Predigt im Abendgottesdienst über 1. Kor. 3,9-15 (16)

Das Telefon klingelt. „Ja? Thomas hier?" - „Hier Paulus, bitte mal zum Mitarbeitergespräch." - „Zum Mitarbeitergespräch?!! Sind Sie vielleicht falsch verbunden? Sie wissen schon, mit wem Sie sprechen: Hier ist St. Thomas, die Thomasgemeinde in Leipzig. Und überhaupt, Frau Paulus. ...? Ich kenne keine mit diesem Namen." - „Paulus. Hier ist der Apostel Paulus. Und ja: ich meine Sie, die Thomasgemeinde in Leipzig. Bitte mal zum Mitarbeitergespräch. 'Wir müssen reden; über Synergie und über fundamentale Fragen', sagt Gott. Also, bitte heute Abend 20.00 Uhr."

Ach Du Schreck, liebe Gemeinde! Wir - Sie und ich - sind zum Mitarbeitergespräch geladen, heute Abend schon. Ein Mitarbeitergespräch mit Gott. Da müssen wir uns noch irgendwie vorbereiten.

Ich lese dafür den Predigttext des heutigen Sonntags. Er steht im ersten Brief des Paulus an die Korinther im 3. Kapitel:
„9Denn wir sind Gottes Mitarbeiter; ihr seid Gottes Ackerfeld und Gottes Bau.
10Ich habe nach Gottes Gnade, die mir gegeben ist, den Grund gelegt als ein weiser Baumeister; ein anderer baut darauf. Ein jeder aber sehe zu, wie er darauf baut.
11Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.
12Wenn aber jemand auf den Grund baut Gold, Silber, kostbare Steine, Holz, Heu, Stroh,
13so wird das Werk eines jeden offenbar werden. Der Tag wird's sichtbar machen; denn mit Feuer wird er sich offenbaren. Und von welcher Art eines jeden Werk ist, wird das Feuer zeigen. 14Wird jemandes Werk bleiben, das er darauf gebaut hat, so wird er Lohn empfangen.
15Wird aber jemandes Werk verbrennen, so wird er Schaden haben; er selbst aber wird gerettet werden, doch so wie durchs Feuer hindurch.
[16Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?]"

Gott segne an uns sein Wort.

Diese Stelle im ersten Korintherbrief, liebe Gemeinde, scheint tatsächlich ideal geeignet zu sein, um sich auf ein Mitarbeitergespräch bei Gott vorzubereiten, beginnt sie doch mit der eindeutigen Aussage: „Wir sind Mitarbeiter Gottes." Wenn man die Griechischkundigen nach dem Text dieser Stelle fragt, wird auch klar, warum von „Synergie" die Rede sein soll: „Syn-ergie", das heißt nichts anderes als „Mit-arbeit". Als Mit-arbeiter Gottes treten wir in Synergie mit ihm.

Synergie mit Gott. Das scheint mir ein hochgestecktes Ziel zu Beginn des Predigttextes zu sein. Bin ich, sind wir da überhaupt gemeint? Ist das nicht zu hoch, ist das nicht ein bisschen viel verlangt?

Aber doch, ja. Wir sind gemeint mit diesem Predigttext. Wir als Gemeinde sind gemeint. Da hilft kein Wegducken. Paulus schreibt an die Gemeinde in Korinth, die er gegründet hat. Und er schreibt nach meinem Verständnis an jede Gemeinde, also auch an uns. Sein Brief hat Gültigkeit über die zwei Jahrtausende hinweg, die uns heute von seiner Entstehung trennen. Wie ja die Briefe des Paulus, die uns im Neuen Testament überliefert sind, getragen, ja getrieben sind von der Sorge um die jeweilige Gemeinde. Gemeindeaufbau, Gemeindeerhalt, Gemeindefrieden und Gemeindegedeihen - davon schreibt Paulus. Sein Herz und seine Feder brennen förmlich davon.

Was von dieser brennenden Sorge, was von diesem liebenden Engagement des Gemeindegründers Paulus kommt durch unsern Predigttext bei uns an?

 Der Text zieht vorbei. Es ist ein kraftvoller, ein bildreicher Text. Wie oft, wenn wir etwas Grundlegendes begreifen wollen, helfen uns Bilder und Vergleiche. Das Bild, das Paulus anbietet, um unser Tun in der Gemeinde als Gottes Mitarbeiter zu beschreiben, ist das Bild eines Bauwerks. Paulus führt uns sozusagen auf eine Großbaustelle. So arbeitet er die Qualitäten der Arbeit für die Gemeinde, ihr Gelingen und ihre Gefahren, heraus.

Sind Sie, liebe Gemeinde, Baufachmann? Sind Sie eine Spezialistin für Baufragen? Ich nicht. Und doch sind uns grundlegende Dinge geläufig, wenn vom Bauen die Rede ist. Wir kennen sie womöglich aus ganz andern Zusammenhängen: Wenn wir mit unsern Kindern an der Ostsee eine Kleckerburg bauen und wenn mit quiekendem Erschrecken eine Welle das kunstvolle Gebilde wegschwemmt, dann wissen wir genau: Da fehlt das Fundament. Oder wenn auf Arbeit vom Brandschutz gehandelt wird, dann ist uns auch mit laienhaftem Verstand klar: Auf nichtbrennbare Materialien kommt es an.

Diese drei Aspekte hat auch unser Predigttext: das Fundament, den Bauvorgang selbst und das Feuer, das alles zunichte machen kann.

Diese drei Komponenten greife ich auf, diesen dreien will ich folgen. Ich lasse mich jedoch leiten von der Reihenfolge des Predigttextes:

1. Das Bauen. Einer macht den Anfang, einer setzt den ersten Stein. Eine legt den Grundstein, eine be-gründet den Aufbau der Gemeinde. Im Fall der Gemeinde von Korinth ist es Paulus. In anderen Gemeinden sind es andere Männer oder Frauen; mal berühmte Persönlichkeiten - Äbtissinnen, Reformatoren, Pfarrer, eine Bischöfin, ein Verwaltungsleiter -, mal sind es inzwischen Namenlose. Die den Anfang machen, das sind die Vordenker, die Macher, die Initiatoren, manchmal auch die Innovatoren.
Liebe Gemeinde hier in St. Thomas, ich kann und ich möchte gar nicht umhin, an dieser Stelle an Pfarrer Wolff zu erinnern, den wir dieses Jahr in den Ruhestand verabschiedet haben. Er war für unsere Gemeinde solch ein begnadeter Gründer, Vordenker, Macher, Initiator. Ein „weiser Baumeister".
ABER. An dieser Stelle hört unser Predigttext nicht auf. Denn an einem noch so klug begonnenen Bau braucht es immer diejenigen, die das Begonnene fortsetzen. Es braucht auf einer Baustelle neben dem Architekten ebenso sehr Bauleute, und zwar gute. Es braucht beim Aufbau der Gemeinde nicht nur die mit der zündenden Idee, sondern auch diejenigen, die diese Ideen umsetzen, die dranbleiben, die die Ärmel hochkrempeln und weitermachen. Die Gemeinde braucht Männer und Frauen, braucht junge Leute und alte Menschen, braucht Kinder, die AUFBAUEN. „Ein jeder sehe zu, auf welche Art und Weise er den Bau fortsetzt.", schreibt Paulus.

Jeder und jede. Das macht mich nachdenklich. Und das macht mir ein wenig weiche Knie vor dem Mitarbeitergespräch Gottes, nachher, heute Abend. Jeder und jede. Was trage ich bei? Auf welche Art setze ich den Bau fort, mit welchem Baustein bereichere ich die Gemeinde?

2. Das Fundament. Ist es nicht verwunderlich, liebe Gemeinde? Paulus zieht das Bild eines Gebäudes heran, um Gemeindeaufbau zu erläutern, und er nennt das Fundament an zweiter Stelle?! Zuerst beschreibt er den Bauvorgang, dann erst das Fundament. - Nach meinem Eindruck verlässt Paulus hier die Logik des Bauens. Er will, dass Leserin und Leser den Text als Ganzes wahrnehmen. Und mit Blick auf den Text ist es ganz klar: das Fundament ist das Zentrale, es steht in der Mitte. Die zentrale Frage ist der Dreh- und Angelpunkt des Textes. Sie behandelt das Wichtigste; das, was beim Gemeindeaufbau ganz und gar in der Mitte steht. Es sind Kreuz und Auferstehung. Kreuz und Auferstehung stehen in unserer Kirche in der Mitte: Man denke an den kreuzförmigen Grundriss der Thomaskirche, das Kreuz auf dem Altar, das Kreuz genau in der Mitte des Kirchenschiffs (auf das ich als Prädikantin bei jeder Predigt blicke). Und man denke an den Auferstandenen im mittleren Fenster des Altarraums, an die Auferstehungssonne, wie sie uns aus Klang und goldenem Rankenwerk der Orgel leuchtet. Kreuz und Auferstehung in der Mitte der Kirche. Kreuz und Auferstehung in der Mitte des Textes: „Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.", schreibt Paulus.
Das wirklich Tolle, das Umwerfende an dieser Aussage ist, dass wir uns um dieses Fundament nicht zu kümmern brauchen. Es ist da. Es ist gelegt. Wir brauchen daran nicht zu rütteln. Die größte Arbeit getan, den Grund gelegt, das Werk vollbracht hat schon Jesus Christus.

Kreuz und Auferstehung als Fundament. Was hat das dann für Konsequenzen für unsere Art, Gemeinde zu bauen, so frage ich wieder uns? Ich glaube, liebe Gemeinde, dass wir das Bauen dann leichter angehen können. Es genügt, wenn wir den jeweiligen Baustein tragen. Die ganze übrige Last ist von unsern Schultern genommen: Unsre Sünden sind uns vergeben, Jesus hat den Tod überwunden. Auf dieser Basis habe ich die Hände und vor allem mein Herz frei für die Mitarbeit an Gottes Gemeindebau.

3. Feuer. Das Fundament stimmt. Alle bauen mit. Das Gebäude wächst. Was aber, wenn ein Feuer ausbricht?!! Hier holt uns Paulus ganz und gar zurück in sein Bild von der Baustelle.
Dass Feuer schicksalhaft wüten kann, dass verheerende Brände Wälder oder ganze Gebäudekomplexe zerstören können, vor dieser Erfahrung sind wir auch im 21. Jahrhundert nicht sicher. Das sind Unglücksfälle, die wir nicht in der Hand haben. Was wir aber beim Bauen vorausschauend bedenken können, ist das Baumaterial. An welcher Stelle beim Gebäude welches Material verwendet wird, hängt unmittelbar damit zusammen, ob dieses Gebäude einem Feuer standhält oder nicht. Paulus nennt hier ganz klar zwei Gruppen von Baustoffen: Gold, Silber und besondere Steine - das sind die feuerbeständigen; Holz, Heu und Stroh - das sind gefährliche Baustoffe, die im Brandfall das ganze Haus in Flammen aufgehen lassen; am Ende stürzt es ein.

An dieser Stelle, liebe Gemeinde, muss ich ehrlicherweise von zwei Schwierigkeiten berichten. Erstens fällt es mir schwer, das Bild des Paulus in unser Gemeindeleben zu übertragen. OK: Wir bauen Gemeinde, der Grund ist gelegt, alle bauen mit. Aber an welchen Stellen besteht die Gefahr, falsches Material zu verwenden? Was sind beim Gemeindeaufbau Holz, Stroh oder Heu? - Fällt Ihnen dazu etwas ein??
Und ich habe zweitens ganz große Schwierigkeiten damit, das Bild vom Feuer als eine Situation des Endgerichts zu interpretieren. Jahrhundertelang ist das von Theologen und Bibelauslegern so gemacht worden. Origenes etwa, ein griechischer Gelehrter und Theologe, hat im 3. Jahrhundert die Korintherbriefstelle im Sinn einer Läuterung - also einer reinigenden Prüfung - durch das Feuer gedeutet. Darauf bauten die mittelalterlichen Theologen ihre Lehre vom sog. Fegefeuer auf, dem purgatorium als einem Ort der Läuterung und der Reinigung im Endgericht. Luther übersetzt: „Der Tag des Gerichts wird's klar machen ..." Und noch drei von fünf Kommentaren legen die Stelle endgerichtlich aus.
Darin kann ich nicht mitgehen. (Da regt sich in mir der Eifer der Philologin: Im Griechischen steht ganz klar he gar hemera ... - „Der Tag aber wird's sichtbar machen; denn mit Feuer wird er sich offenbaren." Nicht: „der Tag des Gerichts"! „... des Gerichts" haben die Übersetzer einfach hinzugefügt. Das ist unlauter.) Eine Exegetin des ersten Korintherbriefs unserer Tage, Luise Schottroff, spricht es denn auch ganz klar aus: „Gott prüft die Qualität des Bauwerks - Paulus erzählt hier ein Gleichnis. Das Bauwerk gerät in Brand. ... Paulus denkt hier an eine Feuerprobe; eine Prüfung Gottes; sie sollte aber nicht mit Gottes endgültigem Gericht gleichgesetzt werden."

Gehen wir also bedachtsam bei der Wahl der Mittel zum Gemeindeaufbau vor! Und seien wir darauf gefasst, dass es für unsern Bau auch Erschütterungen und Gefährdungen geben kann!

Liebe Gemeinde,
ein Predigttext über die Gemeinde als ein Bauwerk, das ständig weiter gebaut werden soll. - Besser hätte es die Predigtordnung unserer Kirche genau eine Woche vor der Wahl des neuen Kirchenvorstands nicht einrichten können.
Der Grund ist gelegt: durch das Evangelium von Jesus Christus. Der Bau ist begonnen: durch Gottes Gnade mit dem Baubeginn an dieser Gemeinde. Das Werk will fortgesetzt werden. Dazu braucht es diejenigen, die Verantwortung übernehmen und diejenigen, die mittragen helfen.
Es ist ein unheimlicher Glücksumstand, dass es in unserer Gemeinde so viele gibt, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen: Am vergangenen Donnerstag stellten sich 19 Kandidatinnen und Kandidaten für 11 Plätze im Kirchenvorstand vor. Toll! Und es gibt daneben viele viele, die an der Thomasgemeinde mitbauen: in Ausschüssen, in Gruppen, in Kreisen, an den Motettentüren, auf der Konfifreizeit, beim Kirchcafé und und und. Jeder und jede einzelne sind wichtig.

Ich möchte diesen Moment, eine Woche vor der KV-Wahl nutzen, uns alle daran zu erinnern, woran wir, wenn wir Gemeinde bauen, eigentlich bauen. Es sind wir selbst als eine Wohnstatt für Gott. Es ist der Tempel Gottes, der in uns selbst Gestalt annimmt. Paulus klammert mit dieser Aussage den Textabschnitt an die Korinther ein: „Ihr seid Gottes Bau." (V. 9), so beginnt er; und am Ende: „Ihr seid Gottes Tempel. Und der Geist Gottes wohnt in euch." (V. 16).

Der Geist Gottes wohnt in uns, und wir sind Gottes Bau.

Jetzt erst begreife ich, wo der Unterschied liegt zu andern Mitarbeiterverhältnissen. Manch einer ist stolz darauf, Mitarbeiter in einem großen Unternehmen zu sein. Andere sind froh darüber, im öffentlichen Dienst mitarbeiten zu können. Wer dagegen unsereiner und unsereinem, liebe Gemeinde, auf der Straße begegnet, ahnt nicht, in welchem Mitarbeiterverhältnis wir stehen.
Wir sind, ich bin Mitarbeiterin Gottes. Das lässt mich gelassen und mit großer Fröhlichkeit auf das Mitarbeitergespräch heute Abend zugehen. Denn ich weiß, worum es geht: Es geht um Synergie mit Gott, und es geht um das Fundament, das schon gelegt ist.

So lasst uns Gemeinde bauen. So lasst uns Kirche bauen. So lasst uns - may be - Gesellschaft bauen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsre Herzen und unser Beginnen in Christo Jesu. Amen.