Epheser 4,1-6

Predigt am 17. Sonntag nach Trinitatis, 12. Oktober 2014, Epheser 4,1-6

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,
was wir am 9. Oktober hier in der Stadt erleben konnten, war etwas Besonderes. Die Atmosphäre abends auf dem Ring mit den vielen Menschen und den eindrucksvollen Lichtinstallationen an verschiedenen Stationen, der Festakt im Gewandhaus, und vor allem die einen froh und dankbar machende Möglichkeit, dass auch sehr unterschiedliche Meinungen und Ansätze in einem kirchlichen Raum in einer Veranstaltung Platz finden: im Friedensgebet in der Nikolaikirche. Was für mich in besonderer Weise nachwirkt und Weiterdenken anregt, waren diejenigen, die sich stark machen und nicht entmutigen lassen, im Sinne des Rufes „Keine Gewalt" etwas von der friedlichen Revolution in die Gegenwart zu befördern. So hatten wir auch hier in der Thomaskirche verschiedene Gäste, die sich für die friedliche Vermittlung in internationalen Konflikten erfolgreich einsetzen: am Montag eine Mitarbeiterin der Berghof-Foundation, einer Stiftung, die in über 70 Krisengebieten weltweit tätig ist und sich um Lösungswege mit den Menschen vor Ort kümmert und bemüht.

Und es war in der Freitagsmotette zu Gast Pfr. Ralf Haska aus Kiew, manche kennen ihn vielleicht aus dem Fernsehen, wie er sich im Februar mit dem in der ukrainischen Kirche üblichen Amtskreuz des evangelischen Pfarrers zwischen Regierungstruppen und Demonstranten auf den Maidan gestellt hat, wie er dabei auch einmal selbst verletzt wurde. Er und die Gemeinde hatten die in unmittelbarer Nähe des Maidan gelegene Kirche geöffnet für alle, für Soldaten wie für Demonstranten und es gab so einen Raum zum Aufwärmen, zum gemeinsamen Essen und Trinken und zum Austausch, zur Gelegenheit, überhaupt miteinander ins Gespräch zu kommen und überhaupt mal zuzuhören, worum es dem anderen geht. Jetzt ist die Gemeinde Gastgeberin von zahlreichen runden Tischen, die dort tagen und Pfarrer Haska hat erzählt wie schwer es dort vielen fällt, zu lernen, einander zuzuhören, den anderen in seinen Anliegen zu verstehen und wie schwer es ist, wenn eine Seite das nicht kann, nicht will, und ständig wiederholt, was durch ständige Wiederholungen nicht richtiger wird. Aber unterem anderem das, was in Leipzig möglich war, motiviert dort vor Ort, sich auf diesen langen und anstrengenden Weg zu machen. Pfr. Haska hat es so auf den Punkt gebracht: Seit 9. Oktober 1989 in Leipzig sei es ihm nicht mehr möglich, nicht an friedliche Möglichkeiten zu glauben bzw. an das Wunder, dass noch viel mehr möglich ist als wir denken.

Natürlich: Wir leben nicht im Paradies, das Böse ist in Welt. Wer Verantwortung hat für andere, kann es nicht gewähren lassen. Aber Gewalt hat als Lösung für einen Konflikt kein Potential, sie löst nichts, sie kann verschärfend wirken, den Konflikt chronifizierend: Vietnam und mittlerweile ja mehrfach Afghanistan haben das bitter gezeigt: Militärische Gewalt löst keine Konflikte, dazu bedarf es anderer Mittel und vor allem anderer Bemühungen, die manchmal allerdings auch durchaus schmerzhaft sein können.

Warum ist die Arbeit dieser Stiftung wie anderer Organisatoren, die sich darum bemühen, im allgemeinen so unbekannt? Hat es zu tun damit, dass wir immer unfähiger werden, Konflikte auszutragen, auch unter Schmerzen? Der aus Korea stammende Berliner Philosoph Byung-Chul Han hat im Gespräch mit der letzten Ausgabe des Zeit-Wissen-Magazins einen interessanten Vergleich gezogen, der vielleicht zunächst etwas absurd klingt: verglichen hat die Körperenthaarungsmethode Brazilian Waxing und das iPhone. Sie haben etwas gemeinsam: die Vorliebe für glatte Oberflächen. Und: Beides ist sehr gefragt. Han konstatiert: Das Glatte charakterisiert unsere Gegenwart: Das Streben danach lässt eine Kultur der Gefälligkeit entstehen. Auch vieles in der modernen Kunst ist so: glatt, ohne Brüche, Risse und Bruchstellen. Das aber kann sich auch auf die Politik beziehen: Han nimmt war, eine zunehmende Politik der Gefälligkeit, sieht einen Zusammenhang zwischen der Vorliebe für glatte Haut, glatte Kunst und glatter Politik. Wir scheuen uns davor, einander zu verletzen, geben dafür eher die Visionen auf, die man hat. So sieht er Politiker als gefällige Handlanger eines Systems, das sie dort, wo es ausfällt, im schönen Schein der Alternativlosigkeit reparieren, statt eine Alternative anzubieten. Das aber muss eine Politik tun, die sich von einer Diktatur unterscheidet. So weit Han.

Wenn seine Analyse stimmt, ich zumindest sehe da einiges auf den Punkt gebracht, dann stellt sich die Frage: Fällt uns mit dieser Anaylse etwas auf die Füße, was wir eigentlich als Christen wie Nichtchristen für gut halten im Umgang miteinander, im Verzicht auf verletzenden Umgang miteinander? Denn darauf scheint es im heutigen Predigttext alles hinzulaufen. Er steht im Epheserbrief im 4. Kapitel:

So ermahne ich euch nun, ich, der Gefangene in dem Herrn, dass ihr der Berufung würdig lebt, mit der ihr berufen seid, 2 in aller Demut und Sanftmut, in Geduld. Ertragt einer den andern in Liebe 3 und seid darauf bedacht, zu wahren die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens: 4 "ein" Leib und "ein" Geist, wie ihr auch berufen seid zu "einer" Hoffnung eurer Berufung; 5 "ein" Herr, "ein" Glaube, "eine" Taufe; 6 "ein" Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alle und in allen.

Solcherlei Ermahnungen finden sich im Neuen Testament ja oft am Ende von Briefen um deren Thema zu verstärken und zu bündeln. Und so ist es auch hier im Epheserbrief, der ein großes Loblied anstimmt darauf, von Gott dazu erwählt und befreit zu sein, Zeuginnen und Zeugen seiner Liebe sein zu können. Der Glaube ist Geschenk und er motiviert uns zum Guten und gibt Kraft, sie dafür einzusetzen. Es ist ein Appell zur Verantwortung, zuversichtlich und im Vertrauen auf die geschenkten Kräfte tätig zu werden. Dazu gehört auch, die Ängste zu überwinden, die in uns sitzen. Um darauf kurz noch einmal zurückzukommen: „Hoffnung fährt unter die Angst" - das war die Überschrift des Friedensgebets am Donnerstag, die auf den Punkt gebracht hat, was am 9. Oktober vor 25 Jahren an Entscheidendem passiert ist. Da war schon Geist dabei, Heiliger Geist - ausgerechnet den jedenfalls Leipzig abzusprechen, so wie es in dieser Woche von Helmut Kohl zu lesen war, ist gelinde gesagt eine außerordentlich merkwürdige Interpretation dieses historischen Ereignisses.

Findet sich nun hier im Epheserbrief der Aufruf, zwar aus dem Glauben heraus aktiv tätig zu werden, aber doch Auseinandersetzungen um des lieben Friedens willen in einer Gemeinde zu vermeiden? Dass das irgendwie nicht sein darf, auch dauerhaft über Verschiedenes nicht einer Meinung zu sein? Geht es darum, um jeden Preis einzulenken, also im Grunde das Ideal zu verfolgen: glatt wie ein IPhone, frei von Spannungen und Spaltungen sein bis hin zur Oberfläche? Das sicher nicht. Aber es geht durchaus um Kompromissbereitschaft insofern, als dass niemand seine Meinung oder Haltung absolut setzen kann, auch wenn er sie für richtig hält. Darauf bezieht sich der Hinweis auf einen Herrn, eine Taufe, einen Glauben, einen Gott und Vater aller. Darüber kann und darf sich niemand erheben. Darauf läuft's hier hinaus: dass niemand sich anmaßen kann, auf der richtigen Seite zu sein und den anderen herabzuwürdigen. Das geschah in ersten Gemeinden, auch in Ephesus, und es geschieht heute in Gemeinden auch in Leipzig, in Sachsen überhaupt, natürlich, die Ermahnung dazu ist immer wieder nötig, womit Text der Text einsetzt und damit etwas wichtiges anmahnt, ohne dass es hier unmittelbar angesprochen wird: Kompromissbereitschaft. Einen guten Kompromiss macht aus, dass er beiden Seiten nützt, aber auch weh tut. Das gilt es zu ertragen, da gilt es in Demut und Sanftmut friedlich zu bleiben. Nicht ständig sticheln, die Atmosphäre anheizen, sondern umgehen nicht nur mit den unterschiedlichen Meinungen, sondern auch mit den erlittenen Verletzungen.

Die biblische Geschichte, die wir im Evangelium gehört haben, erzählt davon. Man meint ja erst einmal, nicht richtig verstanden zu haben, aber tatsächlich: Jesus schickt die Frau, die da zu ihm kommt und um Hilfe bittet, mit einem ziemlich barschen Satz weg: „Keiner nimmt seinen Kindern das Brot weg und gibt es den Hunden!" Hunde! Vorurteil und Abgrenzung spricht aus dem Verhalten Jesu. Von Einheit und Frieden keine Spur. Diejenige, die es schafft, das Blatt zu wenden, ist die Frau. Sie nimmt Jesus beim Wort, bei seinem schlimmsten Wort sogar: Hunde. „Kann sein, dass ihr uns Hunde nennt. Aber selbst dann ist es doch so, dass die Hunde wenigstens die Reste bekommen, die bei Tisch übrig bleiben!"

Ist es die Schlagfertigkeit? Ist es die Beharrlichkeit, mit der die Frau für ihre Tochter bittet? Wie auch immer, Jesus lässt sich von ihr überzeugen. Er geht über die Brücke, die ihm die Frau anbietet und steigt damit über die Mauer, die sein Volk, die Juden, von allen übrigen Völkern, den Heiden, trennt. Die Christen der Gemeinde in Ephesus werden sich diese Geschichte vielleicht gern ins Gedächtnis gerufen haben. Erzählt sie doch davon, dass es schließlich auch in den Augen Jesu etwas gab, was Juden und Heiden verbindet, mehr verbindet, als alles, was sie trennt.

So wird auch die Gemeinde von Ephesus und mit ihr auch wir ermutigt, daran zu arbeiten, in diesem Sinne eins zu sein. Der Evangelist Matthäus zeigt uns in seiner Geschichte von Jesus und der Frau, wie das gehen kann: Mit Schlagfertigkeit, Phantasie und Beharrlichkeit. Mit der Bitte um Hilfe über alle Mauern hinweg. Und auch mit dem Mut, das auszusprechen, was noch trennt. Es deutlich auszusprechen, wie Jesus es tut, es sogar so auszusprechen dass darin die Verletzungen anklingen. Es liegt eine Verheißung darauf: Dort, wo ehrlich und offen gesprochen wird, hat jemand ein Herz, das größer ist als alles, was trennt. Und fasst sich jemand ein Herz und spricht das richtige Wort zur richtigen Zeit, kann alle Feindschaft überwunden werden. Da kann man Pfarrer Haska nur beipflichten, der als damals Beteiligter in Bezug auf die friedliche Revolution hier am Freitag von einem Wunder gesprochen hat und dass er sich seitdem nicht mehr erlaubt, mit weniger zu rechnen als mit allem. Das gilt es im Nachdenken über Konfliktbewältigung immer wieder anzusteuern und anzustreben im Sinne auch dessen, was der Epheserbrief uns wissen lässt: Es zu tun mit der Milde wie auch mit der Schärfe des Schwertes der Gedanken. So ist ja Paulus auf dem Paulineraltar zu sehen, mit dem Schwert des Denkens, da gilt es die Klingen zu kreuzen. Genau, wie sich der Erkenntnis für die eigene Fehlsichtigkeit nicht zu entziehen, auch das hält uns der Altar ja vor Augen mit dem Sturz vom hohem Ross vor Damaskus, der ihn vom Saulus zum Paulus machte. Beides zusammen sind die Mittel der Auseinandersetzung und Konfliktlösung, die zur Benutzung für Christen vornan stehen.

Und dazu ermahnt der Epheserbrief an dieser Stelle, wenn wir unserer Berufung würdig leben sollen: Aufeinander acht zu haben im Streiten und Diskutieren, Sache und Person zu unterscheiden, uns in Liebe zu ertragen und sich nicht selbst über das zu stellen, was immer Grundlage unserer Gemeinschaft ist und bleiben muss: Ein Leib und Geist, eine Hoffnung, ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller, das da ist über allen und durch alle und in allen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Britta Taddiken, Pfarrerin an der Thomaskirche, taddiken@thomaskirche.org