Predigt über 1. Thessalonicher 5,14-24

Predigt über 1. Thessalonicher 5,14-24, 14. Sonntag nach Trinitatis, 21. September 2014

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,
Was gehört zu dem, was eine christliche Minderheit einer weitgehend religionslosen Gesellschaft geben kann? Letzte Woche hat der Leipziger Stadtrat nach längerer Diskussion einen Zuschuss in Höhe von 1 Million Euro zum Katholikentag 2016 bewilligt. Abgesehen davon, dass ein Vielfaches davon in die Stadt zurückfließen wird, hat man sich offenbar noch rechtzeitig darauf besonnen, dass Leipzig gut daran tut, sich bundesweit als offene, tolerante und diskursfähige Stadt zu zeigen. Und nicht zuletzt, hat es jemand, der sich selbst als Atheist bezeichnet wie der Fraktionsvorsitzende der SPD, deutlich auf den Punkt gebracht, was es denn ist, was eine christliche Minderheit zur Zeit eben doch bewegen und der Stadt geben kann: Nämlich, dass es derzeit keiner anderen großen gesellschaftlichen Gruppe als den Kirchen gelingt, wichtige gesellschaftliche Themen kompakt und in großer Öffentlichkeit zu diskutieren vermag. Man möge also bitte mitdiskutieren, streiten und sich einmischen - und sich natürlich auch kritisch mit den Kirchen auseinandersetzen. Sehr willkommen, kann ich da nur sagen. Es ist dann doch erstaunlich, welche gesellschaftliche Kraft den Christen doch zugestanden wird. Von manchen wird sie gefürchtet, die ihr prompt das Recht darauf auch absprechen, weil sie eine Minderheit repräsentieren. Aber vielleicht ist das letztlich eine genauso große Anerkennung wie die Aussage des Fraktionsvorsitzenden. Mögen wir nicht nur 2016 dieser Erwartung hoffentlich gerecht werden, getreu dem Motto aus Lukasevangelium: Wem viel anvertraut ist, von dem wird man viel erwarten. Es gibt ihn eben, den prophetischen Auftrag, mit unseren Themen nicht an den Gemeindegrenzen hängen zu bleiben, sondern sich an öffentlichen Debatten beteiligen, eine hörbare Stimme darin zu sein, und auch dieses Stück Verantwortung für unsere Demokratie mit zu übernehmen. Der Satz aus Artikel 140 GG „Es besteht keine Staatskirche" heißt ja im übrigen auch nicht, dass Kirche und Staat in dem Sinne getrennt sind, dass sie nicht mehr aufeinander bezogen seien. Das sind sie trotz institutioneller Trennung und sollten es auch bleiben, im kritischen Austausch und in gemeinsamer Verantwortung für das Ganze.

Nun ist es aber nicht das einzige, was Christen ins öffentliche Leben einzutragen haben bzw. einer religionslosen Gesellschaft geben können. Es ist noch etwas anderes: Aus dem Bewusstsein zu leben, dass wir uns das Leben nicht selbst verdanken und die daraus resultierende Fähigkeit zur Dankbarkeit. Jedes Nachdenken in dieser Hinsicht führt zu der Erkenntnis: Die wichtigsten Dinge im Leben habe ich nicht aus mir selbst heraus. Diese Erkenntnis ändert die Haltung zum Leben. Oder: Danken ändert das Denken. In den Texten des heutigen Sonntags, wird das thematisiert, eben im Evangelium in kritisch anmerkender Weise in Bezug auf den einen einzigen, der sich für seine Heilung bedankt hat, so auch im Predigttext aus dem 1. Thessalonicherbrief. Auch da schimmert zunächst etwas Kritisches hindurch, 14 Mahnungen und Ratschläge in 11 Sätzen sind jedenfalls auch erst einmal zu verdauen. Paulus schreibt sie der Gemeinde von Thessalonich, um deutlich zu machen, wie das Miteinander in der Gemeinde aussehen soll, damit es gelingt:

Wir ermahnen euch aber, liebe Brüder: Weist die Unordentlichen zurecht, tröstet die Kleinmütigen, tragt die Schwachen, seid geduldig gegen jedermann. Seht zu, dass keiner dem andern Böses mit Bösem vergelte, sondern jagt allezeit dem Guten nach untereinander und gegen jedermann. Seid allezeit fröhlich, betet ohne Unterlass, seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus an euch. Den Geist dämpft nicht. Prophetische Rede verachtet nicht. Prüft aber alles und das Gute behaltet. Meidet das Böse in jeder Gestalt. Er aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch und bewahre euren Geist samt Seele und Leib unversehrt, untadelig für die Ankunft unseres Herrn Jesus Christus. Treu ist er, der euch ruft; er wird's auch tun.

Damit einem die Mahnungen nicht über werden, ist es sinnvoll, den Text von hinten anzuschauen und auch zu verstehen. Vom Wunsch des Paulus, dass Gott uns durch und durch heilige - dass also er, der Gott des Friedens, alles in uns legen möge, was uns zu einem einigermaßen friedlichen Miteinander mit anderen befähigt. Gott will also nicht immerzu etwas von uns, wie die Vielzahl der Imperative zunächst schließen lassen könnte, sondern er will uns einfach ganz - mit Geist, Seele und Leib. Es geht nicht darum, ständig gut drauf zu sein, immer auf's Gebet konzentriert, das wäre ja unmenschlich, wenn man nicht traurig sein dürfte oder die Schwermut oder der Zweifel einem das Gebet nicht über die Lippen kommen lässt. Es geht nicht um einen Auftrag zu sog. positivem Denken, eine Vergewaltigung des menschlichen Geistes, wie ich finde, sondern um Einübung in eine Lebenshaltung, die sich auch anderen vermittelt und die eines sucht: den Frieden der Verschiedenen, die Versöhnung der Vielfalt zu fruchtbarem Miteinander. Entscheidend dabei ist die Grundhaltung der Dankbarkeit. „Seid dankbar in allen Dingen." Wer weiß, dass er sein Leben einem anderen verdankt als sich selbst, wird nichts für selbstverständlich erachten. Und er kann auch anderen gegenüber, die dasselbe Geschenk erhalten haben, im Grunde genommen nicht mehr gleichgültig sein. So liest sich der Text wie ein Manifest gegen die Gleichgültigkeit, die nichts mehr sagt, die nichts mehr will, die alles duldet und schweigt, so lange niemand meine Kreise stört. Die Gleichgültigkeit ist das Gegenteil von Dankbarkeit, nicht der Undank. Wo man kein Interesse mehr aufbringt, für andere Arten zu denken und sein Leben zu entwerfen. Wo man auf sich selbst bezogen bleibt, und den eigenen Lebensentwurf für allein seligmachend hält - und damit auch keinen Anlass sieht, zu gestalten, zumindest politisch nicht. Das ist ja eine der jetzt diskutierten Hintergründe für die schlicht erschreckende Wahlbeteiligung bei den Landtagswahlen in Sachsen, Thüringen, und Brandenburg. Wobei wir uns aber auch an die eigene Nase zu fassen haben, bzgl. der Kirchenvorstands-Wahl vom letzten Sonntag, wo wir es als Kirchenvorstand offenbar nicht geschafft haben allen zu vermitteln, wie wichtig diese Wahl ist, und dass Verantwortung zu übernehmen auch zahlenmäßige Rückenstärkung braucht. Die Frage, wie weit es mit Gleichgültigkeit in unseren eigenen Reihen her ist, ist absolut berechtigt. Und deshalb ist es auch berechtigt, dass Texte wie diese mit einer Mahnung beginnen, mit dem Aufruf zur Zurechtweisung, zum Wachrütteln und zum Aufrufen für das minimalste Engagement, dass man von allen erwarten darf: sich der Mitverantwortung nicht mit der Berufung auf Freiwilligkeit zu entziehen.

Denn nicht Befehl oder Gebot ist es, was uns als Christen dazu bringt, die Schwachen zu tragen, die Kleinmütigen zu trösten, geduldig zu sein gegenüber jedermann, sondern es ist die Dankbarkeit. Zu handeln aus dem Bewusstsein: Auch auf mich selbst ist geschaut worden und wird geschaut, auch ich selbst werde aufgerichtet und mit meiner ganzen Art von den anderen getragen und erduldet. So ist es einfach und so darf es auch sein. Was mich diesbezüglich sehr nachdenklich gemacht hat, war die Diskussion um aktive Sterbehilfe in den Gruppen der Hauptkonfirmanden: Ein Argument dafür fand großes Gehör. Man will doch oder sollte doch anderen nicht zur Last fallen wollen. Wer zur Last werden kann, hat also unausgesprochen die Pflicht, mitzuwirken, diesen Zustand zu verändern, zur Last fallen darf nicht sein, notfalls tritt man eben ab. Die Selbstverständlichkeit, dass wir alle in unserem Zusammenleben aufeinander angewiesen sind, ist in unserer Dienstleistungsgesellschaft am Verschwunden, alles bekommt einen aufrechenbaren Gegenwert. Ein Extrem gefällig, wo es hinführen kann? Es gibt seit zwei Jahren in China ein Gesetz, wonach man seine Eltern und Großeltern mindestens zweimal im Jahr zu besuchen hat. Wer das nicht nachweisen kann, wird bestraft.

Mit Imperativen allein verändert sich nichts, das „Du bedankst Dich jetzt aber schön bei Oma für das Geschenk", mitunter begleitet von Androhung elterlicher Sanktionen, das ging uns schon als Kindern auf den Nerv. Zumal sich in diesem von Imperativen überquellenden Text ein vielleicht erst auf den zweiten Blick imperativkritischer Satz findet, nichts widerwillig tun zu müssen. Nämlich in dem Aufruf, sich die Freiheit zu nehmen, wirklich alles zu prüfen und nur, was gut ist zu behalten. Das bezieht sich einerseits natürlich auf das, womit die Gemeinde an Fremdem konfrontiert ist - schaut‘s euch an, was soll jemandem, der fest und sicher steht, passieren, wie sollte es einem irgendwie gefährlich werden? Aber andererseits heißt es eben auch: Prüft alles und das Gute behalte - zu prüfen ist also auch das, was schon da ist und was mich vielleicht belastet. Wenn ich merke, dass bestimmte Beziehungen krampfhaft zu erhalten mir nicht gut tut, dass sie mir schaden, dann werde ich sie in aller Freiheit auch lassen dürfen.
Letztlich wird hier alles getragen von der Erkenntnis: Alles, was wir tun, wirkt auf uns zurück. Sind wir verächtlich, üben wir auch Selbstächtung. Haben wir vor anderen keinen Respekt, haben wir es auch nicht vor uns selbst. Gehen wir unachtsam mit anderen um, tun wir es in der Regel auch mit uns selbst. Genau so gilt aber auch: Wer sich kümmert, verkümmert nicht. Wer dem Guten nachjagt, bleibt nicht beim Mittelmaß stehen, oder bei dem, was unveränderlich scheint.

Als seinen Weg dazu, als ständig größten Befindlichkeitsgeflechten ausgesetzten Anwalt ausgeglichen zu bleiben, hat mir letzte Woche jemand erzählt: Ich verzeihe einfach den Leuten. Das tue ich einfach. Denn das wirkt schon zurück, wenn ich es tue, da muss der andere noch nicht mal irgendetwas in dieser Richtung erwidern. Und genau diese Haltung ist es, die wir als Christenmenschen eintragen können in unsere Gesellschaft, wenn wir genau das unter uns einigermaßen anständig praktizieren. Dazu gehört durchaus, sich auch ermahnen zu lassen und das Unordentliche aufzuräumen. Leben aus dem, was uns geschenkt ist zum Guten, und ihm allezeit nachjagen auch zum Wohle des Menschen neben uns. Das können wir eintragen in unsere Gesellschaft, was es knapper auf den Punkt bringt als 14 Imperative in 11 Sätzen. Das können wir, wenn wir uns bewusst machen, was als Bitte am Ende des Texts formuliert ist: Wir sind es schon: vom Gott des Friedens geheiligt durch und durch. Oder, wie Paulus an anderer Stelle sagt: Der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Britta Taddiken, Pfarrerin an der Thomaskirche, taddiken@thomaskirche.org