Ansprache im Gottesdienst zum Schuljahresbeginn der Thomasschule

Ansprache im Gottesdienst zur Eröffnung des neuen Schuljahrs der Thomasschule (2014/2015), 1. September 2014 in der Lutherkirche Leipzig

Von den anvertrauten Pfunden
11 Als sie nun zuhörten, sagte er ein weiteres Gleichnis; denn er war nahe bei Jerusalem und sie meinten, das Reich Gottes werde sogleich offenbar werden. 12 Und er sprach: Ein Fürst zog in ein fernes Land, um ein Königtum zu erlangen und dann zurückzukommen. 13 Der ließ zehn seiner Knechte rufen und gab ihnen zehn Pfund und sprach zu ihnen: Handelt damit, bis ich wiederkomme! 14 Seine Bürger aber waren ihm Feind und schickten eine Gesandtschaft hinter ihm her und ließen sagen: Wir wollen nicht, dass dieser über uns herrsche. 15 Und es begab sich, als er wiederkam, nachdem er das Königtum erlangt hatte, da ließ er die Knechte rufen, denen er das Geld gegeben hatte, um zu erfahren, was ein jeder erhandelt hätte. 16 Da trat der erste herzu und sprach: Herr, dein Pfund hat zehn Pfund eingebracht. 17 Und er sprach zu ihm: Recht so, du tüchtiger Knecht; weil du im Geringsten treu gewesen bist, sollst du Macht haben über zehn Städte. 18 Der zweite kam auch und sprach: Herr, dein Pfund hat fünf Pfund erbracht. 19 Zu dem sprach er auch: Und du sollst über fünf Städte sein. 20 Und der dritte kam und sprach: Herr, siehe, hier ist dein Pfund, das ich in einem Tuch verwahrt habe; 21 denn ich fürchtete mich vor dir, weil du ein harter Mann bist; du nimmst, was du nicht angelegt hast, und erntest, was du nicht gesät hast. 22 Er sprach zu ihm: Mit deinen eigenen Worten richte ich dich, du böser Knecht. Wusstest du, dass ich ein harter Mann bin, nehme, was ich nicht angelegt habe, und ernte, was ich nicht gesät habe: 23 warum hast du dann mein Geld nicht zur Bank gebracht? Und wenn ich zurückgekommen wäre, hätte ich's mit Zinsen eingefordert. 24 Und er sprach zu denen, die dabeistanden: Nehmt das Pfund von ihm und gebt's dem, der zehn Pfund hat. 25 Und sie sprachen zu ihm: Herr, er hat doch schon zehn Pfund. 26 Ich sage euch aber: Wer da hat, dem wird gegeben werden; von dem aber, der nicht hat, wird auch das genommen werden, was er hat.

Das, liebe Schülerinnen und Schüler und Schüler, liebe Eltern und Lehrer, ist eine merkwürdige Geschichte, die Jesus da erzählt. Eine Geschichte von Druck und Leistung, von Erfolgszwang - und das quasi verlängert in den Himmel hinein. Denn Gott erscheint hier gleichnishaft als ein knallharter Betriebswirtschaftler, den nur interessiert: wie wird aus dem, was ich habe, mehr? Wie aus dem Lehrbuch des Oberkapitalisten: Wer nichts leistet, muss auch das Wenige abgeben, was er hat und der Erfolgreiche kriegt am Ende alles - und das zurecht, der nur er hat's begriffen. Sie ist widerständig, diese Geschichte, und sie geht auch nicht ganz auf am Ende. Eine Geschichte, die die Religionslehrer und Pfarrerinnen in Erklärungsnotstand bringt und den Betriebswissenschaftler zufrieden lächeln lässt.
Warum erzählt Jesus diese Geschichte? Wird hier das Wesen des Christlichen deutlich? Und vielleicht auch überhaupt das, worauf es ankommt, gerade auch in der Schule? Sind Erfolg und Leistung unsere Leitbilder, so wie sie hier geschildert werden. Ist also letztlich die erfolgreiche Börsenspekulation mit anvertrautem Gut das wahre Christentum und der Weg zum Abitur?

Auf den ersten Blick scheint es so. Aber es handelt sich hier nicht um eine betriebswirtschaftlichen Sachtext, sondern um ein Gleichnis. Also um eine Geschichte, die an einem bestimmten Punkt etwas beispielhaft veranschaulichen will. Das mögen die Älteren von Euch aus dem Religionsunterricht hoffentlich noch wissen. Um einen Vergleichs-Punkt geht es, den man finden muss. Das ist nicht besonders schwer. Denn das ist hier die Angst. Sie ist die Ursache des Versäumens. Die Angst lässt einen davor zurückschrecken, aus seinen Gaben etwas zu machen, etwas zu entwickeln. Die Angst lässt den dritten Knecht das Pfund einfach nur verstecken, aus Angst es zu verlieren. Aus Angst vor dem Risiko. So rechtfertigt sich der Knecht - und tut es aber letztlich, in dem er seinem Herrn darin offen die Schuld gibt: Weil du so hart und streng bist, habe ich mich nicht getraut. Deshalb habe ich lieber gar nichts getan als etwas falsch gemacht.

Letztlich ist das Angst vor dem Leben. Das Leben, unser Leben, ist Hintergrund des Gleichnisses. Keine Lehre der Betriebswirtschaft. Und da sind wir ganz dicht dran heute am Schulanfang, gerade bei Euch, die Ihr heute in der Thomasschule neu anfangt. Ihr alle habt Gaben und Begabungen, viele, die ihr schon wisst. Manche andere habt ihr vielleicht noch gar nicht entdeckt und vielleicht trefft ihr hier auch auf Menschen: Mitschüler, Lehrende, andere, die euch helfen, da noch etwas zum Vorschein zu bringen. Denn das ist die Aufgabe, nach diesem Gleichnis: sein Leben zu leben und seine Talente zu entfalten im Vertrauen, das sich von Rückschlägen und Misserfolgen nicht entmutigen lässt. Zu seinen Fähigkeiten zu stehen, zu seinen Möglichkeiten als Mensch. Auch an jeder Schule sind noch mehr und ganz andere Fähigkeiten gefragt als Lernen können, Ehrgeiz zu guten Noten zu entwickeln und zum Erfolg, der sich im Zeugnis ablesen lässt. Diese Fähigkeiten sind gut und wichtig, aber es sind auf's Ganze nicht die einzigen, auf die es ankommt. Eure persönlichen Stärken und Euer Zutrauen auf den verschiedensten Gebieten, die ihr genauso in den Schulalltag einbringen könnt, sind wichtig. Ihr seid wichtig, so wie ihr seid.

In der Schule geht das immer schnell, dass man denkt, ich müsste etwas Besseres werden. Es stimmt, dass man in manchen Fächern besser sein könnte. Aber wenn man das nicht ist, ist man nicht schlechter und es ist nun mal so: jede und jeder von uns hat einfach auch seine Grenzen, das gehört genauso zu uns wie unser Vermögen, Vermögen jetzt im symbolischen Sinne. In dieser Geschichte geht es aber um mehr als um Vermögen oder Grenzen - es geht letztlich um die Einstellung zum Leben - und wenn ihr so wollt, heute um die Frage danach, wie sich diese Einstellung zum Leben in der Schule auswirkt: Wie gehe ich um mit den Talenten und der mir anvertrauten Zeit? Lebe ich aus dem Vertrauen in die in mich gelegten Fähigkeiten - oder beherrscht mich die Angst? Einfach aufgeben, nichts tun, aus Angst, das Risiko sei zu groß oder ich investiere das mir anvertraute Pfund schlecht und dann die Schuld dafür auch noch den anderen zu geben, das ist keine Lösung. Und um das ganz deutlich zu machen, wird die Geschichte an diesem Punkt ja auch sehr ernst bis hin, dass sie uns Angst macht und abstößt. Eigentlich aber geht es um die Triebfeder für unseren Lebensmut: dass die mir geschenkten Talente und Fähigkeiten mir deswegen geschenkt sind, damit ich sie aufblühen lasse. Nicht nur die Fähigkeit zum Erfolg, der ablesbar oder abzählbar ist, sondern auch die, die für ein gutes Miteinander unerlässlich sind: Fairness, Mitgefühl, Respekt vor dem ganz anderen, Wertschätzung und nicht zuletzt die Fähigkeit und das kann man heute wohl ruhig besonders betonen, am Jahrestag des Beginns des 2. Weltkriegs, des sog. Weltfriedenstags und der Tatsache, dass heute im Bundestag über mögliche Waffenlieferungen in Kriegs-und Krisengebiete beraten wird, Konflikte friedlich zu lösen bzw. um Lösungen auch dann zu ringen, wenn es schwierig ist, wenn es immer wieder Rückschläge gibt. Auch darin trägt uns nicht zuletzt das Vertrauen, dass mir mein Leben aus einem guten Grund geschenkt worden ist. Von diesem Vertrauen wünsche ich Euch ganz viel auf Eurem Weg und im neuen Schuljahr. Steht zu Euch wie ihr seid und habt keine Angst vor denen, die etwas von Euch fordern. Amen.

Britta Taddiken, Pfarrerin an der Thomaskirche, taddiken@thomaskirche.org