Predigt über Matthäus 21,1-11

In diesem Gottesdienst wurde der neue Kirchenvorstand in sein Amt eingeführt.
Predigt über Matthäus 21,10-11, 1. Advent,
30. November 2014


Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
Liebe Gemeinde,
wir sollten genau hingucken auf das, was im Moment in Dresden seit Ende Oktober ausgerechnet montags passiert: auf die Demonstrationen - oder sollte man angesichts von Dunkelheit, zu Fackeln umfunktionierter Mobiltelefone und bewusst gewählter Kulisse lieber sagen „Aufmärsche", die eine Gruppierung namens „Pegida" organisiert: „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes." Die wenigsten von denen, die dahinter stehen, dürften allerdings über profunde Kenntnisse in Sachen Islam verfügen oder eine Ahnung davon haben, inwiefern gerade die jüdisch-christliche Tradition das Abendland geprägt hat, in der das Gastrecht heilig und unbedingt geboten ist. Wenn auf diesen Veranstaltungen, zu denen mittlerweile 5500 Menschen kommen, das Thema Asyl in Deutschland zur Sprache kommt, bleibt als Tenor übrig: Weg mit dem Grundrecht auf Asyl. In der Menge geht man über manche Grenzen, das Gefühl der Stärke senkt die Hemmschwelle für das, was aus den schmuddeligen Abgründen des Menschen immer wieder auftaucht und von manchen gern als „Wille des Volkes" tituliert wird. „Wir lieben unsere Nation und sind gegen Sozialismus, also sind wir keine Nazis." Solche platten Parolen lösen dort Applausstürme aus. Wenn es in dem Ganzen eine einfache Wahrheit gibt, dann die: Von genau deren Geist ist endgültig einiges in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen. Ein Geist, der sich in menschenverachtender Weise gezielt diffuser Ängste bedient. Hochgeputscht noch vom Klischee der massenhaft straffälligen Asylbewerber, für die man eine spezielle Einheit der Polizei gründen müsse. Wer das im Vorfeld eines solchen Auflaufs sagt, zündelt. Wie man sich als Innenminister so verrennen kann, macht mir, ehrlich gesagt, Angst und Bange um unsere Gesellschaft. Wo mit Verweis auf Ängste von Menschen Stimmungsmache gegen Menschen in Not als gerechtfertigt angesehen wird, greift ein Geist um sich, dessen Anfängen zu wehren ist, ein Geist, der sich alles aneignet, selbst den Ruf: Wir sind das Volk. Der Ruf, der einst Mauern eingerissen hat, dient jetzt dazu, Mauern gegen Menschen zu errichten, gegen Menschlichkeit und Errungenschaften, auf die man in einer Demokratie stolz und dankbar blicken sollte. Wie beschämend ist ein Schild am Ortseingang von Bad Schandau auf dem zu lesen ist: "Bitte flüchten Sie weiter, es gibt hier nichts zu wohnen!"

Liebe Gemeinde, das ist ein Thema in dieser Adventszeit für uns als Kirche, als Christen, eine Form von Brutalität und Menschenverachtung, die für weite Kreise offensichtlich salonfähig ist. Auf dem Weg nach Bethlehem und zur Krippe ist das Thema, nicht nur was den Umgang mit Flüchtenden, Vertriebenen und nach dem Willen ihrer Mächtigen von Ort zu Ort Geschobenen betrifft, sondern auch, was die Frage betrifft nach dem Geist des Menschlichen, die Frage nach der Menschwerdung Gottes und der Menschwerdung des Menschen. Wie werden und bleiben wir menschlich? An der Frage, in die die Weihnachtsgeschichte mündet: Wo ist Platz für die Geplagten und Entrechteten und für den, der auf ihrer Seite steht - daran entscheidet sich, wie unsere Welt und Gesellschaft in Frieden leben können. Wir sollten es nicht allein dem Papst überlassen, zu kritisieren, was hinter dieser Haltung steht: einen „kranken" Geist, der den Menschen zur Nebensache degradiert und ihn als Belastung sieht, wo er nicht funktioniert oder systemkonform ist. So stehen wir im Advent in besonderer Weise vor der Frage, in welchem Geist wir leben wollen und wo wir umkehren, umsteuern müssen.

So kommt sie heute gerade recht, die Geschichte vom Einzug Jesu in Jerusalem. Von dem, der seine Herrschaft im Geist der Sanftmut aufrichtet und diesen Geist zu uns Menschen bringt. Das beginnt mit den äußeren Zeichen. Mit dem Esel, dem Lasttier der kleinen Menschen. Palmzweige dienen als Feststrauß, Kleider als roter Teppich, wenig repräsentativ ist er, dieser König. Aber er tritt doch ganz klar mit dem Anspruch, der zu sein, von dem die Schriften sprechen, der, durch den diese Welt heil werden kann und das beginnt bei jedem und jeder einzelnen: Siehe, dein König kommt zu dir. Nicht nur Jerusalem oder eine Stadt ist gemeint, sondern jeder einzelne ist Ziel seines Weges, der nun bald zum Ende kommt. Der Evangelist Matthäus hat diesen Weg von Anfang an geschildert, mit dem langen Stammbaum des Davidssohns, diesen langen, beschwerlichen Weg durch die Menschheitsgeschichte bis zu diesem Moment. Die, die eine heilsame Begegnung mit ihm hatten, folgen ihm nach, wie die beiden Blinden von Jericho, denen er gerade zu einem neuen Durchblick für ihr Leben verholfen hat.

Auf der anderen Seite aber wird deutlich, was mit dem Kommen dieses Königs auch einhergeht, nämlich keineswegs nur Hosianna und Durchblick. Sondern eine Erschütterung geht durch die Stadt, ein Erdbeben. „Die ganze Stadt erregte sich", heißt es und hier steht im ursprünglichen griechischen Text das gleiche Wort wie bei der Kreuzigung, wo die Erde bebt, die Gräber sich leeren und der Kampf zwischen Tod und Leben entbrennt. Schon hier also ist deutlich, der Gott des Lebens trifft auf die Macht des Todes. Er polarisiert, dieser sanftmütige König. Manche ahnen, dass er ihnen auf Schliche kommen und die Tische umwerfen wird, an denen sie ihre Geschäfte machen und sich damit anmaßen zu entscheiden, wer denn Zugang bekommt zum Heiligtum und wer nicht. Sanft ist also nicht nett. Ganz und gar nicht. Sanft zu sein, hat damit zu tun, parteiisch zu sein, und so wendet er sich ihnen gleich wieder als erstes zu: den Lahmen, die er im Tempel heilt und den Kindern, die ihn dort als einzige auch weiterhin bekennen: Hosianna, dem Sohne Davids. Hosianna - Hilf doch. Die Kinder benennen es, worum es geht in der Begegnung mit diesem sanftmütigen König. Zu begreifen: Was anderes können wir schon tun, als uns von ihm helfen zu lassen und aufrichten zu einem aufrechten Gang? Der einem in den Ohren liegt, wenn man hart wird anfängt, andere kleiner als sich zu machen, ihnen als Recht abzustreiten, was ich für mich als selbstverständlich beanspruche? Sie abzuwerten als Eindringlinge in das, was man als eigenen Hoheitsbereich betrachtet? Nein, es ist schon nicht einfach mit diesem König, der einen mit seiner ihm eigenen Art, König zu sein, herausfordert. Und hier wird schon deutlich, was das für eine Zerreißprobe ist etwa für einen Judas, der sich eher einen König der Marke „Kämpfer und starker Mann" erhofft oder für Petrus, der den Gedanken, mit diesem König solidarisch mitzuleiden nicht aushält und sich wie die anderen Jünger in den Schlaf flüchten wird, als Jesus am Abend vor seinem Tod zittert und zagt und dem ganzen Ringen der Kräfte von Leben und Tod bereits ausgesetzt ist. Aber anders wird das Leben, wird die Menschlichkeit nicht zur Welt kommen, als das auszuhalten und dabei zu wissen, auf wessen Seite man steht.

So beginnt der Advent mit dem Erbeben einer Stadt, einer Gesellschaft über das, was dieser König in seiner Sanftmut aufzeigt. Den langen, mitunter mühsamen und unbequemen Weg zu einem friedlichen Miteinander, auch und gerade der verschiedenen. Heute vor genau 25 Jahren wurde die letzte Selbstschussanlage an der innerdeutschen Grenze abgebaut. Eine Folge der friedlich und mit und durch Sanftmut errungenen Wende. Das Leben hat gesiegt, auf einem langen wirren Weg. Er hat gesiegt, der Geist der Menschlichkeit gegen den, der den Tod bringt und die Freiheit, zu kommen oder zu gehen, bestreitet und sie den eigenen Ansichten darüber unterordnet, wer wie und wo leben darf. Was für ein Irrsinn, anzunehmen, mit solchen Mitteln zum Frieden beizutragen, durch Morden und Gewalt und dem Vorenthalten der einfachsten menschlichen Grundrechte. Daran sollten wir uns erinnern und natürlich wahrnehmen, dass es immer noch geschieht, nicht nur z.Zt. montags in Dresden, sondern weltweit. Daher versucht die heute beginnende 56. Aktion von „Brot für die Welt" , dem Tod das Leben entgegenzusetzen und Menschen Hoffnung auf eine selbstbestimmte Existenz zurückzugeben: Ein Zeichen für den Geist, der einziehen soll bei uns, den dieser König mitbringt. Ein Zeichen, aber mit Zeichen kann etwas anfangen und sich ausbreiten. Und so haben wir in der Gemeinde mit einigen angefangen, zu überlegen, wie wir es denn vielleicht ganz konkret hinbekommen können in gemeinsamer Arbeit mit der Stadt Leipzig, vielleicht ein, zwei Familien aus Syrien über den Winter zu bringen und sie zu unterstützen, wo andernorts noch über Din-Normen für Einrichtungen gesprochen wird oder eine mögliche Unterbringung an irgendwelchen formalen Schwierigkeiten scheitert. Wer uns beim Nachdenken und Handeln unterstützen will, spreche uns bitte gerne an.

Denn das ist ja auch noch einmal ein Punkt, auf den es in dieser Geschichte ankommt und der wichtig ist: sich von dem, der da kommt, bewegen zu lassen. Bewegen dazu, seine Ankunft und den Geist, in dem er spricht und denkt, vorzubereiten und ihm zum Einzug in unsere Stadt und unsere Gesellschaft zu verhelfen - und sei es, wenn man wie die beiden Jünger den Esel dazu ausleiht, losbindet und herbringt und darauf vertraut: Dieser Geist der Sanftmut wird sich als durchsetzungsfähig erweisen gegen alles, was den Tod bringt. Dazu gehört all das, was Jesus schon als ungeborenes Kind und dann später in Jerusalem erfahren hat: Ablehnung, Brutalität, Demütigung - durch eine enthemmte Menge, die sich ihrem Geifer hingibt und in Windeseile vom Hosianna zum Kreuzige umschwenkt.

Lassen wir uns also bewegen wie die Jünger, die den Esel holen, bzw. die beiden Esel? Darüber, dass Matthäus von zwei Eseln erzählt, ist viel nachgedacht worden. Wäre es nicht interessant, dem Gedanken nachzugehen, dass es sich hier um einen König handelt, der einen Platz neben sich frei lässt? Wer wird auf dem anderen Esel Platz nehmen, wer wird mit ihm reiten? Wer hat den Mut, mit ihm zu gehen und dem allgegenwärtigen Kreuzige-Geschrei wieder das Hosianna entgegenzusetzen? Ist es vielleicht auch in besonderer Weise die Aufgabe unseres neuen Kirchenvorstands, sich auf diesen Platz auf dem zweiten Esel einzulassen, mitzureiten in die Stadt der disparaten Menge und die Prinzipien der Sanftmut mit zu leben - und sich nicht entmutigen zu lassen von dem Gegenwind, den man auf diesem Ritt erleben kann. Und auch, den Zwiespalt auszuhalten, dass es nicht auf alles einfache Antworten gibt, man immer wieder ringen muss um die richtige Lösung und das auch mit sich selbst. Ja, vielleicht ist es in besondere Weise ihre Aufgabe oder zumindest kann es ja ein Bild sein, das einen als neue Kirchvorsteherin, neuen Kirchvorsteher durch die nächsten Jahre begleitet. Aber es ist natürlich auch ein Bild für uns alle: In demselben Geist unterwegs zu sein wie der, dem wir zu folgen versuchen und dem wir zurufen: Hosianna: Hilf doch, Du Sohn Davids.

Lassen wir denjenigen bei uns einziehen, der die Dinge mit Sanftmut angeht und der uns zu denen machen will, denen verheißen ist: Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen. Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Britta Taddiken, Pfarrerin an der Thomaskirche, taddiken@thomaskirche.org