Predigt über 2. Mode 34,4-10

Predigt über 2. Mose 34,4-10, 19. Sonntag nach Trinitatis, 26. Oktober 2014

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,
die Geschichte vom Tanz ums Goldene Kalb ist über die Bibel hinaus sprichwörtlich geworden. Menschen beten an, was sie selbst geschaffen haben, zusammengeschmolzen und aufs Postament gehoben, ein gold-glänzendes Götzenbild, das ewigen Bestand vorgaukelt, aber doch nichts anderes ist, als der Mensch selbst: vergänglich - aber anders als er noch nicht einmal am Leben und innen hohl. So steht das Goldene Kalb letztlich für nichts anderes als dafür, sich um das eigene Selbst zu drehen, sich selbst dort oben auf dem Sockel zu sehen mit all dem, was man nicht nur für groß und wichtig hält, sondern für unumstößlich. Ein Gott, den man anfassen kann, beschreiben, der die Grenzen der eigenen Vernunft nicht übersteigt und der im Falle eines Falles auch auswechselbar ist, wieder einzuschmelzen und aus dem man über Nacht etwas Neues formen kann.
Man braucht dabei nicht nur auf die überdimensionalen Statuen und Bilder der nordkoreanischer Diktatorenfamilie zu gucken oder auf all die anderen Despoten, die nur solange Macht haben, solange die Mehrheit des Volkes willig ist, sich in der Hoffnung auf den persönlichen Vorteil selbst von ihnen abhängig zu machen. Nicht nur darauf können wir schauen, sondern auch auf all die anderen Dinge, denen sich Menschen verschreiben, der Idee, dem Gedanken des ewig währenden Wachstums. Entscheidendes hat sich seit der Finanzkrise ja nicht verändert, da gibt es wieder einige Blasen, die zu platzen drohen, da gibt es weiterhin das „Weiterso" bis zum nächsten Kollaps, die Selbstüberschätzung, den Machbarkeitswahn, das vergöttlichte goldlackierte Ideal, von dem man nicht lassen kann selbst dann, wenn man längst erkannt: auf dem Weg kann man nur scheitern. Es gehört ja zu den menschlichen Untugenden, wenn man das mal so nennen darf, die Intensität des Tanzes um das goldene Kalb gegen besseres Wissen sogar noch zu steigern, auch dann noch, wenn jeder weiß: Das kann nur in den Abgrund führen. Da verfügen mir über eine erstaunliche Fähigkeit zum Fatalismus.

Als wir am vergangenen Wochenende auf der Konfirmandenrüstzeit den Film „Sophie Scholl - Die letzten Tage" angeschaut haben, da haben die Konfirmanden über die Szene im Gerichtssaal gesagt, in der die Geschwister Scholl ihre Stellungnahmen abgaben: Jeder im Saal wusste doch genau: Die haben recht, was für ein Wahnsinn mit diesem Krieg und mit diesem Führerprinzip, jetzt gilt es doch einzuhalten, das goldene Kalb Hitler und Nationalsozialismus vom Sockel zu stoßen und diese Menschheitskatastrophe zu beenden. Stattdessen richten sich Terror und Gewalt dann oft nach innen. Ich habe gestern mit zwei Iranerinnen gesprochen, die im Exil leben und aktiv sind für Menschenrechtsfragen, die sehr eindrücklich davon erzählt haben, wie instabil das politische System in Teheran im Moment ist, und wie sich das insbesondere gegen Frauen richtet, vor allem aus dem akademischen Milieu, dass sich dort ein besonderer Hass ausbreitet und Frauen auf offener Straße Säure ins Gesicht gekippt wird. Vielleicht haben Sie gehört von der Hinrichtung einer 26jährigen Iranerin gestern, die in Notwehr einen von Staats wegen beauftragten Peiniger verletzt hatte. Wo das goldene Kalb droht aus dem Mittelpunkt zu geraten, richtet sich der Hass gegen die, die es als das entlarven, was es ist. Gegen die, die nicht bereit sind, für vermeintliches Wohlbefinden den Mund zu halten und sich der Mühe nicht entziehen, die der Weg in die Freiheit aus der Abhängigkeit bedeutet.

All das steht im Hintergrund der biblischen Geschichte vom goldenen Kalb, die ja nichts anderes ist als eine zeitlose Geschichte von Gott und Mensch. Das Volk Israel wird aus der ägyptischen Knechtschaft befreit, Mose leitet es auf dem mühsamen Weg durch die Wüste. Man kommt zum Berg Sinai, dort soll es endgültig zum Bundesschluss kommen zwischen Gott und den Menschen: Mose geht allein auf den Berg und empfängt mit den 10 Geboten die neuen Spielregeln der Freiheit. Aber als er herunter kommt, war es dem Volk schon über, auf ihn zu warten, sie hatten sich ein goldenes Kalb gegossen, das sie tanzend verehrten. Mose zerschlägt die die Gebotstafeln vor Wut darüber, er zermalmt das Goldene Kalb, vermischt es mit Wasser und gibt es dem Volk zu schlucken, bis ihm schlecht wird, bis es ihm über wird, diese Gier nach Gold und Oberflächlichkeit und totem, hohlen Götzen. Als sich alles halbwegs beruhigt hat, bricht Mose erneut auf den Berg, mit neuen frisch gehauenen Tafeln im Gepäck. Noch einmal das Ganze, Mose bittet Gott: Fang noch einmal an mit diesem schier unbelehrbaren Volk. Das ist der Hintergrund des heutigen Predigttexts aus dem 2. Mose-Buch:

Und Mose hieb zwei steinerne Tafeln zu, wie die ersten waren, und stand am Morgen früh auf und stieg auf den Berg Sinai, wie ihm der HERR geboten hatte, und nahm die zwei steinernen Tafeln in seine Hand. 5 Da kam der HERR hernieder in einer Wolke, und Mose trat daselbst zu ihm und rief den Namen des HERRN an. 6 Und der HERR ging vor seinem Angesicht vorüber, und er rief aus: HERR, HERR, Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue, 7 der da Tausenden Gnade bewahrt und vergibt Missetat, Übertretung und Sünde, aber ungestraft lässt er niemand, sondern sucht die Missetat der Väter heim an Kindern und Kindeskindern bis ins dritte und vierte Glied! 8 Und Mose neigte sich eilends zur Erde und betete an 9 und sprach: Hab ich, HERR, Gnade vor deinen Augen gefunden, so gehe der Herr in unserer Mitte, denn es ist ein halsstarriges Volk; und vergib uns unsere Missetat und Sünde und lass uns dein Erbbesitz sein. 10 Und der HERR sprach: Siehe, ich will einen Bund schließen: Vor deinem ganzen Volk will ich Wunder tun, wie sie nicht geschehen sind in allen Landen und unter allen Völkern, und das ganze Volk, in dessen Mitte du bist, soll des HERRN Werk sehen; denn wunderbar wird sein, was ich an dir tun werde.

Zunächst einmal ist es erstaunlich, dass Mose es auf sich nimmt, für dieses halsstarrige Volk zu bitten. Schließlich hatte er selbst schon genug davon, mit diesen unwilligen und ewig nörgelnden Gefährten auf dem Weg zu sein. Die Bibel erzählt ja auch von Figuren, die sich zurückziehen, die deprimiert in der Wüste sterben wollen wie der Prophet Elia, im Gefühl, gescheitert zu sein, dass alles umsonst war und dass es ja doch nichts bringt, gegen das menschliche Phlegma gegen an zu gehen. So gibt es ja auch heute genug Menschen, die sich angesichts der vermeintlich nur schlechten Nachrichten in den Zeitungen und im Fernsehen zurückziehen, die keine Nachrichten mehr sehen, keine Zeitung mehr lesen - und auch nicht mehr zu Wahl gehen, geschweige denn, sich noch öffentlich mit ihrer Stimme einzubringen. Anders macht es Mose: Er hält auch im Angesicht der bittersten Enttäuschung an dem fest, was er als wahr erkannt hat. Uns so macht er sich dran, die Gebotstafeln noch einmal zu schreiben. Die Grundlagen für ein Leben in Freiheit noch einmal einzumeißeln in Stein. Und das dem Volk noch einmal vorzuhalten: das gilt. Egal, was Enttäuschung und Misserfolge betrifft. Das hier Geschriebene gilt - unabhängig davon, ob andere diese Grundsätze verletzen.

Wer sich für die Freiheit öffentlicher Religionsausübung einsetzt, weiß, dass das Eintreten für muslimische Mitbürger gerne damit konterkariert wird, dass in muslimischen Ländern Christen schließlich verfolgt würden. Ja, das stimmt - aber sollen wir das deshalb auch tun: andere herabsetzen und dieses schändliche Verhalten kopieren? Es geht doch um Menschen, die hier leben und mit dem, was dort passiert, in keinem direkten Zusammenhang gesehen werden dürfen! Ist nicht genau das unsere Aufgabe als Christen in dieser Gesellschaft? Dass wir wie Mose bereit sind, all das neu durchzubuchstabieren, was von dem auf den Gebotstafeln verlorenzugehen droht bzw. wenn sie aus welchem Grund auch immer zerschlagen werden? Es gilt, auf die Grundlagen menschlichen Zusammenlebens immer wieder hinzuweisen, darauf zu pochen, dass sie von Gott her ein für alle male in Stein gemeißelt sind trotz aller auch eigenen Enttäuschung und Resignation. Es gilt, den steilen und anstrengenden Aufstieg bergauf immer wieder zu wagen, den das bedeutet. So wie Mose, der ja trotz allem überzeugt davon zu sein scheint, dass trotz allem noch ein Neuanfang möglich ist.

Es ist ja schon bemerkenswert, was hier gesagt wird: Tausenden - gemeint sind Tausende von Generationen - bewahrt Gott Gnade und vergibt Missetat, Übertretung, Sünde. Aber genauso wird hier andererseits auch gesagt, dass menschliches Vergehen nicht ungestraft bleibt und Gott „die Missetat der Väter heimsucht an Kindern und Kindeskindern bis ins dritte und vierte Glied". Beides gehört zusammen, man darf diesen Satz, bei dem sich alles sträubt und man den scheinbar rachsüchtigen Gott des Alten Testaments zu vernehmen mag, nicht isolieren. Er steht nicht alleine da, sondern in einem Zusammenhang, der deutlich macht, dass wir mit unseren Entscheidungen ernst genommen werden, dass ihnen Gewicht zugemessen wird. Und dass menschliche Schuld in diesem Zusammenhang auch nachwirkt, ist nicht abzustreiten. Natürlich hat auch noch die dritte und vierte Generation im Allgemeinen noch zu leiden unter dem, was die Vorväter und - mütter angerichtet haben. Die folgenden Generationen stehen nicht in der Schuld, aber sehr wohl in der Verantwortung der Folgen - auch dafür muss man nicht erst nach Tschernobyl oder Hiroshima schauen, es reicht die deutsche Nachkriegsgeschichte. Man kann nicht beides wollen: Die Verantwortung des mündigen Bürgers fordern und im selben Atemzug Schlussstrichdebatten anzetteln und zwei Augen vor der eigenen Geschichte zudrücken. Bei einem Besuch im KZ Buchenwald in dieser Woche erzählte der dort in der Nähe aufgewachsene ehrenamtliche Mitarbeiter der Gedenkstätte, dass bis heute dort in der Umgebung kaum jemand etwas wissen will davon, dass damals keiner etwas wissen wollte - obwohl es damals für die gut und weniger gut situierte Weimarer Bevölkerung gang und gäbe war, oben auf dem Ettersberg spazieren zu gehen und sich den Tierpark in unmittelbarer Nähe des Lagerzauns anzuschauen und wie am Rande von Arbeitseinsätzen in der Landwirtschaft immer wieder halbverhungerte Gestalten zu beobachten waren, die aus den Futtertrögen der Tiere die rohen Rüben aßen. Alles war damals bekannt, wer es nur sehen wollte, konnte es auch sehen, alles andere ist Augenwischerei und verhöhnt die Leidtragenden. Alles nicht gewusst - eine beschämende Ausrede und im Grunde nichts anderes als ein Zerschlagen der beiden Tafeln vom Sinai.

Mose dagegen ist angetrieben von der Hoffnung, die diese beiden Tafeln neu schreiben, neu buchstabieren lässt: dass der Bund Gottes mit den wankelmütigen, halsstarrigen Menschen wundersame Weise ernst gemeint ist. Und dass deshalb das Wunder des immer wieder neuen Anfangs möglich ist, die zweite Chance für jede und jeden. Wenngleich man vorsichtig sein sollte, geschichtliche Ereignisse zu Wundern zu erklären, können uns die biblischen Texte uns dabei helfen, unsere Wirklichkeit neu zu erschließen, uns dabei helfen, sie zu deuten versuchen und unsere Beteiligung am Geschehen nicht nur in den Blick zu bekommen, sondern auch kritisch zu hinterfragen. So können wir hinter den geschichtlichen Ereignissen mehr erkennen als nur schicksalhafte Vorgänge, denen wir hilflos ausgeliefert sind. Nicht zuletzt deshalb bittet Mose darum, dass der Herr in unserer Mitte gehen möge - was sich für uns Christen im Menschen Jesus von Nazaret ja in einmaliger Weise erfüllt hat, in dem einmaligen Wunder göttlicher Liebe und Zuneigung zum menschlichen Geschlecht, wie es sich in seiner Art nicht nur am Fuße des Sinais ungeschönt bis zum heutigen Tage zeigt. Dennoch gilt dieser Bundesschluss Gottes unverbrüchlich, auch wenn die Tafeln immer wieder zerbrochen werden: dass all das, was uns immer wieder den Tod bringt, in seiner Endgültigkeit als überwunden anzusehen ist. Dass wir nicht mehr tanzende Sklaven dessen sein müssen, was vergeht wie Staub und zerbricht wie ein vom Sockel stürzendes hohles, äußerlich glänzendes selbstgegossenes Kalb. Dazu aber gilt es, die rohen Tafeln immer wieder zu behauen, und sich nicht der Mühe zu entziehen, sie auf den Berg zu schleppen wie Mose, sich nicht zu verschleißen im Lamentieren über die schlechte Welt und all das, was man alles nicht ändern könne. Darüber die Zeichen zu übersehen der möglichen Neuanfänge, der gnädigen Fügungen, der neu geschenkten Chancen im Miteinander von Menschen, wäre mehr als fahrlässig und letztlich nichts anderes als ein Tanz um die in Form gegossenen abgelegten und verbrauchten ehemaligen Schmuckstückchen, die sich im Leben angesammelt haben, die aber nichts Neues mehr bewirken können. Die Hoffnung auch auf das noch nicht Gesehene und Geschehene zu bewahren, das Mose hier verheißen wird und zu erkennen, dass man mitten in der Wüste auch noch nicht am Ende des Weges ist, das bewahrt den Blick und die Sehnsucht auf das gelobte Land, das noch zu erreichen ist - trotz allem.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Britta Taddiken, Pfarrerin an der Thomaskirche, taddiken@thomaskirche.org