht viele Bürger die Sorge und Angst vor genau jenen Demonstranten, die eben beschrieben wurden. In welchem Land leben wir?, fragen sie. Und was ist schief gelaufen, dass so viel Unmut sich breit macht bis in tiefste bürgerliche Schichten hinein. Die Demonstrationen der PEGIDA sind kein singulär rechtsnationalsozialistisches Phänomen. Es ist umso erschreckender, wie diese Aufrufe auch in bürgerlich, gebildeten Ohren Gehör finden. Das macht mir Angst. Und angesichts solcher Anfänge darf christliche Gemeinde und Kirche nicht schweigen. Schweigen bedeutet stilles Dulden. Darum:

 Seid wachsam, liebe Gemeinde als Christen und Bürger dieser Stadt. Ihr habt euch auf friedlichem Wege mit Mut und Einsatz ohne Gewalt freiheitliche Grundrechte erkämpft. Der Satz "Wir sind das Volk" gehört Euch.

Er gehört nicht in die Deutungshoheit angeblicher Patrioten. Eine LEGIDA, wie sie in den Hinterstuben bereits eifrig geplant wird darf es im Januar in Leipzig nicht geben. Und falls es zur Demonstration kommt, hoffe ich inständigst, dass wir als Bürger- und Christengemeinschaft zu zehntausenden mit Kerzen in der Hand über den Ring laufen und ein Zeichen setzen für christliche Nächstenliebe. Christliche Nächstenliebe unterscheidet nicht zwischen Rasse, Religion oder Aussehen. Sie fragt vielmehr, wie es Eugen Drewermann einmal formuliert hat, was ich dem Notleidenden Gutes tun kann.

Es ist nicht die Aufgabe unserer Gegenwart zu überlegen, welche Rechte gegenüber dem Anderen sich einfordern lassen. Vielmehr ist es die Aufgabe zu überlegen, was zu tun ist, um der Not des anderen gerecht zu werden.

Im Vergleich zum vergangen Sonntag sind wir als Gemeinde einen Schritt weiter gekommen. Der erste inhaltliche Beschluss des neuen Kirchenvorstandes lautet: Die Kirchengemeinde St. Thomas unterstütz zunächst 2 Kriegsflüchtlingsfamilien durch praktische Hilfe und Begleitung. Wir brauchen Wohnraum, um nun den nächsten Schritt gehen zu können. Halten sie die Augen auf, wenn Wohnungen frei werden oder frei sind. Den Reden dürfen nun Taten folgen.

 Wann kommt den nun der Messias?

Das werde ich ihnen, liebe Gemeinde, heute morgen nicht befriedigend beantworten können. Ich kann nur sagen: Das biblische Zeugnis lässt mich gewiss sein: Er wird auch sichtbar kommen.Ja, er ist spürbar unter uns, wenn wir Gemeinschaft haben. Nachher am Tisch des Herrn wird das wieder deutlich.Weil ich das im Glauben weiß: Christus ist unter uns, kann ich erhobenen Hauptes aufsehen. Die Erlösung von all dem, was mich belastet und was mir Angst macht, geschieht in der Zuwendung zu genau diesem Christus.Von daher betrachtet, ist es oft Advent und in mir kann es Weihnachten werden nicht nur am 24.12.

Die Frage nach dem Messias und seinen Zeichen ist eine religiöse Frage, keine politische. Und wenn er die Machtverhältnisse zwischen Erniedrigten und Erhöhten umkehren wird, so sind damit keine Revolutionen gemeint.Der Mensch, so wie er ist, wird auf Augenhöhe aufgerichtet. Deshalb: Erhebt eure Häupter und seht auf! Nicht nach meinem MarktWert oder Umsatz werde ich dann bewertet, nicht nachdem, was ich für Nutzen bringe. Christus schaut mich an, so wie ich bin und fragt, ob ich ihm vertraue.

Allein dieses Anschauen lässt keine andere Antwort zu als "Ja". Damit wird alles anders. Denn nicht mein Haben, sondern mein Sein im Glauben an den Auferstanden bringt mir Rettung.

 Wo der Messias politisch erhöht wird, da geschieht Unrecht. Als erster, musste  das Judas erleben.

 So ist auch der  neue Ministerpräsident in Thüringen höchstens für Postsozialisten der kommende Messias. Er ist auch nicht das schreckliche Tier aus der Apokalypse. Er ist ein einfacher Mensch. Laut eigener Aussage ein Christ, der allerdings sein Christsein nur dann herauskehrt, wenn er andere kritisieren will. Im entscheidenden Moment, die Worte "so wahr mir Gott helfe" lieber weglässt, um seine Genossen nicht zu verprellen. Er ist ein Mensch ausgestattet mit Macht, gewählt von einem Volk, das sich lieber aufregt als selber zur Wahl zu gehen.

Auf den kommenden Messias warten wir, geduldig oder ungeduldig, je nach Frömmigkeit. Eine religiöse Überhöhung von Machthabern oder eine religiöse Verbrämung derselbigen wird dem Anliegen endzeitlicher Reden nicht gerecht. Denn neben Himmel und Erde werden auch Königreiche, werden Staatsformen vergehen. Sie sind nicht ewiglich. Sie sind nur zeitlich.Das ist ein großer Trost, den sich jeder zusprechen lassen darf, der momentan enttäuscht ist über Regierungen. Zum Glück entscheidet keine Wahl über die Wiederkunft Christi. Er kommt wenn die Zeit erfüllt ist. Und bis dahin ist es unsere Aufgabe, wachsam zu sein und seine Worte in unserem Herzen aufzunehmen.

Verbum domini manet in aeternum. Amen

Und der Frieden Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.