Predigt über 2.Petrus 3,3-13

Predigt über 2. Petr. 3,3-13, Ewigkeitssonntag 2014

Gnade sei mit Euch und Friede von dem, der das ist und der da war und der da kommt. Amen.

Liebe Gemeinde,
die Hoffnung der Christen angesichts des Todes heißt: Das Buch des Lebens wird weitergeschrieben. Auch nach unserem Tod. Es bricht nicht mitten drin ab. Dass in jedem Ende im Leben und auch im Ende des Lebens selbst immer auch ein Anfang liegt, kennzeichnet christliche Hoffnung und christlichen Glauben in besonderer Weise. So singen wir an den offenen Gräbern, was uns von Ostern her trägt: „Christ ist erstanden, von der Marter alle". Davon reden wir im Angesicht des Todes in dem Moment, wo wir den Schmerz um einen Menschen so tief fühlen, dass es uns zu zerreißen droht. Wir tun es mit dem bekannten Kloß im Hals, aber wir tun es. Weil wir gewiss sein dürfen, dass das Fragmenthafte unseres Lebens aufgehoben und bewahrt ist und weil wir hoffen, dass das, was wir als abgebrochen erleben, von Gott zu einem Ganzen zusammengefügt wird. Und dass er gut sein lassen kann, was wir im Leben nicht gut sein lassen konnten. Den tiefen Schmerz darüber, sich nicht mehr wiederzusehen, mussten viele von uns in den vergangenen Monaten fühlen. Heute am Ewigkeitssonntag kommt er mit dem Gedenken an die, die, die wir liebten, wieder zurück. Aber gerade daher ist es wichtig, uns sagen zu lassen: Wie der Tod gehört er zu den Dingen, die einmal überwunden sein werden. Leid, Tod, Geschrei, nichts davon wird mehr sein. Deshalb können wir auch jetzt schon mit ihm leben, können ihn so in unser Leben integrieren, dass er uns nicht mehr überwältigt und wir dankbar nicht nur darauf schauen können, wie viele Tage ein Leben hatte, sondern wie viel Leben es in diesen Tagen gab.

Das Buch des Lebens wird weitergeschrieben. Von Gott her erwarten wir Neues - einen neuen Himmel, eine neue Erde. Von dieser Erwartung und von dieser Verheißung hören wir im heutigen Predigttext im 2. Petrusbrief im 3.Kapitel:
Ihr sollt vor allem wissen, dass in den letzten Tagen Spötter kommen werden, die ihren Spott treiben, ihren eigenen Begierden nachgehen und sagen: Wo bleibt die Verheißung seines Kommens? Denn nachdem die Väter entschlafen sind, bleibt es alles, wie es von Anfang der Schöpfung gewesen ist. Denn sie wollen nichts davon wissen, dass der Himmel vorzeiten auch war, dazu die Erde, die aus Wasser und durch Wasser Bestand hatte durch Gottes Wort; dennoch wurde damals die Welt dadurch in der Sintflut vernichtet. So werden auch der Himmel, der jetzt ist, und die Erde durch dasselbe Wort aufgespart für das Feuer, bewahrt für den Tag des Gerichts und der Verdammnis der gottlosen Menschen. Eins aber sei euch nicht verborgen, ihr Lieben, dass "ein" Tag vor dem Herrn wie tausend Jahre ist und tausend Jahre wie ein Tag. Der Herr verzögert nicht die Verheißung, wie es einige für eine Verzögerung halten; sondern er hat Geduld mit euch und will nicht, dass jemand verloren werde, sondern dass jedermann zur Buße finde. Es wird aber des Herrn Tag kommen wie ein Dieb; dann werden die Himmel zergehen mit großem Krachen; die Elemente aber werden vor Hitze schmelzen, und die Erde und die Werke, die darauf sind, werden ihr Urteil finden. Wenn nun das alles so zergehen wird, wie müsst ihr dann dastehen in heiligem Wandel und frommem Wesen, die ihr das Kommen des Tages Gottes erwartet und erstrebt, an dem die Himmel vom Feuer zergehen und die Elemente vor Hitze zerschmelzen werden. Wir warten aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt.

So haben es die ersten Christen erwartet: Der Tag des Herrn stehe unmittelbar bevor, die Wiederkunft Christi, das sog. Jüngste Gericht, wo jeder über sein Leben Rechenschaft abzulegen habe. Aber nichts von den äußeren Dingen, mit denen man in damaliger Zeit als Begleiterscheinung rechnete, geschah. Wer daher auch ohne Weltuntergangszenario an der Wiederkunft Christi festhielt, wurde schnell zum Gegenstand des Spottes derer, die nichts von einer Instanz wissen wollten, vor der wir uns für unser Leben zu verantworten haben.

Es hat sie früher gegeben wie heute. Die, die als letzte Instanz allenfalls das eigene Gewissen kennen, das sich aber bekanntlich nur allzu leicht beeinflussen, betrügen und auch beruhigen lässt. Dennoch sind diejenigen nicht einfach als Spötter abzutun, die eine billige Jenseitsvertröstung kritisieren, die dazu dient, Menschen in ihren Abhängigkeiten fest zu halten und sie zu beschwichtigen, sich mit erlittenem Unrecht abzufinden. Und natürlich ist jede Form von Jenseitssehnsucht zu kritisieren, wo Menschen bereit sind, sich in terroristischer Weise selbst zu opfern und andere in den Tod reißen, sie in Synagogen, Kirchen oder Moscheen überfallen, verletzen, umbringen. Dabei aber ist es aber ja oft keineswegs ein radikalisiertes fundamentalistisches Verständnis der eigenen Religion, das Menschen dazu motiviert, so etwas zu tun. Nicht eine bestimmte Lehre, sondern das Kriegs- oder Gewalt-Erlebnis als religiöses Urerlebnis selbst führt gerade bei jungen Frauen und Männern dazu, sich radikalisieren und sich in die Arme von terroristischen Vereinigung treiben und fallen lassen, die eine Religion für ihre Zwecke missbrauchen, sei es der Islam, das Judentum oder auch das Christentum: Häufig sind es Jugendliche ohne Ansehen und Erfolg in der Schule, der eigenen Verwurzelung in ihrer Kultur und Religion ungewiss und in Sachen menschlicher Beziehung vernachlässigt. Wer für sein eigenes Leben nur Verachtung übrig hat, kann auch nur das des anderen verachten. Die sich damit oft verbindende pervertierte Form der Hoffnung auf ein besseres Jenseits, gilt es kritisch zu entlarven - und da ist jeder Spott fehl am Platze.

Hier, in diesem Text, geht es um eine ganz andere Hoffnung, nicht um billige Vertröstung und auch nicht um den Gedanken einer Belohnung oder Wiedergutmachung. Zunächst geht es darum, sich von dieser Hoffnung her auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren und hier und jetzt neu zu werden, mitten in dieser Welt mit ihrer Vergänglichkeit. Carl Friedrich von Weizsäcker hat das mal griffig so formuliert, dass „Geschichte stetig und unaufhaltsam verwandelt wurde durch eben die Menschen, die auf nichts als auf das Ende der Geschichte warteten." Weil wir Christen auf eine neue Welt von Gott her hofften, hatten und haben wir die Freiheit, in unsere alte Welt neue Impulse der Liebe und der Gerechtigkeit zu geben, in unserer alten Welt Räume der Menschlichkeit zu gestalten.

Und dabei sind in der Regel weniger die Christen als die Spötter verlegen, wenn es um Leben und Tod geht. Je verlegener sie sind, desto lauter werden sie und desto vordergründiger wird ihr Begriff vom Leben und von der Zeit. Sie ist aber da, wo es um Tod und Ewigkeit geht, eine relative Größe. Das wissen ja gerade die Trauernden: Wie in der Einsamkeit Minuten zu Stunden und Stunden zu Tage sich ausdehnen. Und wie man einerseits besonders dünnhäutig ist, andererseits einem aber auch besondere Kanäle offen stehen, man fast so etwas wie ein Ohr zur Ewigkeit hat, man nimmt anders wahr, ist empfindsamer und in einer besonderen Weise präsent. Ein Tag vor dem Herrn ist wie tausend Jahre und tausend Jahre wie ein Tag. Wo es um Berührung mit der Ewigkeit geht, mit dem neuen Leben, da geht es eben nicht um äußere Zeichen, an denen sich etwas ablesen lässt, sondern um die innere Bereitschaft für die Begegnung mit dem Bräutigam wie bei den klugen und törichten Jungfrauen. Das Öl bereit haben, wenn es darauf ankommt, wachsam sein für den Moment der Entscheidung, der sich jederzeit und in jedem Moment meines Lebens einstellen kann.

Die Erwartung wachhalten, dass nichts, was geschaffen worden ist, unveränderlich bleiben muss und kann gehört dazu. Nicht einmal das bleibt ewig, was wir für unveränderlich halten wie Himmel und Erde. So wird im Text argumentiert mit Blick auf die Sintflutgeschichte. Und es regt ja immer wieder zum Nachdenken an, wenn man hört, was Menschen erzählen wie etwa der deutsche Astronaut Alexander Gerster in einem Interview vor einigen Tagen: Wie zerbrechlich die Erde und die Atmosphäre wirken. Und wie lächerlich es mit diesem Blick auf die Erde ist, dass wir auf diesem wundersamerweise zusammengehaltenen Stück Staub Krieg führen und uns die Köpfe einschlagen. Es ist nun mal alles Geschaffene darauf angelegt, als das offenbar zu werden, was es ist: gewollt, aber auch vergänglich. Doch dieses Erkennen und Auflösen des Zwiespalts wird eben kein schmerzliches und verdammendes, sondern befreiendes Handeln Gottes sein. Dabei wird das, was wir an Liebe gelebt haben, bestehen bleiben, unser „heiliger Wandel" und „frommes Wesen", wie es hier genannt wird, sie werden ein Teil des neuen Lebens. Es heißt hier ja: „Wenn alles zergehen wird, wie werdet ihr dastehen." Ja, damit werden wir dastehen, mit dem, was wir in und durch die Liebe getan haben. Aber wo alles erkannt und nichts übersehen wird, da werden auch die Werke der Zerstörung, des Hasses, der Uneinsichtigkeit und Qual erkannt. Sie belasten uns und keiner von uns ist von diesen negativen Kräften in sich selbst frei. Wie sehr kann man sich selbst im Weg stehen mit dem Teil des eigenen Ichs, der eben Gott sein will und nicht Mensch, der über andere richtet, auch über sich selbst, der gnadenlose Teil in uns, der sich mit Vorliebe eben am Sichtbaren, Vordergründigen orientiert und vor lauter Blindheit nicht tiefer schauen kann oder will.

Hier zur Einsicht zu kommen, das ist nach diesen Worten Gottes Wille und Ziel seiner Geduld mit uns, er will nicht dass jemand verloren werde, sondern umkehre. Wenn Gott jedoch keinen Menschen verwirft, dann besteht das Erkennen und Auflösen Gottes darin, dass er uns von allem befreit, was der ersehnten Gerechtigkeit widerspricht. In uns sind gut und böse miteinander verschlungen. Aber Gottes Weisheit und Erkennen wird Gut und Böse scheiden. Deshalb auch das Bild von Feuer und Hitze. Für den antiken Menschen war beides nötig, um das wertvolle Erz vom wertlosen Gestein zu trennen. Ein befreiender Gedanke: Das Böse in uns wird losgelöst von unserer Person und es vergeht. Denn Böses kann ja nur davon leben, dass es das Gute verkehrt. Davon nährt es sich. Das Böse in der Welt ist in der Bibel ja kein in der Schöpfung angelegtes Übel, sondern nur die Abkehr von Gottes ursprünglich gutem Schaffen. Wenn aber das Böse sich selbst überlassen wird, wenn es herausgetrennt wird aus der Ganzheit des Lebens, dann geht es an sich selbst zugrunde. Das ist ja eine wichtige und beruhigende Erkenntnis aus der Menschheitsgeschichte: Irgendwann kommt immer der Moment, wo Diktaturen sich selbst überlebt haben, und die von ihnen hervorgebrachten Götzen in sich zusammenstürzen. Um diese Trennung von Gut und Böse, die das neue Leben ermöglicht, geht es nach diesen Worten an „des Herrn Tag", und da können schon mächtige Kräfte walten, es kann einen tief erschüttern und umwälzen und dass nicht nur einmal im Leben. Manchmal ist es dabei mit den Zeiten der Trauer und des Abschieds durchaus verknüpft, wo äußere Umstände uns zwingen, neu nachzudenken, unser Leben neu zu ordnen und die Verhältnisse und Beziehungen darin neu zu definieren, und nicht nur richtig und falsch voneinander zu unterscheiden sondern auch wichtig und unwichtig. Dabei kann ein Leben schon durcheinander gerüttelt und auf den Kopf gestellt werden. Aber was daran anfangs bedrohlich erscheint, kann sich vom Ende her betrachtet als Befreiung erweisen.

Daher denkt dieser Text auch vom Ende her - und zwar ganz vom Ende. Von dem, was zuletzt kommt, von der Befreiung des Menschen von allem, was ihn weinen lässt, zagen, was ihn schmerzt. Wo er sicher ist und endgültig verbunden mit dem Lebensgrund, der ihn durch alle Entfremdung und Verzweiflung getragen hat und wo, wie es hier heißt, „Gerechtigkeit" wohnt. Gerechtigkeit, das ist nach biblischem Verständnis Bündnistreue - wo alle Gesetze und Gebote gehalten werden. Nach jüdischer Tradition heißt es, wenn das geschieht, dann kann der Messias kommen. Auch wir stehen in dieser Tradition, nur glauben wir, dass er in Jesus schon gekommen ist, um zu ermöglichen, was wir aus uns selbst heraus nicht können und dass er selbst die Grundlage dafür gelegt hat, dass Gerechtigkeit unter uns wohnen kann und wohnen wird. Sie bei uns und wir bei ihr, nicht zuletzt deshalb hören wir in unseren Trauergottesdiensten die Stelle aus dem Johannes-Evangelium von den vielen Wohnungen im Hause Gottes, die für uns von Jesus bereitet sind, damit wir sind, wo er ist. Darauf gehen wir zu. Wir, die wir leben genau wie die, die uns schon vorangegangen sind. Das Buch des Lebens wird weitergeschrieben. Jetzt und in Ewigkeit.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Britta Taddiken, Pfarrerin an der Thomaskirche, taddiken@thomaskirche.org