Predigt im Gottesdienst am 30. August 2014 anläßlich der Graduierung der HHL-Absolventen

Liebe Absolventinnen und Absolventen der Handelshochschule, liebe Schwestern und Brüder,
mit meiner Anrede zur Predigt habe ich etwas gezögert. Die Absolventen haben diesen biblischen Text ausgesucht. Er ist nicht spezifisch auf Sie zugeschnitten, sondern spricht in jedes menschliche Leben, wie gleich zu hören ist. Sie sind doch mit Fachkenntnissen bestens konditioniert; sie sind aufs höchste Maß motiviert, endlich richtig loslegen zu können und - wenn ich richtig informiert bin - wartet wenigstens ein Viertel der Wirtschafts- und Finanzwelt begierig auf Ihren Einsatz. Eine komfortable Situation, die das Risiko, aus dem bekannten Milieu in ein kalkulierbares Neuland aufzubrechen, minimal erscheinen lässt.
Und: Sollten Sie, liebe Absolventinnen und Absolventen, diese meine Vermutung nicht teilen, dann können Sie vielleicht noch besser meine Überlegungen zum Bibeltext nachvollziehen und bedenken - so wie alle anderen in diesem Gottesdienst auch.
Wir schauen einmal nur auf Petrus und lassen alle „Begleitumstände" weg. Was bleibt dann übrig? Wir erleben einen Menschen, der Angst hat. Durch die Ansprache „Hab Vertrauen!" wächst in Petrus ein Selbstwertgefühl „Yes, I can!", dass er Gewohntes zurücklassen kann und mit ersten Schritten auf ein ihn erkennbares Ziel hinsteuert. Doch plötzlich wird er sich seines waghalsigen Abenteuers bewusst, beginnt unsicher zu werden und zu zweifeln.
Damit sinkt er, bis ihm das Wasser am Halse steht. Eine helfende Hand rettet ihn vor dem sicheren Untergang. Petrus kommt zwar wieder zum Ausgangspunkt zurück. Doch lassen wir dieses winzige Detail einmal beiseite und schließen mit der Bemerkung: Am Ende wird alles gut.
Kennen wir das?
Liebe Schwestern und Brüder,
bei Jesus anzukommen, mit Jesus zusammen zu sein - das war das Ziel, das Petrus vor Augen hatte; das war sein inniger Wunsch. Von Jesus kannte er die Anrede „Habt keine Angst!". Und er wusste, dass seine Worte Wirklichkeit wurden. So fasste er allen Mut zusammen und bat Jesus, „auf dem Wasser" zu ihm kommen zu können. Soweit die biblische Begebenheit. Unser Frage kann hier lauten: Welche Ziele habe ich vor Augen? Welches Begehren, welche Interessen lösen sie in mir aus? Sind sie mir so wertvoll, dass ich bereit bin, Risiken einzugehen, dies bedeutet „auf dem Wasser gehen wollen". Denn „das rechte Ziel vor Augen" - das ist ein ziemlich starkes Motiv, es auch erreichen zu wollen, Gewohntes aufzugeben, um Neues zu entdecken und es als Chance und Herausforderung wahrzunehmen, wirklich glücklich zu werden. Wir halten fest: Die Lesung stellt uns die Frage: Welche Ziele habe ich? Oder grundsätzlicher: Was will ich? Eine ehrliche Antwort sagt sehr viel über mich selbst aus.
Dann kann es - wie dem Petrus auch - passieren, dass man über seine eigene Courage erschrickt, sich plötzlich Zweifel und Ängste einstellen, das Selbstvertrauen schwindet. Man redet sich ein: „Das packt ich doch nicht; das traue ich mir jetzt nicht zu." Und bald wird man wie der Fuchs, dem die Trauben zu hoch hängen, zu sich sagen: „Die Trauben sind sauer. Meine Ziele brauche ich nicht erreichen; sie machen doch nicht glücklich." Nun steht man vor der Alternative: Aufgeben oder Weitergehen. Ja, weitergehen! Dazu muss das Selbstvertrauen gestärkt werden: Nur wie stärkt man sein Selbstvertrauen? Da gibt es einen inneren und einen äußeren Impuls.
Und der innere Impuls wird durch Selbstpflege oder Selbstliebe gesteuert. Über Selbstliebe wird in der Kirche ganz selten gepredigt; sie wird oft als furchtbarer Egoismus gegeißelt. Das stimmt so nicht. „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst." Ein guter Umgang mit sich selbst beeinflusst ganz entscheidend den Umgang mit dem Nächsten. Wenn Sie es etwas martialisch hören wollen: „Wer nicht genießt, ist ungenießbar."
Den äußeren Impuls erfuhr Petrus durch Jesus. Da war zunächst das Wort Jesu: „Komm!" In dieser Aufforderung schwingt die Überzeugung Jesu mit: „Du kannst es. Ich traue es dir zu." Und Petrus steigt aus dem Boot. Und in dem Augenblick, als die Zweifel wie Wasserwogen über seinem Kopf zusammenschlugen, rettet ihn Jesu helfende Hand. Also der äußere Impuls liegt in unserer Mitwelt.
Das sind die Menschen, die uns Mut machen und unser Selbstvertrauen stärken: „Hab Vertrauen! Wenn du willst, schaffst du es." Und auch die handgreifliche Hilfe kommt aus unserem Freundeskreis. Denn wir sind oft nicht in der Lage, uns wie Münchhausen selbst aus dem Sumpf zu ziehen. Es können Freunde und Freundinnen sein, die uns helfen. Und wir werden sie an unserer Seite wissen, wenn wir zum einen unsere Ziele nicht rücksichtslos gegen andere durchzusetzen versuchen und wenn wir uns zum anderen Zeit nehmen, unsere Freundschaften zu pflegen.
Liebe Schwestern und Brüder,
wir werden unser Leben mit allen Risiken, mit Freuden und Niederlagen meistern, wenn wir klare Ziele vor Augen haben. Wir werden sie realisieren können, wenn wir ein gesundes Selbstvertrauen pflegen und wenn wir uns in Liebe und Freundschaft vernetzt wissen.

Liebe Schwestern und Brüder im christlichen Glauben,
wenn das jetzt alles war, kann durchaus bei uns eine gewisse Ernüchterung eintreten. In einem ökumenischen Gottesdienst - so wenig von Gott und Jesus. Das geht doch so nicht. Ich will jetzt auch dieses Defizit nicht wortreich ausgleichen. Die Sinnspitze dieser biblischen Begegnung zwischen Jesus und dem Petrus liegt freilich tiefer als bisher beschrieben. Sie lässt sich in der Frage an Petrus finden:
„Petrus, wie stark ist dein Glaube an Jesus und vertraust du auf sein Wort?"
Da es jetzt um unsere Lebensbewältigung aus christlicher Perspektive geht, muss die Sinnspitze dieses Evangeliums ganz persönlich in der Frage aktualisiert und existentiell beantwortet werden: „Kathrin, Maximilian, Maria, Jonas, Edith, Wilhelm, Britta, Lothar: Vertraust du dem Gott, der sich als der „Gott mit uns" in Christus geoffenbart hat?