Predigt über Philipper 2,12-13

Friede von dem, der da war und der da ist und der da sein wird. Amen.

"Nicht das Beliebige,
sondern das Rechte tun und wagen,
nicht im Möglichen schweben,
das Wirkliche tapfer ergreifen,
nicht in die Flucht der Gedanken,
allein in der Tat ist Freiheit.
Tritt aus ängstlichem Zögern heraus in den Sturm des Geschehens, nur von Gottes Gebot und deinem Glauben getragen
und die Freiheit wird deinen Geist jauchzend empfangen."

Was wie ein etwas unkonventioneller Ausschreibungstext für eine Pfarrstelle an St. Thomas klingt, sind in Wirklichkeit Gedanken von Dietrich Bonhoeffer aus der zweiten Strophe seines Gedichtes "Stationen auf dem Weg zur Freiheit". Er schrieb diese Gedanken im Gefängnis.
Freiheit ohne Tat ist schlichtweg nicht möglich, erst recht nicht protestantische Freiheit. Allein, es kommt auf das Vorzeichen an, liebe Gemeinde. Steht vor der Tat die Freiheit oder steht vor der Freiheit die Tat. In Bezug auf meine Seelenheil und in Bezug auf das Wohlergehen der Kirche als Gemeinschaft der Gläubigen dürfte spätestens sein 1517 die Sachlage entschieden sein - Das Vorzeichen kann nur Freiheit heißen und nicht Tat.
Aber in Bezug auf meine Gesellschaft, in der ich als mündiger Christ hineingeworfen bin, ist es genau umgekehrt: Vor der Freiheit, muss die Tat stehen. Gott hat nicht an irgendeiner Maschine den Knopf gedrückt und dann ist die Mauer gefallen. Es waren Menschen, die sich ihrer von Gott geschenkten Freiheit besonnen haben und daraus die Kraft zogen, um auf die Straße zu gehen - in Leipzig zu erst und in vielen anderen Städten später. Die Dialektik von Freiheit und Tat ist ein interessantes Thema am Reformationstag.
Jetzt wäre gute Gelegenheit, diese Gedanken noch ein wenig reformatorisch auszudeuten, aber, liebe Gemeinde, wir haben ein Predigttext. Und der, obwohl von Paulus geschrieben, den der große Reformator Martin Luther letztlich nur wiederentdeckte, also dieser Text fährt uns zunächst so in die Parade, dass sich viele Ausleger fragen: Was soll er zum Reformationsfest?

12 Also, meine Lieben, - wie ihr allezeit gehorsam gewesen seid, nicht allein in meiner Gegenwart, sondern jetzt noch viel mehr in meiner Abwesenheit - schaffet, dass ihr selig werdet, mit Furcht und Zittern.
13 Denn Gott ist's, der in euch wirkt beides, das Wollen und das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen.

Furcht und Zittern - Angst und Schrecken?
Hatten wir das nicht gerade aus der evangelisch, christlichen Religion verbannt?
Kein Gläubiger soll Angst haben müssen vor einer kirchlichen Autorität, die im Namen Gottes letztlich nur eigene Machtinteressen versucht durchzusetzen. Und niemand muss sich fürchten vor einem Gott, der seine Menschenkinder in die Hölle schickt zu den Teufeln die wild um die Kessel mit siedendem Öl tanzen. Das ist überwunden - ein für allemal.
Und die Werkgerechtigkeit ebenso?
"Schaffet, dass ihr selig werdet", schreibt der Apostel.
Nun gut, es ist ein auch in evangelischer Gemeindefrömmigkeit weit verbreiteter Gedanke - ich muss schaffen, dass ich selig werde.
Nicht verwunderlich, weil wir Menschen auf Leistungsausgleich bedacht sind. Do ut Des - ich gebe, damit du gibst. Wer lässt sich schon gerne etwas schenken, ohne den Gedanken, ich muss ein Gegengeschenk machen? Kinder! kann man einwenden. Das ist richtig. Deshalb hebt Jesus Christus auch so auf das Kindliche ab, welches zu bewahren, die Eintrittskarte ins Paradies ist.

In meinen ersten Orientierungstagen hier in Leipzig habe ich wahrgenommen, dass u.a. ein Thema die Menschen aufwühlt.
Furcht und Zittern beschleicht manchen hier in Leipzig wegen des umstrittenen Moscheenbaus in der Georg-Schuhmann-Straße.
Angst und Schrecken versuchen rechte Kräfte zu verbreiten, weil sie sich in ihrer intellektuellen Beschränktheit nicht vorstellen können, dass andere Menschen Werte vertreten, die eine Gesellschaft voranbringen, ohne rassistisch sein zu müssen.
Ich habe keine Furcht und zittere nicht, wenn Muslime demokratisch geerdet sind und hier ein Gotteshaus bauen wollen, um am Wochenende das zu tun, was wir hier auch tun: Gott allein die Ehre geben, ihn anzubeten und sich von seinem Willen leiten lassen. Der friedliebende Muslim, der seine Religion ernst nimmt ist ein Mitbürger, von dem wir durchaus lernen können. Denn für ihn ist seine Religion nicht in erster Linie Wellness, sondern Anstrengung und Glaubwürdigkeit. Für Muslime, die ihre Religion auf den im Islam vorhandene Gewaltaspekt reduzieren, habe ich allerdings kein Verständnis. Dass Religion und Glaube öffentlich sind und nicht Privatangelegenheit, verdeutlicht diese Debatte in hohem Maße.
Eigentlich können wir dafür dankbar sein, weil wir als Gemeinde auch herausgefordert sind, das eigene Profil zu schärfen.

Und wenn die Welt voll Teufel wär...

Als kleiner Junge musste ich Montagmorgen im Klassenzimmer stehenbleiben, weil ich am Wochenende Westfernsehen geschaut habe (ich glaube es war "Dick und Doof").
Schön war das nicht, wie am Pranger zu stehen und dabei sich keiner Schuld bewusst zu sein, nur weil man einen genialen Slapstickfilm geschaut hat anstelle "Ein Kessel Buntes".
Aber: es hat nicht so sehr geschmerzt, wie das politische Spiel mit dem Feuer, welches ich gerade in meiner alten Heimat Thüringen erleben muss.
Und wie beim Untergang der Titanic ist nicht der Eisberg, der aus dem Wasser schaut das Problem, sondern es ist die Masse, die gefährlich unter der Oberfläche verborgen ist.
Vielleicht wird es einmal als Treppenwitz der Geschichte bewertet, wenn genau 25 Jahre nach dem Mauerfall jene politischen Kräfte im Schafspelz der Linken wieder regieren, die zuvor als Wölfe auf die Jagd nach Andersdenkenden und Andersglaubenden gegangen sind. Dessen nicht schon genug:
Es prostituiert sich politisch dazu meine bisherige politische Heimat dermaßen, dass es einem schlecht wird. Wer Grüne Werte zu retten versucht, indem er mit der SED-Nachfolgepartei in die Koalitionskiste hüpft, ist nicht mehr zu retten. Wo einst die Mutigen auf der Straße trunken vor Freiheit waren, sind sie jetzt geil nach Macht.

Was hat das mit Reformation zu tun, werden vielleicht einige unter ihnen ungeduldig fragen?
Ich will versuchen, es anhand eines Liedverses von Martin Luther zu erklären

"Und wenn die Welt voll Teufel wär
und wollt uns gar verschlingen,
so fürchten wir uns nicht so sehr,
es soll uns doch gelingen.
Der Fürst dieser Welt,
wie sau'r er sich stellt,
tut er uns doch nicht;
das macht, er ist gericht':
ein Wörtlein kann ihn fällen."

In Bezug auf mein Seelenheil könnte es mir als Christ alles egal sein. Ob Kommunisten, Schwarze, Grüne, Nazis oder Rote regieren ist völlig irrelevant, weil ich als Christenmensch ein freier Herr bin und niemandem untertan.
Jedoch als dienstbarer Knecht meiner Gesellschaft fällt es mir schwer, alles hinzunehmen. Da möchte ich meinem Nächsten untertan sein aus freien Stücken und mit ganzem Herzen, wie es mir das Gewissen befiehlt. Und da reicht es eben nicht, die politischen Verhältnisse in Stadt, Land oder Bund einfach so hinzunehmen. Den Leipzigern brauche ich das ja nicht zu erklären.
Ich bin mir sicher, Luthers Zweifel, die ihn Zeit seines Lebens begleitet haben, rühren genau aus diesem Zwiespalt. Er versuchte sich zwar mit der Zwei-Reiche-Lehre ein stückweit zu retten, aber die Zweifel ließen sich nicht immer so leicht verscheuchen.
Der Fürst dieser Welt ist schon gerichtet, auch wenn er noch Angst und Schrecken verbreiten kann.
Aus meiner Bewunderung für Dietrich Bonhoeffer mache ich keinen Hehl. Er hatte die Kraft, er hatte den Mut, sich genau aus solcher Gewissheit, gegen den Fürsten dieser Welt zu stellen, weil es notwendig war.
Das möge uns Beispiel sein. Christen soll nicht auszeichnen, dass sie Dauernöhler sind und alles kritisieren. Aber es möge sie auszeichnen, dass sie Einspruch erheben, wo lebensfeindliche Kräfte an die Macht kommen oder selbige ausspielen auf Kosten der Schwachen und Stummen.
Ich bin froh, dass wir jetzt in einem politischen System leben, wo ich nicht sofort mit Gefängnis oder Folter rechnen muss, wenn ich meine Stimme kritisch erhebe. Evangelische Christen wissen nicht alles besser. Sie sollten aber immer wissen, wo es notwendig ist, im offenen Diskurs für Opfer einzutreten, wenn diese mit Füßen getreten werden.

Furcht und Zittern ohne Angst und Schrecken

Sie haben es als aufmerksame Hörer längst gemerkt. Der Apostel Paulus schreibt gar nichts von Angst und Schrecken, sondern nur von Furcht und Zittern.
"Wir sollen Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen." Die Auslegung Luthers zum ersten Gebot klingt wie eine Auslegung zum Predigtvers aus dem Phillipperbrief.
Ein junger, damals noch unbedeutender thüringischer Kantor und Komponist hat diese Auslegung zum Siegel seiner Werke gemacht. Soli Deo Gloria - allein Gott die Ehre - Nicht irgendeinem politischen System oder Menschen, die meinen, Macht ausüben zu müssen, indem sie Angst und Schrecken verbreiten. Abgekürzt mit den drei Anfangsbuchstaben SDG stand es unter vielen Werken Johann Sebastian Bachs lange bevor er berühmt wurde. Wer sich verankert weiß in seinem Gegenüber, das ihm uneingeschränkte Liebe und Vertrauen entgegenbringt, kann selbst unter widrigen Umständen das Evangelium verkünden, sei es in Musik, in Tat oder durch das Wort.

Ein feste Burg ist unser Gott - so steht es in großen Buchstaben über meiner Ordinationskirche. In die Festung "Gnädiger Gott" fliehen zu können, ist ein schönes Bild für den christlichen Glauben. Das, was für uns heute im wohlgenährten, sicheren Deutschland vielleicht sogar etwas altbacken klingt, hat für die Glaubenschwestern und Glaubensbrüder in Syrien z. B. eine ganz andere Gewichtung.
Da wird die Festung Gott zur Lebensrettung. "Furcht und Zittern" aufgrund des Bekenntnisses klingen in den Ohren syrischer Christen, denen der Kopf abgeschlagen werden soll, auf einmal ganz anders.
Das Bibelwort wird sehr existentiell.

Mit dem heutigen Tag beginnt das Themenjahr "Reformation, Bild und Bibel". Und kaum ein anderer Künstler als Lucas Cranach steht so eng in Verbindung mit Luther, den er förderte und unterstützte.
Er malte viele Porträts des großen Reformators, brachte dadurch den Zeitgenossen und der Nachwelt die Wandlung Luthers vom Mönch zum evangelischen Pastor nahe. Freilich geschah das zu einer Zeit in Thüringen und Sachsen Anhalt, als man hier in Leipzig noch Rosenkränze verteilte. Jede Zeitepoche hat ihre Vorreiter. Aber die Fensterfront an der Südseite der Thomaskirche führt das Programm Cranachs in kongenialer Weise fort.
Luther als Hauptfigur und Symbol der Reformation beeinflusst Kunst und Politik. (Symbolisiert wird das durch Melanchton und Friedrich dem Weißen, fortgeführt über Bach und Mendelsohn auf der einen Seite. Und andererseits durch den Schwedenkönig Gustav Adolf sowie Kaiser Wilhelm.
Möge uns dieses Programm Maßstab und Verpflichtung sein als Gemeinde St. Thomas.
Gerade weil wir keinem politischen Herren untertan sind, können wir Politik und Kunst inspirieren und beeinflussen. Nicht um unser Selbstwillen, sondern um des Evangeliums willen, das da sagt am heutigen Tag: Selig sind, die da dürstet und hungert nach Gerechtigkeit.

Zum Schluss:
Großväter haben manchmal die Eigenschaft in ihrer unbestechlichen Lebensweisheit, Enkeln Dinge mit auf den Weg zu geben, die jene in diesem Moment gar nicht überblicken.
Vor gut 30 Jahren bekam ich von meinem Großvater eine Gesangbuch geschenkt mit einer Widmung. Er schrieb mir den 7. Vers aus einem Lied auf die erste Seite. Ich hätte als 12 jähriger nie gedacht, dass dieser Vers einmal zum Leitfaden für den eigenen Berufs- und Lebensweg werden könnte.


"Sing bet und geh auf Gottes Wegen, verricht das Deine nur getreu. Und trau des Himmels reichem Segen, so wird er bei dir werden neu. Denn welcher seine Zuversicht, auf Gott setzt, den verlässt er nicht."
Das ist gewisslich wahr - Amen.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unser Verstehen, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.