Predigt über Jesaja 1,10-17

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserm Vater und unserm Herrn Jesus Christus. Amen.

Lasst uns in der Stille darum bitten, dass wir Gottes Wort verstehen.

ABKANZELN, die Gemeinde von oben herab zu be-predigen, sich über die anderen zu erheben und mit offenbar besserwisserischer Attitüde zu verkünden, was Gottes Wille sei - das habe sich für ihn immer verboten. So hörte ich einen Pfarrer im Radiointerview sagen, der in den 80er Jahren Jugendpfarrer in einer thüringischen Kleinstadt gewesen war und mit dem Abstand von drei Jahrzehnten die Vorwendestimmung und sein Berufsverständnis als Jugendpfarrer beschrieb. Er stieg nicht auf die Kanzel, er blieb Gleicher unter Gleichen; er erhob sich nicht diese anderthalb bis zwei Meter über die anderen. Und er wird sicher niemals eine Donner- und Doria-Predigt gehalten haben, wie sie Jesaja dem Volk an den Kopf geworfen hat.
Wir hören bei Jesaja im 1. Kapitel die Verse 10 bis 17:

„Höret des HERRN Wort, ihr Herren von Sodom! Nimm zu Ohren die Weisung unsres Gottes, du Volk von Gomorra!
Was soll mir die Menge eurer Opfer?, spricht der HERR. Ich bin satt der Brandopfer von Widdern und des Fettes von Mastkälbern und habe kein Gefallen am Blut der Stiere, der Lämmer und Böcke.
Wenn ihr kommt, zu erscheinen vor mir - wer fordert denn von euch, dass ihr meinen Vorhof zertretet?
Bringt nicht mehr dar so vergebliche Speisopfer! Das Räucherwerk ist mir ein Gräuel! Neumonde und Sabbate, wenn ihr zusammenkommt, Frevel und Festversammlung mag ich nicht!
Meine Seele ist Feind euren Neumonden und Jahresfesten; sie sind mir eine Last, ich bin's müde, sie zu tragen.
Und wenn ihr auch eure Hände ausbreitet, verberge ich doch meine Augen vor euch; und wenn ihr auch viel betet, höre ich euch doch nicht; denn eure Hände sind voll Blut.
Wascht euch, reinigt euch, tut eure bösen Taten aus meinen Augen, lasst ab vom Bösen!
Lernt Gutes tun, trachtet nach Recht, helft den Unterdrückten, schafft den Waisen Recht, führt der Witwen Sache!"

Dies ist ein Text, unter dem ich mich am liebsten wegducken will. Die Sätze prasseln wie Hagelkörner auf mich nieder. Wo ist Schutz? Warum tut das so weh? Es gibt kein Entkommen!

Gleichzeitig sind es Verse, durch die uns Gott so plastisch, ja sinnlich wie nur irgend möglich entgegentritt. Er hat Augen und Ohren, er hat ein Geruchsorgan und einen vollgegessenen Bauch. (Das Gebot „Du sollst dir kein Bildnis machen" scheint hier förmlich aufgehoben. Und schade, dass die Kinder schon in den Kindergottesdienst entschwunden sind, sonst könnten wir ihnen das noch als Bitte mitgeben: Malt mal, zeichnet mit ein paar Strichen, diesen so ganz und gar anthropomorphen Gott.) ...:
[möglichst mit entsprechenden Gesten]
- Gott, der sich die Ohren zuhält.
- Gott, der seine Augen abwendet, bloß um das nicht weiter mit anzusehen.
- Gott, der sich die Nase zuhält. (Man hört förmlich den dazugehörigen Ausruf des Abscheus: „Ih!")
- Gott mit - man verzeihe mir die Derbheit des Ausdrucks - vollgefressenem Bauch. „Plenus sum" - 'Ich bin voll.'

Gott ist auf der ganzen Linie angewidert. Es reicht ihr. Ihm platzt der Kragen.
Warum? Was ist die Ursache?

Das Volk ist die Ursache. Sein Verhalten:
- die Art, Gottesdienst zu feiern.
- und die Art zusammenzuleben.

Das Volk hat, um Gottes Gebot zu erfüllen, weder Kosten noch Mühe gescheut, damit der Gottesdienst regelgerecht gefeiert, damit der Kult ordnungsgemäß ausgeübt wird. Es hat geopfert, Mengen von Tieren. Und zwar nach beiden vorgeschriebenen Regeln der Kunst: als Brandopfer und als Schlachtopfer. Der Rauch von Widdern und fetten Mastkälbern war gen Himmel gestiegen. An die Kehle von Stieren, Lämmern und Böcken hatten die Priester das Messer gelegt, und Blut war reichlich über den Altarstein geflossen.
Hinzu kamen die sogenannten 'Speisopfer', rein pflanzliche Opfer: Getreideprodukte, die mit Olivenöl und duftendem Weihrauch vermischt waren.
Welch eine Vielfalt kultischer Handlungen!

Und wie reagiert Gott? - „Was soll mir das?" Das ist Gottes Antwort auf die Bemühungen der Priester, auf die Bemühungen des Volkes um den rechten Gottesdienst.
Was ist da schief gelaufen? Was stimmt da nicht?

'Speisopfer, Brandopfer, Blutopfer ... - betrifft uns nicht', werden Sie jetzt denken. 'Puh, Glück gehabt.' Betrifft uns nicht? Wirklich?
Die Standpauke des Jesaja geht noch weiter. Und da sind wir, da werde ich sehr betroffen:
Festversammlungen und Sabbate, also Feiertage und Sonntage, werden aufgezählt. Gott hasst sie von ganzer Seele, er ist's müde, sie zu ertragen. (So steht es wirklich da!) Und am schlimmsten:
Selbst das flehentliche Gebet, wenn wir uns mit weit ausgebreiteten Armen, mit zum Himmel gewendeten Handflächen zu Gott wenden, selbst dieses inständige Gebet verwirft Gott. Sie wendet sich ab, er hört nicht zu.
„Höre mein Gebet, vernimm mein Schreien, Gott!" [Ps. 39,13] - Schweigen.

Warum ist das so? Was ist da schief gelaufen? Was läuft da schief?

„Ihr habt Blut an euern Händen.", sagt Gott, sagt Jesaja. Und da ist nicht das Blut der Opfertiere gemeint. An den Händen klebt das Blut der Mitmenschen. „Das Volk Gottes hat sich einer Menschheitsgeschichte angepasst, die durch blutbefleckte Hände gekennzeichnet ist," so bringt es ein Kommentator unserer Tage auf den Punkt.
Hatte ich bisher noch die Hoffnung gehabt, dass mich der Predigttext nicht so sehr viel angehe - schließlich opfern wir in unsern Gottesdiensten keine Tiere -, so trifft mich dieser Satz nun volle Kante. „An euern Händen klebt Blut." An unsern Händen klebt Blut. Auch wir haben uns einer Menschheitsgeschichte angepasst, die durch blutbefleckte Hände gekennzeichnet ist.

Die Menschheitsgeschichte unserer Tage ist voll von Kriegen. Aus Krisenherden werden Brandstätten. Jahrelang unterschätzte Spannungen brechen auf. Waffen werden geschmuggelt, Waffen werden legal gehandelt. Pazifistische Überzeugungen, der bedingungslose Ruf nach Gewaltlosigkeit geraten an ihre Grenzen; Gegengewalt wird eingesetzt, um grenzenlosem Terror Einhalt zu gebieten.
Bedingungen und Verstrickungen, fehlende Alternativen und Grenzen der Diplomatie.
Blut klebt an unseren Händen. Nicht an meinen und Ihren Händen heute hier in der Thomaskirche, aber an unseren Händen, an unser aller Händen, weil wir Menschen sind, weil wir Verantwortung tragen für unser Tun.

Gibt es einen Ausweg? Gibt es eine Möglichkeit, diesem menschlichen Teufelskreis zu entkommen?

Gott hält durch Jesajas Mund neun (!) Imperative bereit. Sie bieten den Ausweg.
- „Wascht euch,
- reinigt euch,
- tut eure bösen Taten ab,
- lasst ab vom Bösen!
- Lernt Gutes tun,
- trachtet nach Recht,
- helft den Unterdrückten,
- schafft den Waisen Recht,
- führt der Witwen Sache!"

Wir sollen uns reinigen. Wir sollen alles dafür tun, Gott wieder unter die Augen treten zu können. Voraussetzung dafür: Wir müssen ablassen vom Bösen.
Ablassen vom Bösen. Das ist ein großes Wort. Ich bin so, wie ich hier stehe, viel zu gering, um Ihnen, liebe Gemeinde dieses Wort erklären zu können. Ablassen vom Bösen. Hier helfen wohl auch keine Erklärungen von außen, hier hilft letztlich nur der ehrliche Blick ins eigene Herz, ohne Ausflüchte und Ausreden.
- Zu merken, wieviele Vorurteile in einem hochplöppen, wenn sich ein arabisch aussehender Mann auf dem Bahnsteig neben einen stellt. - Raus damit aus meinem Herzen!
- Die Abitur- und Ausbildungserfolge der Nichte ständig zu vergleichen mit den Schritten der eigenen Tochter, wider das bessere Wissen, dass jeder junge Mensch seinen eigenen Lebensweg und -erfolg finden muss. - Raus damit aus meinem Herzen!
- Den Karrieresprung des Partners mit Freude zu begleiten und gleichzeitig zu merken, wie tief in einem selbst sich etwas regt: Ist es Neid? - Raus damit aus meinem Herzen!

Vielleicht hat so der Buß- und Bettag seinen guten Sinn: ins eigene Herz zu blicken. Zu erkennen: Hier sitzt das Böse, hier beginnt es im Kleinen, hier neide ich, hier verachte ich, hier hasse ich, hier verleumde ich, hier rede ich schlecht.
Dies macht demnach diesen besonderen, auch diesen anstrengenden Feiertag aus: Es ist ein sehr persönlicher, ein ganz individueller christlicher Feiertag. Er bedeutet Arbeit, Herzensarbeit und Bußarbeit. Bei anderen Festen, Weihnachten beispielsweise, könnte ich stellvertretend für Familie und Freundeskreis in den Gottesdienst gehen und anschließend die Weihnachtsfreude weitererzählen. Beim Buß- und Bettag funktioniert das nicht. Es verbietet sich, beim Mittagessen zu erzählen: „Ach, übrigens habe ich heute mein Herz befragt und beschlossen umzukehren und mich neu zu orientieren. Das gilt jetzt auch für Euch." So geht das nicht. Umkehren und sich neu an Gottes Wort ausrichten, das kann nur jeder und jede für sich tun. Du, du und ich.
Denken wir doch nachher, wenn wir uns mit dem gemeinsamen Schuldbekenntnis auf das Abendmahl vorbereiten, an diese Stelle unseres Predigttextes. Dort werden wir beten: „Ich täusche andere. Ich denke schlecht von anderen und rede über sie. Ich übersehe ihre Not und drücke mich, wo ich helfen sollte." Lassen wir ab davon! Lassen wir ab vom Bösen!

Stattdessen: „Lernt, das Gute zu tun!" Der Wendepunkt in unserm Predigttext. Das Gute tun, das ist ein Lernprozess, wie wahr! Der Wendepunkt bedeutet eins vor allem: die Hinwendung zum Nächsten.
Und darauf, liebe Gemeinde, läuft es hinaus. Schreiben wir es uns ins Herz, schreiben wir es uns ins bußfertige, heutige Herz: Worauf es Gott ankommt, ist unser Tun, ist unser Handeln. Soziales Handeln: in der Gesellschaft, in unserer Stadt, in den Familien, in Freundes- und Kollegenkreis. Soziales Verhalten ... in der Welt. Erst so wird auch verständlich, wann sich Gott von unsern Gottesdiensten abwendet, wann er unsere Gebete nicht mehr erhört. Gott verschließt ihre Augen, ihre Ohren und ihr Herz nur dann, wenn er merkt, dass unser Kult, unsere feierlichen Gottesdienste, unser ganzes Glaubensleben keine Konsequenzen in der Welt haben.

Das soll er aber! Unser Glaube soll Konsequenzen haben in der Welt, für unser Leben.
Bonhoeffer: „Christsein besteht heute nur in zweierlei: im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen." Christen, Männer und Frauen, die an Gott glauben, beten und tun das Gerechte. Das eine geht ohne das andere nicht. Beten. Gerechtigkeit üben.
Unterdrückte, Waisen, Witwen - die legt Jesaja seinen Zeitgenossen ans Herz.
Wir können aus unserm Umfeld ergänzen: durch Niedrigstlöhne Ausgebeutete, von Armut bedrohte Alleinerziehende, durch Demenz eines Angehörigen Überforderte, mit plötzlicher Krankheit Konfrontierte, durch Angst vor dem Sterben Geschüttelte. Seien wir bei Ihnen, wenn sie unsere Hilfe brauchen! Drücken wir uns nicht, wenn wir helfen sollen! Legen wir ein Wort für sie ein, wenn es drauf ankommt! Setzen wir uns an ihr Bett und halten ihre Hand.
Unser Glaube muss hinein in die Welt durch UNSER TUN. Nur so wohnt Gott auch in unseren festlichen Gottesdiensten.
Kult und soziales Handeln. Gottesdienst und Fürsorge. [mögliches Kriterium fürs Ehrenamt? - im Unterschied zu weltlichen Ehrenämtern] Das ist engengeng miteinander verbunden. Das Leben von uns Gläubigen besteht aus dem innerlichen und dem äußerlichen christlichen Leben, so könnte man sagen. Luther: „Das äußerliche Leben aber hat mit dem Menschen zu schaffen."

An vielen Stellen ist da noch Handlungsbedarf, auch in unserer Gemeinde. Daneben fallen mir Beispiele ein, wo das bereits gelebt wird. Die Seniorengottesdienste. Oder wenn unsere Konfirmandinnen und Konfirmanden jetzt diakonische Dienste machen: bei der Kinderbetreuung im Gottesdienst, beim Besuch von älteren Gemeindegliedern.

Was tun Sie als Christ, was tun Sie als Christin in der Gesellschaft?

Zum Abschluss dieser Buß- und Bettagspredigt möchte ich von einer Begebenheit erzählen:
An einem heißen Sommertag treffe ich auf der Schwelle zu einem Café die Mutter eines Thomaners; mit einem Kuchenpaket in der Hand steht sie plötzlich vor mir. Ebenso plötzlich überfällt sie mich mit ihrem statement: „Ach nee, Ihr Christen. Ihr immer mit euerm Schuldbekenntnis und euerm Bußetun. Immer muss ich mich zuerst klein machen, bevor ich vor Gott etwas gelte. Ach nein, das ist nichts für mich." Ich war wie vor den Kopf gestoßen. Ein strahlender Sommertag, heller August, alles Leute in Kleidern und mit Badesachen unterm Arm. Und statt eines beiläufigen „Hallo, wie gehts" werde ich überfallen mit einer der schwierigeren Fragen der christlicher Lebenspraxis: der Buße. Ohne dass ich es damals ahnte, führte diese Begegnung direkt zum heutigen Tag.

Wieso sollte ich mich klein machen vor Gott? Will mich Gott klein, geduckt, gebeugt? Wenn Gott ein solches Wutgewitter über uns herabdonnern lässt, wie wir es von Jesaja hören, dann setzt Gott voraus, dass wir er-wachsen sind und in der Lage, Verantwortung zu tragen.
Gott ruft uns zu dieser Verantwortung. Er will unsere Beziehung klären. Er will sie klären, nicht etwa beenden.
In der Beziehung mit Gott geht es nicht ohne Buße und Umkehr. Und in unserer Welt geht es nicht ohne Umkehr, ohne Veränderung. Andernfalls wäre schon alles gut, alles perfekt, alles gerecht, alles heil.

Eines, liebe Gemeinde, eines aber fehlt. Was das ist, erkennen Sie am Folgenden: „Reinigt euch!", heißt im Predigttext Gottes Aufforderung an uns; wir also sollen handeln. - „Reinige mich, o Herr!", diese an Gott gerichtete Bitte singt gleich der Chor in der Vertonung von Thomas Tallis. Ist das ein Widerspruch? Wer denn nun, wer soll handeln?
Ich will es wieder und wieder von dieser Kanzel sagen: Das, worauf es im Glauben und worauf es im Gottesdienst im Kern ankommt, können wir nicht selbst erwirken. Es geschieht allein durch Gottes Gnade. Luther sagte von denen, die in unserer Predigtstelle den falschen Gottesdienst feierten und die unerhörten Gebete sprachen, dies: „Denn sie warfen das Vertrauen auf die göttliche Barmherzigkeit weg."
Vertrauen wir auf Gottes Barmherzigkeit, seien wir voll Zuversicht auf Gottes Gnade. Bitten wir ihn.
Werfen wir Gottes Gnade nicht weg, niemals.

Ich bin Prädikantin. Ich predige im Ehrenamt. Heute bin ich die anderthalb bis zwei Meter hinaufgestiegen auf die Kanzel von St. Thomas. Habe mich scheinbar erhoben über die Gemeinde. Und bin doch Teil dieser Gemeinde, unserer Gemeinde. Ich als Ehrenamtliche hier oben; die beiden Hauptamtlichen, Pfarrerin Taddiken und Pfarrer Hundertmark dort unten. Ich steige nun wieder hinunter. Sie, die Hauptamtlichen, und ich, die Ehrenamtliche, wir sind in einem entscheidenden Moment - im wesentlichsten Belang - einander vollkommen gleich: Wir bedürfen der Gnade. Gleichermaßen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und unser Beginnen in Christo Jesu. Amen.