Predigt über 2. Korinther 3,3-9

Liebe Thomasgemeinde, liebe Gäste,

so ziemlich jede und jeder kennt das und hat Erfahrung damit - sich zu bewerben. Mann und Frau müssen einiges dafür tun, insbesondere ein Schreiben in mehreren Teilen verfassen. Das Schreiben soll geeignet sein von Fähigkeiten zu überzeugen. Nun gibt es aber auch noch besondere Bewerbungen auf besondere Arbeitsstellen, da werden Referenzen, also Empfehlungsschreiben erwartet. Dritte, dazu Berufene bringen zum Ausdruck, dass die Bewerberin oder der Bewerber sehr geeignet sind, die vorgesehene Arbeit zu übernehmen. Der Apostel Paulus schreibt in seinem 2. Brief an die christliche Gemeinde in Korinth, er habe so etwas nicht nötig. Überhaupt spricht er in diesem Brief gleich vier Mal davon, ganz ohne Empfehlungsschreiben die Gemeinde zuvor mit seinen Mitarbeitern aufgebaut zu haben. Und ebenso ohne Empfehlung Dritter schreibt er diesen Brief nach Korinth. Offensichtlich hatte man ihm dort den Vorwurf gemacht, die Gemeinde ohne ein Empfehlungsschreiben, z. B. von Mitgliedern aus einer anderen christlichen Gemeinde oder den Aposteln in Jerusalem, besucht zu haben. Und ganz offensichtlich hatten die Christen im Korinth des 1. Jahrhunderts Erfahrung mit anderen Missionaren gemacht, die solche Empfehlungsschreiben aus der Tasche ziehen konnten.
Der Apostel Paulus schreibt, in der Absicht sein Amt und seine Mitarbeiter zu verteidigen, dass die Existenz der Gemeinde und damit die bereits vorhandene Gemeinschaft zwischen ihm und der Gemeinde genug sind, ja diese Gemeinschaft selbst ein Art Empfehlungsbrief ist, ein Empfehlungsbrief, der in das Herz der Gläubigen eingeschrieben ist. Und das können alle Menschen sehen - an der öffentlichen Versammlung der Gläubigen als Gemeinde. In diesem Sinne kann man den Christen von den Lippen ablesen, an wen sie glauben. "Ist doch offenbar geworden, dass ihr ein Brief Christi seid, durch unseren Dienst zubereitet, geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes, nicht auf steinerne Tafeln, sondern auf fleischerne Tafeln, nämlich eure Herzen." Und weiter lautet der Predigttext im 2. Brief an die Korinther im 3. Kapitel, in den Versen 3-9: "Solches Vertrauen haben wir durch Christus zu Gott (Vers 4). Nicht dass wir tüchtig sind von uns selber, uns etwas zuzurechnen als von uns selber; sondern dass wir tüchtig sind, ist von Gott (Vers 5), der uns auch tüchtig gemacht hat zu Dienern des neuen Bundes, nicht des Buchstabens, sondern des Geistes. Denn der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig (Vers 6). Wenn aber schon das Amt, das den Tod bringt und das mit Buchstaben in Stein gehauen war, Herrlichkeit hatte, sodass die Israeliten das Angesicht des Mose nicht sehen konnten wegen der Herrlichkeit auf seinem Gesicht, die doch aufhörte (Vers 7), wie sollte nicht vielmehr das Amt, das den Geist gibt, Herrlichkeit haben (Vers 8)? Denn wenn das Amt, das zur Verdammnis führt, Herrlichkeit hatte, wie viel mehr hat das Amt, das zur Gerechtigkeit führt, überschwängliche Herrlichkeit (Vers 9)." Gott segne an uns dieses Wort.
Liebe Gemeinde, "Christus als Gemeinde existierend" hat der junge Theologe Dietrich Bonhoeffer in seinem ersten Buch formuliert, Christus als Gemeinde existierend. Im Zusammenhang der Worte des Apostels kann hinzugefügt werden, Jesus Christus existiert als Gemeinde im Geist. Denn das treibt den Apostel um, wie der Geist des lebendigen Gottes in der Gemeinde wirkt. Es sind in dieser Frage die Buchstaben eines Empfehlungsschreibens unwichtig. Alle Buchstaben mit Tinte geschrieben oder sonst wie gedruckt sind tot. Buchstaben an sich können keine lebendige Verbindung zwischen Gott und den Menschen herstellen. Vielleicht können Buchstaben und Schriftworte Verbindungen und Beziehungen anregen, niemals aber ohne den Geist. Der bis an die Grenze des Wahnsinns scharfsinnige Dichter Friedrich Hölderlin hielt zum toten Buchstaben und dem Geist folgendes fest: "Fürchtet den Dichter nicht, wenn er edel zürnet, sein Buchstab/ Tötet, aber es macht Geister lebendig der Geist."
Der Buchstabe, liebe Gemeinde, schafft keine Inspiration, insofern ist der Buchstabe tot. Man, frau stelle sich vor, die Tafeln der 10 Gebote wären ohne Mose überliefert, also nur irgendwie gefunden worden. Wir würden sie nicht kennen. Moses Antlitz war von der Gottesbegegnung auf dem Berg Sinai dermaßen entrückt und voller Glanz, voller Herrlichkeit, dass für die Geschichte des Volkes Israel ein paar Worte, die 10 Gebote, mehr bewirken konnten als ein toll vergoldeter Tiergott, das schöne goldenen Kalb. Paulus bezieht sich in seinem Gemeindebrief auf Mose und die Gebote. Die Gebote geben dem Menschen Weisung, dem Menschen, der weiß, dass alles vorläufig, zerbrechlich, ja dem Vergehen und dem Tod nahe ist. Der tschechische Schriftsteller und Dissident Milan Kundera schreibt zu diesem Thema der Hinfälligkeit all unseres Tuns. Ich mag Kundera unter den mittelosteuropäischen Schriftstellern besonders darum, weil er zu dem Gefühl, das wir alle kennen, dass nämlich die Dinge schief gehen können, in der Lage ist ein Glückmotiv und dies oftmals mit einem Augenzwinkern hinzuzufügen. Kundera schreibt, ich zitiere sinngemäß: Das einzige, was uns angesichts der unausweichlichen Niederlagen bleibt, ist, sie zu verstehen.
Die Gebote halten uns den Spiegel vor, was alles schief gehen kann. Der Apostel Paulus wendet sich gegen die sehr menschliche Versuchung, das Alte, hier also die Gebote in das Reich des Unverständlichen abzuschieben. Die Gebote bleiben um der Erfahrung des Volkes Israel willen und wegen dem damit verbundenen Gotteserlebnis wertgeschätzt. Die Gebote bewahren, anderen Menschen Niederlagen zuzufügen. Besonders entsetzt und fassungslos sind wir doch, wenn andere Menschen mit Mutwillen geschwächt und gedemütigt werden. Obschon der Geist der Begrenzung aus den Geboten spricht, so sind doch Mose und diese Worte mit Herrlichkeit und dem Glanz des Kostbaren umgeben. Sie bleiben gültig, denn mit dem Menschen, dem alles schief gehen kann, muss weiter gerechnet werden. Paulus möchte nun aber das Leben von Gottes Geist her betrachten. Er sieht das Leben von der ewigen Verbindung Gottes mit dem Menschen her. Und hier sieht er Jesus Christus im Zentrum. Er hat ihn selbst in einem Gotteserlebnis auf dem Weg nach Damaskus gesehen. Auch die anderen Apostel aus dem Jüngerkreis sehen den auferstandenen Jesus im Zentrum. Gottes Geist schenkt Paulus und der Gemeinde das Vertrauen zu Christus, der weiter wirksam ist.
Liebe Gemeinde, der Geist begründet die Gemeinschaft der Verschiedenen in der Gemeinde, welcher Herkunft sie auch immer sind. Gottes Geist zur Wirkung kommen lassen, möchte Paulus der Gemeinde empfehlen. Der Apostel beschreibt diese Wirkung, ja die Entfaltung des Geistes als einen Dienst, als eine Aufgabe. Dienst in der Gemeinde ist ein sehr persönlicher, zunächst nämlich bereit zu sein für die Überraschung und die Freude, etwas mit tun zu können. Das bringt die Gemeinschaft nach vorn und lässt sie größer werden. Der zweite Korintherbrief, das machen die Kapitel zuvor sehr deutlich, hat die Vermehrung der Freude, nicht die Vermehrung der Besorgnisse als innerstes, wertvollstes Moment des Glaubens zum Gegenstand. Diese Freude zu finden und darin zu bleiben geschieht in einem Dasein füreinander. Gottesbewusstsein und ein Getragensein in den Beziehungen sind uns verheißen. Der Apostel versieht den Dienst im Geist mit einem Auftrag und spricht von der Gerechtigkeit. Im gerechten Tun kann Lebenserfüllung gefunden werden. Damit stellt uns der Apostel ein Wort vor, das in der Gegenwart der Lebenskämpfe äußerst umstritten ist: Gerechtigkeit.
Manchmal kann der spontan ausgerufenen Satz "das ist ungerecht" sehr befreiend wirken. Aber die Frage, wie Gerechtigkeit zu erlangen ist, wird damit noch nicht beantwortet. Ein geistliches Verständnis will Gottes Gerechtigkeit einwirken lassen auf das Herz. Gottes Antworten sind dem Christen, der Christin eingeschrieben im neuen Bund Gottes mit den Menschen. Von Gottes Seite kommt Jesus Christus auf uns zu und hält uns - im heutigen Gottesdienst gut sichtbar mit der Hand der Pfarrerin über den Kindern und der tragenden Hand der Eltern, die die Kinder zum Taufstein bringen. Der Mensch, der Gottes Geist betend und bittend aufnimmt, verströmt etwas von Gottes Liebe und Gerechtigkeit in seinem Tun. Ich habe diesen Geist und die Freude in ihm zu handeln immer wieder gespürt in der Thomasgemeinde unter den Freiwilligen, Ehrenamtlichen und nicht zuletzt den Hauptamtlichen.
Die Thomasgemeinde hat für dieses Ansinnen, zu leben in Gottes Gerechtigkeit, ein Netz geschaffen, das Thomasnetz. Hier kann konkret getauscht und ausgetauscht werden. Ich biete ein paar Stunden Kinderbetreuung und möchte gern, dass mir jemand beim Einkauf hilft. Dies ist ein mögliches Beispiel im Geist der Bitte ein Angebot zu machen. Ich selbst muss gestehen, dass ich in den vergangenen Monaten nicht ernsthaft genug nach diesem Tauschnetz gefragt habe. Ich habe zuerst an die damit verbundene Arbeit gedacht. Falsch. Ein geistliches Verständnis von Gerechtigkeit beginnt, ein Angebot mit dem Einfachsten zu machen: Ich habe eine Stunde Zeit, was willst du mir erzählen!? Oder: Ich lese dir aus der Bibel vor, willst du mir zuhören!? Oder: Ich begleite dich zu einer Motette, tauschen wir uns danach darüber aus!? Oder: Ich brauche einen, der zuhört, kannst du mir zuhören!? Oder: Ich kann dir einen Rat geben, wie du einen gemeinnützigen Verein gründen kannst, willst du erzählen, was du mit anderen gemeinsam vorhast!? Gemeindeglieder öffnen sich und vertrauen einander ihre Fähigkeiten an. Kann es gelingen, dass Unbekannte aufeinander treffen, zusammenkommen? Das ist schon ein neuer Schritt. Das ist schon ein Wagnis. Wer hier mitmacht, kann Begegnung und Solidarität im christlichen Geist erleben. Wollen wir, die wir hier versammelt sind, das Thomasnetz nutzen? Wenn wir die Einladung auf der persönlichen Ebene bejahen können, dann sind wir womöglich bereit die weitgesteckten Ziele anzunehmen, nämlich teilzunehmen an einem sozialen Netzwerk im Sinne der christlichen Nachbarschaftshilfe. Hilfegesuche und Hilfsangebote werden über die Internetseite der Gemeinde koordiniert.
Ein Leben, das nicht bloß Vorgaben oder Empfehlungen und Referenzen folgt, ein Leben voller Überraschungen wird dem Menschen geschenkt, der vertraut. Ein Leben wird geschenkt, in dem am Sonntag hier im Gottesdienst dankbar gespürt werden kann, Gottes Geist und seine Gerechtigkeit haben mich unter der Woche erreicht und manchmal hat sie mich umgetrieben, die Gerechtigkeit und ich habe einem gedemütigten Menschen aufzuhelfen versucht. Gottes Geist inspiriert, dem anderen gerecht zu werden. Gott sieht gute Überraschungen vor, denn der Geist von Jesus Christus geht nicht in Vorschriften oder Buchstabenfrömmigkeit auf. Ein paar Briefseiten später, schreibt der Apostel Paulus an die Korinther diesen Glaubenskraftsatz: "Wenn jemand in Christus ist, so ist er eine neue Schöpfung. Das Alte ist vergangen, siehe Neues ist geworden. (2. Kor. 5, 17).
Amen.