Predigt über 2. Kor 5,1-10

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Heute ist Volkstrauertag. Auf vielen Friedhöfen in unserem Land wird der Gefallenen gedacht. Opfer beider Weltkriege waren millionenfach zu beklagen. Denkmäler ihnen zu Ehren wurden errichtet oder wiedererrichtet. Gelegentlich werden bei solchen Gedenkveranstaltungen die Gefallenen zu Helden ausgerufen, die ihr Leben für das Vaterland gelassen haben.
Kriegspropaganda braucht Helden. Ich brauche sie nicht für meinen Lebensentwurf. Menschen, die in friedvoller Absicht ihr Leben gestalten wollen, brauchen sie auch nicht. Helden sind etwas für Sagen. Gewiss gibt es menschliches Tun, welches besonderen Mut erfordert.
Im Krieg, liebe Gemeinde, gibt es keine Helden. Im Krieg gibt es nur Verlierer.
Männer, die ihre Familien verlieren. Frauen, die ihre Männer verlieren oder traumatisiert zurückbekommen. Junge und Alte, die ihre Hoffnungen verlieren und vielfach auch ihre Menschlichkeit. Dieses Moment ist jedem Krieg immanent, ganz gleich ob er im fünften, sechzehnten oder einundzwanzigsten Jahrhundert stattfindet.
Kriegsopfer, vergangene und gegenwärtige, mögen uns vor Augen halten, wie wichtig es ist, sich für friedliche Lösungen einzusetzen. Zur Vorläufigkeit menschlichen Seins gehört dabei auch, dass nicht überall solcher Einsatz zum Erfolg führt.
Für Volk und Vaterland stirbt es sich genauso schwer wie vorzeitig auf dem Krankenbett. Weder dem einen noch dem anderen kann ich etwas Heldenhaftes abgewinnen. Der Tod ist der letzte Feind.

Angesichts der Fragmentarität des Lebens suchen Menschen Halt und Hoffnung. Wer sich wie der Apostel Paulus auf die Fahne geschrieben hat, die frohe Botschaft nahezubringen, den schmerzt es besonders, wenn er für seine Tätigkeit kritisiert wird. Nicht unbekannt ist sein ambivalentes Verhältnis zur korintheischen Gemeinde. Inmitten der Auseinandersetzungen mit ihr, schreib Paulus, postkartengleich von unterwegs Gedanken und Argumente an sie. Heute lesen wir die Sammlung solcher Postkarten im 2. Korintherbrief. Paulus sucht und findet seinen Anker. Er hält ihn fest in Zeiten der Anfechtung und Verleumdung. Im 5. Kapitel führt er das näher aus:
Denn wir wissen: wenn unser irdisches Haus, diese Hütte, abgebrochen wird, so haben wir einen Bau, von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel.
2 Denn darum seufzen wir auch und sehnen uns danach, dass wir mit unserer Behausung, die vom Himmel ist, überkleidet werden,
3 weil wir dann bekleidet und nicht nackt befunden werden.
4 Denn solange wir in dieser Hütte sind, seufzen wir und sind beschwert, weil wir lieber nicht entkleidet, sondern überkleidet werden wollen, damit das Sterbliche verschlungen werde von dem Leben.
5 Der uns aber dazu bereitet hat, das ist Gott, der uns als Unterpfand den Geist gegeben hat.
6 So sind wir denn allezeit getrost und wissen: solange wir im Leibe wohnen, weilen wir fern von dem Herrn;
7 denn wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen.
8 Wir sind aber getrost und haben vielmehr Lust, den Leib zu verlassen und daheim zu sein bei dem Herrn.
9 Darum setzen wir auch unsre Ehre darein, ob wir daheim sind oder in der Fremde, dass wir ihm wohlgefallen.
10 Denn wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, damit jeder seinen Lohn empfange für das, was er getan hat bei Lebzeiten, es sei gut oder böse.
unterwegs

Paulus macht eine merkwürdige Unterscheidung zwischen äußerem und inneren Menschen. Wahrscheinlich will er an das Basiswissen seiner Gemeinde anknüpfen. Dabei stellt er fest: Niemals ist der Mensch ohne Leib, ob nun in himmlischer Sphäre oder im irdischen Sein. Die Seele geht eben nicht entblößt ins Totenreich, sondern bleibt nach Paulus vom Leib ungetrennt. Deshalb auch sein vehementes Eintreten für die leibliche Auferstehung am jüngsten Tag.
Nicht jeder wird Paulus da folgen können und wollen. Jedoch in einem zentralen Punkt seiner Postkarte an die Korinther von unterwegs wollen wir es versuchen.
Es ist die Frage: Was trägt Dich?
Welche Hoffnungen geben Dir Halt im Leben?
Gewiss beantworten sich diese Fragen in Krisenzeiten eher als in Zeiten, da alles gelingt.
Paulus stellt sie uns eigentlich jeden Tag neu. Dadurch ruft er zur Prüfung des Glaubens auf.
Jede und jeder muss diese Frage für sich selbst beantworten bzw. prüfen.
Ich kann hier nur meine Antwort geben:
Der zuversichtliche Glaube, dass alles, was ich tue unter dem Vorbehalt der Vorläufigkeit steht, auch unter der Vorläufigkeit des eigenen Lebens, gibt mir Kraft. Diese Kraft speist sich aus der Hoffnung: Jesus Christus erinnert mich immer mal wieder daran, dass ich keine Angst zu haben brauche, weil mein Leben gerettet ist.

Auf den Schlachtfeldern sterben die Hoffnungen zuerst, gefolgt von der Wahrheit.
Im christlichen Glauben stirbt die Hoffnung zuletzt. Sie bleibt nicht tot, sondern aufersteht als die große, unverbrüchliche Wahrheit: Jesus Christus ist nicht bei den Toten, sondern unter uns als sichtbares Zeichen der Liebe Gottes.
So bestimmt er meinen Lebensweg vom Ziel her.
Das gibt mir Kraft, zu hoffen auch in aussichtsloser Lage. Wo lebensfeindliche Kräfte den Tod zur großen Macht aufblasen, setzt Christus seine Macht entgegen - nicht mir Gewalt, nicht als Held, sondern als Retter.

vor Gericht

"Dein bin ich, Vater! Rette mich
Ihr Engel! Ihr heiligen Scharen,
Lagert euch umher, mich zu bewahren!
Heinrich! Mir graut ´s vor dir."
J.W.v Goethe, Faust Erster Teil

Am Ende des ersten Teils von J.W.v Goethes Tragödie "Faust" stirbt Margarethe. Die Macht des Mephistopheles war größer als der Liebe Macht von Faust zu ihr. Während Mephisto über Gretchen sagt "Sie ist gerichtet", entgegnet ihm die göttliche Stimme "Ist gerettet!"
Gericht und Rettung liegen nur einen Atemzug auseinander, liebe Gemeinde.

Hin und wieder werden vor Gericht Urteile gesprochen, welche die Volksseele beruhigen. In dieser Woche haben zwei Urteile Menschen bewegt. Am Freitag wurde der ehemalige Top-Manager Thomas Middelhoff zu drei Jahren Haft verurteilt, weil ihm Untreue nachgewiesen werden konnte. Das wird viele gefreut haben, bediente er doch auf eine sehr prononcierte Weise das Klischee des gierigen Managers ohne jegliche Bodenhaftung und ohne jegliches Maß. Den vielen fleißigen Managern, welche Verantwortung tragen als selbstständige Unternehmer, die auch gutes Geld verdienen wird das nicht gerecht. Leider ist Middelhoff nicht das eine schwarze Schaf. Vor Gericht ist offenbar geworden, was selbst Aufsichtsräte versucht haben unter den Tisch zu kehren. Gut, wenn Justiz so funktioniert.
Ein zweites Urteil liegt nur wenige Tage davor. Es handelt sich dabei um die Einstellung des Gerichtsverfahrens gegen den Jugendpfarrer Lothar König aus Jena. Er sollte mit zurückgehaltenem Beweismaterial belastet und verurteil werden, weil er auf einer Demonstration gegen Neonazis angeblich zur Gewalt aufgerufen hatte. König selbst hat diese Vorwürfe immer bestritten. Nicht nur für betroffene, sondern auch für neutrale Beobachter war dieser Prozess kein Glanzstück sächsischer Justiz. Wo Staatsbedienstete Recht beugen, weil ihnen die politische Einstellung eines Christen nicht passt, ist Widerstand und Hartnäckigkeit dagegen in gewisser Weise Pflicht.

Denn wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, damit jeder seinen Lohn empfange für das, was er getan hat bei Lebzeiten, es sei gut oder böse.

schreibt der Apostel Paulus. Das klingt wie eine Drohung und ich bin geneigt in das "wenn - dann - Schema" zu verfallen. Wenn du nicht dieses oder jenes Gutes tust, dann wirst du bestraft.
Paulus redet hier nicht von Strafe, sondern er redet von Lohn. Das heißt wiederum: mein Handeln bleibt nicht folgenlos, sondern wird einmal belohnt werden.
Allein jedoch auf das Positive wird mein Handeln nicht reduziert werden. Auch böse Dinge empfangen ihren Lohn, bzw. muss ich mich für sie verantworten. Dass dieses "Verantworten" nicht gleichbedeutend ist mit "vernichtet" werden, ist ein großes Verdienst paulinischer Rechtfertigungstheologie. Die Offenlegung vor dem Richterstuhl Christi hat etwas ungemein Befreiendes. Denn nichts bleibt mehr verborgen, nichts an Schuld, an Versäumnissen, nichts an Liebe oder Hoffnungen.
Wo alles offengelegt wird, ist der Weg zur Versöhnung frei. Diesen Weg muss ich nicht alleine gehen.

Ein Mann, wird vor Gericht geladen, erzählt eine Johann Gottfried Herder zugeschriebenen Geschichte. Er bekommt die Auflage, einen Freund mitzubringen, der für ihn spricht. So fragt der Mann seinen treuesten Freund. Sofort sagt dieser zu. Doch an der Schwelle des Gerichtsgebäudes kehrt der Freund. "Ich kann nicht mit dir da hineingehen", sagt er.
Da ruft der Vorgeladene einen zweiten Freund, der ihn schließlich ins Gerichtsgebäude begleitet. Kurz bevor der Gerichtssaal betreten werden muss, kehrt auch dieser Freund um.
Was tun, fragt sich der Mann? Er besinnt sich eines dritten Freundes, den er lange nicht gesehen und aus den Augen verloren hat.
Bereitwillig sagt er zu und begleitet ihn vor Gericht, indem er Fürsprache hält.
Der erste Freund, liebe Gemeinde, ist materieller Besitz. Nützlich und wichtig im Leben, jedoch vor dem Richterstuhl Gottes, wenn ich Rechenschaft ablegen muss für mein Leben, nützt es rein gar nichts.
Der zweite Freund ist die Familie. Sie kann mich begleiten auch bis zur letzten Schwelle des Lebens. Aber dann endet auch ihre Möglichkeit.
Sie ahnen, dass der dritte Freund Jesus Christus ist. Oftmals vergessen, aus den Augen aus den Sinn. Im entscheidenden Moment des Lebens aber ist er zur Stelle, begleite mich vor Gericht. Und nicht nur das. Er tritt für mich ein als mein Fürsprecher.

Weil über meinem Leben zuerst das "gerettet" gesprochen wurde, kann es auch "gerichtet" werden und seinen Lohn empfangen.
Das ist eine himmlische Perspektive - sogar für das irdische Leben.
Amen.