Predigt über 1.Thessaloniker 5,1-6

Glaube sei Illusion: das haben verschiedene Denker und Literaten zu Ausdruck gebracht; ich nenne nur Friedrich Nietzsche, Albert Camus und Max Frisch.
Max Frisch sagt zur 2. Bitte des Vaterunsers („Dein Reich komme!"), nichts in dieser Welt sei wirklicher als diese Illusion vom Reich Gottes. „Jahrtausende haben gesungen, gelitten, gemordet für dieses Reich, das niemals kommt, und dennoch macht es die ganze meschliche Geschichte".
Der 9. November ist ein solcher Tag menschlicher Geschichte; was faßt er nicht alles zusammen: Judenvernichtung (sog. Reichskristallnacht vor 76 Jahren) u8nd Mauerfall (vor 25 Jahren). Diese beiden Ereignisse von weiter Beschämung und Bedeutung seien nur für das 20. Jahrhundert genannt. Und heute vor 145 Jahren wurde unser „Diakonisches Werk Innere Mission Leipzig" gegründet.
Was sind diese Worte Max Frischs? Sind sie feststellend, oder resignierend oder gar triumphierend? Sie stehen auf jeden Fall gegen einen Briefabschnitt des Apostels Paulus aus dem 1. Thessalonicherbrief (5,1-6):
Von den Zeiten und Stunden aber, liebe Schwestern und Brüder, ist es nicht nötig, euch zu schreiben: denn ihr selbst wißt genau, daß der Tag des Herrn kommen wird wie ein Dieb in der Nacht. Wenn sie sagen werden: Es ist Friede, es hat keine Gefahr -, dann wird sie das Verderben schnell überfallen wie die Wegen eine schwangere Frau, und sie werden nicht entfliehen. Ihr aber, liebe Schwestern und Brüder, seid nicht in der Finsternis, daß der Tag wie ein Dieb über euch komme. Denn ihr alle seid Kinder des Lichts und Kinder des Tages. Wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis. So laßt uns nun nicht schlafen wie die andern, sondern laßt uns wachen und nüchtern sein.

Glaube in Erwartung gibt dem Tag Gehalt
1. zum Beispiel im Leben und Wirken des Apostels Paulus,
2. zum Beispiel im Leben und Wirken Luise Höpfners,
3. und wie ist es mit dem Beispiel unsers Lebens?

1. Glaube in Erwartung gibt dem Tag Gehalt, zum Beispiel im Leben und Wirken des Apostels Paulus
Was Paulus den Christen in Thessalonich schreibt, schreibt er aus der Erfahrung seines Lebens. Er stand - wie diese - in einer unbändigen Erwartung des nahen Endes der Welt. Auch wenn das für das Denken der Antike vordergründig mit apokalyptischen Auswirkungen schlimmsten Ausmaßes verbunden war, dominiert doch der Gedanke, daß es sich um den Tag Jesu Christi handelte im Sinne der endgültigen Beendigung interimistischer Verhältnisse. Was die apokalyptischen Verhältnisse anlangt, so können sie sich durchaus messen lassen mit dem, was unsere Welt in diesen Jahren durchlebt: Flucht, massenhafte, Vertreibung, Krieg, Zerbombung, Zerstörungen riesigen Ausmaßes, unbeherrschbare Kraqnkheiten.
Ob Max Frisch auch daran gedacht hat, eben an die Realität des Bösen und des Menschenfeindlichen in der Welt, und zwar an seine unaufhörlichen und nie endenden Gestalten? Ist es nicht so, daß wir nur leben können, wenn uns bei diesem Bedrohungsarsenal die beständige Hoffnung auf Neues und Unverlierbares nicht verläßt?
Gerade angesichts dieses Weltzustandes ist mit Jesu Tag um so mehr zu rechnen - aber eben nicht als Illusion, und auch nicht als planbarer und kalkulierbarer Größe.
Und - so möchte man fragen - was wäre denn, wenn wir den Termin des Tages Jesu wüßten, wenn wir ihn im Kalender vermerkt hätten?
Im Bereich des Politischen, des wirtschaftlichen Managements spricht man gern von Ereigniskommunikation, also von jener Einstellung, die insbesondere alle möglichen und denkbaren Risken und kritischen Situationen bereits ohne einen realen Notzustand durchspielt und Ergebnisse dazu produziert. Auch unser Diakonisches Werk Innere Mission Leipzig arbeitet mit einem solchen Risikomanagement.
Und wenn wir den Termin wüßten, an dem sich das Risiko ereignet, wäre es gar kein Risko mehr, aber wir stünden dennoch in der Gefahr, den Advent Jesu darin nicht zu erkennen.
Paulus sagt: mit dem Termin verhalte es sich wie mit dem Dieb in der Nacht, wie mit dem nicht exakt vorhersehbaren Wehen einer schwangeren Frau. Dazu fügt er die Bemerkung: wer am Tag nüchtern und aufmerksam lebt, würde den Tag Jesu nicht verpassen.

2. Glaube in Erwartung gibt dem Tag Gehalt - wie zum Beispiel im Leben und Wirken Luise Höpfners.
Wer ist, wer war Luise Höpfner (1914-1996), werden die meisten unter uns fragen; manche haben sie noch gekannt oder von ihr gehört. Sie würde - wie die Lebensdaten sagen - in diesem Jahr ihren 100. Geburtstag gefeiert haben. Deshalb denken wir an sie. Eine einfache Frau, Tochter eines Eisenbahners, aufgewachsen in Leipzig-Gohlis. Erreicht und bewegt vom Glauben in Erwartung des Tages Jesu Christi. Sie war eine Apostelin, als solche steht sie neben Paulus.
Den Inhalt ihre Lebenstage, ihrer Lebensjahre, besonders der Jahre ihres Wirkens, bestimmte dieser Glaube in Erwartung.
Wir denken in diesem Jahr dankbar an diese Frau, die sich sehr für Kinder engagierte. Sie lebte und verwirklichte das, was Albert Camus einmal aus einer kritischen Sicht des Christentums heraus sagte: Man könne dem Christentum mit seiner schwierigen Geschichte deshalb viel verzeihen, weil Jesus uns Menschen gelehrt habe, die Kinder zu lieben. Sie selbst hatte keine Kinder, doch hatte sie die Kinder lieb, und sie hatte diejenigen lieb, die - wie oft Kinder - von ihrer Mitwelt mit Gewalt klein gemacht und gehalten werden: Ausländer, Gedemütigte, politisch Verfolgte, am Rande der Öffentlichkeit und des Lebens Existierende.
Ihr großes Verdienst: Aufbau und Durchführung der Ausbildung von Kinderdiakoninnen - trotz des scharf durchgesetzten Bildungsmonopols des kommunistischen DDR-Regimes. Mutig und ohne Scheu füllte sie das, was Superintendent Schumann in den Strukturen bei der amerikanischen und dann bei der sowjetischen Militäradministration wie auch bei den DDR-Behörden erreicht hatte (nämlich die Wiedereröffnung und Fortführung christlicher Kindergärten in Leipzig nach der Nazi-Zeit), mit ausgebildeten und tätigen Kinderdiakoninnen. Sie organisierte und strukturierte eine eigene Ausbildung, die nicht offiziell war und schon gar keine Anerkennung genoß; sie tat es unter dem Blick der großen Fenster der Untersuchungshaftanstalt in der Arndtstraße gegenüber vom Martinstift, in dem sie arbeitete, und dachte sich Verhaltensweisen für die lernenden Kinderdiakoninnen aus, die diesem kritischen Gegenüber harmlos und unauffällig blieben. Sie tat das, weil sie die Kinder liebte und nicht zusehen mochte und konnte, daß diese Opfer der allesbestimmenden stupiden Ideologie wurden.
Keine Mühe scheuend, hat sie auch in ihren Ruhestandstagen weiterhin verschiedenste Menschen um sich gesammelt. Dehalb ist es ein besonders schönes Zeichen, daß gerade heute zwei junge indische Frauen unter uns sind, die in einem unserer Heime derzeit Dienst tun.
Die Begriffe „Ereigniskommunikation" und „Risikomanagement" kannte sie nicht, aber sie lebte und wirkte in der Erwartung des Tages Jesu Christi. Das ließ sie mutig und wach und nüchtern sein für ihre Aufgabe.

3. Glaube in Erwartung gibt dem Tag Gehalt - und wie ist das mit unserem Leben?
Paulus sagt zu uns: „Denn ihr alle seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages".
Es gibt viel Nacht und viel Rauschhaftes unter uns, auch unter uns Christen. Nicht ist es jene emphatische Äußerung, die gerade dieser Tage in einer Fernsehsendung wieder einmal zu erleben war, die wir von der berühmten Rede Martin Luther Kings vor dem Lincoln-Memorial in Washington kennen: „I have a dream ...". Dieser Traum zeigte vielmehr eben jene Wachheit und Nüchternheit des Tages Jesu Christi.
Aber was uns beschäftigt und Not macht, ist zum Beispiel jene Faszination durch die Vergötzung des Kreatürlichen, an die Übersteigerung und Entgrenzung des Menschlichen. Es ist eben nicht unsere Aufgabe, durch solche Übersteigerungen und Entgrenzungen des Tag Jesu herbeiführen zu wollen. Denn sosehr es an Gemeinsinn und Nächstenliebe in unserer Welt fehlt, so sehr überzieht die Lebenseinstellung solcher Entgrenzungen und Übersteigerungen das was mit dem Tag Jesu gemeint ist. Solche Lebenseinstellungen setzen sich selbst an die Stelle Jesu Christi.
Manche meinen, man könnte diese Welt sicher und friedlich machen, und sie verkennen dabei jenes tragische Mißverständnis ihrer eigenen Kraft. Sie sagen Friede, Friede, und ist doch kein Friede - dieser Ruf der Propheten, den schon Jesus sich zu eigen machte, zeigt, den Wahn und die wahre Illusion unter uns Menschen.
Luise Höpfner hat gewußt, daß Friede, Gefahrlosigkeit nicht durch Bekundungen von Frieden und Gefahrlosigkeit entstehen, sondern durch den Glauben in Erwartung des Tages Jesu Christi. Unsere Welt ist aber von solchen untrüglich scheinenden Bekundungen des Friedens und der Gefahrlosigkeit erfüllt. Sie ist demgegenüber arm in der Gesinnung des Glaubens an den kommenden Tag Christi.
Wir müssen als Menschen nicht alles in unsere Hand bekommen und kontrollieren bzw. unterwerfen wollen. Denn wir bleiben allemal zumindest ihm unterworfen, dem kommenden Herrn Jesus Christus. Der erwartete Tag Christi schafft Frieden, aber er durchkreuzt im Ende solche eigensüchtigen Pläne.
Amen.